Volksverdummung im Radio

30 10 2007

Da will man einfach nur Musik hören, etwas Dudelfunk im Hintergrund spielen lassen, schaltet naiv das Radio ein und dann? Dudelt das Radio. Sender XY kann sich vor Werbejingels kaum retten, ja vor allem für eins: Das eigene Hunderttausend-Euro-Gewinnspiel. Funktioniert so: Man bringe Zehn-Euro-Scheine unters Volk und sage anschließend im Radio eine Seriennummern an und fordere dazu auf, dass sich derjenige mit dem Schein auf der kostenpflichtigen Hotline meldet. Da die Chancen hierfür genauso hoch sind, wie die einer Mücke das Schreiben beizubringen, ruft keiner an. Pech, nix verdient. Also spiele man in zweiter Runde: Wer hat 1, 2 oder 3 Endziffern richtig? Da rufen dann etliche an. Und einer kommt durch und kriegt 100 Euro. Diese sind aber wahrscheinlich schon durch all die anderen, die die kostenpflichtige Hotline angerufen haben, wieder reingekommen. Und das halbe Land bunkert 10 Euro-Scheine…

Ergo: Zapp zum nächsten Sender. Und? Wirds da besser? Nö. Da wird das geheimnissvolle Geräusch gesucht. Alle ein oder zwei Stunden sollen die mehr oder weniger naiven Hörer auf einer kostenpflichtigen Hotline anrufen, wenn sie glauben zu wissen, was das für ein Geräusch ist. Es wird dafür auch kurz vorher mal vorgespielt. Lustigerweise überlagert von einem Fünfklang (? glaube ich zumindest) der uhuhuh-geheimnisvoll-Stimmung machen soll. Für ne Presbyakusis ist das nix. Also rufen hunderte (oder gar tausende) da an und nur einer kommt durch. Alle anderen werden vom Computer nach abkassieren der Gebühr freundlich aus der Leitung gebeamt. Nepp…. der reinste Nepp… Natürlich fehlt nicht das viertelstündliche Werben für diese eigentümliche Art der Umsatzsteigerung. Dafür gibts dann einmal am Tag den Jingle “Danke für Ihre Gebühren.” Was soll man da antworten? “Danke für Ihre Volksverdummung?”

Die Entscheidung fällt ganz klar zugunsten des CD-Players aus. Nein, das weitere Zappen könnte mich nur noch davon überzeugen, dass ich bei der nächsten Reform der Rundfunkgebühren fordere, dass jede Ausgabe per Volksentscheid abzusegnen ist…





Das Turfen

26 10 2007

Ich hab Tränen gelacht als ich, auf dem Blog von Hypnose Kröte den Beitrag zum Turfen gelesen hab.

http://www.hypnose-kroete.de/?p=18#comments

Es gibt einen Beitrag von mir in meinem “alten” Blog1 - Blog zum Turfen.

http://blog1.de/assistenzarzt/66944/Inoffizielles+Fachw%F6rterbuch+Medizin.html

 Wegen der langen Ladezeiten bei Blog1 kopiere ich ihn hier mal Original rein.

Inoffizielles Fachwörterbuch Medizin

Posted on 30.11.2006 at 11:57 PM

Der “Turf”

 

Der Turf (gesprochen der “Töärf”), oder als Tätigkeit das Turfen, bezeichnet den genialen Akt einer Verlegung eines Patienten.

Immer gut: Turf home - Entlassung in die Häuslichkeit.

Auch gut: Turf Heim - eine gute, aber oft befristete Lösung, da sich das Heim gerne Vorfälle und Diagnosen einfallen lässt, um rechtzeitig vor dem Wochenende “Waschpatienten” loszuwerden und so weniger Personal zu brauchen.

Absolute Kunst: Turf back - die Verlegung zurück zur zuweisenden Einrichtung (Klinik oder Heim) wegen rechtzeitiger Aufdeckung einer vorgeschobenen “Loswerde-Diagnose” oder clever bemerkter Weiterleitung ans falsche Fachgebiet (”Wie? Schlaganfall is keine internistische Erkrankung?”)

Selten: Turf ITS - muss schnell gehen, damit der kleine Assi-Arzt nicht in Problemen ertrinkt, die drei Nummern zu groß sind

Der “normale” Turf, eine Verlegung zu einer anderen Abteilung oder Klinik, muss eine strategisch gut durchdachte Aktion sein, damit er 1. gelingt und man 2. nicht zum Opfer eines Turf back wird. Turfs bringen manchmal Benefit für den Patienten, manchmal für den Doktor. Idealerweise trifft beides zusammen, is aber selten. Schwestern freuen sich über jeden Turf, weil sie dann die Hoffnung haben, einen Waschpatienten weniger zu haben.

 

Gomers sind im übrigen die Gefahrguttransporte unter den Turfs. Gerade bei ihnen droht immer ein Turf back. Extremfälle von Double Turf backs sind vorkommen: Schlaganfall von Neuro in Innere, Wie? Schlaganfall is gar keine internistische Diagnose? NÖ! Zurück von Innere in Neuro. Erneuter Versuch von Neuro in Innere: Patient isst nicht mehr richtig, er braucht ne PEG. Ätsch! Weiterer Turf back zur Neuro am gleichen Tag nicht möglich. Extremstfall wäre der Triple oder Quad Turf back oder auch Turf Ping Pong, den ich aber noch nie gesehen oder Berichte davon gehört habe.”





“Psychiatrie” von Martin Kleen

26 10 2007

Tja, da war ich nun Bücher shoppen für den leider zurückliegenden Urlaub. Das ganze gestaltete sich schwierig. Ich bin wählerisch. Doch was sahen meine müden Augen? Martin Kleen hatte einen neuen Krimi herausgebracht. Nachdem ich Anästhesie gelesen hatte, scheute ich davor zurück, “10 Stunden” zu lesen, weil mir die Story in der Kurzzusammenfassung des Verlags doch etwas… realitätsfern schien. Auch die “Superherta” hab ich nicht gelesen. Ich wollte einfach einen zweiten Krimi, der sich so real und authentisch liest, wie “Anästhesie”. Dann sah ich “Psychiatrie” und mit einigen Klicks landete das Buch in meinem Warenkorb und eine Woche später endlich bei mir.

Was soll ich sagen?! Ich hatte meinen Krimi, den ich wollte. Japp. So real, dass einem die Haare zu Berge stehen. Ein Chef, dessen Anweisungen oftmals seltsam sind und der exzellente Kontakte zur Pharmaindustrie hat. Ein Held, der so richtig keiner ist, weil er als Ausgleich zu seiner engagierten Psychiater-Tätigkeiten an der Uniklinik an keiner hübschen Frau vorbeikommt und sein Junggesellenleben genießt. Bis… ja, bis eines Tages was daneben geht bei dem Studienmedikament, das so hochgelobt wird und von dem sich der Hersteller ungeahnte Gewinne erhofft. Zwei Selbstmorde, die selbst dem gestandenen Psychiater Wolf Schauer über den Rücken jagen. Und beide hängen mit dem Medikament zusammen. Oder nicht? Da Wolf seine Zweifel nicht lassen kann und auch den Mund nicht halten will, handelt er sich zunächst Ärger mit seinem Chef ein. Als sei das nicht genug, sieht er sich plötzlich mit einer seiner Ex-Liebschaften konfrontiert, einer inzwischen Fenta-süchtigen Anästhesistin, die im Entzug von ihrem Sohn auf seine Station geschleppt wird. Vor 15 Jahren sah er sie das letzte Mal, 15 Jahre alt ist auch ihr Sohn. Wolf kann rechnen und lernt von nun an kennen, wie es ist Verantwortung für jemanden zu übernehmen. Das erweist sich ziemlich schwierig, vor allem wenn merkwürdige Dinge passieren, seltsame Typen auftauchen und so ziemlich alles daneben läuft. Stück für Stück bröckelt die Welt um ihn herum und von Tag zu Tag und mit jeder Äußerung befindet er sich mehr in Gefahr. Wenn es da nicht diesen cleveren Jungen gäbe, der ihm so ähnlich sieht…

Man muss sich echt zwingen, das Buch aus der Hand zu legen, um nicht die halbe Nacht zu lesen. Es wirkt so verdammt real mit diesem Pharmakonzern, dessen Einfluss bis in die Klinik reicht und der keine Skrupel kennt, wenn es um das Geschäft geht. Kleen zeichnet seinen Helden markant, machohaft, teils naiv und im Laufe des Buches mehr und mehr liebenswert. Zum Finale läuft es auf den Kampf David gegen Goliath zu, dem Wolf nie alleine standgehalten hätte, so dass man sich fragt, wer da wen beschützt. Exzellent sind die medizinischen Details - der Autor ist Arzt in der Anästhesie und weiß wovon er schreibt - , was für alle Insider eine Wohltat ist - im Gegensatz zu dem Pseudomedizinkrimi-Zeug, was nur in den Bestsellerlisten kursiert, weil es mit der Angst der Menschen vor Themen der Zeit spielt (Biohazard, Bioterrorismus, Öko-Katastrophe, ausbrechende Viren etc) und in der Regel kaum die Realität in der Medizin widerspiegelt.  Ich pfeife auf Ken Follett und wie sie alle heißen. Es gibt nur wenige Schwachstellen im Plot, die man aber verschmerzen kann. Es bleiben daher einige Fragen offen: Woher kennen sich Jasmin und Dorothea? Was passiert mit seinem Chef und welche Rolle spielt er im Netz des Pharmariesen und bei der Aquirierung neuer Mitarbeiter?

Alles in allem ein Krimi, dessen Story von vorn bis hinten so herrlich schön real ist und der dafür sorgt, dass man sich auf der Arbeit freut, dass man sich abends auf die Couch flegeln kann und weiterlesen, Figuren die menschlich und nicht übermenschlich sind, medizinische Details, die stimmen und kein falsches Bild im Leser entstehen lassen. Den Autor Martin Kleen sollte man sich merken, denn es wird Spaß machen, seine nächsten Bücher zu verfolgen und zu erleben, wie da ein richtig guter Krimiautor heranwächst. Als Leser bleibt zu hoffen, dass er nicht so viele Dienste machen muss und ihm Zeit bleibt neben dem Arztberuf zum Schreiben.

Martin Kleen

“Psychiatrie”

erschienen im Leda-Verlag im September 2007

ISBN 978-3934927926

8,90 Euro (D)

PS: Rettet die kleinen Buchläden vor dem Knock out durch die großen Ketten mit ihrer Einheits-Geschenke-Ware und kauft beim Buchhändler um die Ecke. Das Buch ist gelistet im Verzeichnis lieferbarer Bücher und von jedem Buchhändler bestellbar.





Der Top-Scorer

22 10 2007

Neben den Suchanfragen zu David Bisbal (hach, das war eines der wenigen sommerlichen Dinge am vergangenen Spar-Sommer) ist “was kriegt Assistenzarzt” und “wieviel kriegt Assistenzarzt” die am meisten gegoogelte Frage, die auf mein Blog führt. Deshalb nochmal der Hinweis auf den Beitrag:

http://assistenzarzt.wordpress.com/2007/10/13/suchbegriffe-auf-dem-weg-zu-meinem-blog/





Wer bin ich…

22 10 2007

Es ist an der Zeit, sich selbst zu finden. Da stellt man sich die Frage: Wer bin ich?

Für Besucher bin ich Schwester - jede Frau in weiß ist eine Schwester.

Für Besucher, die mich kennen, bin ich die junge Ärztin - naja, das geht doch schon, oder?

Für Besucher, die mich kennen, aber mich nicht ernst nehmen, bin ich die Studentin - hmmm…

Für meine Vorgesetzte(n) bin ich bei den täglichen Verrichtungen die Assistenzärztin, wenn Angehörige kommen und komplizierte Gespräche wollen die Stationsärztin, wenn ich Urlaub will und jemand einmal währenddessen Dienst hat unentbehrlich, wenn sie was brauchen auch mal die Doku-Assistentin.

Für die Verwaltung bin ich irgendjemand, der im Haus angestellt ist.

Für die Schwestern bin ich die Ärztin, die nie da ist, die immer soviel fordert und immer soviel ansetzt (anscheinend bin ich doch da), die alles korrekt haben will und meckert, wenn mal was in der Kurve seit 3 Tagen nicht eingetragen ist (ist Blutdruck wirklich sooo wichtig?), die immer angerufen wird im Dienst, wenn man Kleinigkeiten hat und nicht selbst zu einer Lösung finden will / kann (die Angehörigen haben sich beschwert, weil um 19.00 uhr kein Arzt mehr auf Station ist, das Medikament kenn ich nicht, aber ich hab jetzt keine Lust im Computer zu gucken, ach wie sie haben schon geschlafen, das tut mir leid),…

Für die PJ-ler bin ich irgendeine Ärztin, wo auch immer die arbeitet. Für meine eigenen PJ-ler, die wo man mal hingehen kann ohne dass sie gleich Stress macht.

Für die Sekretärin bin ich die, die immer so schnell spricht beim Diktieren.

Für den Reinigungsmann bin ich die, die morgens immer grüßt wenns die anderen nicht tun.

Tja, weiß ich jetzt eigentlich, wer ich bin?





Wofür Krankenhäuser eigentlich da sind

21 10 2007

Medbrain2001 hat einen interessanten Beitrag verfasst, der überaus lesenswert ist:

http://medbrain2001.wordpress.com/2007/10/20/uber-volkstumliche-irrtumer-in-bezug-auf-moderne-medizin-1/





Menschen überraschen

21 10 2007

In meinem letzten Dienst wurde ich von einem meiner Lieblingschirurgen überrascht.

Nachdem wir im Sommer mal in der Notaufnahme über die Indikationsstellung zu einem chirurgischen Konsil (kannst du mal eben um die Ecke kommen und dir das Knie angucken) aneinandergeraten waren und es etwas laut wurde, als er mich begann in Schulhofmanier anzupflaumen (und ich dann ebenso gegenhielt), was nur durch die rechtzeitige Intervention der Schwestern gestoppt wurde (pssst, hier liegen Patienten), war ich eher der Meinung, dass er ein emotional instabiler und von sich selbst extrem überzeugter Chirurg ist, eben wie die meisten anderen Chirurgen auch, der fundierte internistische Argumente nicht vertrug.

In meiner privat-persönlichen Gunst war er daraufhin in das Mittelfeld meines Chirurgenrankings abgesunken. Erst recht, nachdem ich von Schwestern seiner Station des Nachts angerufen wurde wegen BZ-Werten um 12 mmol/l (der Doktor hat gesagt, wir sollen den Internisten anrufen, wenn die BZ-Werte da sind und er schläft jetzt, den piepse ich nicht an). Letzteres schafft nicht gerade Freunde auf der internistischen Seite (ich bin nicht dafür zuständig, wenn es keinen Konsilschein gibt, das wissen Sie, Ihr Doktor hat auch Medizin studiert).

Tja, da musste ich ihn nun wieder mal dazuholen in der Notaufnahme. Und was hörten meine Ohren da?! Er begann sich, anfangs etwas unsicher, zu entschuldigen, dass er das letzte Mal als wir zusammen Dienst hatten, so unwirsch war und er sei im Streß gewesen, es war keine Absicht und nicht so gemeint. Ich wusste im ersten Moment gar nicht was er meinte, denn wir hatten seit der Begegnung schon mal Dienst miteinander und ich konnte mich nicht entsinnen… Ich sagte nur, ja, ist ok und ich wüßte gar nicht so recht, ob er das im Sommer meinte? Ja, das meinte er, aber wenn ich mich nicht mehr so recht dran erinnerte, dann sei er beruhigt, dass ich nicht nachtragend sei. Wer hätte das gedacht? Da war ich platt. Zum einen war mir nicht bewußt, dass Chirurgen sich für überhaupt irgendwas entschuldigen. Wieder was dazugelernt. Zum anderen hatte ich nicht gedacht, dass ein Chirurg das überhaupt für entschuldigenswert hält. Noch was dazugelernt. Die Latenzzeit betrug zwar mehr als 8 Wochen und es ist seiner Wahrnehmung entgangen dass wir mindestens schon 2 Dienste miteinander hatten - er auf der chirurgischen, ich auf der internistischen Seite-, aber mit Rücksicht darauf, dass er eben Chirurg ist… :-) ist es nicht so schlimm.

Ich war angenehm überrascht. Das hatte ich nicht erwartet. Wir sind jetzt wieder “versöhnt”. Es hat ihn im privat-persönlichen Chirurgenranking wieder auf die vorderen Plätze gespielt und ich werde jetzt wieder mehr Freude daran haben, mit einigen Schwestern seinem knackigen Hintern hinterherzugucken (hey, was soll man machen, wenn das abends im Dienst die einzige wahre Aufmunterung ist?) Aber nächtliche BZ-Einstellungen in der Chirurgie gibts trotzdem nicht. :-)

Sind Chirurgen etwa auch Menschen? Um es mit Dieter Nuhr zu sagen “Gibt es (tatsächlich) intelligentes Leben… in der Chirurgie?





Sollte ich…

20 10 2007

… mir was dabei denken, dass die aktuellen Dienstpläne zeigen, dass ich für 3 Sonntage hintereinander drinstehe und andere nichtmal einen Wochenenddienst haben? Netterweise hat ein Kollege mir einen davon abgenommen. Sonst müsste ich in einem Zeitraum von 5 Wochen 4 Sonntage arbeiten…

Tja, sagt man nun was zum planenden OA oder lässt man es lieber bleiben bevor man dann 3 Wochenenden nacheinander z.B. mit Freitag-Sonntag drinsteht?





Wie man mit nichts einen Dienst macht

19 10 2007

Es ist immer so ein erhebendes tiefgehendes Gefühl, wenn man bei Dienstantritt die Zahl der freien Betten im Computer sieht und feststellt, dass einem für die nächsten 16 h ganze 8 Betten zur Verfügung stehen und bei der Dienstübergabe der Patienten in der Notaufnahme schon 3 dabei sind, die definitiv stationär bleiben müssen. So eine Ausgangssituation ist meist der Auftakt zu einem nervigen, kräftezehrenden Dienst. Wenn man Pech hat, kommen innerhalb von 24 h (= 1 Aufnahmetag) 50 Patienten oder mehr (hatte ich auch schon…) in die Aufnahme, die von 2 Ärzten behandelt werden müssen. Selbige sind aber auch für die Bettenstationen zuständig. Wir sollten alle geklont werden. Wenn man Glück hat, dann kommen nur 20 oder 25. Das ist dann schon sehr wenig. Vor einigen Jahren war das noch die Durchschnittszahl. Heute liegen wir meistens bei 30 - 35 im Mittel und immer häufiger gibt es auch Tage mit 40, 45 oder auch mal 55 Patienten. Bei letzteren kriecht man anschließend auf dem Zahnfleisch. Ja, und wenn dann an so einem Tag keine Betten vorhanden sind… da möchte man einfach aufstehen, rausgehen und nicht wiederkommen. Man bettelt die anderen Abteilungen an, versucht andere Kliniken von der Notwendigkeit einer Übernahme zu überzeugen und beginnt irgendwann gegen 2.00 Uhr morgens den Rettungsdienst anzuflirten, anzumaulen oder mit Kaffee zu bestechen, damit auch mal extra-internistische Diagnosen gestellt werden und fachüberlappende Diagnosen gleich in eine andere Klinik gefahren werden. Ja, man kommt sich manchmal vor wie ein Versicherungsvertreter, der andere davon überzeugen muss, dass seine eigenen Probleme auch die ihren sind. Manche Kollegen nennen das gar “Verhandeln” oder noch schlimmer “Verkaufsverhandlungen führen”. Ich verweise an dieser Stelle auf den Beitrag in meinem Blog1.de-Blog über das sogenannte “Turfen”. Sarkasmus ist eine Form der Bewältigung einer psychischen Belastungssituation, wie z.B. chronische Überforderung von Ärzten durch extreme Arbeitsbelastung in den Diensten. Letztendlich steht hinter all dem Verhandeln, Verkaufen und Turfen der Wille, einen Patienten versorgen zu lassen und ihn nicht auf den Flur stellen zu müssen oder schlechten Gewissens nach Hause zu schicken, wo der Hausarzt mit dem Problem überfordert ist und sich oft nicht anders zu helfen weiß, als 2 oder 3 Tage später erneut eine Einweisung über die Notaufnahme zu versuchen. Ja, liebe Zweifler, soweit sind wir im deutschen Gesundheitssystem schon gekommen und es wird noch schlimmer werden. 

Wenn von den 40 oder noch mehr vorstelligen Patienten 6, 8 oder 10 aus einem Altersheim kommen mit fragwürdigen Diagnosen auf Einweisungsscheinen, die ein durch das Personal im Pflegeheim unter Druck gesetzter oder gar anamnestisch nicht korrekt informierter Hausarzt oder KV-Notdienst geschrieben hat, dann kennt die Freude keine Grenzen mehr. Die Tatsache, dass es sich um pflegebedürftige Menschen handelt, ist nicht der Grund. Das Problem oder das Ärgerliche ist, dass häufig kleinste Probleme im Heim ausreichen, um einen Arzt zu holen. Dieser kennt als KV-Notdienst die Patienten nicht. Sowohl KV-Dienst als auch Hausarzt müssen sich in der Regel auf die Angaben des Personals verlassen. In Anbetracht der Statistiken über die Häufigkeit und Dauer der pflegerischen Kontakte des Personals in Pflegeheimen zu den Bewohnern, neige ich dazu, diese Angaben grundsätzlich anzuzweifeln. Ja, lustig wirds, wenn Familienangehörige, die täglich zu Besuch kommen, diesen Angaben sogar widersprechen. Da steht dann so ein armer Hausarzt und kriegt z.B. was von Bluterbrechen erzählt und weiß nicht, dass es Rote Beete zum Mittag gab, die dem alten Menschen im Schnellverfahren eingeholfen wurde, damit man ihn schnell wieder hinlegen kann. Prompt erfolgt die Einweisung - was soll er auch anderes tun? Das Dumme ist, Mitarbeiter der Pflegeheime haben das inzwischen gelernt. Auffällig ist, dass die Anzahl der eingewiesenen Patienten am Freitag, Samstag und Sonntag rapide zunimmt. Ändert sich zu dieser Zeit die Luft in den Pflegeheimen? Unebenheiten im Raum-Zeit-Kontinuum? Ich will nicht zu sehr auf Details eingehen, aber der Pflegebericht, der in letzter Zeit durch die Presse ging, entspricht durchaus der Realität. Wutanfälle kriege ich immer, wenn auf dem Einweisungsschein Exsikkose steht. Warum kam es denn dazu? Nein, es liegt nicht immer an der störrischen Natur von Heimbewohnern, die das Trinken verweigern. Da erzählen mir alte Leutchen, dass sie eine Flasche hingestellt bekommen, aber sie kriegen sie nicht auf wegen fehlender Kraft oder Rheumatikerhänden und wenn sie was sagen, kommt keiner. Durstig vor einer Flasche Wasser sitzen… oder Angehörige erzählen mir, dass ein Schnabelbecher Tee morgens auf dem Patiententischchen stand und als sie nachmittags nochmal kamen, stand er noch am selben Fleck, war aber kalt… Pech, wenn man auf Hilfe beim Essen und Trinken angewiesen ist. Und warum fällt sowas immer am Freitagabend oder Sonntagfrüh auf? Meine böswillige Natur nimmt an, dass dann die Besetzung der Wohnbereiche in den Pflegeheimen so niedrig ist, dass man halt nicht genug Leute zum morgendlichen Waschen hat. Es ist anscheinend nicht möglich, dass Infusionen bei Bedarf auch mal im Heim verabreicht werden. Der Notdienst kriegts nicht abgerechnet, die Pflegeheimmitarbeiter drängen massiv auf stationäre Einweisung und der Patient ist nicht in der Lage mit ner schönen Exsikkose und ihren Folgen seine Meinung dazu zu sagen. So wird aus einem Pflegeproblem ein medizinisches. Tja, die Kosten im Gesundheitswesen steigen. Ich frage mich, warum. Achso: Und genügend Betten für “wirklich” kranke Akutpatienten gibts halt auch nicht. Womit wir wieder beim Thema wären.

Nachdem ich in Anbetracht des erhebenden Gefühls von fast nichts an Betten zu Dienstbeginn schon tief luftholend an vergangene Dienste dachte, in denen ich kurz davor war, den Rettungsdienst anzumaulen, wenn sie schon wieder kamen, war ich dann heute morgen doch sehr zufrieden und angenehm überrascht von der Bilanz. 23 stellten sich vor, wir nahmen 13 oder so auf. Ok, wir mussten zwar andere Abteilungen 4x um Hilfe bitten wegen der fehlenden Betten, aber letztendlich schien es, als hätten die Leute gewusst, dass wir eh bald die Luftmatratzen auf die Flure hätten legen müssen. Einige waren dabei, die wollten partout nicht bleiben, obwohl es aus medizischer Sicht erforderlich gewesen wäre. Aber naja, mir ist es letztlich egal, es ist die Entscheidung der Leute und es ist deren Gesundheit als mündiger Bürger. Das entspannte die Lage natürlich jedes Mal etwas. Ich frage mich heute, womit ich dieses kleine Wunder verdient habe. Wer auch immer dafür verantwortlich ist: Vielen Dank. Das waren mindestens 17 Adrenalinschübe weniger als bei einigen früheren knochenharten Diensten.





Letzter Urlaubstag

14 10 2007

Was soll ich sagen? Ich habe heute meinen letzten Urlaubstag und meine Motivation für morgen ist gleich… -273°C

Üben wir uns in freien Assoziationen. Woran denken wir, wenn wir an den morgigen Tag denken?

Intrigen

Druck machen von oben

Stress

heimliche Kontrollen der Arbeit Untergebener

Wahrheitsverdrehungen um Ziele zu erreichen und andere auszuspielen

Zurückhalten von Informationen vor allem vor der Chefvisite

Therapieänderungen bei meinen Patienten ohne mir was davon zu sagen

Dienstpläne auf denen immer dieselben am Wochenende arbeiten und andere sehr sehr selten

Jeder von Ihnen ist austauschbar.

egal auf welche Leitlinie ich hinweise, wenn jemand es sich anders in den Kopf gesetzt hat, dann wird es so gemacht und wenns mal wieder falsch war, dann macht mans doch wie es in der Leitlinie steht

zu hohe Wochenarbeitszeit, die - weil nicht nur befristet vorkommend - dem Arbeitszeitgesetz widerspricht

Dienste, nach denen man nicht nach Hause darf bis es einem vom Vorgesetzten gestattet wird, obwohl man schon in der 25., 26., 27., 28. Stunde ist, was aber nirgends erscheint, weil es ja verboten ist

Wieso geht man da eigentlich noch jeden Tag hin?

Regelmäßiges Gehalt. Ziel die Facharztausbildung abzuschließen. Rechnungen, die bezahlt werden müssen.

Am glücklichsten ist ein Mediziner im Studium. Da ahnt man noch nichts von später und freut sich über den Studienplatz, die Semesterferien und jedes neue Semester und jede geschaffte Prüfung. Dann kommt man im PJ und es schwant einem, dass da mehr droht als nur die Medizin. Schließlich ist man Assistenzarzt…