Und dann kommen die Geier

21 08 2007

Sie sieht die, wie sie kommen. Die kommen immer. Und immer kann sie es nicht glauben, wenn sie die sieht. Die Geschichten sind immer gleich.

Erst kommt eine einsame kranke Seele, die weiß, dass ihre Tage gezählt sind. Sie sieht, wie die Werte schlechter werden. Sie sieht, wie sie langsam Abschied nehmen. Nachbarn kommen und liebe Freunde, die durch Dick und Dünn begleitet haben. Menschen, die ehrliche Tränen vergießen, weil dort Zuneigung ist, Liebe, Vertrauen, ein Band zwischen ihnen ist.

Wenn diese Kranken kommen, sagen sie fast immer, dass sie alleine sind, dass es niemanden von der Familie gibt, der sich um sie kümmert, dass sie schon lange keinen Kontakt mehr hatten, dass andere jetzt ihre wirkliche Familie sind. Die Sätze sind immer die gleichen. Egal, es ist doch schön, wenn Menschen so zueinander halten.

Doch dann kommt der Punkt, da bekommen es welche aus der Familie, besser der Sippschaft mit. Nichten, Cousinen, Schwager, Onkel, Tanten, Schwiegerkinder, Ex-Partner der Geschwister… die Liste ist lang. Sie haben sich oft Jahrzehnte nicht gesehen. Doch das was passiert, ist immer das gleiche. Die kommen, aber nie allein. Immer im Clan. Das Rudel Wölfe.

Die Kranken sind manchmal schockiert, immer überfordert und gestresst. So viele da und doch ist sie inmitten dieser Menschen einsam, weil dort Kälte ist. Plötzlich entdecken die sowas wie ihre Liebe wieder, aber sie wissen alle, dass die Tage des Menschen dort im Bett gezählt sind. In der neu entdeckten Liebe werden die so ausufernd, dass Pflegepersonal und Ärzte häufig drangsaliert werden. Auskünfte? Laut Gesetz nur mit Zustimmung des Patienten. Die drohen postwendend mit Beschwerden, Klagen, … Die beginnen das Personal gegeneinander auszuspielen. Die gehen in der Rolle der Fürsorgenden plötzlich und unerwartet auf. Der Kranke liegt hilflos da.

Warum? – fragt sie sich. Die Antwort ist meist so einfach. Ein Haus, ein Sparkonto, Wertpapiere,… und alles gehört einer kranken Seele ohne Ehepartner oder Kinder. Sie hat aufgehört an das Gute im Menschen zu glauben. Vor Jahren schon. Und doch entsetzt sie das, was sie sieht immer wieder aufs neue.

Die fragen „Wann ist es soweit?“ „Sie wird doch nicht mehr lange leben, oder?“ „Aber er stirbt doch bald?“ „Wie lange lebt sie denn noch?“, „Kann man das nicht leichter machen, dass es nicht so lange dauert? Ich meine, dass man es leichter macht für ihn, also verstehen Sie mich nicht falsch.“ Die Sätze sind immer die gleichen. Aber jedes mal kommen neue hinzu. „Kann er jetzt noch ein Testament machen?“ Die sind da, die Geier. Die spüren es. Und die kommen. Oft spüren die Kranken, warum die Sippschaft plötzlich kommt. Es muss schrecklich sein zu wissen, die kommen, um zu warten, dass es zu Ende ist und um sich dann das zu nehmen, was jemand ein Leben lang aufgebaut hat.

Sie dachte, sie hätte schon soviel gesehen und erlebt, wie böse und hinterhältig Menschen sein können. Dann kamen wieder welche von denen und besuchten jemanden. Jemanden, dem es schlecht ging, der nicht Herr seiner Sinne war, umnebelt, Halluzinationen, Verwirrtheit, kurz nicht geschäftsfähig. Sie ging und erklärte es denen. Wieder und immer wieder. Dann baten die heimlich einen fast neunzigjähigen Menschen mit den Worten hinaus, in Ruhe Testamentsangelegenheiten des anderen Kranken klären zu wollen. Zu klären mit jemanden, der Engel und Teufel sah, der nicht wußte, wo er war, welchen Tag wir hatten, der glaubte, Hörgeräte eingebaut bekommen zu haben von der NATO, damit er alles hören konnte, jemanden, dem man hohe Dosen Medikamente geben musste. Zwei Tage redeten die auf den Menschen ein. Die hielten ihm das Testament und Vollmachten unter die Nase. Die führten ihm die Hand, als eine Schwester durch Zufall das Zimmer betrat. Die wußten, dass diese Unterschrift nicht gültig ist. Die waren mehrfach aufgeklärt worden, dass derjenige nicht geschäftsfähig ist, dass das Amtsgericht angerufen worden war, um einen Betreuer zu bestellen. Die haben einen Anwalt zuhause, der das alles wissen müsste, von dem die Formblätter stammten. Die taten es trotzdem, vorsätzlich, im vollen Bewußtsein der Umstände. Derjenige, der im Nebel seine Hand geführt bekam, konnte sich Tage später nicht mehr erinnern, dass er was unterschrieben hatte. Sie ließen ihm keine Kopie da. Man rief den Richter an, der über die Betreuung entscheiden sollte. Es war ihm egal, als er die Geschichte hörte. Die Geier waren längst da und sie kreisen.

Sie stehen daneben und müssen zusehen, wie ein hilfloser Mensch betrogen wird, ausgenommen wie eine Weihnachtsgans, aber sie können nichts tun. Wo kein Kläger, da kein Beklagter.

 Warum gibt es keine Patientenanwälte, die kostenlos für solche Menschen deren Rechte vertreten bis sie wieder geschäftsfähig sind? Wenn jemand plötzlich geschäftsunfähig ist, krank und hilflos, dann hilft ihm niemand.

Menschen sind schlecht. Sie kennen keinen Respekt, keine Moral, keine Ethik. Gerechtigkeit und Rechtsempfinden sind zwei Dinge, die heute nicht mehr existent sind.

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2 responses

22 08 2007
Durchtrieben sei der Mensch, hinterhältig und böse III « Belanglose Alltäglichkeiten

[…] geiziges, penetrantes und schlechtes Lebewesen. Hier ein weiteres Beispiel, diesmal aus dem Krankenhaus von […]

12 08 2009
♥Неппу♥

in dem fall mit der abgerungenen unterschrift hätte man ja noch was tun können, weil justiziabel, aber ansonsten …

die geier werden erst recht einsam sein…

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