Benzinpreise und die Gesundheit

3 04 2012

Jeden Tag wenn mein Weg an der Tanke vorbeiführt krieg ich so’n Zucken am Auge, das Gefühl von hohem Blutdruck, einen dicken Hals und akut psychiatrische Veränderungen im Sinne von Schimpftiraden. Ich habe meine Kollegen gefragt, erfahrene Internisten,… und ja, es ist… AISP… Akut intermittierende Spritpreispsychosomatose. Ein derzeit weit verbreitetes Krankheitsbild, trotzdem noch relativ unerforscht in seinem Verlauf. Die Ursache ist jedoch völlig klar: Raffsüchtige, geldgeile Mineralölkonzerne, die das blaue vom Himmel lügen, um ihre willkürlichen Benzinpreiserhöhungen zu begründen, die den aktuellen Ölpreis inzwischen nicht mehr als alleinige Grundlage haben, und die geplant zu Ostern auf das mutwillig herbeigeführte Preishoch zur Mehrung des Kapitalertrags auch noch einen weiteren Preisschub draufsetzen. Möge Euch Ölbarone der Blitz beim Sch… treffen… hätte ein alter Mecklenburger jetzt gesagt… Die Politik hat auch kein Interesse an niedrigeren Preisen, verdient der Staat durch die hohen Steuern an jeder Erhöhung kräftig mit. Also fällts mir derzeit schwer die halbherzigen Aufforderungen aus der politischen Ecke ernst zu nehmen. Aber das ist auch ein Symptom der AISP, redet man gerade auf mich ein…

 Es gibt verschiedene therapeutische Ansätze, zum Beispiel konsequentes Meiden der Tankstellen, aber das führt im Endeffekt zu völliger Abhängigkeit vom ÖPNV, das geht auch nicht. Polnische Tankfüllungen sind leider nicht umsetzbar. Ich habe eine Selbsthilfegruppe gefunden, die noch Kapazitäten hatte, sie schießen wie Pilze aus dem Boden, so groß ist der Bedarf. Wir haben uns  zu einer Gemeinschaftstherapie entschlossen: Spritsparende Fahrweise, möglichst wenige Fahrten und zu Ostern… seit Beginn der Karwoche kombiniert mit Benzin-Fasten… das Ziel: nicht mehr Tanken bis nach Ostern. Zu deutsch: Tankboykott in dieser Woche! Nur schade, dass wir so eine kleine Selbsthilfegruppe sind und sonst keiner mitmacht…





MB – Wohin geht die Reise?

21 03 2012

Wie man in diesem Blog schon viel früher gesehen hat, war ich immer sehr pro Marburger Bund. Auch heute noch verfolge ich die Tarifverhandlungen und lese die MB-Postille. Seit einigen Monaten beschleicht mich allerdings das Gefühl, dass das nicht mehr lange “meine” Ärztegewerkschaft sein wird. Viele Kollegen sind bereits ausgetreten. Zu Recht wie ich finde. Die letzten VKA-Verhandlungen waren ziemlich enttäuschend. Hat man die Konfrontation vermieden, weil die Mitgliedszahlen sinken? Oder ist man schnell den Kompromiss eingegangen, weil nichts mehr rauszuholen war? Wenn ich jetzt sehe, wie verdi für den TVÖD in VKA und TdL aufbegehrt, dann frag ich mich, warum das der MB nicht auch getan hat. Die Höhe der Forderung und des Angebots ist ähnlich, aber lieber MB, die meisten Assistenzärzte und Fachärzte pfeifen auf die prozentuale Steigerung. Das bringt uns nicht viel, wenn ihr es nicht schafft, die wirklichen Probleme anzugehen. Und dafür wären wir auch demonstrieren gegangen.  Die einzige Ärztegruppe, die wirklich profitiert hat, sind die langjährigen Ärzte in Weiterbildung ohne Facharztanerkennung. Dafür lohnt es sich jetzt finanziell nicht mehr wirklich, seine Facharztprüfung zu machen (und damit ist uns jetzt als Assistenzärzte ein Druckmittel gegenüber den Arbeitgebern abgeschwächt worden). Achja, eine weitere Gruppe hat profitiert: Die leitenden Oberärzte. Davon gibts ja auch soviele im Land im Vergleich zu den WEiterbildungsassistenten oder Fachärzten. Warum muss so jemand so viel Geld bekommen? Extra eine neue Stufe eingeführt. In einer solchen Position bekommen diese Mitarbeiter in der Regel auch was von den Privatliquidationen ab, an manchen Kliniken gar nicht mal wenig. Dazu die Vortragshonorare etc. pp. Und was vergessen wird: häufig ist in dieser Höhe auch üblich, dass man sein Gehalt selbst verhandelt. Der Abstand zwischen dieser Position und den Oberärzten an sich ist noch größer geworden, mal abgesehen von den Fachärzten und darunter. Der MB feiert das jetzt als Erfolg, aber was ist mit den Forderungen, die das LEben für Weiterbildungsassistenten besser gemacht hätten?

Lieber MB, warum bekommen Oberärzte eigentlich 5 Fortbildungstage bezahlt und die Ärzte in Weiterbildung nur 3??? Habt ihr mal darüber nachgedacht, wie lange ein Ultraschallkurs, Notarztkurs, OP – Kurs oder so etwas geht? Wir nehmen Urlaub dafür, zum Teil unbezahlt… Warum haben Ärzte in Weiterbildung weniger Recht auf bezahlte Fortbildung? Gerade die müssten viel mehr zu irgendwelchen Kursen, die müssen es ja noch lernen. Und die Fortbildungen in der Regel selbst bezahlen. Bei unbezahltem Urlaub ein doppelter Verlust.

Nee, mich wundert es nicht, dass die Weiterbildungsassistenten anfangen von einer Oberarzt-Gewerkschaft zu reden und entweder austreten oder gar nicht erst in den MB eintreten.

Was wir wirklich gewollt hätten, neben der Abschaffung der Fortbildungstage-Ungerechtigkeit - und das steht auch in einigen Leserbriefen in der MB-Zeitung – ist, das der MB mit diesem Stundenabzugs-Irrsinn nach den 24-h-Diensten Schluss macht. Wenn ich laut Gesetz nicht mehr weiterarbeiten darf, dann darf es doch für mich kein finanzieller Nachteil sein, dass ich mich an das Gesetz halte, oder? Wieso kriege ich nach dem Dienst mit der Bewertung 100% das Geld pro Stunde abgezogen, aber wenn ich im Dienst nachts arbeite nur 90% des Stundenlohns bezahlt? Ist meine Arbeit nach 19 Stunden wach sein in einer vollen Notaufnahme weniger wert als wenn ich die 27.Stunde arbeite oder normal arbeite ohne Dienst?
Ja, oder denkt der MB mal drüber nach, ob es richtig ist, dass Leute zu FUnktionsoberärzten ernannt werden und doch nur Facharztentlohnung kriegen. Haben mehr Verantwortung bei gleichem Gehalt, was soll das denn?
Ein weiteres Verhandlungsfeld ist mit Sicherheit die Einführung von Zeiterfassungssystemen. Es steht seit Jahren im Tarifvertrag drin, aber leider hat der MB sowas wie eine Vertragsstrafe vergessen für Häuser, die sich nicht dran halten.
Klasse war die Idee, dass Dienstpläne am Ende des vorvorhergenden Monats klar sein müssen, warum hat der MB sich da nicht durchgesetzt? Die Begründung dass es schwierige Verhandlungen waren, ist ziemlich allgemein gehalten.
Und das mit den Zusatzurlaubstagen bei soundsoviel Nachtstunden… auch da hätte der MB weitermachen müssen, guckt euch verdi und die Krankenschwestern an, die haben bis zu 5 Tage Urlaub mehr pro Jahr und ich finde 24-h-Dienste wiegen genauso schwer wie Schichtdienst.

Und das mit den Pausenzeiten in den Diensten – es gibt nur diese offizielle Sprachregelung von maximal 90% Arbeitsbelastung. Was für ein Schrott… wenn ich die 10% “Freie” Zeit am Ende des Dienstes habe, dann nützt sie mir nichts, wenn ich dann seit dem Mittag davor nichts mehr zu essen bekommen habe und 12 h nicht pinkeln gehen konnte. Wenn der Tarifvertrag Zwangspausen vorschreibt bzw. Zusatzentlohnung wenn nicht erfolgt, dann sind die ARbeitgeber gezwungen, uns besser zu besetzen oder Alternativen zu suchen.

Und eins würde ich mir auch noch wünschen: Kann der MB nicht anfangen, die Arbeitsmedizin für Ärzte zu fördern und nicht nur diesen allgemeinen Slogan von der ÄRztegesundheit zu bringen. Gründet eine Stiftung zu Forschung über die Ärztegesundheit und guckt euch mal an, wie wir nach 10, 20 oder 30 Jahren Diensten aussehen, was die Ehen der Ärzte machen, wieviele von uns bestimmte Krankheiten haben, was man überhaupt noch nach welchen Arbeitsbelastungen machen kann ohne dabei eine bestimmte Fehlerquote zu überschreiten.

Der MB ruft immer auf, dass man sowas hinschreibt, was man verhandlungswürdig empfindet. Hmmm, hab ich mal gemacht, außer ner Antwort, dass man auch nicht wisse, wo man mit meiner Frage hinsolle, dort jedenfalls nicht, hab ich nichts gehört… und es dann sein gelassen.





Assistenzarzt fragt mal was anderes

12 10 2011

“ Was seid ihr in der Facharztprüfung gefragt worden?”

Es gibt eine neue Unterseite in diesem Blog zum Thema Facharztprüfungsfragen. Klickt einfach kurz drauf, ich habe versucht, mein Ansinnen zu erläutern.





Und die Welt steht wieder still

12 03 2011

Mit Fassungslosigkeit sah ich gestern Abend die Nachrichten vom Beben in Japan. Ich fand keine Worte für das, was dort gezeigt wurde.  Jedes Mal, wenn ich Bilder sehe wie gestern Abend oder wie z.B. von Chile, Haiti, Australien, … die Liste ließe sich endlos fortsetzen… dann fehlen mir einfach die Worte. Wir Menschen glauben den Planeten zu beherrschen, doch angesichts derartiger Naturkatastrophen sind wir klein wie Sandkörner und wehrlos wie ein Neugeborenes.

Als sei das fünftschwerste Beben der neueren Geschichte mit einem schweren Tsunami nicht schon Katastrophe genug, so scheint sich auch noch eine zweite Katastrophe anzubahnen: Fukushima. Alles was man bis jetzt sicher weiß, ist dass das Kühlsystem kaputt ist. Was darüber hinaus geht, ist momentan Spekulation. Die einen sagen Kernschmelze, die anderen dementieren. Die Welt ist im Unklaren. Bruchstücke aus dem Erdbeben-Tsunami-Chaos dringen durch: Evakuierungszone von 10 auf 20 km erweitert – macht mich nachdenklich. Eine Kamera filmt eine Explosion eines Reaktorblocks, es bleibt nur ein Stahlbeton-Gerippe zurück auf den wackeligen Bildern. Auch das macht mich nachdenklich. Die IAEA hat zwar einen Live-Ticker, aber gehaltvollere Infos sind auch dort noch nicht zu finden. Ein Journalist berichtet, dass Japan anfange die Ausgabe von Kaliumiodid-Tabletten vorzubereiten. Das bringt mich zum Grübeln.

Für mich steht derzeit nur fest: Selbst ein hochtechnisiertes Land wie Japan ist nicht in der Lage, seine Reaktoren ausreichend gegen Naturkatastrophen zu schützen bzw. mit den Komplikationen der Beschädigung umzugehen, weil alle Reservesysteme versagen. Die Reaktoren in Deutschland sind zum großen Teil nicht wesentlich jünger. Gut, Erdbeben und Tsunamis sind hier nicht so häufig, aber Hochwasser und Überschwemmungen schon und Kernkraftwerke stehen in der Regel an Flüssen wegen der Kühlwasserzufuhr. Und für das “Müllproblem” danach haben wir auch noch keine Lösung, obwohl es ja gut klappt, das Zeug anderer Reaktoren als Lubmin und Rheinsberg momentan still und leise nach Greifswald zu schaffen, obwohl die Zusagen ganz anders lauteten.

Pro-Atomausstieg. Wir brauchen andere Lösungen – für die ”Atomabfälle” und für die Energieversorgung. Wenn ein Windrad umfällt, erschlägt es ein paar Schafe oder erschreckt ein paar Fische. Wenn eine Solaranlage vom Dach rutscht, schepperts ordentlich und verletzt jemanden, wenn man Pech hat. Wenn es einen Unfall in einer Atomanlage gibt, dann trifft es gleich viele und zwar auch dauerhaft und auch die nächsten Generationen. Es muss doch andere und ungefährlichere Lösungen geben. Ich meine, Menschen waren auf dem Mond, wir kriegen jeden Quadratzentimeter dieses Planeten mit Satelliten überwacht und was weiß ich. Es muss doch noch was anderes als Atomkraft geben.  Was würde passieren, wenn man auf jedes Hausdach in Deutschland Solarzellen packt? Gibts hier Experten, die dieses Gedankenspiel mal ausrechnen können?

Jetzt hab ich wahrscheinlich eine endlose Diskussion losgetreten zwischen Pro  und Contra. Aber ich bin Ärztin, ich habe meine Meinung und ich habe was gegen Dinge, die wir bei Unfällen nicht sicher beherrschen und die bei einem Störfall so große Schäden an Umwelt und Menschen anrichten können, die unwiderrufbar sind und uns über Generationen schaden werden.  

Noch ein paar Fakten:

Die Gesamtdosis, die ein normaler Mensch in Deutschland pro Jahr abbekommt (natürliche und zivilisationsbedingte Strahlung) sind knapp 4 mSv.

In der Nähe von Fukushima wurden 1000 MikrosSv pro Stunde gemessen (Angabe bei tagesschau.de gefunden), das sind 1 mSv pro Stunde, macht 24 mSv am Tag. Heißt, die Menschen dort in der Nähe des Reaktors sind am Tag der Dosis ausgesetzt, die wir in Deutschland in 6 Jahren abbekommen.

Jemand, der beruflich strahlenexponiert wird, wird allein schon beim Verdacht, dass er im Jahr 50 mSv abbekommen haben könnte, genauer untersucht und alles gecheckt und gemeldet etc. In einem Berufsleben darf jemand maximal 400 mSv abbekommen.

Bleibt die Strahlung in der Nähe von Fukushima so hoch und halten sich dort Menschen länger auf, haben sie nach knapp 17 Tagen diese Dosis weg.

Aber: wir wissen eigentlich außer dieser einen Zahl nicht viel von dem, was sich gerade dort abspielt. Lasst uns für die Menschen dort das Beste hoffen.





Kinder als Krankenhausbesucher

9 12 2010

Mich schüttelts ja immer, wenn ich sehe, wie Besucher kleine Kinder im Kinderwagen oder Buggy auf die Stationen zerren. Das hab ich glaube ich auch schon mal irgendwann in diesem Blog geschrieben. 

Ich kann verstehen, wenn es ein Besuch von Mama oder Papa ist. Ich kann auch verstehen, wenn man Oma oder Opa besucht und Enkelchen Freude bringen soll. Ich kann aber nicht verstehen, warum nur etwa 1% der Besucherfamilien vorher mal fragt, ob das ok geht, wenn sie so einen Mini-Zwerg auf eine Station oder ins Krankenzimmer mitnehmen. Diese 1% sind in der Regel diejenigen, die entweder aus der Branche kommen oder aber, die schonmal was von Krankenhauskeimen gehört haben und dass diese für kleine Kinder gefährlich sind. Den anderen ist es schlicht egal. Der kalte Schauer überläuft mich, wenn ich sehe, dass solche Minis gar mit in Isolations-Zimmer genommen werden – egal was da drin ist. Naja, eine einzige Ausnahme gibts wohl – vor der Tuberkulose hat man immer noch Respekt. Tja, und weil die Iso-Materialien wie Kittel und Handschuhe für Kinder nicht passend sind, werden sie oftmals so mit reingenommen. Mama und Papa gut verhüllt, Junior frei und angreifbar. Gibts halt abends noch ne Vitamin C-Tablette. Ich verstehs nicht…

Die Haare zu Berge stehen mir immer wieder, wenn ich sehe, dass Krabbelkinder über den Krankenhausfußboden krabbeln gelassen werden. Jeder Supermarkt oder Linienbus wäre hygienischer. Ja, es kommt vor, dass Tupfer, Tropfen von Körperflüssigkeiten oder aus Infusionen, Blutzuckerteststreifen, Tabletten oder ähnliche Dinge den Weg auf den Boden finden und nicht sofort beseitigt werden, weil sie nicht sofort entdeckt werden. Wenn Mini der erste ist und die Hand in den Mund geht… *bueähh… schüttel*

Andersrum sind nicht nur die Minis von den Krankenhauskeimen bedroht, sondern können (und sie tun es auch) Erreger aus Kindertagesstätten einschleppen, die in der Regel nicht ganz ohne sind.

Zusammenfassend möchte ich angesichts der drohenden Feiertage mit ebenso drohenden Einfällen familiärer Horden in Krankenhäusern zu Bedenken geben: Es ist auf internistischen und allgemeinchirurgischen Stationen sehr selten gut, wenn kleinere Kinder als Besucher mitgenommen werden, weil:

  • in Krankenhäusern MRSA, VRE, ESBL, Pseudomonaden und allerlei anderes antibiotisch angeschossenes bakterielles an Lebewesen zuhause ist und Kinder sich sowas schneller aufsacken, weil sie überall anfassen, die Hände schnell im Mund sind, etc.
  • dort auch andere Patienten liegen, die zum Teil an Infektionen erkrankt sind, die jedweder Art sein können und das steht nicht am Bett dran als Warnung. Das fängt bei Lungenentzündung an und hört bei fiesen Wundinfektionen auf.
  • die Kinder selbst oftmals virale Erreger in sich tragen, die bei Oma oder Opa zu einer akuten Infektion führen können, was dann zu einer Verschlechterung bei denen führen kann – egal ob onkologisch krank oder kardiologisch ist egal! Atemwegsinfekte können z.B. Narkosen verhindern oder gerade dann zu Pneumonien führen. 
  • schwer kranke Patienten können Kinder erschrecken oder verunsichern – z.B. verwirrte Familienangehörige oder jemand mit schwerer Luftnot, etlichen Schläuchen etc.

Zudem gilt immer noch wie auch vor 50 oder 100 Jahren für alle, nicht nur für die Minis:

  • Isolations-Zimmer heißen so, weil man jemanden isolieren will, weil er entweder ansteckend ist oder nicht von anderen angesteckt werden soll (Stichwort Chemotherapie). Wer in ein Isolationszimmer geht, muss die entsprechenden Regeln einhalten wie Mundschutz, Kittel, Handschuhe. Das gilt auch für Kinder. Und nein, es gibt keinen Mundschutz in Baby-Größe für Besucher, nicht, weil die Krankenhäuser sparen wollen, sondern weil Kinder nicht in diese Zimmer sollen! Wer ohne Verhüllungs-Kluft in solche Zimmer geht, handelt grob fahrlässig. Entweder riskiert er eine Ansteckung seiner eigenen Person und damit, zum Spreader (Indikator-Person) für eine kleinere Epidemie zu werden (Familie und Unbeteiligte!) oder aber er schleppt Erreger zu Patienten, deren Immunsystem platt gemacht wurde z.B. durch eine Chemotherapie und damit, dass derjenige gefährlich erkrankt und z.B. sogar an einer Influenza sterben kann.
  • Krankenhäuser sind keine Rennstrecken für gelangweilte Kinder. Es ist nicht lustig, wenn sie zwischen Tropfständern fange spielen oder jede Tür aufmachen. Auch nicht, wenn sie dem Personal vor die Füße laufen. Eine Katastrophe, wenn sie Patienten, die nicht richtig laufen können, zu Fall bringen. In Krankenhäusern hebt man nichts vom Fußboden auf und krabbelt nicht auf ihm herum.
  • Kranke Besucher mit Infekten egal welcher Art haben im Krankenhaus nichts zu suchen. Angehörige, die man mag, steckt man nicht noch zusätzlich an, wenn sie ohnehin schon krank sind. Außer man will erben.
  • Kaffee steht für Patienten auf den Depots, nicht um mit einer Großfamilie eine Kaffeerunde zu machen.

Das mag alles sehr hart und starr klingen, aber es steht ein Sinn dahinter.

Empfehlen kann ich für alle Krankenhausbesucher mit Kindern:

  • Ruft vorher an und erkundigt euch, ob es überhaupt ratsam ist, wenn ihr Kinder (Altersangabe) mitbringt in das Patientenzimmer.
  • Wenn der zu Besuchende in einem Isolationszimmer liegt, lasst die Kinder zuhause oder mit einem Familienangehörigen eine Runde durch den Park drehen, Schneemann bauen, was auch immer.
  • Wenn Kinder dabei sind, ist es meist günstiger in die Cafeteria / Bistro oder in die Wartebereiche / Sitzecken zu gehen, als in einem verkeimten, stickigen Patientenzimmer zu  bleiben, wo andere vielleicht husten, aus Wunden sezernieren, erbrechen, verwirrt sind, ihre Ausscheidungen nicht kontrollieren können, viele Schläuche oder piepsende Geräte stehen.
  • Auf Intensivstationen oder Wachstationen sollten Kinder nicht mitgenommen werden, bis sie verstehen, warum jemand dort behandelt werden muss und was dort passiert.
  • Nehmt den Kindern was zum Malen, Spielen, Lesen, wie auch immer mit und plant ein, dass sich eine Person auch um die Unterhaltung der Sprößlinge kümmert, denen wird schnell langweilig. “Antiautoritär erzogene” Besucher-Kinder sind für das Personal ein Alptraum. Ein Mindestmaß an Benehmen und Hören auf die Eltern sollte funktionieren. Und wir scheuen als Personal nicht, in der Visite den Patienten auf die Familie anzusprechen und auch mitzuteilen, wenn es anschließend  Beschwerden über Angehörige gab (i.d.R. Lärm, Toben, sich am Patientenkaffee zu bedienen), denn die fallen letztlich auf das Krankenhaus zurück – und das kann nichts für die Erziehung fremder Kinder.
  • Wenn Desinfektionsmittelspender an den Stationseingängen stehen, dann benutzt sie bitte auch, wenn ihr kommt und wenn ihr geht. Sie sind dafür gedacht, dass sich die Leute, die auf die Station kommen, die Hände desinfizieren – Personal wie Besucher und Patienten. In den Zimmern hängen auch Spender, niemand vom Personal wird was dagegen sagen, wenn sich Angehörige die Hände desinfizieren.

Versteht mich nicht falsch. Die meisten, die das hier lesen, würden wahrscheinlich nie auf die Idee kommen, angesprochene Beispiele tatsächlich so auszuleben. Wenn ich dagegen die aktuellen Besucher meiner Station einschätzen sollte, könnte  / müsste  ich sagen: 50% haben von derlei Dingen nie was gehört, auch wenn die Patienten schon öfter bei uns waren. Ich  habe es mich mehrfach gewagt, Familien mit Kleinkindern auf die Infektionsrisiken hinzuweisen, ich hatte das Gefühl, ich rede japanisch. Ich habe es mich auch erdreistet, tobene Kinder freundlich zur Ruhe zu bitten und ihnen sogar was zum Malen gegeben, weil dieser Lärm jedes Telefonat unmöglich machte. Aber die antiautoritäre Erziehung war stärker. Ich habe Kinder davon abgehalten auf Tropfständern herumzuturnen, aber die Eltern nicht gefunden. Und ich habe Löcher in die Wand gestaunt, als ich darauf hinwies, Opas Verband (durchgesuppt ohne Ende) nicht anzufassen und von Mutti zu hören bekam “Wieso, zuhause macht er das doch auch.” Frage mich heute noch, was mich davon abhielt, ihr eine Kopie des Antibiogramms des Wundabstrichs zu geben. Wenn die Kinder so sind, wie sind dann erst die Eltern?

Die Advents- und Weihnachtszeit ist die Zeit der Familie. Das merken wir an den Besucherströmen. Die Zeiten sind heutzutage viel liberaler als früher. Da war es so, dass Kinder unter 12 gar nicht ins Krankenhaus als Besucher durften und beim Pförtner in einer Reihe saßen bis sie abgeholt wurden. Besuchszeiten wurden durch dragonische Krankenschwestern mit militärischem Drill kontrolliert. Liberaler heißt aber nicht nur, dass mehr erlaubt ist, sondern auch,  dass man davon ausgeht, dass die Menschen mit einer gewissen Verantwortung damit umgehen. Leider haben es noch nicht alle begriffen.

Tja, und nun gings doch nicht nur um Kinder als Krankenhausbesucher und ich habe mich wieder mal in den Alltagsproblemen verloren…





Wir…

30 11 2010

“Wir machen das dann mal so…”

übersetzt für Assistenzärzte: Pech gehabt. Dein Gegenüber (= Auftraggeber) ist dann mal eben weg. Sieh zu, dass du das irgendwie alleine hinbekommst, denn du hast das ganze jetzt an der Backe, ob du willst oder nicht. Hilfe brauchst du gar nicht erst erwarten, du kriegst sie sowieso nicht, deine gleichrangigen Kollegen haben grad was viel wichtigeres zu tun (denk aber beim nächsten Mal dran, wenn die dich fragen). Anrufen und nachfragen vergiss besser auch gleich, außer du willst Antworten kriegen, die deine Laune noch schlechter werden lassen und dich zum Prellbock subpositiver Emotionen machen. Vergiss nicht, da will jemand Ergebnisse sehen. Aber es ist völlig egal, wie du dorthin kommst, da fragt sowieso keiner nach. Kurz zusammengefasst: Schaffe eine Lösung, die jemand anderes nicht hinbekommt, bringe die Mission impossible erfolgreich zuende, aber beklag dich nicht, mach was dir gesagt wurde, vergiss was eine Frage ist und rechne damit, dass jemand anderes die Lorbeeren dafür kriegt und du … nichts. Naja, allenfalls noch eine Bemerkung, die dich vielleicht kränkt, weil du mehr was erwartet hättest wie “toll gemacht”.  Sie würden dich nicht fragen, wenn sie selbst eine Lösung hätten, also spar dir das Grübeln, warum es dich trifft. Manchmal brauchts halt kreative Leute, die duldsam die Klappe halten – wie dich eben. Haftung? Na sicher, das ist das was deine Schuhe mit ihrem Profil auf dem Fußboden machen. Facharztstandard – nur eine neue Tanzform, nicht gewußt? Ach und nebenbei – es wäre schön, wenn die Patientenzahl am Abend nur durch Entlassungen nach Hause oder Verlegungen auf andere Stationen dezimiert ist.

Es ist eben alles nur eine Frage der Definition.





Warum Wissenschaft einen schaffen kann

26 11 2010

Je länger ich in der Medizin bin, um so mehr bekomme ich mit. Das würde ich normal nennen. Früher… also als ich noch jung und voller Illusionen war (heute bin ich jung, aber das mit den Illusionen…), da hab ich den Leuten geglaubt, die an der Uni in den Vorlesungen immer geschwärmt haben, wie toll das wissenschaftliche Arbeiten ist und dass man nur ein guter Arzt ist, wenn man auch gleichzeitig Publikationen schreibt und forscht, Studien macht und eigentlich die Medizin lebt. Ich habe in mich aufgesogen, dass man seinen beruflichen Wert am Impact-Factor ablesen kann, dass alle die das nicht glauben, Verlierer sind weil sie es nie gepackt haben in guten Journals zu landen, dass man nur an “kleineren” Krankenhäusern (Definition in deren Sprache =alles was nicht Uni ist) arbeitet, wenn man nicht das Zeug dazu hat an einer Uni zu arbeiten und forschen und dass das dort sowieso alles Deppen sind und wirklich wissenschaftlich und leitliniengerecht nur an der Uni gearbeitet wird. Ja, und ein richtiger Arzt lebt die Medizin und tut all das und handelt nach diesen Grundsätzen.

Ich wollte das auch.

…Ich war so doof. Nein, mehr naiv und unwissend.

So wie die meisten Studenten und Anfänger. Ich habe das wirklich geglaubt. Heute denke ich, dass ich aufgrund meiner Naivität als Student und Anfänger ein leichtes Zielobjekt für derartige Sprüche war, die eigentlich nur dazu dienen sollten, Laborsklaven und billige Doktoranden anzuwerben. Ich denke außerdem, dass Leute, die derartige Ansichten äußern – in Vorlesungen oder in Abteilungen in Studentenpraktika oder gegenüber Famulanten und PJlern – bestraft werden müssten.  Klar, wir haben Meinungsfreiheit. Doch wenn ich mich an meine Zeit an einer Universitätsklinik erinnere, dann hieß es egal in welcher Fachrichtung oder Klinik man war “Ach, der war ja da und da… kein Wunder, die haben ja sowieso keine Ahnung dort. Was für ein Glück, dass der Patient bei uns ist.” So oder so ähnlich, davon gibts abertausende Variationen. Wenn du Famulant oder PJ bist, dann glaubst du das oftmals.

Inzwischen habe ich verschiedene Kliniken gesehen. Darunter waren welche, wo ich sage, ein wenig mehr Handeln nach Leitlinien wäre nicht schlecht. Etwas mehr Fortbildungen auch nicht. Und bestimmte Therapien sind schon seit 20 Jahren out. Es sind aber auch Kliniken darunter, wo ich erlebt habe, dass bessere Medizin als an einer Uni gemacht wird und wo man ganz klar mitbekommt / bekam, welche Fehltritte man sich an Unis leistet oder dass z.B. manche Dinge an einer Uni noch nicht gemacht werden, die eigentlich schon etabliert sind. Die kochen auch nur mit Wasser. Ich habe ganz klar gemerkt, dass die oben beschriebene Haltung, die ich als Student an der Uni eingetrichtert bekam, schlicht falsch ist. Ich habe auch gesehen, dass PJler, die ihre Tertiale nicht an den Unis machen, derartig engstirnige Haltungen nicht eingetrichtert bekommen haben.

Tja, und dann ist da ja noch diese Nummer mit den Publikationen, den Impact-Faktoren und den Doktorarbeiten. Über Doktorarbeiten habe ich ja schon geschrieben in diesem Blog. Ein leidiges Thema und ein nie enden wollendes dazu. Leugnen lässt sich nicht, dass Medizinstudenten, die schon ihre Dissertation beginnen, in der Regel nur als billige Laborknechte oder kostenlose Datenproduzenten ausgenutzt werden. Sie sammeln Daten aus Akten oder pipettieren Monate im Labor. Bei prospektiven Studien organisieren sie vieles, untersuchen Patienten oder haben das Pech, dabei auf völlig überarbeitete und genervte Ärzte auf den Stationen angewiesen zu sein, deren letztes Interesse es ist, noch mehr Arbeit und Papierkram zu haben und einen Patienten in irgendeine Studie einzuschließen. Und sie werden übers Ohr gehauen. Die ganze Arbeit wird meist nicht vergütet. Sie sind oftmals von etlichen Leuten abhängig, die entweder kein Interesse daran haben oder völlig überarbeitet sind. Dann quälen sie sich meist ohne richtige Anleitung durch die Datenerfassung oder die Laborzeit, versuchen dann ohne wirkliche Praxiserfahrung über fachliche Themen zu schreiben und irgendwie herauszubekommen, welche Publikation man zitieren kann und sollte oder welche nicht. Am Ende steht ein Manuskript und dann folgt der nächste Abschnitt, der oftmals nicht von sonderlich viel Glück beschieden ist. Derjenige, der das Manuskript lesen soll, hat entweder keine Zeit, keine Lust oder keine Ahnung. Nach oft quälenden Jahren und der Entwicklung von tiefsitzendem Hass, auf alles was mit Dokt… anfängt, gelingt es irgendwie das Projekt doch noch zu beenden. Es kommt zur Publikation in einem Journal. Und dann staunt der Doktorand nochmals Bauklötze: Wer da so außer ihm plötzlich noch alles in der Autorenliste steht… da muss dann auch noch Herr Müller-Schulze rein, weil der braucht noch eine Publikation und Frau Süßholz-Raspel hat auch noch das Bedürfnis mit draufzustehen, schließlich hat sie mal einen der Patienten auf Station gesehen, im Vorbeigehen und sogar gegrüßt. Und am Ende kann der Doktorand froh sein, wenn er in der Publikation, die er meist auch noch ganz allein geschrieben hat in mehreren durchgearbeiteten Wochenenden oder Nächten, auch noch tatsächlich mit drin steht. Das ist dann echtes wissenschaftliches Arbeiten. Die Phrase kommt aus dem indianischen glaube ich und heißt in der Übersetzung: Einer macht und alle anderen schreiben ihre Namen auf die Publikation.

Natürlich lauern an allen Abschnitten des erstmaligen wissenschaftlichen Arbeitens Fallen. Fallen, die man als naives Dummchen mit Studentenausweis überhaupt nicht kennt, außer man hat Freunde, die schon Ärzte sind und die Branche tagtäglich erleben. Zum Beispiel sehr beliebt ist, dass nur kleine Fallzahlen von Patienten vorhanden sind, das Thema aber publikationsfähig (wenn auch nur gerade so). Dann wird dem Doktoranden gesagt:  ”…das macht nichts, das ist so und das sind locker ausreichende Patientenzahlen.” Oder aber: “Ist bloß einmal anrufen und nachuntersuchen, also total easy.” Was nicht gesagt wird, ist dass meist nichtmal die Fahrtkosten für die Patienten rückerstattet gibt oder aber die meisten irgendwo weit draußen wohnen, wo sich Fuchs und Has… Oder aber die Patienten wollen gar nicht, weil sie z.B. mit dem OP-Ergebnis, das man mit der Doktorarbeit als supertoll belegen soll, überhaupt nicht zufrieden sind. Da kann eine stattliche Zahl von Kandidaten plötzlich nur noch eine Hand voll sein. Auch das so leicht anmutende Akten auswerten birgt eine Menge Fallen. Meist sind die benötigten Akten sowieso nicht da. Dann will man Daten rausziehen und es steht einfach nichts dazu drin. Da hat der Patient die passende Krankheit oder Therapie und nichts ist dokumentiert. Oder es fehlt die Hälfte der Werte, die man braucht. Sowas kann die auswertbare Zahl auf ein Minimum reduzieren. An der Stelle frage ich ernsthaft mal, wie manche retrospektive Untersuchungen ihre Daten so perfekt hinbekommen haben. Ich denke, sowas geht praktisch gar nicht wirklich.  Die Laborratten unter den Doktoranden sind auch nicht besser dran. Sie arbeiten andere Dinge oft umsonst mit oder haben das Pech, nicht an die benötigten Geräte ranzukommen. Oder es fehlt die Einweisung…  oder das Material (wenns z.B. OP-Präparate sind) wie auch immer… Beliebt ist auch die Methode, einen Doktoranden auf eine Studie anzusetzen, wo frische Präparate gebraucht werden, die nicht immer verfügbar sind. Da für solche Aktionen, die durchaus gerne spontan nach Patientenverfügbarkeit am Wochenende oder in der Nacht passieren können, setzen die Chefs ungern ihre eigenen Leute auf sowas an. Dafür gibts Doktoranden.

Später im richtigen Arztleben wirds auch nicht besser. “…dass man nur ein guter Arzt ist, wenn man auch gleichzeitig Publikationen schreibt und forscht, Studien macht…” hab ich oben geschrieben. Es gibt keine guten Ärzte, die auch gleichzeitig perfekte Forscher sind und Hammer-Publikationen schreiben. Entweder ist man ein guter Kliniker oder aber man kann gut forschen. Beides geht nicht, das ist die Quadratur des Kreises. Man kann nur ein Gebiet toll können, weil für das andere keine Zeit mehr bleibt. Wer immer mit Patienten zu tun hat und als Arzt auf einer Station arbeitet und sein Handwerk versteht, der ist kein Forschertyp. Und Forscher, die ab und an mal aus dem Labor rauskommen, weil sie mal für den Facharzt auf Station arbeiten müssen, sind eine Strafe für alle anderen – Kollegen und Patienten, denn sie haben kein praktisches Können am Patienten und oftmals fehlt ihnen Empathie und die “emotionale Intelligenz” im Umgang mit kranken Menschen. Es ist eine Lüge,  dieser  Satz von oben. Aber wenn mans erkennt, ist man meist schon im Job.

Diese Sache mit den Publikationen… was soll ich sagen… nach mehreren Jahren im Job weiß ich soviel, dass ich es Geldverschwendung finden sollte, eine Fachzeitschrift zu abonnieren. Ich weiß auch nicht mehr so recht, was ich glauben soll. Das hab ich in anderen Postings ja schon gesagt. Tja, was ist denn wissenschaftlich an der gängigen Praxis, dass ein oder zwei Leute sich den Allerwertesten aufreißen und Daten zusammentragen (ob nun Akten, prospektive Patientenstudie oder Labor) und dann auch noch die Publikation für die Fachzeitschrift schreiben  und dann von den Chefs gesagt bekommen, wer auf dem Paper noch alles mit draufstehen soll. Ach der noch und der müsste auch noch, weil… Leute, die nie was damit zu tun hatten oder allenfalls marginal.

Manchmal stehen fachfremde drauf, einfach weil jemand jemanden kannte, der im Editor board eines Journals sitzt und wenn der erscheint, dann gehts bei den anderen Editoren leichter durch. Man mag sich halt und geht samstags auch mal golfen…

Diese Editor boards… ist mal jemandem aufgefallen, dass zwar die Autoren angeben müssen, ob sie in irgendeiner Form Beziehungen zur Pharmalandschaft haben, aber nie irgendwo steht, wer im Editor board sitzt und ob die nicht auch Beziehungen dazu haben? Ich finde, als Leser habe ich ein Recht darauf zu wissen, wer diesen Beitrag angenommen hat und ob er vielleicht von der Firma XY, um deren Medikament es geht (oder um ein Konkurrenzprodukt) auch eine Studie finanziert kriegt. So wie strappato es in seinem Blog gezeigt hat mit den Leitlinienkommissionen… es ist beispielhaft, wie vergesslich manche Leute sind.

Diese Editor boards haben eine unglaubliche Macht in der Medizin. Sie entscheiden, was in Journals erscheint und was nicht und damit auch, welche Richtung die wissenschaftliche Entwicklung nimmt und welche Beiträge Leitlinien zitieren können. Ja, das ist fast grenzenlose Macht. Doch oftmals ist es schwierig rauszukriegen, wer dort drin sitzt, weil damit keiner hausieren geht, denn dann könnte ja jeder anrufen, um mal drüber zu reden…. Ich habe auf den Internetseiten deutscher Fachzeitschriften gesucht und nichts gefunden, vielleicht war ich auch zu blöd. Für Links wäre ich dankbar.  Und es macht es leichter, wenn man dort jemanden kennt aus so einem Editor board bzw. schwerer, wenns nicht so ist. Hat sich mal jemand gefragt, ob die Leute, die extrem viel in Publikationen erscheinen, auch in Editor boards sitzen und wer in den Editor boards sitzt, die diese ganzen Arbeiten haben durchgehen lassen?

Es gibt da zum Beispiel die Geschichte, wer als erster den Erreger der HIV-Infektion entdeckt hat. Da ist mal rausgekommen, wie es für gewöhnlich läuft. Wenn ich mir das so durch den Kopf gehen lasse, dann schätze ich, dass bestimmt viele gute Publikationen oder welche zu spannenden und neuen Themen abgelehnt werden und dann später plötzlich in einem gut dotierten Journal etwas dazu erscheint und jemand anderes irgendwo in dieser Welt jault auf und sagt “Das hab ich doch schon vor 2 Jahren eingereicht, aber keiner wollts haben”.  Das habe ich in meiner Umgebung schon erlebt. Da stellt man sich schon Fragen, wie die Welt und diese Publikationsmaschinerie eigentlich funktioniert. Ich halte sowas nicht für Schicksal oder Pech, aber ich glaube zuweilen auch an Verschwörungstheorien.

Tja, ich denke gerade darüber nach, wie manche Leute zu ihren Impact-Faktoren kommen…  Und ich muss ganz klar dem wiedersprechen, was auch ständig in Unis erzählt wird, nämlich dass man die Qualität eines Arztes an seinem Impact-Faktor ablesen kann. Humbug. Manchmal hab ich fast das Gefühl, es wäre genau umgekehrt. Wie gesagt, es gibt Kliniker und Forscher. Und es gibt eine Menge verdammt guter Ärzte, von denen ich mich behandeln lassen würde, die nie publiziert haben, aber dafür wissen, was sie tun müssen, um Leben zu retten, Gesundheit zu erhalten oder wieder herzustellen, die goldene Hände haben oder einen sagenhaften Grips zum nachdenken und die anpacken können und deren Qualität nicht an Impact-Faktoren zu messen ist.

Schafft diese Art von Wissenschaft tatsächlich Wissen?

Ich würde mir wünschen, dass die Editor boards ganz offen im Internet für jeden frei einsehbar sind. Wer für ein Journal eingehende Beiträge durchsieht, bewertet und entscheidet, was erscheint, der kann auch dazu stehen, wer er ist, was er macht, warum er befähigt ist für diese Aufgabe und warum er einen Beitrag abgelehnt hat oder einen anderen angenommen hat. Und ich finde, für den gelten die gleichen Richtlinien wie für Autoren: Offenlegung ob und in welcher Form Beziehungen zur Pharmaindustrie bestehen. Und ich wünsche mir, dass bei jedem Beitrag erscheint, welche Editoren ihn ausgewählt haben und im Internet auf der Seite des Journals bei der jeweiligen Ausgabe als freetext 3 Sätze stehen, warum sie finden, dass diese Arbeit eine Publikation in dem Journal wert ist.

Und einen weiteren Wunsch habe ich: Eine Art WikiMedicalPublishing oder so, wo jeder approbierte Arzt seine Arbeit kostenfrei hinschicken kann, 3 Editoren aus der Fachrichtung unabhängig voneinander bewerten nach wissenschaftlichen Kriterien (z.B. ob randomisiert, retrospektiv, prospektiv, Fallzahl, etc.), was sie davon halten und die Arbeit garantiert online erscheint (wenn sie Kriterien erfüllt wie Angabe der Autoren, Klinik bzw. Praxis, Finanzierung, etc. )  in der Datenbank abrufbar ist, die Editoren und ihre Einschätzungen erscheinen und jeder registrierte Arzt das Recht hat, seine Meinung dazu zu schreiben, wenn er sie fachlich ausreichend begründen kann und zwar unter seinem richtigen Namen (Nicknames verleiten oft zur Verunglimpfung und Quatschpostings). Natürlich brauchts eine eindeutige Identifizierung der Autoren, um Scharlatane rauszuhalten (also definitiv mit Anmeldung) und Moderatoren, die doch eine gewisse Zensur ausüben, um Probleme zu vermeiden, quasi als Qualitätssicherung. Ich wäre gespannt, welche Arbeiten da zutage treten, die heute nicht in die Journals gelangen, aber überaus interessant und inspirierend sind und wie dann wohl das Verhältnis der Namen bei den Publikationen wäre…  Aber das ist Utopie. Wer soll sowas machen und unterhalten… ?

All das, was ich früher zu diesen Themen in der Uni gehört habe (s.o.), was uns als das richtige verkauft wurde und als das Nonplusultra dargestellt… nach all den Jahren hab ich ein wenig an Naivität verloren und etwas an Erkenntnissen gewonnen. Es ist teilweise ernüchternd, manchmal erhellend, aber auch manchmal erschreckend und desillusionierend, was man so mitbekommt, aber es ist bestimmt nicht alles, eher nur die Spitze eines Eisbergs  und die Wahrheit liegt irgendwo da draußen in den endlosen Weiten des Landes Dunkelmedizin, in dem die Krieger des Lichts durch die Nacht reiten und nach dem Licht der Dämmerung suchen, die Erleuchtung verspricht…





Dauerthema Interessenkonflikt

28 10 2010

Ein Dauerbrenner-Thema in der Medizin ist das Wort “Interessenkonflikt”.

Für die Medizin-Laien: Ein Interessenkonflikt ist zum Beispiel, wenn der hochdotierte Professor XY, von Patienten geliebt, von seinen Lakaien Studienknechten   Mitarbeitern verehrt, in einem Journal – egal ob MMW, DMW, Internist, Orthopäde, Zentralblatt für sonstwas oder Lancet – einen tollen Artikel zur Therapie von der Krankheit ABC  veröffentlicht und darin zum Beispiel das Medikament Z richtig gut findet und das auch dort schreibt, das Medikament Q aber gar nicht erwähnt, obwohl es in der Therapie etabliert ist. Für alle, die sich bilden wollen mit so einem Artikel, ist klar: Medikament Z ist das, was die eigenen Patienten kriegen, denn es das richtige und beste, schließlich hat es ja die Arbeitsgruppe um Professor XY so gesagt. Unerwähnt oder vergessen bleibt manchmal, dass der Hersteller des Medikaments Z Professor XY kürzlich auf Vorträge in schicken Städten eingeladen hat mit Übernachtung, schönem Salär und Abendprogramm und ihm nebenbei für die Durchführung einer Studie eine Drittmittelstelle finanziert. Das ist dann ein Interessenkonflikt: Schreib was schickes, aber bevorteile niemanden vs. kriege Vorteile von jemandem über den du schreibst. Weil manchmal selbst der edelste Mediziner solchen Einflüssen gegenüber seine Objektivität höher einschätzt als sie tatsächlich ist, haben die Journals die Regel, dass derartige Interessenkonflikte veröffentlicht werden müssen, damit der bildungswillige Leser in seiner Meinungsbildung nicht entmündigt wird und sich seinen Reim drauf machen kann, wenn Medikament XY über den Klee gelobt wird.

Noch interessanter wird die Sachlage, wenn Professor XY in die Leitlinienkommission seiner Fachgesellschaft gewählt wird und plötzlich das Medikament Z viel weiter oben erscheint als vorher. Die Ärzte aus dem Fachgebiet lesen diese Leitlinien und sind verpflichtet danach zu handeln, ja man kann sogar Ärger kriegen, wenn man es nicht tut. Weil eben alle solche Leitlinien lesen, sollten sie (hach, der Konjunktiv) unabhängig sein, von unabhängigen Experten nach bestem Fachwissen zusammengestellt. Wann ist man unabhängig? Wenn man nichts mit der Pharmaindustrie zu tun hat. Und deswegen steht das auch immer da, so wie Professor XY selbstverständlich auch hinschreibt, er habe mit keinem Pharmariesen was zu tun. Aber Moment mal, er hat doch aber… das mit den Vorträgen und so… Richtig verstanden: Ein Interessenkonflikt.  Natürlich kann es sein, dass Medikament Z einfach überzeugend gut ist. Aber dann bräuchte Professor XY sich ja nicht zu schämen und könnte schreiben, dass er vom Hersteller des Medikaments Z Vortragshonorare und Studienzuwendungen erhält.

Für die Pharmaindustrie ist so jemand wie Professor XY hoch interessant. Er ist das, was in diesen Kreisen Multiplikator oder Meinungsbildner genannt wird. Das heißt, was er sagt, glauben viele, weil er seinen Ruf bisher noch nicht beschmutzt hat durch unethisches Verhalten oder es die Leute zumindest glauben, dass es so wäre. Da kann man ihn gut Vorträge und Studien machen lassen. Besonders gut funktioniert das natürlich, wenn er bei Publikationen zum Medikament Z plötzlich Amnesie bekommt, was die Vortragshonorare angeht oder die Studien, für deren Durchführung er finanzielle Unterstützung in gehobenem Rahmen erhält.  

Ein reales Beispiel hat strappato in seinem Blog erwähnt: Demenzleitlinien, oder lieber Leid-Linien?

Ich krieg grad sich aufdrängende Gedankenschübe mit Worten wie Avandia, Rimonabant oder alte Hochdruckleitlinien der WHO.

Es gibt übrigens auch ein sehr lesenswertes Buch zum Thema von Hans Weiss. Es heißt “Korrupte Medizin”.
Die abgeklärten Blogger, die hier ab und an mitlesen, wissen dass ich in manchen Punkten etwas naiv bin bzw. ich noch nicht einen generalisierten Hass auf die Medizinbranche entwickelt habe, wie andere. Ich versuche immer noch irgendwie ein anständiger Arzt zu werden, was auch immer das bedeutet. Ich habe auch keine Lust, mich meine noch verbliebenen Ideale, es werden immer weniger, durch noch mehr Befassen mit der Gesundheitswesen-Talfahrt, zu zerstören. Von manchen Schweinereien Pannen und Fehlentwicklungen möchte ich am besten gar nichts wissen, weil ich sonst wohl zu dem Schluss kommen würde, dass wir Ärzte zum großen Teil keine halben Götter sind sondern eher halbe Portionen aus der überheizten Kelleretage.  Aber als mir jemand dieses Buch empfahl, wollte ich eigentlich nur wissen, was denn nun eigentlich die Wahrheit ist und hatte mich getraut, die Frage öffentlich in einer Chefvisite zu stellen. Kann ich dem, was in den Leitlinien steht trauen oder dem was in den Journals steht? Wenn öfter mal Medikamente nach einigen Jahren vom Markt verschwinden, ist dann nicht irgendwas falsch gelaufen und wieso ging das eigentlich?

Nun ja, die Wahrheit gefunden habe ich nicht. Nur die Erkenntnis gewonnen, dass ich mich noch mehr frage als zuvor, wem und was ich denn nun trauen kann. Ich will nach bestem Wissen und Gewissen handeln für meine Patienten. Aber kann ich das, wenn ich mich an die Leitlinien halte tatsächlich? Sind Leitlinien das, wofür sie stehen?

Beispiel Diabetes: Avandia fliegt in den USA vom Markt demnächst. Und die europäische Zulassungsbehörde erwägt ähnliches. Der Hersteller hatte Amnesie was Studiendaten anging. Er wurde aufgrund einer völlig anderen Klage gezwungen, Studiendaten online zu stellen. Ein paar Leute sahen sich das an und begannen eine Studie zu machen, die bestätigte, dass eine drastisch höhere Rate an Herzinfarkten unter Avandia zu erwarten ist und auch eine auffällig höhere Raten an Herzinsuffizienzen. Das Thema ging durch die Fachpresse und durch die Ärzte-Postillen, durch den Spiegel und Focus und man sollte meinen, es hätte jeder mitbekommen. Wieso stellt sich dann die Deutsche Diabetes Gesellschaft hin und tönt, sie hält es immer noch für ein brauchbares Medikament? Wofür brauchbar frag ich mich – für “sozialverträgliches Frühableben”? Klar senkt es den Zucker, dann kann man zumindest sagen: “Schade, so früh ein Herzinfarkt, aber wenigstens hatte er einen Top-HbA1c!”   Wenn es in der Presse so gut wie überall zu lesen war, wieso gibt es Hausärzte die gerade jetzt noch Patienten neu darauf einstellen? Das bittere ist, das war kein Einzelfall in den letzten Wochen.

Ich will nicht behaupten, dass andere Antidiabetika besser sind, das kann ich schlichtweg nicht, weil ich mich frage, welche Überraschungen uns möglicherweise in den nächsten Jahren noch erwarten. Ich habe ein- oder zwei Kandidaten, die mein Misstrauen erwecken, weil sie so massiv beworben werden. Ich will aber niemanden zu unrecht unter einen Generalverdacht stellen, nur weil die PR-Abteilung des Herstellers MediaMarkt-Strategen blass aussehen lässt.

Nach der Lektüre des genannten Buches von Hans Weiss habe ich es selbst ausprobiert. Ich war bei Pharma-gesponsorten Veranstaltungen und auf Kongressen des gleichen Fachgebiets. Und siehe da, ich traf teils die gleichen Leute. Aber in den Vorträgen ohne Pharma-Sponsoring erwähnte keiner von denen, nicht mal in einer 6Punkte hohen Fußzeile, dass sie auch zum gleichen Thema auf Veranstaltungen der Pharmas sprachen. Eigentlich sagen die Richtlinien, dass derartige Interessenkonflikte anzugeben sind, egal ob auf einer Veranstaltung oder bei einer Publikation. Aber wenn man nicht mal Leitlinien mehr Glauben schenken kann, wieso sollte sich jemand noch an irgendwelche Richtlinien halten… Begriffen habe ich bei der Lektüre des Buches auch, wie die Summen in den Gehältertabellen in der Spalte Ärzte zustande kommen. Was da angegeben ist als Durchschnitt, kriegt bei uns nur ein leitender Oberarzt. Aber wenn man überlegt, dass es wahre Vortrags-Touristen gibt und die pro Vortrag kassieren (Meinungsbildner sind was wert…) und Leute, die gerne unheimlich viele Studien durchführen und sich damit brüsten, aber keinem sagen, wers bezahlt… dann ist mir klar, dass die die Statistik nach oben ziehen. Und den Ruf der Branche demolieren.

Es gibt eine Menge Anti-Ärzte oder Ärztehasser-Bücher auf dem Markt. Die meisten bedienen sich Pauschalisierungen und Klischees.  ”Korrupte Medizin” kann aber für sich in Anspruch nehmen, dass jede Behauptung durch Fakten belegt wird und bisher noch keiner der erwähnten Ärzte eine Klage eingereicht hat, was wohl dafür spricht, dass es stimmt, was da drinsteht.

Und ja, korumpieren lassen wir uns alle, bereits als Studenten, wenn wir den ersten Kugelschreiber von einem Pharmareferenten annehmen, der uns als Famulanten im Arztzimmer sitzen sieht. Untersuchungen zeigen, dass wir uns durch sowas tatsächlich beeinflussen lassen, selbst wenn wir felsenfest davon überzeugt sind, dass es nicht so ist. Ohne das jetzt als Rechtfertigung oder Rausreden verstanden zu wissen zu wollen, aber ich finde, zwischen Kulis, EKG-Linealen und Post-Its anzunehmen einerseits und gesponsorten Vorträgen als “Meinungsbildner”, Studienpublikation mit “Ghost-Statistikern” die ihr Gehalt von der Industrie beziehen und Leitlinien schreiben ohne seine Vortragshonorare und ähnliches anzugeben andererseits liegt ein großer Unterschied. Das eine können wir bewußt als Werbung wahrnehmen, wie die von Autohäusern, Stromanbietern oder Versicherungen, das andere kann man nicht mal mehr mit Schleichwerbung vergleichen…

Tja, und als kleiner Arzt irgendwo in einer Klinik steckt man so drin in diesem großen Etwas und fragt sich so Fragen wie die, was denn nun eigentlich die Wahrheit ist und letztlich das beste für den Patienten… vielleicht ein Schamane, der macht wenigstens nur Werbung für seine Kräutertinkturen… oder Großmutters Hausrezept: An apple a day keeps the doctor away!*

*Erklärung des Autors: Im Sinne der Pflicht zur Offenlegung von Interessenskonflikten versichert der Autor nie in seinem Leben Honorare eines Apfelbauern oder anderen Apfelherstellers erhalten zu haben und die Äpfel aus seinem Garten nur für den Eigenbedarf zu nutzen.





Ein Arzt beim Arzt?

20 09 2010

Was man als Arzt eher vermeiden sollte, ist krank zu werden. Nicht nur, weil es an sich unangenehm und ungesund ist, sondern auch, weil man dann mit Kollegen auf andere Art und Weise kommunizieren muss: Als Patient. Wenn Assistenzarzt krank wird, gibts zum Glück nen Hausarzt des Vertrauens. Aber auch lange danach gesucht. Mediziner sind eben nicht einfach – als Patienten. In der Regel weiß ich selbst, was los ist, aber Rezepte, Laborwerte etc. und Krankenscheine fallen nicht vom Himmel.

Gehts dann aber in Regionen, wie Knochen, Gelenke, Ohren, Augen usw. wo ich nicht so bewandert bin, dann braucht auch Assistenzarzt jemanden, der sich damit auskennt. Und da fängt das Problem an. Ob fachlich gut, krieg ich ja noch so halbwegs mit. Aber der Rest… nichts ist schlimmer, als wenn man als Arzt dort sitzt und der andere kennt einen (da hat man  manchmal kaum eine andere Wahl) oder fragt, was man beruflich macht (Gesundheitswesen… Aha??? Ja wo denn da? … Klinik… Und was machen Sie da????…. Ich mach auf Arzt…) und dann wird vorausgesetzt, dass man die jeweilige Fachkunde mit Löffeln gefressen hat. Manche Kollegen sparen sich sämtliche Erklärungen und setzen voraus, dass man eh alles weiß oder das Standardwerk vorher schonmal gelesen hat, bevor man zu ihm kam. (ich warte übrigens auch so 2 Stunden im Wartezimmer wie alle anderen und fordere mir keine Extrawurst ein, also hätte ich theoretisch auch Zeit für einen dicken Wälzer). Da kommt dann nur ein “Na Sie wissen ja selbst…” oder “Machen wir wie üblich…” Da auch Assistenzärzte, nicht nur meine Wenigkeit, allgemein mal so krank werden können wie Otto-Normal-Patient und eine Krankschreibung benötigen, taucht das nächste Problem auf. “Krankenschein? Brauchen Sie nicht oder?” oder “Bei sowas machen Sie nicht krank, oder? Sie können ja noch… Dann halten sich eben ein wenig zurück.” Das würden sie einem Otto-Normal-Patienten nur sehr selten sagen, zumindest habe ich das damals im PJ und Famulaturen in diversen ambulanten Bereichen nie erlebt, das mal so ein Satz kam. Besonders schlimm ist das, wenn Assistenzarzt zur Arztvertretung muss, weil der normale Behandler Urlaub hat. Die Vertretungen haben in der Regel eh die Nase voll von der Überflutung mit nicht-eigenen Patienten und wenn manche von denen mitkriegen, was man beruflich macht, weil sie fragen oder es auf der Akte steht, dann sind sie extrem kurz angebunden.

Und noch ein Ort, wo es schlimm ist: Chirurgen. Bei denen habe ich immer das Gefühl, ich bin ein Simulant. Egal, was ich mir getan habe, ob Band im Eimer oder Knochen kaputt. Dieses von oben herab und ins Lächerliche ziehen ist mir nicht nur bei einem Chirurgen passiert. Wie gehts dann erst Otto-Normal-Patienten?  Oder verhält man sich so nur gegenüber ärztlichen Kollegen? Die herablassende Behandlung mancher Kollegen muss ich mir also wie jeder andere auch gefallen lassen. Aber ich bin nicht Superman. Ich als Assistenzarzt hab auch ein Schmerzempfinden und wenn ich nicht richtig laufen kann oder ein Band im Eimer ist oder ich mir einen Finger oder sonstwas gebrochen habe, dann will ich die gleiche Behandlung wie alle anderen auch. Ich kann wohl kaum mit einer Schiene an der Hand arbeiten, geschweige denn hygienische Regeln einhalten, die Hand nicht richtig benutzen und auch nicht die PECH-Regel einhalten. (PAUSE, Eis, Compression, Hochlagern). Mein Knochen wächst auch nicht schneller zusammen als der von anderen.

Neulich war ich bei einem Fachgebiet, weil ich nicht umhin kam. Es war kein Chirurg. Es war nicht die übliche Kollegin sondern eine Vertretung. Ich wollte Kurzwelle und Krankenschein für ein paar Tage zum Auskurieren und kriegte ein nicht indiziertes Antibiotikum mit falschem Erregerspektrum, ein Röntgenbild, wo es auch eine andere Untersuchung getan hätte und den ärztlichen Blick der Kollegin auf das Röntgenbild mit einer Seitenverwechslung (die sie nicht bemerkt hat…) und den Satz “Naja, Krankenschein brauchen Sie ja nicht, Sie sind ja Ärztin, aber kommen sie auf jeden Fall am Tag xy wieder.” Natürlich sah sie mich nicht wieder.

Es gab mal einen Artikel im Ärzteblatt vor einigen Jahren, was Ärzte erwarten, wenn sie zum Arzt gehen. Das Fazit war: behandelt werden wie alle anderen auch und erklärt bekommen, was man nicht weiß, keine falschen Wissensvoraussetzungen durch den Behandler, keine überzogenen Erwartungen des Behandlers an die Fähigkeiten des Arzt-Patienten und ein wenig kollegialen Respekt. Wenn ich in der Notaufnahme mal – was selten vorkommt – ärztliche Kollegen oder Pflegepersonal behandeln muss, dann versuche ich mich an diese Punkte  zu halten. Die Zahl der unter-der-Hand-Konsultationen zur Beratung oder Fragestellen aus dem privaten Bereich hat über die Jahre kontinuierlich zugenommen. Auch die Fragen, ob ich mich irgendwann niederlassen würde, weil man ja gerne… und so… Es geht also. Aber als Arzt sollte man bestimmte Fachgebiete oder Kollegen doch am besten meiden… Gesund zu sein ist sowieso das Beste!

Ein paar Beispiele noch obendrauf:

http://www.forum-gesundheitspolitik.de/artikel/artikel.pl?artikel=0197

http://www.slaek.de/50aebl/2009/archiv/09/pdf/0909_486.pdf

Leider finde ich den von mir zitierten Beitrag nicht. Falls ihn jemand aufstöbert, bitte posten.

Fazit bleibt jedoch traurigerweise insgesamt: Wenn wir Ärzte merken, wie bescheiden manche Behandlungen unsererselbst als Patienten sind, wie abgestumpft das Personal geworden ist (selbst gestresstes Hotelpersonal wirkt gegenüber manchen Ärzten und Pflegepersonal natürlich freundlich und nicht fließband-freundlich), dass wir Geschäftsobjekte sind und dass die Grundhaltung mancher Kollegen ist, dass sie den ganzen Tag nur Simulanten mit Krankenscheinbegehren behandeln und wir ebenso unter diesem Motto abgefertigt werden, dann haben wir endlich kapiert, wie grottenschlecht sich ein großer Teil unserer Standeskollegen verhält und sollten uns schwören, es selbst besser zu machen und das auch durchziehen.  Und nur für den Fall, dass wir genauso jemanden mal vor die Flinte kriegen, der uns das hat so schön spüren lassen wie es doch alles falsch ist, dann können wir ja mal drüber nachdenken, ob wir unseren Handlungsantrieb bei der Behandlung dieser Personen alttestamentarisch oder nach humanistischen Idealen gestalten…





Warum Schönheitschirurgie so unterhaltsam ist

4 09 2010

Darum:

http://www.portal.gmx.net/de/themen/gesundheit/bildergalerie/bilder/8913454.html

Ist nichts für empfindliche Seelen oder Kinder unter 6 Jahren… Falls der DGZRS oder der DRK Wasserwacht mal die Schlauchboote ausgehen, weiß ich, wen sie mal fragen könnten :-) Ich habe immer gedacht, dass Schönheitschirurgen auch so ihre Ideale haben – und ich meine nicht die monetären…

Hand hoch, wer als erstes das Wort “Gruselkabinett” gedacht hat…








Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Join 46 other followers