Greys Anatomy und der Katastrophenfall

27 09 2007

Ja, irgendwann hatte ich auch mal das Pech Greys Anatomy auf Pro7 zu gucken. Das Problem ist, wenn man einmal anfängt, guckt man auch weiter. Genau wie bei Desperate Housewifes und Dr. House. So denn kam gestern Teil 2 (”Verschwunden”) einer Folge, die über 3 (!) Sendetermine geht, der letzte ist natürlich erst in 2 Wochen… Berichtet von einem Katastropheneinsatz und zeigt welches Chaos das ist. Was mich fast in den Wahnsinn getrieben hat, war diese verdammte Werbung. Ich kann gar nicht so oft pinkeln gehn oder mir Chips holen, wie Werbung kam.

Ich hoffe, dass die Zuschauer jetzt nicht davon ausgehen, dass es in Wirklichkeit auch so ist. Deswegen folgen hier einige Kommentare zu den dargestellten Szenen, um den unkundigen Zuschauern etwas von der Panik zu nehmen, die bewußt ausgelöst werden sollte. (Nervenkitzel, Kinder, Tote… etc., nur dann gibts Geld für die Werbeplätze). Es gibt Einsatzpläne, Notfallpläne etc. Und die klare Kommandostruktur, dass am Einsatzort ein leitender Notarzt ist, der sämtliche medizinische Einsatzkräfte und den Abtransport der Verletzten koordiniert. Außerdem gibt es einen Einsatzleiter der Feuerwehr, der diesen Teil der Rettungskräfte steuert. Die Kommunikation zwischen Einsatzort und Krankenhäusern koordiniert die Leitstelle - wieviel freie Betten, wieviele OPs frei, etc. Ab “Krankenhausgrenze” ist das Krankenhaus zuständig für jede weitere Koordination. Da gibt es dann Einsatzpläne über die Rekrutierung freien Personals in Etappen, damit auch Ablösungen möglich sind. Außerdem gehört zum Personal nicht nur der Bereich Ärzte und Schwestern sondern auch Aufnahme-Verwaltungskräfte, Schreibkräfte, Verwaltungsmitarbeiter und technische Mitarbeiter. Sonst funktioniert der Betrieb ja nicht.

Es ist außerdem nicht so, dass Assistenzärzte im ersten oder zweiten Ausbildungsjahr so wie Meredith und Co zum Einsatzort geschickt werden. Was soll ein Anfänger dort ausrichten? Es gibt genügend Ärzte - Fachärzte und fortgeschrittene Assistenzärzte - die den Notarztschein haben und registriert sind, weil sie Notarzteinsätze fahren. Diese Kräfte wird man in einem K-Fall an den Einsatzort schicken. Die Assistenten und Anfänger bleiben im Krankenhaus, weil sie dort die Versorgung der ankommenden Patienten gewährleisten müssen und das ist eben im Krankenhaus mit Facharzt im Hintergrund und der technischen Ausstattung was anderes als mit Taschenmesser und Kuli-Hülse eine Tracheostomie in beißendem Qualm zu machen oder 50 cm von der Kaikante weg eine Arterie zu ligieren.

Ein weiteres “Außerdem”: Niemand wird des Morgens so rekrutiert wie dort gezeigt… nehmt euch mal ein paar Notfallkoffer und nen Snickers und steigt in den RTW, was euch erwartet wissen wir auch nicht, ABER es soll schlimmmmmm sein. Jeder der in zweiter Linie (so wie die Ärzte in der Serie) an einen Einsatzort fahren, bekommen zu wissen, wo es hingeht und was passiert ist. Denn es steht jedem frei, einen Einsatz abzulehnen, z.B. falls jemand schwanger ist, ethische Probleme hat, psychische Probleme etc. Es wäre unverantwortlich, so jemanden dort einzusetzen, denn er blockiert eher die Rettungsarbeiten.

Kinder werden übrigens genau wie alle anderen, die kaum verletzt sind, an einem Ort gesammelt, damit sie nicht im Wege stehen, sich nicht in vermeintlichen Rettungsaktionen auch noch in Gefahr begeben und nicht im Schock ziellos umherirren.

Und noch ein “Außerdem”: Kein Notarzt oder Rettungsassistent darf in eine Einsatzsituation (z.B. verqualmte Wohnung), wenn nicht durch Polizei oder Feuerwehr oder andere Einsatzkräfte eine Sicherung erfolgt ist. Was  nützt einem der Notarzt, wenn er selbst ne Rauchvergiftung hat oder von irgendwas herunterfallendem erschlagen wird, weil er nicht auf die technischen Kräfte warten wollte? Eigensicherung geht vor Rettung. Das lernt man übrigens auch in der Fahrschule.

So, dann hätten wir das schonmal geklärt. Jetzt muss ich 2 Wochen warten, um zu erfahren, dass Meredith mit ihrer Unterkühlung von 27 Grad doch noch überlebt (schon wieder ein Kommentar: Bei Unterkühlten wird nicht nach 20 min einfach mit der Reanimation aufgehört, generell soll man erstmal 45 min machen, bei Unterkühlten sogar länger.), weil Yeng und Co weitermachen, sie aus der Zwischenwelt zurückkehrt und am Ende stirbt ihre Mutter an einem Herzanfall in dem Moment wo Meredith wach wird und Derek gibt sich die Schuld, weil er sich mit ihr gestritten hat. So stehts im Videotext. Und trotzdem guckt man weiter… es is schon vertrackt mit diesen Serien…





“Anästhesie” von Martin Kleen

25 09 2007

Ein Krimi, der von einem Mediziner für Mediziner geschrieben wurde, ist etwas wunderbares. Keine halben Sachen wie bei anderen (auch Top-Ten-Schriftstellern), wo man als Insider Schreikrämpfe kriegt, weil man soviel Geld bezahlt hat für einen “Medizinthriller” und dann schlecht recherchierte Pseudo-Medizindetails lesen muss. Nein, das ist mal was handfestes und ordentliches. Im Mittelpunkt steht eine junge Anästhesistin, die es plötzlich mit einer Reihe Narkosezwischenfällen zu tun hat, die sie sich nicht erklären kann. Und dummerweise passiert es immer nur ihr. Wie man das so macht als misstrauisch gewordener Mensch, begibt sie sich auf Ursachenforschung und kommt damit in Lebensgefahr. Spannung, die sich einem die Fingernägel in den Buchumschlag krallen lässt. Nebenbei hat sie es dann auch noch mit einer Klage wegen eines der Zwischenfälle zu tun, schmeißt ihren Freund raus (wo man sich denkt, das wurde aber auch Zeit) und findet unerwartet jemanden, der ihr mehr als nur zur Seite steht in all dem Schlamassel. Ein verdammt gutes Erstlingswerk des Autoren Martin Kleen, der von Hause aus Anästhesist ist. Erschienen im Leda - Verlag, einem kleinen norddeutschen Verlag, der sich auf Krimis spezialisiert hat und in diesen Wochen stolz sein 100. Buch veröffentlicht hat. Die wahren Schätze findet man eben bei den kleinen, auch wenn man manchmal eine Weile suchen muss.

ISBN der 1. Auflage: 978-3934927513

ISBN der 2. Auflage: 978-3939689058

www.leda-verlag.de

http://www.leda-verlag.de/MEDIA-CENTER/details.php?image_id=57&sessionid=9963487cab77bb018271bf248c036000

Bestellen kann man das Buch übrigens nicht nur bei Amazon. Die Gemeinheit dort ist ja, dass Amazon in der Regel nur die Werke der großen Verlage auf Lager nimmt und die kleinen am langen Arm verhungern lässt. Wollen die kleinen trotzdem über den Marketplace verkaufen, müssen sowohl die Verlage als auch die Kunden Gebühren an Amazon zahlen. Bzw. wollen die kleinen Verlage, dass ihre Bücher auch als “auf Lager” auf der Homepage erscheinen, hält Amazon auch fleißig die Hand auf.

Fazit: Geht zu Euren kleinen Buchhändlern um die Ecke, bestellt und bezahlt dort und sorgt dafür, dass sie am Leben bleiben, damit wir nicht eines Tages nur noch Heyne - Bücher (nur ein Beispielname) bei dem gefilterten Angebot der Großen wie Amazon, Weltbild und Thalia kaufen müssen.  Tja, ich hab eben “Ein Herz für kleine Verlage” :-)





Eine Wii für Oma

25 09 2007

Japp, jetzt haben wir es: Spielekonsolen sind für Menschen von 0 - 99 (oder sogar noch mehr) geeignet. Ein Altersheim in England wusste sich nicht anders zu helfen als seine Rentner Langeweile schoben und kaufte eine Spielekonsole. Das berichtet heute die Ärztezeitung. Allerdings tituliert sie die Spielekonsole als Playstation.

Zitat: “Der Controller der TV-gebundenen Spielekonsole verfügt über eingebaute Sensoren, welche die Bewegungen der Spieler in Bewegungen der Spielfiguren umsetzen. “

“Auf diese Weise treten die Altenheimbewohner zu Tennisturnieren an und boxen sogar gegeneinander.”

Hmmm… also wenn die Playstation das könnte… dann müsste sie eine Nintendo Wii sein… oder?  Komisch, im Text ist dann auch von einer Nintendo-Konsole die Rede… Ein sorgfältig recherchierender Journalist sollte in derartigen Fällen seine Kinder, Neffen, Patentkinder oder den Mediamarkt-Verkäufer seines Vertrauens fragen, denn dann hätte er begriffen, dass Wii und Playstation nicht das gleiche sind und sondern die erbittertsten Konkurrenten auf dem Spielekonsolenmarkt.

http://www.aerztezeitung.de/docs/2007/09/25/166a0204.asp?cat=/magazin/auch_das_noch

Aber egal. Die Omas und Opas freut es tierisch und sie können sich von ihrer Spielekonsole nicht mehr trennen. Das find ich gut. Das schult die grauen Zellen, die Reaktionsfähigkeit und hält jung!





“Ein Chefarzt klagt an”

24 09 2007

Na das ist ja schonmal ein interessanter Buchtitel. Auch wenn der Econ-Verlag ein Konzern und kein kleiner Verlag ist, weise ich hier auf dieses Buch hin - des Inhalts wegen. Ein Arzt schreibt über seine Erfahrungen als Chefarzt und schreibt, wie es hinter den Kulissen abläuft. Keine Romantik wie bei Dr. Kleist, In aller Freundschaft oder Dr. Stefan Frank, nein, Ärzte werden in das Business “Medizin” gezwängt, ein Geschäft, das sie nicht als solches sehen. Was suchen eigentlich Idealisten, die Menschen heilen wollen, in einer Welt, die nach Fallpauschalen abrechnet und in der alle anderen vorgeben, wie es langzulaufen hat, nur nicht der, der für das Wohl der Patienten verantwortlich ist? (Nebenbei fällt mir grad auf: Wir Ärzte sind so doof, wir haben uns vollkommen entmündigen lassen und nun beschweren wir uns, dass andere den Ton bzw die Finanzen vorgeben…)

Lest einfach, was Dr. Frank König zu sagen hat. Wer anschließend noch Bock hat, sich von Ärzten behandeln zu lassen, ist entweder wirklich krank oder ein Narr. Und wer anschließend noch weiter Arzt bleibt, der ist auch ein Narr, oder? Ein altgedienter Pfleger aus der Chirurgie, den ich sehr schätze, sagte in meinem PJ zu mir “Wenn die Medizin zum Geschäft wird, dann taugt sie nichts mehr.” Es bliebe dem nichts mehr hinzuzufügen.

 http://www.ullsteinbuchverlage.de/econ/buch.php?id=10975&page=suche&auswahl=a&pagenum=1&page=buchaz&PHPSESSID=42fc09bbf53aa88bc7625c196cba121c





Ein Jahr älter

24 09 2007

Tja, letzte Woche war es wieder einmal so weit: ich näherte mich wieder ein Stück näher der magischen (?) Zahl mit der 3 und der 0 an, näher kann man jetzt gar nicht mehr sein. Günstigerweise hatten meine Kollegen es geschafft, ausgerechnet an diesem Tag eine Minderbesetzung der Station hinzubekommen, so dass ich nicht freinehmen konnte. Also war “mein Tag” mit Arbeit erfüllt… überfüllt. Erstaunlich: ich bin trotzdem fast pünktlich weggekommen, also mit nur 30 min Verspätung. Zum wirklichen Feiern war ich aber zu platt. Für die Erdbeertorte reichte es, für Emails auch, aber dann war finito. Das Wochenende war mit Weiterbildung ausgefüllt, so dass heute der erste Tag ist, an dem ich “meinen Tag” wirklich nachholen konnte.

Danke für die Glückwünsche an Mum & Dad (und für die himmlischste aller Erdbeertorten), F.O., S.P., I.G. und M.L. sowie an einen meiner drei Chefs (so richtig seh ich da auch nicht mehr durch, wer jetzt Chef ist), meinen Kollegen auf Station, die Schwestern (die es eigentlich nicht erfahren sollten, aber mein Kollege konnte seine Klappe nicht halten, nachdem er es in der Frühbesprechung durch die Gratulation des Chefs erfahren hatte) und an IKEA, DocCheck und GMX. Wo blieben eigentlich die Glückwünsche von Jack Wolfskin, Globetrotter, meiner Bank und meinem Handy-Anbieter? Ich trage einen Haufen Geld zu euch, da solltet ihr Euch ruhig mal verausgaben und mir zeigen, dass ihr froh seid, mich als Kunde zu haben…





Jung, dynamisch, ausgebrannt - was bin ich?

17 09 2007

Die Frage sollte einfach zu beantworten sein: Arzt in Deutschland.

Tja, da hat man nun wieder mal eine Umfrage gemacht und ist zu dem (mehr oder weniger) erstaunlichen Ergebnis gekommen, dass nur 38,5% der deutschen Ärzte, die max. 7 Jahre im Job sind, noch kein Burnout haben. Die anderen 61,5% haben alle eins in unterschiedlicher Ausprägung. Vor allem die in der Klinik.

Aber da Ärzte eines besser können als alle anderen - nämlich Verdrängung, Selbstverleugnung, Ignorieren eigener Bedürfnisse - sind 37,4% trotzdem mit ihrer Arbeit zufrieden und 11,9% der Ärzte sogar sehr zufrieden. Die andere Hälfte aber eben nicht. Sagen wirs mal anders: Solange die Burnout-Ärzte ihre Psyche dahingehend selbst betrügen können, dass ja alles ok ist, auch wenn es das nicht ist, ja, solange funktioniert das System. Irgendwann aber klappt das nicht mehr. Die persönliche Katastrophe interessiert später keinen außer dem Betroffenen selbst. Wie hieß es doch so schön

“Erst wenn der letzte Baum gefällt, der letzte Fluss vergiftet und der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann.”

 oder sollte man besser sagen

“Erst wenn der letzte Klinikarzt sein Burnout hat, der letzte Landarzt in Rente ist und der letzte Absolvent ins Ausland abgewandert ist, werdet ihr feststellen, dass Politik und wirtschaftliche Interessen keine Krankheiten heilen.”

Wer sich für nähere Inhalte der Umfrage interessiert, kann hier nachlesen:

http://www.aerztezeitung.de/docs/2007/09/17/160a0602.asp?cat=/news





Einfach so

9 09 2007

Ich sitze einfach da. Ich sehe wie die Blätter der Bäume im Wind rascheln und blinkern. Ich sehe die Stratus- und Cumuluswolken über mir hinwegziehen und die Facetten der Blautöne des Himmels sich in der Sonne verändern. Ich spüre, wie der Spätsommerwind über mein Gesicht streicht. Ich freue mich, dass meine Jacke, den Wind abhält und mich die Sonne wärmt. Ich sitze einfach da. Und denke. Über Gott und die Welt, mein Leben, meine Zukunft, Fehler die ich machte, die ich wohl auch ein zweites Mal machen würde, Menschen. Ich habe nicht die leiseste Ahnung wo die Zukunft mich hinführen wird. Meine Gedanken gleiten so vor sich hin. Ich sitze stundenlang, die Sonne geht auf und unter und wieder auf und unter, die Jahreszeiten verändern sich, Menschen gehen und kommen. Doch ich sitze einfach nur und beobachte das Leben und lasse meine Gedanken so dahingleiten.





Dienstplanung - oder wie verheize ich Ärzte

8 09 2007

Starten wir mal eine kleine Umfrage:
Was ist die beste und was die schlechteste Kombination von Diensten?
Ich spreche jetzt von 24-h-Diensten. Mit Schichtsystemen kenne ich mich nicht aus.

Die beste: gar kein Dienst.

Die schlechtesten:

Freitag + Sonntag = Man arbeitet 2 Wochen am Stück durch (aber nicht so wie die Schwestern, die nur 8!!!! Stunden arbeiten und den Rest des Tages für sich haben), denn man geht Samstags vormittags aus dem Dienst, schläft, geht Sonntag wieder rein, Montag vormittag wieder aus dem Dienst, schläft, Dienstag weiterarbeiten. Wenn man dann noch ein weiteres Wochenende Dienst hat und ein Wochenende tatsächlich mal zu ner Fortbildung geht, dann ist man irgendwann fertig und alle.

Samstag = es gilt das gesagte mit 2 Wochen am Stück arbeiten. Ich find sowas unmenschlich. Diejenigen, die die Dienstpläne machen, machen keine Dienste mit. Wie sollen die wissen, wie das ist?

Noch fieser: Samstag + Montag  = wenn du so richtig schön k.o. bist nach einer Woche und dann noch 24h am Stück Sonnabends arbeitest, dann kommt am Montag nochmal die nächste Keule, denn Montags ist immer viel los.
Gemein und tricky: Donnerstag + Samstag = Der alleinige Donnerstagsdienst könnte einem ein “verlängertes” (Haha) Wochenende bringen. Die Freude, mal einen Donnerstag erwischt zu haben endet wenige Sekunden später, wenn man seinen Namen am Samstag auch liest. Womit man wieder 2 Wochen durcharbeitet.

Ich gebe zu bedenken, dass niemand von uns pünktlich nach 8 Stunden normaler Arbeit an einem Wochentag aus der Klinik kommt. Aus einer 40h-Woche wird eigentlich immer eine 50h-Woche, oder? Plus Dienste dazu…

Im Übrigen zählen Arztjahre wie Hundejahre: Ein Jahr arbeiten lässt einen um 7 Jahre altern.





Tag der Thrombosen und Hypoglykämien

5 09 2007

Jeder Dienst hat sein eigenes Leitthema. Neulich war es Herzinsuffizienz. Sowas mag ich ganz gern. Man kann was bewegen. Furesis i.v. ist zuweilen ein schönes Medikament.

Gestern war das Leitthema Thrombose. Zwischen D-Dimeren und Duplexsonos sah ich etliche Beine und fand tatsächlich auch mal das Gesuchte: Eine Thrombose. Im Endeffekt lag die Quote bei 2/8. Naja, immerhin. Das Nebenthema war entgleister Diabetes mellitus, diesmal in Form von “Wie man sich mit einem Blutzuckerspiegel von 1,2 mmol/l fühlt” und das gleich zweimal. Zur Info: Bei einem derartigen BZ spricht man von einer schweren Hypoglykämie, bei der Fremdhilfe erforderlich ist. Bei einem BZ in diesem Bereich können cerebrale Schäden nicht sicher ausgeschlossen werden. Bei längerdauerndem BZ von z.B. 1,2 mmol/l kann es zum Koma und letztlich auch zum Tod kommen. Krass finde ich immer, wie die Leute innerhalb von wenigen Minuten (so 2 bis 3 etwa) nach intravenöser Gabe von 6 oder 8 Ampullen 40%iger Glucose (also 60 bis 80 ml 40%iger Glucose, was einer Menge von 4 g Glucose pro Ampulle entspricht und demzufolge einer Menge von 24 bis 32 g) von Koma zu völlig adäquater Kommunikation wechseln. So ohne ist das aber nicht, die Leute fühlen sich hinterher wie durchgeprügelt und sind völlig k.o. In der Regel nehme ich sie dann stationär, weil davon auszugehen ist, dass die Insulinmengen bzw. die oralen Antidiabetika angepasst werden müssen sofern es keine Ursache wie “Hab nicht gegessen” oder “Hab das Essen vergessen” vorliegt. Bei oralen Antidiabetika würde ich sowieso immer aufnehmen, weil man von einer Überhangwirkung teils bis zu 48 h ausgehen muss und da können die Leute rezidivierend so tief rutschen - hab ich auch schon erlebt und das war für die arme Patientin kein Vergnügen.

Ansonsten musste ich heute bis 11.00 Uhr weiterrackern, war also 4 h lang nicht versichert und habe in einem inakzeptablen Zustand Patienten versorgen müssen. Aber es wurde ja so angewiesen.





Aus dem Leitartikel des stellvertretenden Präsidenten der Bundesärztekammer im Ärzteblatt MV “Facharztstandard - Nicht nur eine Formalie, sondern zwingend notwendig!”

5 09 2007

Ärzteblatt Mecklenburg - Vorpommern 9/2007, S. 304, Leitartikel von Dr. med. A. Crusius, Präsident der Landesärztekammer Mecklenburg-Vorpommern und stellv. Präsident der Bundesärztekammer

Facharztstandard – nicht nur eine Formalie,

sondern zwingend notwendig!

Link: http://www.aek-mv.de/editor/aerzteblatt/upload/abaktuell.pdf

Häufig wird der ärztliche Bereitschaftsdienst nachts und am Wochenende ausschließlich mit Assistenzärzten, die häufig am Beginn ihrer Facharztweiterbildung stehen, besetzt. Diese Kolleginnen und Kollegen sind teilweise sogar angewiesen, fachübergreifend die Patienten mehrerer verschiedener Fachrichtungen zu versorgen. Fachärzte stehen oft nur im Rufdienst, aus dem heraus sie die Behandlung vielfach erst nach einer Zeitdifferenz von mehr als 20 Minuten übernehmen können, zur Verfügung.”

“Nach der Rechtsprechung führt eine personelle Unterversorgung, die den erreichbaren medizinischen Standard einer sorgfältigen und optimalen Behandlung des Patienten gefährdet, bei einer Realisierung dieser Gefahr zu einer Haftung des Krankenhausträgers. Der Krankenhausträger trägt die Letztverantwortung für die Krankenhausorganisation. Er hat dementsprechend für Organisationsmängel einzustehen und haftet für das sogenannte Organisationsverschulden.”

Der Patient hat in qualitativer Hinsicht aus der Übernahme der Behandlung durch das Krankenhaus vertraglich einen Anspruch auf ärztliche Betreuung entsprechend dem Facharztstandard. Der Facharztstandard hängt nicht allein von der formellen Ernennung zum Facharzt ab, sondern davon, daß der Arzt die Behandlung theoretisch wie praktisch so beherrscht, wie es von einem Facharzt des entsprechenden Fachgebietes erwartet werden muß.”

“Welcher Arzt ist nun in der Lage, den fachärztlichen Standard zu leisten? Sicherlich der Arzt mit abgeschlossener Weiterbildung und abgelegter Facharztprüfung in seinem Gebiet. Kann aber auch die Versorgung durch einen Arzt ohne einschlägige Facharztbezeichnung ausreichen? Der Berufsanfänger hat nicht die Kenntnisse und Fähigkeiten, dem Facharztstandard zu entsprechen.”

“Mit der zum Teil vertretenen Auffassung, daß auch Berufsanfänger und Fachgebietsfremde ausreichend abgesichert sind, wenn ein Facharzt im Hintergrund- oder Rufdienst zur Verfügung steht, kann die Ärztekammer nicht konform gehen. Diese Form der Dienstgestaltung beinhaltet nach unserer Auffassung weiterhin das nicht unerhebliche Risiko, daß der Assistenzarzt zum Beginn seiner Weiterbildung oder der fachfremde Arzt – aufgrund der mangelnden  theoretischen Kenntnisse und insbesondere auch praktischen Erfahrungen – nicht oder nicht rechtzeitig die Ernsthaftigkeit der Situation und die sich hierdurch ergebende Notwendigkeit erkennt, den in Rufbereitschaft befindlichen Kollegen hinzuzurufen.”

“Darüber hinaus ist der oben erwähnte verspätete Beginn einer Behandlung durch den erst Hinzuzurufenden sowohl aus medizinischer als auch aus rechtlicher Sicht nicht vertretbar.”

“Festzuhalten bleibt nach allem, daß sowohl der fachübergreifende Bereitschaftsdienst als auch der Bereitschaftsdienst allein durch Berufsanfänger [...] durch die Ärztekammer grundsätzlich abgelehnt wird.”

(Hervorhebungen von mir)