Die Karawane zieht

14 11 2007

Es ist mal wieder Mittwoch und überall im Land ziehen die weißen Karawanen über die Stationen. So auch heute. Nachdem ich letzte Woche erleben durfte, wie es sich anfühlt, als Lügner bezeichnet zu werden…

Zitat aus meinem Kommentar bei medbrain2001 http://medbrain2001.wordpress.com/2007/10/28/eine-chefvisite-der-anderen-art/#comment-1533 :

„Jetzt werde ich vor der kompletten Visite und den Patienten, manchmal auch dem entsprechenden Ehepartner dabei, mit “Das glauben Sie doch wohl selbst nicht!”, “Also wirklich, Sie lügen mich an, der Patient kann gar nicht mehr sprechen, er war immer so.”, “Sie wollen mir doch nicht erzählen, dass er gestern auf Ihre Fragen antworten konnte. Das ist eine Lüge, was Sie mir hier anbieten. Er ist somnolent bis komatös und das war er gestern auch, ich habe schließlich den Einweisungsschein ausgestellt in meiner Ambulanz.” runtergeputzt. Meine Antworten “Dann habe ich wohl halluziniert gestern.” und “Da haben wir wohl zwei verschiedene Patienten vor uns gehabt.” sind mehr Trotz aus der Hilflosigkeit heraus. Er sagte nix mehr, aber ich hatte ihn wegen nächtlicher Unruhe mit einem Neuroleptikum zugedröhnt, was überhing. Doch zuvor konnte er mir auf meine Fragen antworten. Einen Tag später sprach der Patient wieder mit uns, aber zum Glück war da eine oberärztliche Kraft anwesend, die gemeinsam mit mir halluzinierte, aber nicht das Kreuz hatte, das auf der obersten Ebene klarzustellen.“

… durfte ich heute erfahren, wie es sich anfühlt, die bestbezahlte „Laufkraft“ der Klinik zu sein. Heute kriegte ich  (zweigeteilte Chefvisite, jeder Kollege hat einen Part) erstmals nach 5 Monaten zu hören „Es besteht Anwesenheitspflicht während der gesamten Visite.“ – was bisher keinen meiner Kollegen sonderlich interessiert hat und von keinem praktiziert wurde. Und danach durfte ich dann in dem durch meinen Kollegen verantworteten Part einen Befund seiner Patientin suchen. Ok, nichts schlimmes soweit. Aber es stellte sich raus, dass dort in der entsprechenden Funktionsabteilung über ca 1 Stunde keiner ans Telefon ging (5minütliches Probieren). Ich habe gesucht, telefoniert, rumgefragt und „nebenbei“ andere völlig unwichtige Dinge tun müssen, weil die Zeit drängte und die Luft brannte (jedenfalls in den Augen der anderen völlig nebensächlichen Patienten und Angehörigen) – Arztbriefe diktieren, Entlassungen vorbereiten, neue Patienten ansehen, Totenschein schreiben, Transfusionen anhängen etc. bis mein Teil der Chefvisite ran war. Vom Zivi erfuhr ich, dass dort in der Funktionsabteilung heute noch niemand gesehen wurde. Klar, dann kann man auch nicht ans Telefon gehen, wenn man nicht da ist. Ich lehnte es ab, den entsprechenden OA aus seiner eigenen Chefvisite zu holen. Er kann ja auch nicht an zwei Orten sein – entweder Chefvisite oder Funktionsabteilung. Das hatte ich einmal getan und ihn in der Chefvisite angerufen… da sollte sich anschließend mein Kollege drum kümmern, der für die Patientin verantwortlich ist und das sagte ich ihm auch. Wieso sollte ich seine Arbeit machen? Die Kollegialität seinerseits hält sich auch in Grenzen. Wenige Minuten später wurde ich vorzitiert – Sekunden bevor mein Teil der Visite beginnen sollte. Wo der Befund sei. Erklärung folgte – keiner am Telefon, keiner da, OA in eigener Chefvisite.

Antwort: „Na dann gehen Sie jetzt mal runter und sehen nach, ob da jemand ist. Ich sagte, Sie sollen sich drum kümmern.“

Fragender Blick meinerseits da nicht-kapieren. Wie? Ich bin jetzt dran mit Visite, je-he-hetzt, now, just in this moment, da kann ich doch nicht weglaufen. Da krieg ich nachher doch gleich den nächsten Ansch… Sie ist nicht meine Patientin. Klare Aufteilung, eigentlich klare Zuständigkeiten. Mein Kollege kann sich kümmern, der ist doch jetzt fertig mit seinem Teil. Seine Patientin, er hat jetzt Zeit, er hat sich jetzt zu kümmern. Eine Sekunde zu lange doof geguckt.

„Na los, ein bischen Beeilung, zwei Treppen runter, wirst du doch wohl noch schaffen.“ und ein hämischer Blick dazu. Es ärgert mich inzwischen so sehr, dass ich mich oberärztlicherseits duzen lasse. Dazu dann eine Geste mit Zeige und Mittelfinger, die gehende Beine symbolisierte. Ich konnte es nicht fassen, die meinten das ernst. Mir blieb die Spucke weg. Ja hallo, ich hab die Stunde nur faul im Schwesternzimmer rumgelungert, Kaffee getrunken, Kreuzworträtsel gelöst, Pinnball gespielt und mich total gelangweilt… 

Der Blick des anderen OA war göttlich, als ich ihn zufällig kurz nach seiner eigenen Ankunft antraf in der Funktionsabteilung. Nein, es gibt noch keinen Befund, weil die Untersuchung noch nicht stattgefunden hatte, aber das hätte er doch bereits vor 2 h einer Schwester meiner Station gesagt. Ja, und soweit ich mich dunkel erinnerte hatte auch die Patientin gesagt, sie war noch nicht da. Aber was solls, da wird man als Patient halt einfach mal für dement erklärt. Da darf man sich nichts draus machen, manche Ärzte sind so. Es gibt zwar Demenztests, aber Arroganztests gibts leider nicht.

Meine Sprache kam langsam wieder. Nein, wir haben keinen Ärztemangel, wir können es uns leisten so gut bezahlte Laufburschen durchs Haus zu schicken. Mal abgesehen von den anderen AABM (Arzt-Arbeits-Beschaffungs-Maßnahmen*), die sich in jeder Chefvisite ergeben, war das heute echt das schärfste, was mir je passiert ist. Ich dachte immer, an der Uni sei es schon krass. 10 Punkte für den Kandidaten, der errät, wie Betriebsärzte, Psychologen und Anwälte so etwas nennen…

Mal sehen, was nächste Woche so kommt. Manchmal glaube ich, ich bin im falschen Film. Wollte nicht irgendwer ein Drehbuch schreiben?

* „Suchen Sie mir doch mal in Medline was dazu raus. Wir sollten gucken, ob da therapeutische Alternativen beschrieben sind.“ Ich bin soooooooooo dooooof. Ich suchte es raus, loggte mich mit meinem Account bei Fachzeitschriften ein, recherchierte, druckte aus. Was tut man nicht alles. Dann wurde der Patient gestern sang und klanglos entlassen, ohne therapeutische Alternativen zu checken. Das ausgedruckte Paper wanderte heute bei der Ansicht des chefärztlichen Postfachs auf der Station in den Papierkorb. Vor meinen Augen. Vielleicht sollte ich sowas das nächste Mal dem Patienten geben zur Weiterleitung an den Hausarzt oder zum Selbststudium. Wäre ich christlich engagiert, würde ich sagen, ich ertrage mein Schicksal mit Demut, weil ich weiß, dass ich einer höheren Macht unterworfen bin und der liebe Gott will, dass wir uns in Demut üben. So kann ich einfach nur sagen, ich bin sooooooooooo dooooof und halte meine Klappe, weil ich drauf warte, im Rahmen der Facharztausbildungsrotationsdingsda woanders hinzukommen.

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9 responses

14 11 2007
emergency_doc

Puh…was soll man dazu sagen: ich dachte mal nicht, dass sowas heute noch praktiziert wird. Am Beginn meiner AiP-Zeit hatte ich mal einen -chirurgischen- Chef kennengelernt, der das noch so praktizierte. Die Quittung kam mit der Kündigung seiner gesamten Assistenten (6 an der Zahl) an einem frühen Morgen. Die Innere Abteilung übernahm danach kommissarisch die chirurgischen Stationen, da diese nicht mehr zu besetzen waren. Nett war, dass nachts dann der Sohn des Chefarztes (kein Mediziner) immer einrücken musste, wenn der „Alte“ operieren musste….irgendwer musste ja die Haken halten :-)))) Ab dem Tag wurde ich -als kleiner AiP´ler- dann sogar mit Namen gegrüsst….also er hatte es gelernt.
Aber für Dich tut mir das echt leid. Das ist echt beschissen und zeigt halt wieder, dass die meisten Chefärzte weder Charakter noch Anstand besitzen und von Abteilungsführung keine Ahnung haben. Scheinbar gibt es einen Wettbewerb wer die meisten Assis demotiviert. Aber die Quittung kommt: viele Abteilungen sind kaum mehr zu besetzen, da die „junge Generation“ auf sowas einfach keinen „Bock“ mehr hat. Würde Dir empfehlen Deine Stelle unter Klinikdirekt zu bewerten; damit ersparst Du anderen Assistenten ggfs. ein unangenehmes Erwachen….und Dein Chef erwacht vielleicht irgendwann alleine in seinem Laden 🙂

Ist natürlich alles JETZT kein Trost für Dich. Ich kann Dir nur raten, dass Du es nicht zu ernst nimmst. Weißt Du, nicht Du hast Dich als „Blödel“ benommen, sondern jeder, der auch nur einen Funken Verstand in eurer Klinik hat, weiß, dass ER der Idiot ist. Mich wundert immer, dass dies diesen Leuten nicht bewußt ist. Wie muss man sich fühlen, wenn man täglich in einen Laden geht und wissen müsste, dass man von allen gehasst und verachtet wird. Empathie sechs, setzen ! 🙂

…manche Menschen sind wie Zwiebeln: je mehr man die Schale entfernt, desto mehr kommen einem die Tränen….

15 11 2007
Hypnosekröte

Klingt besch…eiden und klingt nach Innerer Medizin…?

Das tut mir leid für Dich (auch wenn Du Dir davon nix kaufen kannst) das Dein Chef so ein Affe ist.

Ich hab mich, da leider ein Großteil an Chefärzten gewisse Psychopathologien bietet, schon häufiger gefragt ob man so sein muss, um Cheffe zu werden oder ob man so wird, weil man Cheffe ist?
Fragen über Fragen…

Die waren doch mal Assis und haben daraus nix gelernt – Schlimm.

Ich hoffe für Dich, das die Stimmung im Team insgesamt besser ist und würde mich, wenn das nicht der Fall ist vielleicht mal nach einer neuen Stelle umsehen…

…und nicht den Sand in den Kopf stecken 😉

15 11 2007
medbrain2001

Du wirst am Ende der klügere sein – wer viel nachliest und recherchiert, tut, weiß auch viel am Schluß.

Ich habe mich schon oft gefragt, welche Psychopathologien man bescheinigt bekommen muß, um CA zu werden.

Ganz so schlimm ist es bei uns ja ncoh nicht, in der Provinz.

15 11 2007
F

Wie ist das denn jetzt mit deiner Schauspielkariere?

15 11 2007
Assistenzarzt

Was die Psychopathologien angeht… auf jeden Fall müssen wohl winzige Dinge genügen um eine massive narzistische Kränkung auszulösen. Zusammen mit einem gering ausgeprägten Selbstbewußtsein und einem Fehlen von Empathie sowie dem Streben nach Anerkennung und Geltung auf einer rein beruflichen Ebene… ich bin kein Psychiater, aber vielleicht sollte ich mal drüber nachdenken. Mein Psychosomatik-Kursleiter hat damals zu mir gesagt, er traut mir zu, dass ich mindestens die Zusatzausbildung mache wenn ich mal Facharzt für was auch immer bin.

@Hypnosekröte… es is Innere… aber ich fürchte, auch bei Chirurgen, Neurologen, Gyns, … gibts sowas.

@F. … wird immer überlegenswerter. Ich stehe ja derzeit auf den Schauspieler, der den Derek in Grey’s Anatomy spielt, ja, eigentlich irgendwie auf diesen Typ Mann… obwohl ich in der Realität eher auf die helleren Typen fliege… is auch merkwürdig. Wen kriege ich als Kandidaten für den Oskar für die beste männliche Hauptrolle an die Seite gestellt?

15 11 2007
F

sicher den mainstreamfrauenschwarm mit dem milchbubigesicht, dem netten lächeln und dem ich – hätte – gerne – muskeln – habe – aber – nicht – die – genetische – veranlagung – dafür – körper.

15 11 2007
Assistenzarzt

Neeeeeeein… bitte bitte nicht Leo DiCaprio… bitttteee, Gnade!

Sowas mit Dreitage-Bart, Haaren auf der Brust, Muskeln an denen man Anatomie studieren kann und einer Stimmlage, die zwischen Bariton und Bass liegt… Sexappeal bitte, wie soll sich sonst der Film verkaufen?

16 11 2007
F

mainstream, assistenzarzt, mainstream – in der regel schlecht, aber es verkauft sich.

leo ist gar nicht mehr der milchbubi, der er früher mal war. seine letzten filme waren ganz passabel.

16 11 2007
Assistenzarzt

Sexappeal + Mainstream… ok, aber das reicht nicht. Da muss mindestens eine Lovestory rein und eine Reihe von Heldentaten, die es in der Regel nur alle 2 Jahre mal in der Klinik so gibt.

Es muss ne Story sein, die sowohl Frauen als auch Männer in die Kinos zieht, also möglichst viele Zielgruppen abgreift…

Wenn ich Leo angucke, hab ich das Gefühl, da steht der Schülersprecher des örtlichen Gymnasiums vor mir.

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