Ein Gedicht.
die tägliche unkollegialität
minuten vor dienstschluss patientenzugänge
fehlende informationen
gleichgültigkeit, ihr könnt bleiben
aber ich geh nach hause
mein feierabend sind eure überstunden
was geht ihr mich an
wir sehen uns wieder. bestimmt.
fragende angehörige, täglich
lange gespräche, täglich
immer die selben, keine neuigkeiten,
meine zeit rinnt davon, doch ich bin nett,
es warten andere, krankere patienten,
fehlendes gespür, fehltritte, überschreiten von grenzen,
räumlichen und benimm-grenzen,
auch krankenhäuser sind orte von höflichkeit und datenschutz,
ärzte sind kein eigentum,
die die leise sind sind wirklich krank,
die die reden, aufhalten, fordern, laut werden,
die sind es in der regel nicht.
trag sorge, dass du die leisen töne hörst,
die lauten musst du abwimmeln,
denn sonst kommen die leisen zu kurz,
aber die brauchen dich mehr.
angehörige, die denken sie müssen täglich fragen
auch wenn der arzt in der visite tausendmal mit patienten spricht,
er nimmt sie ernst, andere nicht,
sie sind nicht entmündigt, verstehen, begreifen,
können für sich selbst sprechen,
dann entmündigt sie nicht,
lasst sie nicht hilflosigkeit erlernen,
stuft sie nicht auf kindliche handlungsweisen zurück,
auch das ist respekt vor dem kranken,
respekt, den angehörige zeigen müssen.
sie werfen einen ins kalte wasser
aber helfen tut keiner,
sie kontrollieren und kritisieren,
aber anleitung fehlt.
wie soll man lernen, bilden, reifen,
wenn keiner einen begleitet,
führungsstil heißt
nur treten ist schöner als buckeln.
sie peitschen dich auf, treiben dich an,
keine müh ist je genug
sie geben dir das gefühl nichts wert zu sein
du wirst niemals ein held wie sie
nichts was du tust ist was wert
worte der anerkennung gibt es hier nie
kritik ist etwas dass dir nicht zusteht
benutzt du sie doch
sie werden dich zerbrechen
wir gingen wie immer durch dieses haus
der schock saß tief
den tränen nah
kaum begreifend was wir sahen
da lag der Arzt, intubiert, beatmet,
warum nur tat er das?
er machte karriere, hatte alles erreicht,
war jung, war hübsch,
so reich?
so arm?
war es leere
war es last
war es druck
war es angst
niemand wird je die antwort kennen
denn seine letzten worte
wollten sie nicht hören
legten schleier über alles gesagte
seid still, die wahrheit ist nicht gefragt
doch wer es vermag seine seele zu sehn
trotz schläuchen und piepsen der geräte
der wird es verstehn
der wird erkennen
warum er einfach nur wollte gehn…