Assistenzarzt fragt mal was anderes

12 10 2011

“ Was seid ihr in der Facharztprüfung gefragt worden?”

Es gibt eine neue Unterseite in diesem Blog zum Thema Facharztprüfungsfragen. Klickt einfach kurz drauf, ich habe versucht, mein Ansinnen zu erläutern.





Lebenszeichen von Assistenzarzt

12 10 2011

Hallo an alle da draußen,

hier ist ein Lebenszeichen von Assistenzarzt. Ja, es gibt mich noch. Die letzten Monate ist es sehr still hier geworden. Ich sag mal einfach so: ich hatte anderweitig zu tun und mir fehlt(e) schlichtweg die Zeit zum bloggen. Zeitweise war ich auch ein paar Wochen … im zweistelligen Bereich… ohne Internetzugang. Tschüss 2&2 kundenunfreundlich-tec. Da hab ich erstmal gemerkt, dass ich den PC gar nicht so oft brauche und mein Bedürfnis nach “online sein” war nicht so wahnsinnig groß. Es gibt ein Leben auch ohne ständig erreichbar sein zu müssen bzw. man verpasst nicht allzu viel relevantes wenn man nicht jeden Tag online ist. Ein weiteres Experiment – zunächst unfreiwillig, jetzt doch eher mit einer sehr entspannten Haltung – ist es ohne Privatfernsehen zu leben. Gut, es ist befristet, aber so herrlich ohne diese blöde Werbung. Man glaubt es nicht, es ist so. Gut, man muss seine Blase dran gewöhnen, … aber das geht schon :-) Ich habe es also geschafft, die mediale Überflutung der heutigen Zeit zu reduzieren. Mal gucken, wie lange dieser schöne Zustand anhält, oder ob es mich demnächst wenn die Tage kürzer werden und es abends eher dunkel ist wieder  nach Privatfernsehen gelüstet und ich die Sat-Anlage aufstelle.

Der andere Aspekt ist der, dass ich sehr viel Wut in mir getragen habe und zum Teil noch trage über Dinge in meinem Alltag. Mit manchen Sachen gebe ich mich nicht mehr zufrieden. Ich hasse es, verheizt zu werden. Ich kann ein Buch über Durchhaltesprüche veröffentlichen. Ich könnte mit meinen Überstunden einen Monat frei machen und das Jahr ist nicht zu Ende, aber ich darf sie nirgends aufschreiben, höchstens aufs Klopapier und dann die Via naturalis hinunterspülen. Ich könnte über Institutionen der ärztlichen Selbstverwaltung schimpfen wie ein Rohrspatz. Aber aus Sicherheitsgründen hat nichts davon den Weg hierher gefunden, weil ich Angst habe, dass man dann die Rückschlüsse auf mich ziehen kann, wenn ich Details preisgebe, wie es schon einigen anderen anonym bloggenden Medizinern und Medizinstudenten gegangen ist. Da man sich heute nicht mehr sicher sein kann, dass man nicht in irgendeinem Beitrag über Ärzteblogs unfreiwillig erwähnt wird, gibt es einen gesunden und einen ungesunden Weg… Wenn man sich nicht sicher ist, dass man in seiner Wut alles so schreibt, dass es maximal anonymisiert ist bzw. dass aus  der Kombination der publizierten Inhalte ein Rückschluss möglich wäre, dann hält man lieber die Blogger-Klappe. Nichts von dem Unveröffentlichten geht der Nachwelt verloren. Es wäre auch zu schade, wenn die Realität undokumentiert bliebe, auch wenn Dokumentation nicht die sofortige Publikation nach sich zieht.

Auch wenn ich mich nicht mehr hier gemeldet habe, es geht mir gut. Glaube ich. So genau weiß man das ja nie, wie dicht man am Rand des Wahnsinns ist. :-) Normaler als einige in meiner Klinik bin ich allemal. Gott sei Dank :-)





Kinder als Krankenhausbesucher

9 12 2010

Mich schüttelts ja immer, wenn ich sehe, wie Besucher kleine Kinder im Kinderwagen oder Buggy auf die Stationen zerren. Das hab ich glaube ich auch schon mal irgendwann in diesem Blog geschrieben. 

Ich kann verstehen, wenn es ein Besuch von Mama oder Papa ist. Ich kann auch verstehen, wenn man Oma oder Opa besucht und Enkelchen Freude bringen soll. Ich kann aber nicht verstehen, warum nur etwa 1% der Besucherfamilien vorher mal fragt, ob das ok geht, wenn sie so einen Mini-Zwerg auf eine Station oder ins Krankenzimmer mitnehmen. Diese 1% sind in der Regel diejenigen, die entweder aus der Branche kommen oder aber, die schonmal was von Krankenhauskeimen gehört haben und dass diese für kleine Kinder gefährlich sind. Den anderen ist es schlicht egal. Der kalte Schauer überläuft mich, wenn ich sehe, dass solche Minis gar mit in Isolations-Zimmer genommen werden – egal was da drin ist. Naja, eine einzige Ausnahme gibts wohl – vor der Tuberkulose hat man immer noch Respekt. Tja, und weil die Iso-Materialien wie Kittel und Handschuhe für Kinder nicht passend sind, werden sie oftmals so mit reingenommen. Mama und Papa gut verhüllt, Junior frei und angreifbar. Gibts halt abends noch ne Vitamin C-Tablette. Ich verstehs nicht…

Die Haare zu Berge stehen mir immer wieder, wenn ich sehe, dass Krabbelkinder über den Krankenhausfußboden krabbeln gelassen werden. Jeder Supermarkt oder Linienbus wäre hygienischer. Ja, es kommt vor, dass Tupfer, Tropfen von Körperflüssigkeiten oder aus Infusionen, Blutzuckerteststreifen, Tabletten oder ähnliche Dinge den Weg auf den Boden finden und nicht sofort beseitigt werden, weil sie nicht sofort entdeckt werden. Wenn Mini der erste ist und die Hand in den Mund geht… *bueähh… schüttel*

Andersrum sind nicht nur die Minis von den Krankenhauskeimen bedroht, sondern können (und sie tun es auch) Erreger aus Kindertagesstätten einschleppen, die in der Regel nicht ganz ohne sind.

Zusammenfassend möchte ich angesichts der drohenden Feiertage mit ebenso drohenden Einfällen familiärer Horden in Krankenhäusern zu Bedenken geben: Es ist auf internistischen und allgemeinchirurgischen Stationen sehr selten gut, wenn kleinere Kinder als Besucher mitgenommen werden, weil:

  • in Krankenhäusern MRSA, VRE, ESBL, Pseudomonaden und allerlei anderes antibiotisch angeschossenes bakterielles an Lebewesen zuhause ist und Kinder sich sowas schneller aufsacken, weil sie überall anfassen, die Hände schnell im Mund sind, etc.
  • dort auch andere Patienten liegen, die zum Teil an Infektionen erkrankt sind, die jedweder Art sein können und das steht nicht am Bett dran als Warnung. Das fängt bei Lungenentzündung an und hört bei fiesen Wundinfektionen auf.
  • die Kinder selbst oftmals virale Erreger in sich tragen, die bei Oma oder Opa zu einer akuten Infektion führen können, was dann zu einer Verschlechterung bei denen führen kann – egal ob onkologisch krank oder kardiologisch ist egal! Atemwegsinfekte können z.B. Narkosen verhindern oder gerade dann zu Pneumonien führen. 
  • schwer kranke Patienten können Kinder erschrecken oder verunsichern – z.B. verwirrte Familienangehörige oder jemand mit schwerer Luftnot, etlichen Schläuchen etc.

Zudem gilt immer noch wie auch vor 50 oder 100 Jahren für alle, nicht nur für die Minis:

  • Isolations-Zimmer heißen so, weil man jemanden isolieren will, weil er entweder ansteckend ist oder nicht von anderen angesteckt werden soll (Stichwort Chemotherapie). Wer in ein Isolationszimmer geht, muss die entsprechenden Regeln einhalten wie Mundschutz, Kittel, Handschuhe. Das gilt auch für Kinder. Und nein, es gibt keinen Mundschutz in Baby-Größe für Besucher, nicht, weil die Krankenhäuser sparen wollen, sondern weil Kinder nicht in diese Zimmer sollen! Wer ohne Verhüllungs-Kluft in solche Zimmer geht, handelt grob fahrlässig. Entweder riskiert er eine Ansteckung seiner eigenen Person und damit, zum Spreader (Indikator-Person) für eine kleinere Epidemie zu werden (Familie und Unbeteiligte!) oder aber er schleppt Erreger zu Patienten, deren Immunsystem platt gemacht wurde z.B. durch eine Chemotherapie und damit, dass derjenige gefährlich erkrankt und z.B. sogar an einer Influenza sterben kann.
  • Krankenhäuser sind keine Rennstrecken für gelangweilte Kinder. Es ist nicht lustig, wenn sie zwischen Tropfständern fange spielen oder jede Tür aufmachen. Auch nicht, wenn sie dem Personal vor die Füße laufen. Eine Katastrophe, wenn sie Patienten, die nicht richtig laufen können, zu Fall bringen. In Krankenhäusern hebt man nichts vom Fußboden auf und krabbelt nicht auf ihm herum.
  • Kranke Besucher mit Infekten egal welcher Art haben im Krankenhaus nichts zu suchen. Angehörige, die man mag, steckt man nicht noch zusätzlich an, wenn sie ohnehin schon krank sind. Außer man will erben.
  • Kaffee steht für Patienten auf den Depots, nicht um mit einer Großfamilie eine Kaffeerunde zu machen.

Das mag alles sehr hart und starr klingen, aber es steht ein Sinn dahinter.

Empfehlen kann ich für alle Krankenhausbesucher mit Kindern:

  • Ruft vorher an und erkundigt euch, ob es überhaupt ratsam ist, wenn ihr Kinder (Altersangabe) mitbringt in das Patientenzimmer.
  • Wenn der zu Besuchende in einem Isolationszimmer liegt, lasst die Kinder zuhause oder mit einem Familienangehörigen eine Runde durch den Park drehen, Schneemann bauen, was auch immer.
  • Wenn Kinder dabei sind, ist es meist günstiger in die Cafeteria / Bistro oder in die Wartebereiche / Sitzecken zu gehen, als in einem verkeimten, stickigen Patientenzimmer zu  bleiben, wo andere vielleicht husten, aus Wunden sezernieren, erbrechen, verwirrt sind, ihre Ausscheidungen nicht kontrollieren können, viele Schläuche oder piepsende Geräte stehen.
  • Auf Intensivstationen oder Wachstationen sollten Kinder nicht mitgenommen werden, bis sie verstehen, warum jemand dort behandelt werden muss und was dort passiert.
  • Nehmt den Kindern was zum Malen, Spielen, Lesen, wie auch immer mit und plant ein, dass sich eine Person auch um die Unterhaltung der Sprößlinge kümmert, denen wird schnell langweilig. “Antiautoritär erzogene” Besucher-Kinder sind für das Personal ein Alptraum. Ein Mindestmaß an Benehmen und Hören auf die Eltern sollte funktionieren. Und wir scheuen als Personal nicht, in der Visite den Patienten auf die Familie anzusprechen und auch mitzuteilen, wenn es anschließend  Beschwerden über Angehörige gab (i.d.R. Lärm, Toben, sich am Patientenkaffee zu bedienen), denn die fallen letztlich auf das Krankenhaus zurück – und das kann nichts für die Erziehung fremder Kinder.
  • Wenn Desinfektionsmittelspender an den Stationseingängen stehen, dann benutzt sie bitte auch, wenn ihr kommt und wenn ihr geht. Sie sind dafür gedacht, dass sich die Leute, die auf die Station kommen, die Hände desinfizieren – Personal wie Besucher und Patienten. In den Zimmern hängen auch Spender, niemand vom Personal wird was dagegen sagen, wenn sich Angehörige die Hände desinfizieren.

Versteht mich nicht falsch. Die meisten, die das hier lesen, würden wahrscheinlich nie auf die Idee kommen, angesprochene Beispiele tatsächlich so auszuleben. Wenn ich dagegen die aktuellen Besucher meiner Station einschätzen sollte, könnte  / müsste  ich sagen: 50% haben von derlei Dingen nie was gehört, auch wenn die Patienten schon öfter bei uns waren. Ich  habe es mich mehrfach gewagt, Familien mit Kleinkindern auf die Infektionsrisiken hinzuweisen, ich hatte das Gefühl, ich rede japanisch. Ich habe es mich auch erdreistet, tobene Kinder freundlich zur Ruhe zu bitten und ihnen sogar was zum Malen gegeben, weil dieser Lärm jedes Telefonat unmöglich machte. Aber die antiautoritäre Erziehung war stärker. Ich habe Kinder davon abgehalten auf Tropfständern herumzuturnen, aber die Eltern nicht gefunden. Und ich habe Löcher in die Wand gestaunt, als ich darauf hinwies, Opas Verband (durchgesuppt ohne Ende) nicht anzufassen und von Mutti zu hören bekam “Wieso, zuhause macht er das doch auch.” Frage mich heute noch, was mich davon abhielt, ihr eine Kopie des Antibiogramms des Wundabstrichs zu geben. Wenn die Kinder so sind, wie sind dann erst die Eltern?

Die Advents- und Weihnachtszeit ist die Zeit der Familie. Das merken wir an den Besucherströmen. Die Zeiten sind heutzutage viel liberaler als früher. Da war es so, dass Kinder unter 12 gar nicht ins Krankenhaus als Besucher durften und beim Pförtner in einer Reihe saßen bis sie abgeholt wurden. Besuchszeiten wurden durch dragonische Krankenschwestern mit militärischem Drill kontrolliert. Liberaler heißt aber nicht nur, dass mehr erlaubt ist, sondern auch,  dass man davon ausgeht, dass die Menschen mit einer gewissen Verantwortung damit umgehen. Leider haben es noch nicht alle begriffen.

Tja, und nun gings doch nicht nur um Kinder als Krankenhausbesucher und ich habe mich wieder mal in den Alltagsproblemen verloren…





Wir…

30 11 2010

“Wir machen das dann mal so…”

übersetzt für Assistenzärzte: Pech gehabt. Dein Gegenüber (= Auftraggeber) ist dann mal eben weg. Sieh zu, dass du das irgendwie alleine hinbekommst, denn du hast das ganze jetzt an der Backe, ob du willst oder nicht. Hilfe brauchst du gar nicht erst erwarten, du kriegst sie sowieso nicht, deine gleichrangigen Kollegen haben grad was viel wichtigeres zu tun (denk aber beim nächsten Mal dran, wenn die dich fragen). Anrufen und nachfragen vergiss besser auch gleich, außer du willst Antworten kriegen, die deine Laune noch schlechter werden lassen und dich zum Prellbock subpositiver Emotionen machen. Vergiss nicht, da will jemand Ergebnisse sehen. Aber es ist völlig egal, wie du dorthin kommst, da fragt sowieso keiner nach. Kurz zusammengefasst: Schaffe eine Lösung, die jemand anderes nicht hinbekommt, bringe die Mission impossible erfolgreich zuende, aber beklag dich nicht, mach was dir gesagt wurde, vergiss was eine Frage ist und rechne damit, dass jemand anderes die Lorbeeren dafür kriegt und du … nichts. Naja, allenfalls noch eine Bemerkung, die dich vielleicht kränkt, weil du mehr was erwartet hättest wie “toll gemacht”.  Sie würden dich nicht fragen, wenn sie selbst eine Lösung hätten, also spar dir das Grübeln, warum es dich trifft. Manchmal brauchts halt kreative Leute, die duldsam die Klappe halten – wie dich eben. Haftung? Na sicher, das ist das was deine Schuhe mit ihrem Profil auf dem Fußboden machen. Facharztstandard – nur eine neue Tanzform, nicht gewußt? Ach und nebenbei – es wäre schön, wenn die Patientenzahl am Abend nur durch Entlassungen nach Hause oder Verlegungen auf andere Stationen dezimiert ist.

Es ist eben alles nur eine Frage der Definition.





Dauerthema Interessenkonflikt

28 10 2010

Ein Dauerbrenner-Thema in der Medizin ist das Wort “Interessenkonflikt”.

Für die Medizin-Laien: Ein Interessenkonflikt ist zum Beispiel, wenn der hochdotierte Professor XY, von Patienten geliebt, von seinen Lakaien Studienknechten   Mitarbeitern verehrt, in einem Journal – egal ob MMW, DMW, Internist, Orthopäde, Zentralblatt für sonstwas oder Lancet – einen tollen Artikel zur Therapie von der Krankheit ABC  veröffentlicht und darin zum Beispiel das Medikament Z richtig gut findet und das auch dort schreibt, das Medikament Q aber gar nicht erwähnt, obwohl es in der Therapie etabliert ist. Für alle, die sich bilden wollen mit so einem Artikel, ist klar: Medikament Z ist das, was die eigenen Patienten kriegen, denn es das richtige und beste, schließlich hat es ja die Arbeitsgruppe um Professor XY so gesagt. Unerwähnt oder vergessen bleibt manchmal, dass der Hersteller des Medikaments Z Professor XY kürzlich auf Vorträge in schicken Städten eingeladen hat mit Übernachtung, schönem Salär und Abendprogramm und ihm nebenbei für die Durchführung einer Studie eine Drittmittelstelle finanziert. Das ist dann ein Interessenkonflikt: Schreib was schickes, aber bevorteile niemanden vs. kriege Vorteile von jemandem über den du schreibst. Weil manchmal selbst der edelste Mediziner solchen Einflüssen gegenüber seine Objektivität höher einschätzt als sie tatsächlich ist, haben die Journals die Regel, dass derartige Interessenkonflikte veröffentlicht werden müssen, damit der bildungswillige Leser in seiner Meinungsbildung nicht entmündigt wird und sich seinen Reim drauf machen kann, wenn Medikament XY über den Klee gelobt wird.

Noch interessanter wird die Sachlage, wenn Professor XY in die Leitlinienkommission seiner Fachgesellschaft gewählt wird und plötzlich das Medikament Z viel weiter oben erscheint als vorher. Die Ärzte aus dem Fachgebiet lesen diese Leitlinien und sind verpflichtet danach zu handeln, ja man kann sogar Ärger kriegen, wenn man es nicht tut. Weil eben alle solche Leitlinien lesen, sollten sie (hach, der Konjunktiv) unabhängig sein, von unabhängigen Experten nach bestem Fachwissen zusammengestellt. Wann ist man unabhängig? Wenn man nichts mit der Pharmaindustrie zu tun hat. Und deswegen steht das auch immer da, so wie Professor XY selbstverständlich auch hinschreibt, er habe mit keinem Pharmariesen was zu tun. Aber Moment mal, er hat doch aber… das mit den Vorträgen und so… Richtig verstanden: Ein Interessenkonflikt.  Natürlich kann es sein, dass Medikament Z einfach überzeugend gut ist. Aber dann bräuchte Professor XY sich ja nicht zu schämen und könnte schreiben, dass er vom Hersteller des Medikaments Z Vortragshonorare und Studienzuwendungen erhält.

Für die Pharmaindustrie ist so jemand wie Professor XY hoch interessant. Er ist das, was in diesen Kreisen Multiplikator oder Meinungsbildner genannt wird. Das heißt, was er sagt, glauben viele, weil er seinen Ruf bisher noch nicht beschmutzt hat durch unethisches Verhalten oder es die Leute zumindest glauben, dass es so wäre. Da kann man ihn gut Vorträge und Studien machen lassen. Besonders gut funktioniert das natürlich, wenn er bei Publikationen zum Medikament Z plötzlich Amnesie bekommt, was die Vortragshonorare angeht oder die Studien, für deren Durchführung er finanzielle Unterstützung in gehobenem Rahmen erhält.  

Ein reales Beispiel hat strappato in seinem Blog erwähnt: Demenzleitlinien, oder lieber Leid-Linien?

Ich krieg grad sich aufdrängende Gedankenschübe mit Worten wie Avandia, Rimonabant oder alte Hochdruckleitlinien der WHO.

Es gibt übrigens auch ein sehr lesenswertes Buch zum Thema von Hans Weiss. Es heißt “Korrupte Medizin”.
Die abgeklärten Blogger, die hier ab und an mitlesen, wissen dass ich in manchen Punkten etwas naiv bin bzw. ich noch nicht einen generalisierten Hass auf die Medizinbranche entwickelt habe, wie andere. Ich versuche immer noch irgendwie ein anständiger Arzt zu werden, was auch immer das bedeutet. Ich habe auch keine Lust, mich meine noch verbliebenen Ideale, es werden immer weniger, durch noch mehr Befassen mit der Gesundheitswesen-Talfahrt, zu zerstören. Von manchen Schweinereien Pannen und Fehlentwicklungen möchte ich am besten gar nichts wissen, weil ich sonst wohl zu dem Schluss kommen würde, dass wir Ärzte zum großen Teil keine halben Götter sind sondern eher halbe Portionen aus der überheizten Kelleretage.  Aber als mir jemand dieses Buch empfahl, wollte ich eigentlich nur wissen, was denn nun eigentlich die Wahrheit ist und hatte mich getraut, die Frage öffentlich in einer Chefvisite zu stellen. Kann ich dem, was in den Leitlinien steht trauen oder dem was in den Journals steht? Wenn öfter mal Medikamente nach einigen Jahren vom Markt verschwinden, ist dann nicht irgendwas falsch gelaufen und wieso ging das eigentlich?

Nun ja, die Wahrheit gefunden habe ich nicht. Nur die Erkenntnis gewonnen, dass ich mich noch mehr frage als zuvor, wem und was ich denn nun trauen kann. Ich will nach bestem Wissen und Gewissen handeln für meine Patienten. Aber kann ich das, wenn ich mich an die Leitlinien halte tatsächlich? Sind Leitlinien das, wofür sie stehen?

Beispiel Diabetes: Avandia fliegt in den USA vom Markt demnächst. Und die europäische Zulassungsbehörde erwägt ähnliches. Der Hersteller hatte Amnesie was Studiendaten anging. Er wurde aufgrund einer völlig anderen Klage gezwungen, Studiendaten online zu stellen. Ein paar Leute sahen sich das an und begannen eine Studie zu machen, die bestätigte, dass eine drastisch höhere Rate an Herzinfarkten unter Avandia zu erwarten ist und auch eine auffällig höhere Raten an Herzinsuffizienzen. Das Thema ging durch die Fachpresse und durch die Ärzte-Postillen, durch den Spiegel und Focus und man sollte meinen, es hätte jeder mitbekommen. Wieso stellt sich dann die Deutsche Diabetes Gesellschaft hin und tönt, sie hält es immer noch für ein brauchbares Medikament? Wofür brauchbar frag ich mich – für “sozialverträgliches Frühableben”? Klar senkt es den Zucker, dann kann man zumindest sagen: “Schade, so früh ein Herzinfarkt, aber wenigstens hatte er einen Top-HbA1c!”   Wenn es in der Presse so gut wie überall zu lesen war, wieso gibt es Hausärzte die gerade jetzt noch Patienten neu darauf einstellen? Das bittere ist, das war kein Einzelfall in den letzten Wochen.

Ich will nicht behaupten, dass andere Antidiabetika besser sind, das kann ich schlichtweg nicht, weil ich mich frage, welche Überraschungen uns möglicherweise in den nächsten Jahren noch erwarten. Ich habe ein- oder zwei Kandidaten, die mein Misstrauen erwecken, weil sie so massiv beworben werden. Ich will aber niemanden zu unrecht unter einen Generalverdacht stellen, nur weil die PR-Abteilung des Herstellers MediaMarkt-Strategen blass aussehen lässt.

Nach der Lektüre des genannten Buches von Hans Weiss habe ich es selbst ausprobiert. Ich war bei Pharma-gesponsorten Veranstaltungen und auf Kongressen des gleichen Fachgebiets. Und siehe da, ich traf teils die gleichen Leute. Aber in den Vorträgen ohne Pharma-Sponsoring erwähnte keiner von denen, nicht mal in einer 6Punkte hohen Fußzeile, dass sie auch zum gleichen Thema auf Veranstaltungen der Pharmas sprachen. Eigentlich sagen die Richtlinien, dass derartige Interessenkonflikte anzugeben sind, egal ob auf einer Veranstaltung oder bei einer Publikation. Aber wenn man nicht mal Leitlinien mehr Glauben schenken kann, wieso sollte sich jemand noch an irgendwelche Richtlinien halten… Begriffen habe ich bei der Lektüre des Buches auch, wie die Summen in den Gehältertabellen in der Spalte Ärzte zustande kommen. Was da angegeben ist als Durchschnitt, kriegt bei uns nur ein leitender Oberarzt. Aber wenn man überlegt, dass es wahre Vortrags-Touristen gibt und die pro Vortrag kassieren (Meinungsbildner sind was wert…) und Leute, die gerne unheimlich viele Studien durchführen und sich damit brüsten, aber keinem sagen, wers bezahlt… dann ist mir klar, dass die die Statistik nach oben ziehen. Und den Ruf der Branche demolieren.

Es gibt eine Menge Anti-Ärzte oder Ärztehasser-Bücher auf dem Markt. Die meisten bedienen sich Pauschalisierungen und Klischees.  ”Korrupte Medizin” kann aber für sich in Anspruch nehmen, dass jede Behauptung durch Fakten belegt wird und bisher noch keiner der erwähnten Ärzte eine Klage eingereicht hat, was wohl dafür spricht, dass es stimmt, was da drinsteht.

Und ja, korumpieren lassen wir uns alle, bereits als Studenten, wenn wir den ersten Kugelschreiber von einem Pharmareferenten annehmen, der uns als Famulanten im Arztzimmer sitzen sieht. Untersuchungen zeigen, dass wir uns durch sowas tatsächlich beeinflussen lassen, selbst wenn wir felsenfest davon überzeugt sind, dass es nicht so ist. Ohne das jetzt als Rechtfertigung oder Rausreden verstanden zu wissen zu wollen, aber ich finde, zwischen Kulis, EKG-Linealen und Post-Its anzunehmen einerseits und gesponsorten Vorträgen als “Meinungsbildner”, Studienpublikation mit “Ghost-Statistikern” die ihr Gehalt von der Industrie beziehen und Leitlinien schreiben ohne seine Vortragshonorare und ähnliches anzugeben andererseits liegt ein großer Unterschied. Das eine können wir bewußt als Werbung wahrnehmen, wie die von Autohäusern, Stromanbietern oder Versicherungen, das andere kann man nicht mal mehr mit Schleichwerbung vergleichen…

Tja, und als kleiner Arzt irgendwo in einer Klinik steckt man so drin in diesem großen Etwas und fragt sich so Fragen wie die, was denn nun eigentlich die Wahrheit ist und letztlich das beste für den Patienten… vielleicht ein Schamane, der macht wenigstens nur Werbung für seine Kräutertinkturen… oder Großmutters Hausrezept: An apple a day keeps the doctor away!*

*Erklärung des Autors: Im Sinne der Pflicht zur Offenlegung von Interessenskonflikten versichert der Autor nie in seinem Leben Honorare eines Apfelbauern oder anderen Apfelherstellers erhalten zu haben und die Äpfel aus seinem Garten nur für den Eigenbedarf zu nutzen.





Ach, auch wieder da oder immer noch?

26 10 2010

Für alles gibt es Zeichen. So auch für die Tatsache, dass ein Patient zu lange oder zu oft auf Station ist. Oder das zu viele Patienten zu lange und zu oft da sind…

  • Man begrüßt sich schon in der Aufnahme mit Handschlag und Vornamen und freut sich über das Wiedersehen. Manche Patienten stellen für einander das sicherste soziale Netzwerk dar. Irgendwann trifft man sich auch privat, die Kinder kennen einander beim Vornamen, die Enkel wechseln in den gleichen Sportverein,… schließlich verlangt man in der Visite nach der Synchronisierung der Medikation.
  • Bei der Wiederankunft wird jedes Mitglied des Personals mit Namen begrüßt.
  • Bei der Wiederankunft fällt der Stoßseufzer der Erleichterung “Endlich wieder zuhause!”
  • Der Patient ist froh, endlich wieder ein geregeltes Leben zu haben, einen Zeitungskiosk, der mit Fahrstuhl erreichbar ist, Leute mit denen man reden kann und Essen, das nicht aus der Dose kommt.
  • Jede Veränderung der Ausstattung wird sofort bemerkt.
  • Sämtliche Rotationsassistenten kennen den Patienten, seine Krankengeschichte und die Angehörigen.
  • In Notfällen wird auf die Aufnahme auf der “Heimatstation” bestanden.
  • Die Vor- und Nachteile jedes Zimmers kennt der Patient in- und auswendig.
  • Der Patient hat Angst davor, wieder in die reale Welt entlassen zu werden und davor, seinen Alltag selbst in die Hand nehmen zu müssen. Die Wiederaufnahme wird fast wie ein Urlaub herbeigesehnt.
  • Der Patient ist darauf bedacht, es sich mit dem Stationsarzt nicht zu verscherzen und benimmt sich höflich und freundlich. Geschrei, Gezeter und Aggressionen anderer werden mit einem Kopfschütteln oder einer Zurechtweisung kommentiert.
  • Der Stationsarzt erkennt die Gemütslage problemlos beim Betreten des Patientenzimmers, weil man sich schon so lange kennt.

Das ist jetzt ausnahmsweise mal kaum ironisch gemeint, sondern beruht auf Beobachtungen aus den letzten Jahren. Viele “meiner” wiederkehrenden Patienten finde ich inzwischen nett oder sie gehören für mich einfach dazu. Man respektiert sich, kennt sich, akzeptiert irgendwann sogar die Macken. Und es ist tatsächlich so, dass diese Patienten, die immer wiederkommen, weil sie wissen, wir helfen ihnen und unsere Arbeit irgendwie tatsächlich schätzen, sich große Mühe geben, ein harmonisches Klima aufzubauen und auch an einem guten Arzt-Patienten-Verhältnis interessiert sind. Positiv ist, wenn die Schwestern sagen “Herr XY ist wieder da, aber das ist ok, der tut keinem was und macht keine Probleme.”  Tja, und eigentlich ist es wirklich ganz nett, wenn man morgens auf Station kommt und die Leute grüßen einen freundlich und man kann zurückgrüßen mit Namen, weil man ihn kennt und den Morgen für den Patienten angenehm machen und ihn gleich motivieren, weil man seine Fortschritte sieht oder wenn man Dienst hat, unterhalten sie sich abends auf dem Flur  noch mit einem über Fußball, die Lokalpolitik oder sonstwas… Das ist irgendwie viel angenehmer, als die aggressiven oder die stets unzufriedenen oder die “Ausspieler” oder die, bei denen die Angehörigen mehr Zeit kosten als man für den Patienten hat…





Crash-Kurs Rheumatologie für Nicht-Internisten

22 09 2010

… und für Internisten, die keine Rheumatologen sind. Also so ein Rheuma-Rookie wie Assistenzarzt.

Wenn man einen Symptomenkomplex sieht, bei dem man denkt, es ist nichts mit Viren oder Bakterien und auch nichts onkologisches, dann könnte es möglicherweise was rheumatologisches sein. Die Dr. House-Grundregel “It’s not Lupus” entspringt einem Running gag der Autoren dieser Serie.

Wenn man einen Symptomenkomplex oder Hauterscheinungen hat, die man sich nicht erklären kann, sollte man nach Bakterien suchen (sogar nach MRSA), Viren (auch Erwachsene können Windpocken oder Masern kriegen), bei bestimmten Personengruppen an was paraneoplastisches denken, nach Diabetes fahnden (die haben oft Hautprobleme), eine PAVK ausschließen (jegliche Fußverfärbungen und Infektionen möglich), eine kardiale Stauung mit folgender Stauungsdermatitis ausschließen… etc…. bevor man schreit, es ist Lupus oder südwestkongolesisches Dschungelmücken-Zwergwiesel-Fieber. (= die Spatzen abklappern, bevor man sich den Kolibris zuwendet) 

Wenn man Hauterscheinungen sieht, wo man sich sicher ist, es hat nichts mit Viren oder Bakterien zu tun und hat das onkologische so gut  wie ausgeschlossen und es hat auch nichts mit Diabetes, Gefäßen, Stauungsdermatitis oder etwa Leichenflecken zu tun, dann könnte es möglicherweise auch was rheumatologisches sein.

Wenn man unsicher ist, ob es nicht doch was rheumatologisches sein könnte, dann macht man NICHT das, was Dr. House tun würde und ballert erstmal ne ordentliche Ladung Corticosteroide (auch Glucocorticoide genannt) darauf und guckt, ob es hilft. Rheumatologische Dingsdas haben nichts von “Try and Error” wie bei Super Mario Land. Erst macht man die Diagnostik, insbesondere die Antikörper-Geschichten und wenn man die durch hat, hat man vielleicht ja schon eine Diagnose und

1.  weiß ob Corticosteroide was bringen. (Es gibt durchaus rheumatologische Krankheitsbilder, die nicht auf Cortis ansprechen.)

2. hat dem Rheumatologen oder geneigtem Internisten nicht die Diagnostik verbaut, so dass man Monate warten muss, bis man irgendwie über zwanzig Umwege dann doch noch die Diagnose hinkriegt. Es geht nicht darum, dass derjenige, der zuerst die Corticoid-Schrotflinte ansetzt gewinnt, sondern dass man dem Patienten eine Diagnose und eine ordentliche Therapie geben kann. Gleiches gilt für Hauterscheinungen, die gerne großzügig mit Corticoid-haltigen Salben einbalsamiert werden von einigen Kollegen. Drei Wochen schmieren und dann zum Derma oder Rheuma schicken bringt nichts, weil der dann auch keine positive Histologie mehr kriegt.

Diejenigen, die jetzt fragen “Hä, wieso, House macht das immer so!” haben sich hiermit als Corti – Ballerer geoutet. Und die sind ganz einfach uncool, weil in der Vorlesung mal wieder Sudoku gespielt…





Geraderücken

20 09 2010

All die MB-Mitglieder, die so wie ein Assistenzarzt auch das Pech hatten, bei der Evaluation der Weiterbildung durch die Landesärztekammern zu kurz zu kommen (“Och, so’n Pech aber auch, da sind keine Code-Nummern mehr übrig…”), haben jetzt eine neue Chance, das zuckersüße Rosa-rote-Brillen – Bild der Ärztekammer- Umfrage (wenn mein Chef mir die Codenummer gibt, kann er dann auch meine Antworten sehen, obwohl alle sagen, das geht nicht…?! Und wenn alles mit Nummern zugeordnet wird,  ist es denn nicht hundertpro zurückverfolgbar?) wieder gerade zu rücken. In der aktuellen Ausgabe der MB-Zeitung liegt ein Umschlag mit der Umfrage. Also hingucken, ist keine Werbung sondern was Brauchbares. Und anonym isses auch. Ihr dürft also dieses Mal eure richtige Meinung ungezwungen loswerden. Und Assistenzarzt auch.





Endlich wieder Fußball-WM

18 06 2010

Vier Jahre sind vergangen. Mir kommen sie vor wie eine Ewigkeit… ist das echt nur 4 Jahre her, dass die letzte WM war und Klinsi und Berlin und so…? Mir kommt es unendlich lange vor. Wo ich in der Zwischenzeit überall gewesen bin, was ich gemacht habe… und das obwohl ich das Gefühl habe, in meinem Leben tut sich gar nichts.

Kommen wir mal zu den relevanten Fakten.

Mein WM-Titelträger-Tip: Obwohl ich es unseren Jungs von Herzen wünsche (und nach dem Serbien-Spiel heute bald nicht mehr glaube), denke ich, dass es die Argentinier werden.

Meine Einschätzung so allgemein:

Deutsche Mannschaft klasse Spiel gegen Australien. Aber Jungs, wieso denn so ein Spiel gegen Serbien? Was war denn da los?

Frankreich: Also mit dem Trainer, der sich einen abgrinst und sich das laut loslachen kaum verkneifen kann, obwohl die eigene Mannschaft grad verliert bzw. verloren hat, das ist doch nicht mehr normal. Mir tun die Spieler leid. Ich glaube, er hat die Mannschaft völlig auflaufen lassen aus negativen Gefühlen heraus und den besten Spieler absichtlich draußen gelassen. Wem auch immer er was zeigen wollte, seinen Einfluss hat er demonstriert. Aber dass er lächelte als sie gegen Mexiko konzeptlos untergingen und hinterher bei der Pressekonferenz damit zu kämpfen hatte, nicht laut loszulachen… nee, das ist nicht normal…

Brasilien: faul und überheblich, in der Vorrunde anscheinend nichts fürs Publikum…

Mexiko: frisch wie die spielten, mal gucken…

Fortsetzung folgt… wenn ich Zeit habe. :-)

Aber insgesamt kann ich sagen, es ist so schön, wieder eine Meisterschaft im Sommer zu haben, es macht Spaß zu gucken, zu tippen, die Fußball-Musik zu hören obwohl es immer der gleiche Stil ist, die Sonne zu genießen, wenn sie mal da ist und zu sehen,  wie die Leute happy sind mit Fußball, Fähnchen und so weiter.





“Nein” ist nicht nur ein Wort

4 06 2010

Also ich weiß das. Ich habe mir die vergangene Woche extrem Mühe gegeben, das auch allen Ungläubigen beizubringen. Zuallererst waren die zitierten Angehörigen dran. Also ich finde, meinen Patienten gings die Woche deutlich besser, weil sie ihre Lieben auch mal gesehen haben. Und ich habe einen Zeitkorridor geschaffen, dessen Verbindlichkeit ich gerade durchsetze. Ein Lernprozess. Nicht nur für mich, ich muss mich ja auch dran halten, weil wenn man sowas festlegt, muss mans ja auch durchziehen. Nein, auch für das Pflegepersonal… “Ich hab denen gesagt, wir haben Sprechzeiten, aber die sind jetzt grad da und wollen dich sprechen.” – “Dann sag ihnen, es gibt Sprechzeiten und sie müssen solange warten, die Ärzte sind beschäftigt mit Patienten.” – “Äh, kannst du ihnen das nicht sagen?” – “Nö, wieso, steht doch groß dran. Sie können auch nen Termin machen.” – Maul, grummel… Ging trotzdem. Geht nach einer ersten Gewöhnungsphase sogar ganz gut, weil es eine Zeit gibt, auf die verwiesen wird oder eben Termine. Und die Zahl der mal-eben-kurz-den-Arzt-sprechen-Menschen hat auch rapide nachgelassen. Jeden Versuch konsequent abgeblockt. Eine Kollegin hats noch erwischt mit dem beobachten wie sie aufs Klo ging und danach abfangen. Die Schwester, die es gesehen hat, war dafür umso direkter “Wollen Sie der Frau Doktor nicht gleich aufs Klo folgen, die Wand is dünn, da kann man sich durch unterhalten… Nein, war nicht bös gemeint, aber sie wissen schon, es gibt Orte, da geht man allein hin.”

Meine ist-mir-doch-egal-soll-er-machen-wie-er-will = dickes Fell hat sich wieder etwas erholt. Ich hasse es trotzdem, wenn Patienten rumbrüllen. Aber wieso soll ich very british höflich sein, wenn ich angebrüllt werde, dass man die Tabletten nicht will und auf einen Blutdruck von 220 pfeift? Is das mein Problem? Nö. Es tut erstaunlich gut, wenn man demjenigen das batsch trocken erklärt, dass es nicht des Doktors Problem ist und dann trotz anbrüllen des Gegenübers trocken und ruhig weiter erklärt, welche Komplikationen drohen bei unbehandeltem Hypertonus. “Haben Sie das alles verstanden?” – “Ja, ich bin doch nicht blöd… brüll, zeter, mecker… ich nehm keine Tabletten.” – “Dann unterschreiben Sie bitte hier.” – “Wie unterschreiben?” – “Dass Sie die Medikamente nicht wollen und wissen, dass sie dann hohen Blutdruck haben und einen Schlaganfall kriegen können, an dem Sie sterben können oder zum Pflegefall werden, wenn Sie Pech haben.” – zöger, zöger, grübel… unterschreib. Minimental-Status-Test ausreichend. Ordentliche Doku. “Ach ja, wenn Sie doch Tabletten nehmen wollen, sagen Sie einfach bescheid, wir haben genug im Schrank oder melden Sie sich beim Hausarzt. Und wenn Sie plötzlich umfallen oder was nicht mehr bewegen können oder die Sprache weg ist, dann rufen Sie oder Ihre Frau bitte schleunigst den Rettungsdienst.” Noch mal Doku, netter Arztbrief. Tschüß und Auf Wiedersehen. Ommmmmmmmmmmm… ich bin eine Blüte im Sommerwind…

Und das mit den Arbeitszeiten… da muss ich auch noch mal was machen. Eventuell die chirurgische 10-A-Regel abwandeln oder … naja, ich hab da ein paar Überlegungen. Als erstes habe ich die letzten Tage mal etwas meine Wut nach außen kanalisiert und an einige Adressen abgelassen, die mir diese Wut beschert haben durch ihr loswerden-weil-dann-ist-es-nicht-mehr-mein-Problem-und-was-geht-mich-das-an-was-die-anderen-damit-machen. Wenn andere diese Wut erzeugen, wieso soll ich sie dann für mich behalten?








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