Sinn und Zweck einer Notaufnahme
10 11 2007Da ich immer wieder feststellen muss, dass viele nicht wissen, wozu eine Notaufnahme da ist und ich auch anhand der Suchbegriffe in der Statistik merke, dass da Fragen bestehen, hier ein Posting dazu.
Es gibt mehrere große Gruppen von Notfallpatienten:
- chirurgisch: Kaputte Knochen, Gelenke, blutende Verletzungen etc. oder der Verdacht auf eine Blinddarmentzündung oder einen Darmverschluss etc.
- gynäkologisch: plötzliche Blutungen, Schmerzen, Komplikationen bei Schwangeren etc.
- pädiatrisch: alles was keine 18 Jahre alt ist und krank wird
- neurologisch: Schlaganfälle, Krampfanfälle, unklare Bewußtlosigkeiten, Lähmungen
- psychiatrisch: Drogen- oder Alkoholentzug, akute Psychose, Suizidversuche
- HNO: alles was mit Hals, Nasen oder Ohren zu tun hat, entzündet, verletzt ist oder plötzlich seine Funktion aufgegeben hat, plötzliche Verengungen des Kehlkopfs mit Luftnot bei Entzündungen
- Augen: siehe HNO nur für Augen, Kontakt der Augen mit chemischen Substanzen
- Urologisch: Probleme beim Wasserlassen, Harnverhalt (volle Blase aber man kann nicht pullern), Blutungen aus der Harnröhre, Nierenkoliken, Nierenbeckenentzündungen, ein plötzlich schmerzender und / oder blau werdender Hoden (das ist wirklich dringend!), das schlechte Gewissen nach einem One-Night-Stand wenn ER irgendwie auffällig ist sowie (auto)erotische Unfälle bei denen ER Schaden genommen hat
- internistisch: Der Rest…
Die (internistische) Notaufnahme eines Krankenhauses:
- behandelt Patienten mit akut lebensbedrohlichen internistischen Erkrankungen, die zu einer stationären Aufnahme führen
- behandelt Patienten, die über den Schockraum aufgenommen werden
- behandelt Patienten mit internistischen Erkrankungen, die sich akut verschlechtert haben und innerhalb von kurzer Zeit zu potentiell lebensbedrohlichen Zuständen führen können
- stellt keine Krankenscheine aus
- rezeptiert keine Medikamente
- gibt keine Medikamentenpackungen heraus, damit man sich den Gang zur Apotheke und zum Hausarzt spart
- schickt Patienten, die nicht aufgenommen werden müssen, wieder nach Hause
- ist kein Ort, an dem man lästig gewordene demenzkranke Angehörige mit den Worten “es geht zuhause nicht mehr” abgibt ohne Namen, Telefonnummer, Hausarzt, Personalausweis des Patienten oder andere Daten zu hinterlassen. Eine Notaufnahme ist kein Tierheim und es gibt auch den Straftatbestand der Aussetzung.
- ist keine Serviceeinrichtung für KV-Diensthabende auswärtige Ärzte, die jeden zweiten mit den Worten “Bitte Röntgenbild machen” oder ähnlichem zuweisen
- verlangt 10 Euro Notfallgebühr (Ulla-Schmidt-Gesetz) von jedem, der nur ambulant behandelt wird und darf keine Rücküberweisungen zum Hausarzt ausstellen
- ist keine Ausnüchterungseinrichtung. Leute, die 50 Euro und mehr für Drogen und Alkohol ausgeben, Lärm machen, randalieren, medizinische Geräte und Mobiliar beschädigen, alles vollkotzen und das Personal beleidigen, müssen auch 10 Euro Notfallgebühr zubezahlen und sind nicht beliebt. Wir sind uns auch nicht zu schade, diese Personen auf einer Matratze auf dem Fußboden zu lagern, wenn es die Sicherheitsaspekte verlangen oder deren Eltern anzurufen, damit sie ihr Produkt mal live erleben und abholen können.
- ist kein kassenärztlicher Notdienst!
- wird von Ärzten betreut, die auch für den Rest des Krankenhauses verantwortlich sind und die auch gerne mal um 3.00 Uhr morgens ein Stündchen schlafen würden, anstatt sich mit vollgekifften 19jährigen zu befassen oder die Rückenschmerzen eines gerade 20jährigen zu untersuchen, der am Morgen nicht zum Bund will.
- ordnet die Reihenfolge der Patienten nach der medizinischen Dringlichkeit. Schmerzen beim Wasserlassen sind nicht so gefährlich wie Luftnot, Zyanose und Thoraxschmerzen auf einmal. Dies bedingt eine Wartezeit, die auch mal mehr als 4 Stunden betragen kann, je nachdem wie stark frequentiert die Notaufnahme an dem Tag ist.
- ist nicht dazu da, Wartezeiten für ambulante MRT-Termine zu verkürzen und mal eben schnell ein MRT bei chronischen Beschwerden, die länger als 3 Monate gehen, zu machen. Das MRT einer Klinik dient zur Diagnostik akut lebensbedrohlicher Erkrankungen wie z.B. Kindern nach einem Verkehrsunfall oder Schwangeren mit neurologischen Problemen oder Patienten mit Gehirnblutungen.
- ruft bei randalierenden Personen oder Personen, die das Personal bedrohen die Polizei und erstattet Anzeige falls ein Straftatbestand erfüllt wird. Falls Sachschäden entstehen gilt das Verursacherprinzip. Es ist ebenfalls möglich, dass ein Hausverbot erteilt wird, das dann von der Exekutive dieses Staates umgesetzt wird.
- ist nicht dafür da, sich mal am Wochenende durchchecken zu lassen, weil man es in der Woche nicht schafft zum Arzt zu gehen, auch nicht wenn man Privatpatient ist. CTs, MRTs, Echokardiografien und Ergometrien sind keine Verfahren, die am Wochenende für den Routinebetrieb zur Verfügung stehen.
Der kassenärztliche Notdienst:
- ist in zwei Bereiche aufgegliedert - eine Notfall-Praxis und einen Hausbesuchsdienst.
- steht mit seiner Notfallpraxis jedem zur Verfügung, der außerhalb der Praxisöffnungszeiten ein medizinisches Problem hat. Hier sitzt ein Facharzt, der sonst in einer Praxis arbeitet, und behandelt die Patienten zusammen mit einer Schwester.
- kommt mit seinem Hausbesuchsdienst zu Patienten, die nicht in der Lage sind, eine der Notfall-Praxen persönlich aufzusuchen. Das kann z.B. bei einem “Hexenschuss” der Fall sein.
- darf Rezepte und Krankenscheine ausstellen.
- ist ähnlich wie beim Hausarzt-Prinzip die erste Anlaufstelle für Patienten, weil er entscheiden soll, welche z.B. in die Notaufnahme eines Krankenhauses müssen.
- verlangt auch 10 Euro Notfallgebühr
Was chirurgische Patienten angeht:
- die Prioritäten und Indikationen zum Aufsuchen einer Notaufnahme sind etwas anders als bei internistischen Erkrankungen.
- Nach Stürzen, Unfällen und diversen Verletzungen ist es sinnvoll, eine chirurgische Notaufnahme aufzusuchen, damit Wunden versorgt, Knochen geröntgt, geschient, gegipst, reponiert oder operiert werden können oder Distorsionen etc. fachgerecht versorgt werden können.
- Ein plötzlich kalt gewordenes Bein, das schmerzt und keinen Puls mehr hat gehört gefäßchirurgisch untersucht.
Akut lebensbedrohliche internistische Krankheitsbilder /Symptome oder Dinge, die sich zu potentiell lebensbedrohlichen Erkrankungen entwickeln können, sind zum Beispiel (kleine Auswahl):
- Herzinfarktverdacht
- plötzliche Luftnot z.B. in Verbindung mit Brustschmerz, plötzlicher Bewußtlosigkeit, Beinschmerzen in einem Bein, pfeifender Atmung, blauen Lippen, Husten, Fieber oder dicken Beinen
- Brustschmerzen, die nicht bewegungsabhängig sind, in Zusammenhang mit Druck- oder Engegefühl auftreten oder mit Luftnot
- hohes Fieber über mehrere Tage
- rechtsseitige Oberbauchschmerzen
- gürtelförmige Oberbauchschmerzen
- allergische Reaktionen nach Medikamentengaben o. Ä.
- Angioneurotisches Ödem
- Blutungen aus dem Darm, blutiges Erbrechen
- Blutungen wenn man Falithrom, Marcumar, Warfarin, ASS / Aspirin , Aggrenox oder Iscover / Plavix einnimmt
- in kurzer Zeit dick gewordene Beine, Bauch plus Luftnot
- Vergiftungen, ob nun aus Versehen oder mit Absicht
- Rauchgasinhalationen
- Asthmaanfall
- ein rotes, heißes, schmerzendes, geschwollenes Bein plus Fieber
- plötzliche Gelbfärbung der Haut und der Augen mit oder ohne Schmerzen
- …
Dinge für den kassenärztlichen Notdienst sind:
- grippale Infekte, Halsschmerzen, Schnupfen auch in Verbindung mit Fieber
- Beinschmerzen aller Art, bei denen kein Fieber und kein kaltes Bein vorliegt
- Schnittverletzungen, bei denen es von allein aufhört zu bluten
- Hexenschuss
- Gelenkschmerzen
- wenn man am Urlaubsort feststellt, dass man Medikamente zuhause vergessen hat
- Dinge, für die man einen Krankenschein haben muss
- …
Dinge, die man in keiner Notaufnahme oder Notfall-Praxis bekommen kann sind zum Beispiel Schwangerschaftstests am Morgen nach einem One-Night-Stand, Sportbefreiungen ohne Krankheit, Borrelliose-Schnelltests, Impfungen weil man zwei Stunden später in den Urlaubsflieger steigt, Wassertabletten damit man am nächsten Tag bei einem Wettkampf in die niedrigere Gewichtsklasse kommt, einen Krankenschein aus Gefälligkeit weil man nicht für eine Prüfung gelernt hat und auf Mitleid beim Arzt hofft (hierfür braucht man ein amtsärztliches Attest), Asthmaspray wenn man am nächsten Tag einen Wettkampf hat auch wenn man “nur” Freizeitsportler ist…
Da grösste Gruppe hast Du vergessen:
–> dämlich: die, die schon seit Monaten ein klitzekleines Unbehagen spüren und jetzt -just in diesem Augenblick- den historischen Entschluss fassen, dieses Unbehagen ärztlich klären zu lassen. Und wer schläft auch schon um vier Uhr nachts, wenn es in der Notaufnahme ein Treffen der “anonymen supranasalen Insuffizienten” abzuhalten gibt…
Irgendwie scheint diese Woche Vollmond zu sein: die letzten sechs Nächte hab ich nämlich -zusammen mit meiner Kollegin- kein Auge zugetan; und das lag nicht an meiner Kollegin
99% war jedoch durchwegs Mist, Unsinn und mangelnde neuronale Vernetzung. Aber immerhin gepaart mit Unfreundlichkeit und schwäbischem Geiz (”…WIE….10 (z-e-h-n) Euro soll ich auch noch zahlen ????”
Unsere alkoholisierten Teenys werden jetzt seit dieser Woche in Windeln verpackt und erhalten digitale “Erinnerungsphotos”. Also der 17jährige heute früh war darüber mehr als begeistert und hat die Notaufnahme mit hochrotem Kopf und einer völlig peinlich-berührten Mama verlassen. Wenn wir den nicht wiedersehen, hat sich die Maßnahme ja gelohnt
Man darf natürlich nicht vergessen, dass der ärztliche Notdienst Deine “Turf-Gesetze” verinnerlicht hat (lesen DIE eigentlich bei Dir mit) und sämtliche Patienten umgehend in die Notaufnahme einweisen. Da heute ein Gynäkologe bei uns Notarzt fährt, erübrigt sich dieses Procedere, denn der bringt die einfach GLEICH auf Intensiv. Aber da ich Dein “Turf-Handbuch” auch gelesen habe, verteidige ich mein letztes freies Bett eisern und übe mich in Turf-Back, Turf-Weiter und Turf-Nevercomeback
Das Hauptproblem: Der Notdienst ist weitgehend unsinnig organisiert. Das doppelte Gleis: Notaufnahme im Krankenhaus - hausärztlicher/kassenärztlicher Notdienst gehört abgeschafft. Mein Vorschlag: Eine einzige Anlaufstelle für beide Dienste, besetzt mit einem erfahrenen Arzt und vielleicht einer erfahrenen Arzthelferin/Schwester am Telefon. Das ganze sollte am Krankenhaus untergebracht werden. Der diensthabende Arzt sollte vor und nach dem Dienst frei haben. Er entscheidet, ob der Patient mit dem Notarztwagen/Rettungswagen/Krankenwagen abgeholt wird, ob ihn der kassenärztliche Notdienst zu Hause besucht, ob er in die Notfallpraxis kommen kann oder ob der Fall bis zum nächsten Morgen Zeit hat.
Ebenso wie die Ärzte am Krankenhaus unter Patienten leiden, die zum Hausarzt gehören, leiden die Hausärzte unter Patienten, die sie bei Nacht und Nebel besuchen, die eigentlich längst im Krankenhaus liegen müssten. (Stichwort: Verspätete Krankenhausaufnahme bei akuem Herzinfarkt!)
Übrigens: Ich lese hier regelmässig mit und finde Deinen Blog sehr erfrischend, kann mich schließlich auch noch gut an meine Zeit am Krankenhaus erinnern. (Lange ist’s her und wir denken immer: Früher war’s schlimmer! Aber wir wissen alle: Die Erinnerung ist niemals objektiv!)
Den Vorschlag find ich gut.
Habe bei uns auch mal vorgeschlagen, dass der KV-Dienst bei uns ins Haus einzieht. Das wäre für beide Seiten von Vorteil. Die Banalitäten könnten vom KV-Dienst abgerechnet werden, die Problemfälle können Labor und Rö-Thorax bekommen und zwar zeitnah und könnten auch besser abgerechnet werden. Wir als Klinik sehen für viele Dinge keinen Cent, weil wir keine Praxis sind.
Wenn ich mir überlege, wie hilflos Psychiater oder Dermatologen im KV-Dienst sind und uns dann mit Zuweisungen überhäufen, die wir meist alle wieder nach Hause schicken, dann wäre es sinnvoller, man würde zusammenarbeiten. Ich fänds sowieso besser, wenn die KV Ärzte extra für den Notdienst engagiert anstatt das den niedergelassenen aufzuhalsen. Die sind zum einen fachlich nicht immer optimal gerüstet und zum anderen haben sie eine Praxis zu betreuen, die wirtschaftlich geführt werden muss und das funktioniert nicht, wenn der Arzt durchhängt am Tag nach einen KV-Dienst bis Mitternacht.
> das funktioniert nicht, wenn der Arzt durchhängt am Tag nach einen KV-Dienst bis Mitternacht <
Das wäre ja noch schön, wenn nach Mitternacht tatsächlich Schluß wäre…
Aber der Hausbesuchsdienst, den ich kenne, geht bis zum nächsten Morgen. Wenn man Pech hat, wird man also stündlich geweckt muß die Praxis an den Tagen vorher und nachher aber trotzdem durchziehen.
Liebe Grüße,
S.
Ich sags ja: Wer eine Praxis führt und für seinen Unterhalt und den einiger Beschäftigter verantwortlich sowie für die ganzen Patienten die man tagsüber betreut, ist es fast nicht mehr einzusehen, dass diese darunter leiden müssen, wenn ein niedergelassener Arzt nachts zu Baujahr 1989 muss, weils beim Wasserlassen brennt, und am nächsten Tag durchhängt. Daher fände ich es gut, wenn man gezielt Leute über die KV für die KV-Dienste einstellt (so wie es jetzt ja teilweise schon Honorarkräfte machen, die sonst Frührentner sind oder mal was zwischendurch brauchen), die 1. entsprechend ausgebildet sind und 2. entsprechend dem Arbeitszeitgesetz auch die Ruhephasen haben. Aber bis sowas mal passiert, werd ich wohl eher in Rente gehen…