Die Tür-rein-und-rausgeh-Hierarchie

27 07 2007

Eines muss man den Krankenhausserien lassen: In manchen Punkten sind sie doch realistisch. Nehmen wir zum Beispiel die Hierarchie. Es gibt sie. Überall in verschiedenen Ausprägungen, aber sie ist da.

Visite.

Auf meiner jetzigen Station ist es sehr streng geregelt, in welcher Reihenfolge das Zimmer betreten und verlassen wird. Je höher im Rang desto früher betritt oder verlässt man das Zimmer. In der Chefvisite ensteht dadurch der typische „Rattenschwanz“.  Chef – Oberarzt – Facharzt – Assistenzarzt – Stationsschwester – PJler – Famulanten – Physiotherapeut und Sozialarbeiter – Schwesternschülerinnen (wenn letztere überhaupt mit dürfen). In den normalen Visiten geht auch grundsätzlich der Arzt / Ärztin vor.

Eigentlich kannte ich solche hierarchischen Strukturen bisher nur aus der Chirurgie. Mein Spruch war immer „Die brauchen das da für ihr Macho-Ego.“

Ja, nun bin ich auf einer internistischen Station, wo der gleiche… Schwachsinn… praktiziert wird. Schwachsinn finde ich es, weil ich sowas nicht brauche, um zu demonstrieren, dass ich der Boss bin. Autorität klärt man anders, Respekt bezeugt man anders – im täglichen Verhalten zum Beispiel, indem man nicht über andere herzieht, nicht grundsätzlich das infrage stellt, was Ärzte ansetzen, indem man nicht herummault, wenn der Dienstarzt Patienten auf Station legt, indem man höflich miteinander umgeht, sich keine Akten hinwirft, und mal darauf achtet, wie man dem anderen etwas Gutes tun kann. Wenn das nicht funktioniert, ist es vom Prinzip auch egal, ob der Arzt dann zuerst durch die Tür geht oder nicht. Das bringts dann auch nicht mehr sondern vergrößert eher noch die Kluft zwischen den Fraktionen.

Ich muss keiner Schwester bei jedem Gang in ein Zimmer zeigen, dass ich über ihr im Rang stehe. Dass ist / sollte ihr auch so bewußt sein. In Schweden (Schweden…) gibt es sowas nicht. Da sind Ärzte und Schwestern nicht auf sowas angewiesen. Da wird Respekt auf andere Art bezeugt, z.B. indem man nicht Ärzte gegen Schwestern ausspielt. Da herrscht die Philosophie, dass man nur im Team gute Leistung bringen kann und jeder seine Aufgabe hat, die er leisten muss, um eine Gesamtleistung zu erbringen – mit der man den Patienten gesund macht. Da wird auch mehr auf die Teamharmonie geachtet und angesprochen, wenn so oben genannte Sachen passieren. Ich bevorzuge das schwedische Modell der Visite. Das habe ich auf meiner bisherigen Station auch so gemacht. Auch der Oberarzt dort fand dieses Tür-rein-und-rausgeh-hierarchische Gehabe für die Katz. Ich finde es albern, wenn sich Leute gegenseitig auf die Füße treten und übereinander stolpern in den engen Zimmern, nur weil jemand zuerst durch die Tür muss. Was hat das für einen Sinn? Antwort: Bei Leuten, die sich respektieren keinen. Bei Leuten, die ihre Untergebenen für Laufburschen halten und sie umherschubsen, ist es eine Machtdemonstration. Chefärzte gegenüber Assistenzärzten, diese gegenüber der Schwester,…

Ich habe das bei unserer Stationsschwester angesprochen und ihr erklärt, dass ich das nicht brauche und wir darauf verzichten können, wenn wir alleine Visite gehen. Wenn sie die Kurven trägt und ich ihr die Tür aufhalte, dann mache ich das, weil ich höflich bin und Rücksicht nehme und sie keine akrobatischen Leistungen bringen muss mit vollen Händen. Sie besteht darauf das so zu lassen, schließlich sei ich der Arzt. Ich kanns nicht so richtig verstehen. Sie hat mir unter vier Augen gesagt, es sei besser, wenn wir das so lassen. Ok, ich weiß zwar nicht warum und mir gefällt es nicht, dass es ständig zu diesem Sie-zuerst-Tanz kommt, aber wenn sie mir das so sagt, wird sie einen Grund dafür haben. Möglicherweise gibt es welche von den Schwestern, die es falsch verstehen und – pardon – sich dann aufmüpfig benehmen und allein durch diese Lockerung anfangen respektlos zu sein. Aber sowas passiert meiner Ansicht nach nur, wenn jemand den Respekt vor anderen Menschen bzw. sein Verhalten an solchen archaischen Gesten festmacht und nicht in der Lage ist, eine wirkliche Teamarbeit mit kollegialem Umgang hinzukriegen.

Teamarbeit ist wohl schwieriger als  man denkt. Die Leute müssen begreifen, dass man sich gegenseitig akzeptieren, tolerieren und respektieren muss, dass Schwächen nicht ausgenutzt werden, um jemanden damit im Rang zu drücken, dass es sowas wie Ränge nicht gibt, sondern einen Teamleiter, der koordiniert, dass jeder das Recht hat, Verbesserungen vorzuschlagen ohne negative Konsequenzen zu befürchten, dass es auch nicht darum geht, vor anderen besser dazustehen als der Arzt bzw umgekehrt die Schwester – was wiederum ein ausgeglichenes Selbstbewußtsein voraussetzt. Hierarchien werden am Leben gehalten – warum? Teamfähigkeit wird immer gefordert – wieso, wenn es keine Teamarbeit in deutschen Krankenhäusern gibt? Teamarbeit und Hierarchien schließen sich eigentlich aus. Jemand, der damit beschäftigt ist, seinen Platz in der Rangordnung zu verteidigen, ist wohl kaum in der Lage so etwas wie Kollegialität zu zeigen und wenn doch mal jemand dabei ist, der kollegial ist, wird er schnell merken, dass Undank der Welten Lohn ist.  

Es sind so viele Dinge, die eine Rolle spielen. So viele. So viele, die es an deutschen Krankenhäusern eben nicht gibt, weil es von oben nicht gewollt ist, weil der Nachwuchs dahineinerzogen wird und denkt, dass muss so sein. So viele Dinge, die einen Grund darstellen, woanders hinzugehen. Ja, geht ins Ausland. Zeigt, dass es Zeit für Veränderungen ist. Zeigt, dass wir es anders wollen und dass es anders geht – und dass wir woanders hingehen, um das zu bekommen, womit man Arzt und Mensch gleichzeitig sein kann.

Tja, damit sind wir von der Tür-rein-und-rausgeh-Hierarchie auf eines der Grundprobleme im deutschen Krankenhauswesen gekommen. Ein kleiner Schritt für den Arzt und die Schwester in der Visite,…

Anmerkung:

Im Tierreich ist es so, dass zum Beispiel Hirsche um ein Revier oder Weibchen kämpfen. Nach Ende des Kampfes marschiert der Sieger am Unterlegenen vorbei als Zeichen seiner Macht und der Unterlegene zeigt Demuts- und Besänftigungsgesten.

Advertisements

Aktionen

Information

3 responses

5 09 2007
medbrain2001

Huh, das ist ja noch gruseliger als bei uns. Ich bin Ass.Ärztin in der Inneren Medizin bislang an einem kleineren Haus. Derartigen Firlefanz gibt es bei uns nicht – selbst mein sonst eher autoritär gearteter Chef läßt mir den Vortritt.

3 03 2008
Arzt und doch lebendig

Ich bin ebenfalls in einem kleinen Haus. Ebenfalls assistenzärztin, Fachbereicht Gastroeneterologie, meine Chef ist kardiologe und immer nch der Ansicht dass die pseudomembranöse Colitis durch campylbacter jejuni verursacht wird… zusmindest wird mir bei den wenigen CAVisiten immer vom Chef persönlich die Tür aufgehalten. Auch mein direkter Mentor und Oberarzt macht dies mit vorliebe.

20 03 2014
Commutatio

Bei uns im Krankenhaus gibt es Chefärzte, die genauso ticken wie hier beschrieben. Aber es gibt auch Chefärzte, die der Schwester die Tür aufhalten und „Die Dame immer zuerst“ sagen. Manche Oberärzte und Chefärzte halten das Pflegepersonal allerdings tatsächlich für ihre Dienerschaft. Da werden schon mal einfach nur die Hände ausgestreckt ohne ein Wort, und wehe die Pflegekraft reicht nicht ohne zu zögern Desinfektionsmittel an und bedient den Herrn Doktor, denn sonst…..- ja sonst was eigentlich? Nichts passiert sonst. Der Arzt ist in seinem Gehabe gegen eine Wand gerannt durch sein respektloses Verhalten. Die Ärzte sind medizinisch Weisungsbefugt, mehr nicht. Es sind keine Vorgesetzten der Schwestern und Pfleger. Es wird Zeit, dass die Krankenpfleger/innen das merken und sich nicht mehr zum Diener degradieren, wenn Chefarztvisite ist.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




%d Bloggern gefällt das: