Medizinlexikon - Das CorsaKauf-Syndrom

3 06 2008

Das CorsaKauf-Syndrom ist eine noch junge Krankheit, deren Erstbeschreibern es bisher noch nicht gelang, es in einschlägigen Journals zu publizieren.

Gehäuft tritt das CorsaKauf-Syndrom in der Generation der über 70 Jährigen auf. Hier betrifft es vor allem Männer, vornehmlich welche, die Hut tragen und aufgrund einer zunehmenden Sehschwäche starke Brillengläser benötigen. Die betroffenen Patienten sind dann vor allem im morgendlichen Berufsverkehr unterwegs, jedoch ohne erkennbare Notwendigkeit um diese frühe Uhrzeit irgendwo hin zu müssen. In der Regel fahren sie mit Geschwindigkeiten, die 20 kmh unter der erlaubten Höchstgeschwindigkeit liegen. Auf sanfte Hinweise anderer Verkehrsteilnehmer erfolgt keine adäquate Reaktion.

Häufig tritt gerade an großen Kreuzungen, Abzweigen und Autobahnkreuzen aufgrund der Reizüberflutung eine Desorientiertheit ein. Paradoxe Handlungen sind gehäuft die Folge, z.B. in der Geradeausspur warten, weil man links abbiegen will, aber sich nicht eingeordnet hat.  Parallelen zum Korsakow-Syndrom lassen sich in der verzerrten Wahrnehmung der Realität ziehen. So wird die eigentliche Geschwindigkeit als “mindestens 10 über erlaubt” wahrgenommen, objektiv jedoch wie o.g. 20 kmh unter der erlaubten Höchstgeschwindigkeit. Ähnliches lässt sich beim Einparken beobachten, so dass häufig 2 Lücken benötigt werden, wobei der Trennstreifen als Markierung für ”genau in die Mitte zwischen die zwei Reifen” genutzt wird. 

Patienten haben zum Teil Erinnerungslücken und füllen sie durch weiter entfernt zurückliegende Erinnerungen aus dem Langzeitgedächtnis oder wahrgenommenen Informationen ohne eigentlichen Zusammenhang zur Situation aus. Dies führt häufig zu Dysharmonien mit dem Partner und Meinungsverschiedenheiten. Bsp: “Nein, ich bin an der letzten Kreuzung rechts abgebogen, da war doch der Minimal mit dem HB-Männchen davor. Und jetzt halt endlich den Mund, ich fahre immer und das schon seit über 50 Jahren.”

Rettungsdienstkräfte berichten über ein weiteres Symptom. So ist zu verzeichnen, dass gehäuft auch Patienten mit CorsaKauf-Syndrom in Situationen eines herannahenden RTWs zu ungewöhnlichen Reaktionen wie plötzlichem Bremsen, langsamen Weiterfahren ohne die Spur zu räumen oder schlichtweg Ignoranz des Licht-und Tonspiels des Einsatzfahrzeugs neigen. Die Gründe hierfür sind Forschungsgegenstand einer weiteren Gruppe aus dem Kreis der Erstbeschreiber. Ergebnisse werden aber erst in den nächsten Jahren erwartet.

Ein indirektes Zeichen für ein CorsaKauf-Syndrom ist der Wackeldackel auf der Hutablage, alternativ ein gehäkeltes Kissen. Hierauf sollte sich der diagnostizierende Arzt aber nicht verlassen.

Therapeutische Optionen lassen auch die Erstbeschreiber vermissen. Sie raten lediglich zu einem vorsichtigen Umgang und Vermeiden eines direkten Kontaktes im Straßenverkehr.

Die Erstbeschreiber möchten durch eine geplante Kampagne zur Rehabilitation der Betroffenen beitragen. Es sollte nicht mehr länger einfach nur von “Opa mit Hut und Opel Corsa” gesprochen werden sondern die Krankheit CorsaKauf-Syndrom auch als solche anerkannt werden. :-)





Etwas neu macht der Mai

10 05 2008

So, Assistenzarzt hats endlich geschafft und die Alkoholintox-Gedächtnis-Liste etwas aufgehübscht und überarbeitet. Herausgekommen ist die Glasses of Alcohol Coma Scale (ein kleines Wortspiel ;-) für die RDler). Dem ganzen wurde eine komplette Seite in diesem Blog eingerichtet… siehe oben gleich neben den Chirurgenwitzen…





Die Alkoholintox-Gedächtnis-Liste

11 01 2008

So, ich hatte dann mal wieder die Faxen dicke, nachdem Mr. C2 um 3.30 Uhr lallend ins Waschbecken der Notaufnahme pinkelte. Es is mir auch nicht so ganz klar, warum die Ehefrau den KV-Dienst rief, wo sie das Phänomen “saufen bis man nicht mehr sprechen kann” bereits kannte und er ständig unter Stoff stehen muss, weils ohne nicht mehr geht. Doch eigentlich ist es mir klar: sowas neben sich im Bett liegen zu haben, nein, das muss man echt nicht haben. Ja, da lag Mr. C2 dann auf der Trage, Gitter hoch, Ente (ich meine die Pinkelente) im Arm, in ruhigen Atemzügen schlafend, als Assistenzarzt wenigstens 3 Worte mit ihm wechseln musste. Fazit: Ansprechbar, antwortet, hat vor lauter Sorgen gesoffen, aber die sind gute Schwimmer und ließen sich nicht im Schnaps ertränken (er versuchts trotzdem jeden Tag), wollte schlafen, kardiopulmonal stabil, stinkt. Also lassen wir Mr. C2 schlafend stinken mit der Drohung ihn auf die nächste Parkbank zu verfrachten falls er nochmal die Sanitärkeramik zweckentfremdet. Eine Stunde später wollte er lallend und schlaftrunken Distraneurin haben. Gibbet nich bei 2,9 Promille und schlafen, aber ich kann gerne die Ehefrau anrufen zum abholen und zuhause weiterschlafen / - saufen? Nö, die Olle will er jez nich sehn.

Zu Ehren aller Mr.C2 dieser Welt - sponsored by Anheuser Busch, Becks und all den anderen cervisierenden Herstellern sowie den meisternden Jägern, Feiglingen, Kornen, Klaren und anderen spirituellen Geisterproduzenten - schlage ich vor, eine Alkoholintox-Gedächtnis-Liste zu beginnen, weil ich weiß, dass in etlichen Rettungswachen bereits eine Top-Scorer-Liste geführt wird. Maßgebend sind hier aber nicht nur die schnöden Zahlen sondern auch “Begleitumstände”.

Waschbeckenpinkeln plus 10 Zusatzpunkte,

aus der Blumenvase trinken 15 Zusatzpunkte,

alles vollkotzen macht 10 Punkte Abzug,

das Desinfektionsmittel aus dem Spender trinken wollen plus 5 Punkte,

rumheulen über den Weltschmerz minus 5 Punkte,

stinken nach Katzenpipi minus 10 Punkte,

stinken nach Katzenpipi und Kamelpups minus 20 Punkte,

das Personal um “nen kleinen Schnäppi” anbetteln plus 10 Punkte,

unter 20 Jahren sein plus 10 Punkte,

sich von Mutti abholen lassen müssen plus 20 Punkte,

sich anschließend über die nasse Hose zwischen den Beinen beschweren minus 5 Punkte,

auf dem Flur an bestimmten Dingen südlich des Bauchnabels manipulieren minus 10 Punkte,

ständig dem Pfleger auf den Hintern langen wollen plus 10 Punkte,

staunend erkennen dass es gar keine Schwester ist plus 20 Punkte…

Somit hätten wir bei Mr. C2 des Tages 2,9 Promille plus 10 Zusatzpunkte. Durchschnitt würde ich sagen.

.

14.01.08 - Ergänzung der Liste:

das Personal permanent versuchen anzufassen minus 5 Punkte,

das Personal konsequent duzen und mit Kumpel anreden plus 5 Punkte,

den Sicherheitsmann mit Boxeinlagen beglücken minus 10 Punkte,

überall leicht wankend umherlaufen und zu jedem sagen “Eh duhu, komma heher” plus 5 Punkte

sich über jede Anweisung des Personals hinwegsetzen minus 15 Punkte

in den Aufenthaltsraum des Personals gehen minus 20 Punkte

auf Anregung von Hypnosekröte:

sich im Untersuchungszimmer eine Kippe anstecken minus 5 Punkte

sich im Untersuchungszimmer einen Joint anstecken minus 15 Punkte

Aufgrund zahlreicher weiterer Vorschläge von rettungsblogger.de und Hypnosekröte und eigener Erfahrungen erfolgt am 17.01.08 eine erneute Erweiterung der Liste:

mit offenen Verletzungen durch die Notaufnahme toben und alles vollbluten minus 20 Punkte

an den Reanimationswagen pinkeln minus 20 Punkte

IN den Reanimationswagen pinkeln minus 50 Punkte (und eine Defi-Entladung gratis)

dem PJ einen Underberg anbieten plus 1 Punkt

der Schwester einen Underberg anbieten plus 5 Punkte

dem Arzt / Ärztin einen Underberg anbieten plus 10 Punkte

dem zufällig reinschauenden Chefarzt einen Underberg anbieten plus 30 Punkte

die Welt jeden Tag neu entdecken, negatives einfach vergessen und Sympathien neu erobern dank Korsakow-Syndrom plus 20 Punkte

für die Entgiftung die exakt notwendige Dosis des Distraneurins vorhersagen plus 15 Punkte

den Pfleger anbetteln “och Süßer gib mir doch nen Kuss oder magst du mich nicht” minus 10 Punkte

Gemeinschaftssinn entwickeln und zuhause nicht alleine saufen dank gleichgeartetem Lebenspartner plus 5 Punkte

sich vom Lebenspartner mit Nachschub versorgen lassen im Krankenhaus (spart Distraneurin, Halo und Haemiton) plus 15 Punkte

die leeren Piccolo-Flaschen im Treppenhaus stehen lassen minus 5 Punkte

Alkoholabusus in der Schwangerschaft minus 50 Punkte

stinken nach Aschenbecher und Köhlerhof minus 5 Punkte

stinken nach saurem Mageninhalt minus 30 Punkte

im Krankenhaus im Doppelzimmer auf der / dem C2-abhängigen Lebensgefährten/in liegen und Tätigkeiten zur Arterhaltung nachgehen minus 20 Punkte

nichtmal aufhören wenn das Personal reinkommt minus 30 Punkte

den Arzt warnen, dass im Entzug stets epileptische Anfälle auftreten plus 10 Punkte

den Leitsatz “Bier ist kein Alkohol” zur Beantwortung der Frage “Sie haben also sehr viel Alkohol getrunken heute abend?” wählen plus 2 Punkte

ein T-Shirt mit der Aufschrift “Bier formte diesen Körper” tragen plus 20 Punkte





Spannung beim Spannungspneumothorax

11 01 2008

Derzeit häufen sich bei uns die COPD-Patienten mit einem Spontanpneumothorax. Duplizität der Fälle?

Kurz erklärt: Die COPD - Endstrecke einiger Lungenerkrankungen - führt dazu, dass es mehr funktionsloses Lungengewebe gibt, es wird dünner und morsch. Wenn es zu akuten Luftnotanfällen - also wie Asthmaanfall - kommt, dann erhöht sich der Druck in der Lunge, weil die Luft nicht mehr so gut raus kann. Folge kann ein Mini-Riss in der Lunge sein (wie bei einer alten Plastetüte), durch den dann Luft in den Pleuraspalt strömt (also zwischen Pleura viszeralis und Pleura parietalis), wo sie nicht hingehört. Die Lunge kann sich nicht mehr ausdehnen, es kann vom Zwerchfell kein ausreichender Unterdruck zum Entfalten aufgebaut werden, Lunge verliert an Funktion, Luftnot wird schlimmer. Die gefährlichere Form eines Pneumothorax ist ein Spannungspneumothorax. Der funktioniert so, dass dieses Loch eine Ventilwirkung hat - Luft geht in den Pleuraspalt, aber nicht wieder raus. Mit jedem Atemzug kommt mehr Luft rein, aber sie geht nicht wieder raus. Als wenn man einen Fußball aufpumpt. Folge: die Lunge fällt zusammen, wird zusammengedrückt, das Mediastinum kann sich verlagern und es kann zu einer Einflussstauung mit Herzversagen kommen.

Im letzten Dienst hatte ich das zweifelhafte Vergnügen zu erleben, wie ein Spontanpneu ein Spannungspneu wurde. Also das ging schon ziemlich zügig mit der Zyanose und so… Bei uns legen die Chirurgen die Thoraxsaugdrainagen (Marke Gartenschlauch). Der Chirurg hat aber nicht so wirklich kapiert, was da gerade auf Station ablief und warum ich so gedrängelt habe. Schwebte noch so in Tibiakopffrakturen oder sowas umher. Letztlich war ich dann soweit, mich emotional darauf vorzubereiten, selbst ist die Frau zu spielen oder die ITS zu holen bis er soweit ist. Adrenalin lässt einen ungeduldig werden. Der Patient wurde irgendwann blau, die Sättigung ging auf 80%. Ich hatte aber nicht sonderlich Ambitionen irgendwelche Aktionen auf Station zu machen. Das gibt nur Scherereien. Eigentlich wollte ich ihn so schnell wie möglich in den OP kriegen. Stichwort fachgerechte Versorgung. Mit etwas Nachdruck kapierte der Herr Chirurg dann auch, dass es irgendwie doch etwas drängte. Die OP-Schwestern, die mir den Patienten abnahmen holten auf meine Bitte dann auch sofort einen Anästhesisten, obwohl der nicht geplant war. Der Patient hatte schon seine Mediastinalverlagerung und ne 80er Sättigung. Das berechtigt zu der Annahme, dass es möglicherweise Komplikationen geben könnte und beides kann ein Chirurg dann auch nicht. Alles wurde gut, dem Patienten gehts auch wieder besser. Naja, ich bin nicht so der Mensch, der auf Adrenalinkicks steht.

Alles in allem hätte ich mich auch zu einem heroischen “ich steche da jetzt mal einfach eine Pleurapunktionsnadel rein und baue mir selbst ein Ventil” durchringen können. Wenn man das noch nie gemacht hat, dann ist das schon von hohem Anspruch. (Pleurapunktionen mit Wasserförderung sind was anderes). Aber Heldentaten haben oft den Nachteil, dass sie daneben gehen, wenn man sie plant. Die wahren Heldentaten sieht man erst hinterher als solche. Die Indikationsprüfung, die geplanten Heldentaten folgt, ist in der Regel zu ungunsten des potentiellen Helden. In diesem Falle: Herr Chirurg war informiert, auf dem Weg und die Zielsetzung war klar. Nur die Zwischenzeit galt es zu überbrücken und ungünstige Entwicklungen zu vermeiden. Zwischenzeit kann lang werden… das geht dann immer auf den Blutdruck des internistischen Assistenzarztes. 

Im Nachhinein sank mein Adrenalinspiegel innerhalb einer Stunde auf normales Dienstniveau. Alles wurde gut. Ich musste an eine Vorlesung denken… die alten Dozenten haben ja eine Menge zu erzählen. Je älter, desto mehr Heldentaten. Häufig kommen darin Kugelschreiber und Schweizer Taschenmesser vor. Das sind die Utensilien, die jeder gute Arzt immer dabei haben sollte. Man kann damit Tracheotomieren, wenn man es denn je auch ohne diese Überlebenswaffen gemacht hat. Appendektomieren soll auch gehen, allerdings braucht man dazu als Ergänzung zum Basis-gute-Arzt-Set eine Taschenlampe, Nähnadel und Zwirnsfaden. Und man kann mit dem Basis-gute-Arzt-Set und mit einem Stück Gummihandschuh eine MacGyver-Selbstbau-Thoraxdrainage basteln. Ich hatte im Dienst zwar einen Kuli, Handschuh auch, aber es fehlte mir das Schweizer Taschenmesser. Ergo: Mir fehlt noch ein Stück am wirklich tollen Arzt / Ärztin. Zum nächsten Geburtstag wünsche ich mir dann wohl mal lieber ein Schweizer Taschenmesser.





Und sie fielen wie die Heuschrecken ein

7 01 2008

Es war einer dieser Tage, da wusste sie: es hat sich was geändert. Früher, vor wenigen Jahren, als sie anfing, ja, da hatten die Menschen noch Respekt vor dem Sklaven in weiß. Heute fallen sie ein wie die Heuschrecken, fressen dir die letzte Energie aus dem Körper und drohen in allen Variationen. Es werden immer mehr. Wenn sie zurückblickt, dann hatte sie zu Beginn ihrer Laufbahn die Hälfte der Patienten im Dienst. Heute kommen Schwärme. Jedes vorbeifahrende Auto, Bus, Bahn scheint neue Ströme in Gang zu setzen. Und es hört nicht auf. Früher, da gab es Stunden in der Nacht, wo niemand kam. Das letzte Mal, dass sie sowas erlebt hat, ist Monate her.

Und sie stellte noch etwas fest: Entweder sie sind richtig krank, also wirklich richtig krank oder sie kommen mit Banalitäten oder haben eine kleine Meise. Das Problem ist nur, wenn sie sich um die Banalitäten und kleinen Meisen kümmert, die sehr zu Theatralität und Lauthalserei neigen, dann hat sie keine Zeit für die wirklich wirklich kranken Menschen. Deswegen hat sie sich angewöhnt, konsequent nach dem ersten Blick in wirklich-wirklich-krank-Patient, da-könnte-was-im-Busch-sein-Patient, Krakeler-weil-keine-ahnung-warum-Patient und armer-Mensch-mit-kleiner-Meise-Patient einzuteilen. Das hilft. Meistens jedenfalls.

Die Rekordwartezeiten im Wartezimmer möchte sie lieber nicht nennen. Die Wartezeiten durch Röntgenabteilung, Labor oder mangelnde Arztkapazität auch nicht. Aber in England hätte sie letzte Woche Ärger bekommen, weil sie es in den dort vorgegebenen 6 Stunden nicht geschafft hätte. Sie träumt von einem oder besser zwei Allgemeinmedizinern. Die könnten sich um Krakeler-weil-keine-Ahnung-warum-Patienten oder armer-Mensch-mit-kleiner-Meise-Patienten kümmern und die wären glücklich. Der KV-Dienst ist viel zu weit weg.

Eine Kehlkopfentzündung gehört nicht in die Innere, schon gar nicht stationär, erst recht nicht auf ITS, sondern in die HNO. Sie wundert sich, wieso die Leute so garstig sind, wenn sie es ihnen erklärt, bevor diejenigen die 10 Euro bezahlen müssen. Wieso kann so jemand nicht verstehen, dass ein Internist keinen Kehlkopfspiegel hat?

Antibiotika werden verordnet, weil jemand krank ist, vereiterte Kieferknochen hat. Warum kommt jemand, der am Tag zuvor im höchstspezialisierten Zentrum in 100 km Umkreis war, am nächsten Tag in ihr Krankenhaus, weil ihm das 3. Antibiotikum, was er am Vortag erhalten hat, auch wieder nicht gefällt? Wieso kann so jemand nicht verstehen, dass ein Feld-Wald-Wiesen-Internist-Assistent keine Ahnung von eitrigen Zähnen und Kieferknochen hat? “Ich vertrag das nicht.” Wenn sie nachfragt, warum nicht, was  derjenige denn an Symptomen bemerkt habe, kriegt sie -auf dumme Fragen gibts dumme Antworten - “ja weil ich das nicht vertrage” zurück. Reden will man nicht mit ihr. Da sie es essentiell findet, in derartigen Fällen Informationen zwischen Arzt und potientiellem Patient auszutauschen, kann sie kein Arzt-Patienten-Verhältnis aufbauen und verweist konsequent an den richtigen - den Spezialisten. Solche Leute wollen eine Behandlung mit Goldbordüre und Handkuss, wieso gehen die dann zu jemandem, der von tuten und blasen keine Ahnung hat - also zu einem Feld-Wald-Wiesen-Internist-Assistent wie ihr? Wieso sind die nicht dankbar, wenn sie ihnen sagt, sowas gehört zu einem Spezialisten, nur da werden sie richtig behandelt? Schlechte Ärzte sind diejenigen, die ihre Grenzen nicht kennen.

Erklär mich mal jemand für Dumme, wieso grad an den Abenden zwischen Freitag und Sonntag überdurchschnittlich häufig junge Leute kommen. Studenten aller Fachrichtungen. Mit Hausarzt-Krankheiten wie Husten, Schnupfen, Halsweh. Abends um zehn. Nichtmal diejenigen wie sonst, klassischerweise Cindy mit gerade-noch-am-Schulabschluss-vorbeigerettet und mit 2 kleinen Kinderchens von 3 verschiedenen Männern, die wegen Brennen beim Wasserlassen mal eben so viel gekifft hat, dass es sie von den Beinen geholt hat.

 Ja, sie erinnerte sich an einen der kürzlich geschafften Dienste. Da rief so ein Typ an und wollte unbedingt einen Arzt sprechen. Er wollte Auskunft über seine Schwester andernfalls zeigt er die Schwester und das Krankenhaus an. Drohungen über Drohungen. Sie blieb cool. Kommt uns jemand so komisch, therapieren wir mit Dienst nach Vorschrift. Cool bleiben, liebe Schwestää, das schaffen wir schon. Ääääärsmal ne Undäschrift vonne Patientin, wer denn da wat wissen darf. Und am Telefon sowieso erstmal gleich gar nicht mit irgendwelchen Auskünften- steht so im Gesetz und Schweigepflicht. Hohoho, da gings voll ab, die Patientin hatte ihren Bruder seit Jahren nicht gesehen, ja er galt quasi als verschollen. Und wundert sich jetzt woher er denn weiß, dass sie im Krankenhaus liegt. Dann rief der Typ nochmal an. Lieblings-Schwestä jetzt cool ging hin mit mobilem Telefon und oh Wunder, der wollt gar nicht persönlich mit seine Schwester reden. Wat secht man dor tau? Nix. Als er die Patientin im Hintergrund hörte, wurde er erst böse, dann folgte die Beichte. Das Hallo sucht seines gleichen. War er dann doch ein Nachbar, der im Saufgelage mit den missratenen Nachfahren der Patientin meinte, mal so “einen Scherz mit der Schwester und dem Arzt” machen zu müssen. Ja, solche Kinder und deren Nachbarn braucht, wer keine Feinde hat. Da muss die Liebe zu Muddern ja immens sein, wenn man sowas treibt und sich der Straftat des Betruges und der Nötigung strafbar macht und das ohne drüber nachzudenken, was mit Mudderns Pschyche is. Die brauchte erstmal ne Tavor und konnte sich nicht mehr beruhigen, war sie doch so aufgeregt, endlich was vom verschollenen Bruder zu hören wo es ihr nicht gut geht. Oder war da doch Nachdenken am Werk? Ein Schelm wer böses dabei denkt?

Und wie sie so über einiges nachdenkt und reflektiert, fragt sie sich “Ist das eigentlich das, für das ich ausgebildet wurde?” Dereinst an der Universität lehrte man sie von den Menschen und der Pathologie, der Pharmazie und Anatomie, der Physiologie und Seelenklempnerei, der Schrauber- und Näherei, der Pillendoktorei und in alle-Höhlen-Guckerei. Medizin schien wunderbar. Doch was hatte das alles mit dem seltsamen Dasein zu tun, was sie heute führt?





Der Held

15 12 2007

Wenn er losfährt mit dem Blaulicht auf dem Dach, dann machen alle Platz. Er schneidet Menschen aus Autos, rettet Kätzchen von Bäumen, kriecht durch verqualmte Häuser. Zumindest ist er dafür ausgebildet. Ja, die Frauen sehen zu ihm auf, die Männer beneiden ihn. Er ist ein Held.  Er gehört zu den Vorbildern unserer Gesellschaft, jemand der andere rettet und im Einsatz für die Allgemeinheit ist. Kinder bewundern ihn und wollen so werden wie er. Er liegt auf der Trage und die Schulterstücken seiner Dienstuniform glänzen im fahlen Licht der Notaufnahme. Er wurde von einem Kollegen gebracht irgendwann nach Mitternacht. Jetzt fängt er auch noch an zu kotzen, der Held der Weihnachtsfeier der Berufsfeuerwehr mit 2,2 Promille im Blut, der beim Komasaufen so gnadenlos auf die Fresse fiel und zu voll ist, um noch sprechen zu können. Alkoholspiegelbestimmung sponsored by Berufsgenossenschaft.





Motorische Aphasie - Genese

19 11 2007

Konsiliarische Frage in die Runde:
Weiß jemand was über Genesen einer motorischen Aphasie (am ehesten der ”Unterart” Broca-Aphasie) bei Patienten unter 30 Jahren außer Blutung, Apoplex und Trauma?

Kann sowas im Rahmen einer Sinusvenenthrombose auftreten?

Wie passt da eine retrograde Amnesie für ca 6-8h rein?





Wie man mit nichts einen Dienst macht

19 10 2007

Es ist immer so ein erhebendes tiefgehendes Gefühl, wenn man bei Dienstantritt die Zahl der freien Betten im Computer sieht und feststellt, dass einem für die nächsten 16 h ganze 8 Betten zur Verfügung stehen und bei der Dienstübergabe der Patienten in der Notaufnahme schon 3 dabei sind, die definitiv stationär bleiben müssen. So eine Ausgangssituation ist meist der Auftakt zu einem nervigen, kräftezehrenden Dienst. Wenn man Pech hat, kommen innerhalb von 24 h (= 1 Aufnahmetag) 50 Patienten oder mehr (hatte ich auch schon…) in die Aufnahme, die von 2 Ärzten behandelt werden müssen. Selbige sind aber auch für die Bettenstationen zuständig. Wir sollten alle geklont werden. Wenn man Glück hat, dann kommen nur 20 oder 25. Das ist dann schon sehr wenig. Vor einigen Jahren war das noch die Durchschnittszahl. Heute liegen wir meistens bei 30 - 35 im Mittel und immer häufiger gibt es auch Tage mit 40, 45 oder auch mal 55 Patienten. Bei letzteren kriecht man anschließend auf dem Zahnfleisch. Ja, und wenn dann an so einem Tag keine Betten vorhanden sind… da möchte man einfach aufstehen, rausgehen und nicht wiederkommen. Man bettelt die anderen Abteilungen an, versucht andere Kliniken von der Notwendigkeit einer Übernahme zu überzeugen und beginnt irgendwann gegen 2.00 Uhr morgens den Rettungsdienst anzuflirten, anzumaulen oder mit Kaffee zu bestechen, damit auch mal extra-internistische Diagnosen gestellt werden und fachüberlappende Diagnosen gleich in eine andere Klinik gefahren werden. Ja, man kommt sich manchmal vor wie ein Versicherungsvertreter, der andere davon überzeugen muss, dass seine eigenen Probleme auch die ihren sind. Manche Kollegen nennen das gar “Verhandeln” oder noch schlimmer “Verkaufsverhandlungen führen”. Ich verweise an dieser Stelle auf den Beitrag in meinem Blog1.de-Blog über das sogenannte “Turfen”. Sarkasmus ist eine Form der Bewältigung einer psychischen Belastungssituation, wie z.B. chronische Überforderung von Ärzten durch extreme Arbeitsbelastung in den Diensten. Letztendlich steht hinter all dem Verhandeln, Verkaufen und Turfen der Wille, einen Patienten versorgen zu lassen und ihn nicht auf den Flur stellen zu müssen oder schlechten Gewissens nach Hause zu schicken, wo der Hausarzt mit dem Problem überfordert ist und sich oft nicht anders zu helfen weiß, als 2 oder 3 Tage später erneut eine Einweisung über die Notaufnahme zu versuchen. Ja, liebe Zweifler, soweit sind wir im deutschen Gesundheitssystem schon gekommen und es wird noch schlimmer werden. 

Wenn von den 40 oder noch mehr vorstelligen Patienten 6, 8 oder 10 aus einem Altersheim kommen mit fragwürdigen Diagnosen auf Einweisungsscheinen, die ein durch das Personal im Pflegeheim unter Druck gesetzter oder gar anamnestisch nicht korrekt informierter Hausarzt oder KV-Notdienst geschrieben hat, dann kennt die Freude keine Grenzen mehr. Die Tatsache, dass es sich um pflegebedürftige Menschen handelt, ist nicht der Grund. Das Problem oder das Ärgerliche ist, dass häufig kleinste Probleme im Heim ausreichen, um einen Arzt zu holen. Dieser kennt als KV-Notdienst die Patienten nicht. Sowohl KV-Dienst als auch Hausarzt müssen sich in der Regel auf die Angaben des Personals verlassen. In Anbetracht der Statistiken über die Häufigkeit und Dauer der pflegerischen Kontakte des Personals in Pflegeheimen zu den Bewohnern, neige ich dazu, diese Angaben grundsätzlich anzuzweifeln. Ja, lustig wirds, wenn Familienangehörige, die täglich zu Besuch kommen, diesen Angaben sogar widersprechen. Da steht dann so ein armer Hausarzt und kriegt z.B. was von Bluterbrechen erzählt und weiß nicht, dass es Rote Beete zum Mittag gab, die dem alten Menschen im Schnellverfahren eingeholfen wurde, damit man ihn schnell wieder hinlegen kann. Prompt erfolgt die Einweisung - was soll er auch anderes tun? Das Dumme ist, Mitarbeiter der Pflegeheime haben das inzwischen gelernt. Auffällig ist, dass die Anzahl der eingewiesenen Patienten am Freitag, Samstag und Sonntag rapide zunimmt. Ändert sich zu dieser Zeit die Luft in den Pflegeheimen? Unebenheiten im Raum-Zeit-Kontinuum? Ich will nicht zu sehr auf Details eingehen, aber der Pflegebericht, der in letzter Zeit durch die Presse ging, entspricht durchaus der Realität. Wutanfälle kriege ich immer, wenn auf dem Einweisungsschein Exsikkose steht. Warum kam es denn dazu? Nein, es liegt nicht immer an der störrischen Natur von Heimbewohnern, die das Trinken verweigern. Da erzählen mir alte Leutchen, dass sie eine Flasche hingestellt bekommen, aber sie kriegen sie nicht auf wegen fehlender Kraft oder Rheumatikerhänden und wenn sie was sagen, kommt keiner. Durstig vor einer Flasche Wasser sitzen… oder Angehörige erzählen mir, dass ein Schnabelbecher Tee morgens auf dem Patiententischchen stand und als sie nachmittags nochmal kamen, stand er noch am selben Fleck, war aber kalt… Pech, wenn man auf Hilfe beim Essen und Trinken angewiesen ist. Und warum fällt sowas immer am Freitagabend oder Sonntagfrüh auf? Meine böswillige Natur nimmt an, dass dann die Besetzung der Wohnbereiche in den Pflegeheimen so niedrig ist, dass man halt nicht genug Leute zum morgendlichen Waschen hat. Es ist anscheinend nicht möglich, dass Infusionen bei Bedarf auch mal im Heim verabreicht werden. Der Notdienst kriegts nicht abgerechnet, die Pflegeheimmitarbeiter drängen massiv auf stationäre Einweisung und der Patient ist nicht in der Lage mit ner schönen Exsikkose und ihren Folgen seine Meinung dazu zu sagen. So wird aus einem Pflegeproblem ein medizinisches. Tja, die Kosten im Gesundheitswesen steigen. Ich frage mich, warum. Achso: Und genügend Betten für “wirklich” kranke Akutpatienten gibts halt auch nicht. Womit wir wieder beim Thema wären.

Nachdem ich in Anbetracht des erhebenden Gefühls von fast nichts an Betten zu Dienstbeginn schon tief luftholend an vergangene Dienste dachte, in denen ich kurz davor war, den Rettungsdienst anzumaulen, wenn sie schon wieder kamen, war ich dann heute morgen doch sehr zufrieden und angenehm überrascht von der Bilanz. 23 stellten sich vor, wir nahmen 13 oder so auf. Ok, wir mussten zwar andere Abteilungen 4x um Hilfe bitten wegen der fehlenden Betten, aber letztendlich schien es, als hätten die Leute gewusst, dass wir eh bald die Luftmatratzen auf die Flure hätten legen müssen. Einige waren dabei, die wollten partout nicht bleiben, obwohl es aus medizischer Sicht erforderlich gewesen wäre. Aber naja, mir ist es letztlich egal, es ist die Entscheidung der Leute und es ist deren Gesundheit als mündiger Bürger. Das entspannte die Lage natürlich jedes Mal etwas. Ich frage mich heute, womit ich dieses kleine Wunder verdient habe. Wer auch immer dafür verantwortlich ist: Vielen Dank. Das waren mindestens 17 Adrenalinschübe weniger als bei einigen früheren knochenharten Diensten.





Tag der Thrombosen und Hypoglykämien

5 09 2007

Jeder Dienst hat sein eigenes Leitthema. Neulich war es Herzinsuffizienz. Sowas mag ich ganz gern. Man kann was bewegen. Furesis i.v. ist zuweilen ein schönes Medikament.

Gestern war das Leitthema Thrombose. Zwischen D-Dimeren und Duplexsonos sah ich etliche Beine und fand tatsächlich auch mal das Gesuchte: Eine Thrombose. Im Endeffekt lag die Quote bei 2/8. Naja, immerhin. Das Nebenthema war entgleister Diabetes mellitus, diesmal in Form von “Wie man sich mit einem Blutzuckerspiegel von 1,2 mmol/l fühlt” und das gleich zweimal. Zur Info: Bei einem derartigen BZ spricht man von einer schweren Hypoglykämie, bei der Fremdhilfe erforderlich ist. Bei einem BZ in diesem Bereich können cerebrale Schäden nicht sicher ausgeschlossen werden. Bei längerdauerndem BZ von z.B. 1,2 mmol/l kann es zum Koma und letztlich auch zum Tod kommen. Krass finde ich immer, wie die Leute innerhalb von wenigen Minuten (so 2 bis 3 etwa) nach intravenöser Gabe von 6 oder 8 Ampullen 40%iger Glucose (also 60 bis 80 ml 40%iger Glucose, was einer Menge von 4 g Glucose pro Ampulle entspricht und demzufolge einer Menge von 24 bis 32 g) von Koma zu völlig adäquater Kommunikation wechseln. So ohne ist das aber nicht, die Leute fühlen sich hinterher wie durchgeprügelt und sind völlig k.o. In der Regel nehme ich sie dann stationär, weil davon auszugehen ist, dass die Insulinmengen bzw. die oralen Antidiabetika angepasst werden müssen sofern es keine Ursache wie “Hab nicht gegessen” oder “Hab das Essen vergessen” vorliegt. Bei oralen Antidiabetika würde ich sowieso immer aufnehmen, weil man von einer Überhangwirkung teils bis zu 48 h ausgehen muss und da können die Leute rezidivierend so tief rutschen - hab ich auch schon erlebt und das war für die arme Patientin kein Vergnügen.

Ansonsten musste ich heute bis 11.00 Uhr weiterrackern, war also 4 h lang nicht versichert und habe in einem inakzeptablen Zustand Patienten versorgen müssen. Aber es wurde ja so angewiesen.





Wieder ein Dienst

27 07 2007

Kurz die Highlights

Highlight Kollegialität

Wechsel mit Schlafen war um 2.30 Uhr gesagt worden. Um 2.31 klingelt mein Telefon. Ich könnte runterkommen und mir die Patientin ansehen, Labor und so sei jetzt da. Schlaftrunken wankte ich in die Aufnahme. Sah auch noch unseren Starchirurgen durchs Haus geistern, der mich charmant anflirtete. Zwei Punkte, die das Unterfangen hoffnungslos machten: die Uhrzeit und meine Antipathie.

Ich sah auf den Aufnahmebogen. Aufgenommen um 2.00 Uhr. Das war noch in der Zeit meines Kollegen, Schweinepriester der… [Tief Lufthol] Ich kenne es so aus meiner Uni-Zeit und auch hier in diesem Krankenhaus, dass man die Patienten, die in der eigenen Zeit kommen ansieht und versorgt, bis man damit fertig ist oder wenn es dann doch länger dauert, den anderen später anruft - gefühlte Zeit, die das dauern dürfte bei mir ca 1 h nach dem Wechsel. Kommt ein Patient nach der Schlafwechselzeit, dann wird der andere angerufen und wenn man mit dem vorher gekommenen Patienten noch nicht fertig ist, dann arbeitet der schon geschlafen hat, den vorher gekommenen Patienten mit ab und man kann sich mal zwei Stündchen aufs Ohr hauen. So isses fair, kollegial und gerecht.

Aber nicht diese Nummer, die Dr. Arbeitsscheu da abgezogen hat. Um 2.31 Uhr fallen einem da schöne Schimpfwörter ein… “Die kleine Assistenzärztin und der alte / faule Sack” - ein neuer Trickfilm von Walter Moers über ein deutsches Krankenhaus… der Zynismus kann bösartig werden um 2.32 Uhr…

Highlight Sodbrennen

4.00 Uhr morgens, irgendwo in Deutschland. Ein junger Typ, Baujahr in den 80ern, kommt Freitag in aller früh in eine Notaufnahme. Er hat Sodbrennen. Der geneigte Leser wird denken “Ok, und sonst?” Nichts. Das wars. Er hat Sodbrennen. Lächelnd sitzt er vor mir. Im Gegensatz zu mir ist er munter. Die Anamnese ergibt, dass er eigentlich häufig Sodbrennen hat, meist sehr spät isst und dann auch ordentliche Portionen, dass es im Liegen verstärkt ist. Auf die Frage nach Alkohol kam die überschwengliche Aussage

“Also davon halte ich ja gar nichts, also nee, nein, ich überhaupt nicht, also nie, naja mal so ab und an, aber von Alkohol halte ich nichts.”

Ja, is ja gut, quatsch mich nicht zu, ich hab nur 2,5 Stunden geschlafen im Gegensatz zu dir. Du lügst sowieso.

Weitere Befragung ergibt, dass er keine Schmerzen hat, seine Freundin auch immer Sodbrennen hat. Sie nehmen immer Rennie zuhause. Kein Erbrechen, kein Teerstuhl. Geht ihm sonst gut.

Klinische Untersuchung unauffällig. Grummel, grummel, warum kommt der um diese Uhrzeit mit sowas her? In 3 Stunden machen die Hausarztpraxen auf, was soll das hier? Warum ist man mit etwa 25 Jahren nicht in der Lage, zu erkennen, dass Sodbrennen keine lebensbedrohliche Erkrankung ist, dass es mit dem eigenen Lebenswandel zusammenhängt und dass man damit zum Hausarzt geht um das Abklären zu lassen und nicht nachts um 4.00 Uhr in eine Notaufnahme? Und erst recht nicht, wenn man es schon seit Wochen hat. Wieso ist der nicht längst mal zum Hausarzt gegangen damit? Um 4.00 Uhr morgens fragt man sich sowas, aber schüttelt nur noch mit dem Kopf, also innerlich. Was folgt ist eine zunehmend zynische Haltung [die sich hier in diesem Blog entlädt]. Ist das jetzt der Trend, dass die Leute die Verantwortung für Ihre Gesundheit nicht mehr selbst übernehmen (wollen)? Die Zeitungen sind voll von Gesundheitsseiten, Internet hat fast jeder. Man kann auch mal die Mutter fragen, die in der Regel traditionell die Rolle der Gesundheitswärterin der Familie übernimmt, was man da machen kann. Und dann diese Frechheit und Gemeckere, dass man warten muss - Hallo, gehts noch? Beim Hausarzt wartet man 3 Stunden, bei uns 30 min - letzteres übrigens, weil ich gerade jemanden auf die ITS gebracht hatte, der ernsthaft krank war und nicht warten konnte, bis ich einem jungen Burschen erklärt habe, dass sein Sodbrennen vom fetten Essen am späten Abend kommt.

Therapeutische Konsequenz:
Eine Tablette Pantozol von einer Schwester verabreicht. Gute Ratschläge verteilt: Essen Sie nicht so spät und vor allem kleine Portionen am Abend, schlafen Sie mit erhöhtem Oberkörper, gehen Sie nachher in die Apotheke und kaufen sich Riopan oder sowas und Ranitic und stellen sich nachher um 7.00 Uhr bei Ihrem Hausarzt vor. Wenn es nächste Woche nicht weg ist, müssen Sie eine Magenspiegelung kriegen.”

Das mit der Magenspiegelung war nett anzusehen, wie er auf den Vorschlag reagierte.

“Krieg ich kein Rezept dafür?”
“Nein, wir sind eine Notaufnahme und dürfen laut Gesetz und Vorschriften der Krankenkasse kein Rezept ausstellen. Die Zeiten sind seit einigen Monaten vorbei.”

“Krieg ich keinen Krankenschein?”

Aha. Da haben wir’s. Ja, jetzt konfrontieren wir ihn sachlich mit der Realität des deutschen Gesundheitssystems.  ”Wir dürfen keine Krankenscheine ausstellen. Wir sind eine Notaufnahme. Wir behandeln akute lebensbedrohliche Krankheiten, die zur stationären Aufnahme führen. Wegen einem Krankenschein müssen Sie zu Ihrem Hausarzt gehen.”

“Und wofür hab ich 10 Euro Notfallgebühr bezahlt?”

*zensiert*  

“Sie haben sich in einer Notaufnahme vorgestellt. Die Gebühr bekommt Ihre Krankenkasse, nicht wir. Sie müssen übrigens nachher beim Hausarzt nochmal 10 Euro zahlen, das wird getrennt voneinander gerechnet.”

Er wird maulig und frech. Was für ein Früchtchen.

“Seien Sie froh, dass Ihre Krankenkasse die Kosten trägt oder möchten Sie wissen, was eine Ärztin, eine Schwester, eine Verwaltungsangestellte, die Nutzung der medizinischen Ausstattung, das Labor etc. um diese Uhrzeit kosten? Ungefähr das dreifache vom normalen Satz, da kommen Sie mit 10 Euro nicht weit.”

Ich hab ihm aber nicht gesagt, dass die Pantozol nur ein paar Cents gekostet hat. Wo ist Dr. House wenn man ihn braucht?