Wieder ein Dienst

27 07 2007

Kurz die Highlights

Highlight Kollegialität

Wechsel mit Schlafen war um 2.30 Uhr gesagt worden. Um 2.31 klingelt mein Telefon. Ich könnte runterkommen und mir die Patientin ansehen, Labor und so sei jetzt da. Schlaftrunken wankte ich in die Aufnahme. Sah auch noch unseren Starchirurgen durchs Haus geistern, der mich charmant anflirtete. Zwei Punkte, die das Unterfangen hoffnungslos machten: die Uhrzeit und meine Antipathie.

Ich sah auf den Aufnahmebogen. Aufgenommen um 2.00 Uhr. Das war noch in der Zeit meines Kollegen, Schweinepriester der… [Tief Lufthol] Ich kenne es so aus meiner Uni-Zeit und auch hier in diesem Krankenhaus, dass man die Patienten, die in der eigenen Zeit kommen ansieht und versorgt, bis man damit fertig ist oder wenn es dann doch länger dauert, den anderen später anruft – gefühlte Zeit, die das dauern dürfte bei mir ca 1 h nach dem Wechsel. Kommt ein Patient nach der Schlafwechselzeit, dann wird der andere angerufen und wenn man mit dem vorher gekommenen Patienten noch nicht fertig ist, dann arbeitet der schon geschlafen hat, den vorher gekommenen Patienten mit ab und man kann sich mal zwei Stündchen aufs Ohr hauen. So isses fair, kollegial und gerecht.

Aber nicht diese Nummer, die Dr. Arbeitsscheu da abgezogen hat. Um 2.31 Uhr fallen einem da schöne Schimpfwörter ein… „Die kleine Assistenzärztin und der alte / faule Sack“ – ein neuer Trickfilm von Walter Moers über ein deutsches Krankenhaus… der Zynismus kann bösartig werden um 2.32 Uhr…

Highlight Sodbrennen

4.00 Uhr morgens, irgendwo in Deutschland. Ein junger Typ, Baujahr in den 80ern, kommt Freitag in aller früh in eine Notaufnahme. Er hat Sodbrennen. Der geneigte Leser wird denken „Ok, und sonst?“ Nichts. Das wars. Er hat Sodbrennen. Lächelnd sitzt er vor mir. Im Gegensatz zu mir ist er munter. Die Anamnese ergibt, dass er eigentlich häufig Sodbrennen hat, meist sehr spät isst und dann auch ordentliche Portionen, dass es im Liegen verstärkt ist. Auf die Frage nach Alkohol kam die überschwengliche Aussage

„Also davon halte ich ja gar nichts, also nee, nein, ich überhaupt nicht, also nie, naja mal so ab und an, aber von Alkohol halte ich nichts.“

Ja, is ja gut, quatsch mich nicht zu, ich hab nur 2,5 Stunden geschlafen im Gegensatz zu dir. Du lügst sowieso.

Weitere Befragung ergibt, dass er keine Schmerzen hat, seine Freundin auch immer Sodbrennen hat. Sie nehmen immer Rennie zuhause. Kein Erbrechen, kein Teerstuhl. Geht ihm sonst gut.

Klinische Untersuchung unauffällig. Grummel, grummel, warum kommt der um diese Uhrzeit mit sowas her? In 3 Stunden machen die Hausarztpraxen auf, was soll das hier? Warum ist man mit etwa 25 Jahren nicht in der Lage, zu erkennen, dass Sodbrennen keine lebensbedrohliche Erkrankung ist, dass es mit dem eigenen Lebenswandel zusammenhängt und dass man damit zum Hausarzt geht um das Abklären zu lassen und nicht nachts um 4.00 Uhr in eine Notaufnahme? Und erst recht nicht, wenn man es schon seit Wochen hat. Wieso ist der nicht längst mal zum Hausarzt gegangen damit? Um 4.00 Uhr morgens fragt man sich sowas, aber schüttelt nur noch mit dem Kopf, also innerlich. Was folgt ist eine zunehmend zynische Haltung [die sich hier in diesem Blog entlädt]. Ist das jetzt der Trend, dass die Leute die Verantwortung für Ihre Gesundheit nicht mehr selbst übernehmen (wollen)? Die Zeitungen sind voll von Gesundheitsseiten, Internet hat fast jeder. Man kann auch mal die Mutter fragen, die in der Regel traditionell die Rolle der Gesundheitswärterin der Familie übernimmt, was man da machen kann. Und dann diese Frechheit und Gemeckere, dass man warten muss – Hallo, gehts noch? Beim Hausarzt wartet man 3 Stunden, bei uns 30 min – letzteres übrigens, weil ich gerade jemanden auf die ITS gebracht hatte, der ernsthaft krank war und nicht warten konnte, bis ich einem jungen Burschen erklärt habe, dass sein Sodbrennen vom fetten Essen am späten Abend kommt.

Therapeutische Konsequenz:
Eine Tablette Pantozol von einer Schwester verabreicht. Gute Ratschläge verteilt: Essen Sie nicht so spät und vor allem kleine Portionen am Abend, schlafen Sie mit erhöhtem Oberkörper, gehen Sie nachher in die Apotheke und kaufen sich Riopan oder sowas und Ranitic und stellen sich nachher um 7.00 Uhr bei Ihrem Hausarzt vor. Wenn es nächste Woche nicht weg ist, müssen Sie eine Magenspiegelung kriegen.“

Das mit der Magenspiegelung war nett anzusehen, wie er auf den Vorschlag reagierte.

„Krieg ich kein Rezept dafür?“
„Nein, wir sind eine Notaufnahme und dürfen laut Gesetz und Vorschriften der Krankenkasse kein Rezept ausstellen. Die Zeiten sind seit einigen Monaten vorbei.“

„Krieg ich keinen Krankenschein?“

Aha. Da haben wir’s. Ja, jetzt konfrontieren wir ihn sachlich mit der Realität des deutschen Gesundheitssystems.  „Wir dürfen keine Krankenscheine ausstellen. Wir sind eine Notaufnahme. Wir behandeln akute lebensbedrohliche Krankheiten, die zur stationären Aufnahme führen. Wegen einem Krankenschein müssen Sie zu Ihrem Hausarzt gehen.“

„Und wofür hab ich 10 Euro Notfallgebühr bezahlt?“

*zensiert*  

„Sie haben sich in einer Notaufnahme vorgestellt. Die Gebühr bekommt Ihre Krankenkasse, nicht wir. Sie müssen übrigens nachher beim Hausarzt nochmal 10 Euro zahlen, das wird getrennt voneinander gerechnet.“

Er wird maulig und frech. Was für ein Früchtchen.

„Seien Sie froh, dass Ihre Krankenkasse die Kosten trägt oder möchten Sie wissen, was eine Ärztin, eine Schwester, eine Verwaltungsangestellte, die Nutzung der medizinischen Ausstattung, das Labor etc. um diese Uhrzeit kosten? Ungefähr das dreifache vom normalen Satz, da kommen Sie mit 10 Euro nicht weit.“

Ich hab ihm aber nicht gesagt, dass die Pantozol nur ein paar Cents gekostet hat. Wo ist Dr. House wenn man ihn braucht?

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