Wie man sich für eine Fachrichtung entscheidet

15 11 2007

Aus dem aktuellen Newsletter „Via medici online Newsletter 23/07“

„…wie planen Sie Ihren ärztlichen Berufsweg? Wenn die Chemie mit den Kollegen oder den Vorgesetzten im PJ stimmt, reicht das aus für Ihre Entscheidung, wo Sie als Assistenzärztin oder -arzt anfangen möchten?“

Meine klare Antwort: JAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA. Wenn das hinhaut, dann hat man viel gewonnen. Man weiß, wie es langläuft, man kennt die Befindlichkeiten so halbwegs, weiß wie lange die Assistenten abends bleiben müssen, wie es mit den Weiterbildungen, der Rotation und der Ausbildung klappt… Man ist quasi ein Insider und kennt Informationen, die man woanders nicht hat, wenn man sich an einer anderen Klinik bewirbt. Da wird einem sowieso nur die rosarote Brille aufgesetzt wenn man rumgeführt wird und einem Dinge erzählt, die sich später als utopisch herausstellen.

„Dr. Parwis Fotuhi, Internist und Leiter der Helios-Akademie warnt davor: „Bleiben Sie nicht am ersten netten Oberarzt hängen, der Sie einigermaßen normal behandelt!“, sagte er auf dem Kongress „Perspektiven und Karriere“ des deutschen Ärzteverlags. Sich auf eine Facharztrichtung festzulegen, sei eine Lebensentscheidung.“

Sagen wir es mal so. Ich bin bei meiner Entscheidung für eine Fachrichtung maßgeblich von Kollegen beeinflusst worden (die das aber nicht wußten), die ich in den Famulaturen, im Nebenjob und im Rahmen meiner immer noch unvollendeten Dissertation kennengelernt habe.  Ich bin an dem ersten netten Oberarzt nicht hängengeblieben, nein, er hat mich nur ein paar mal zusammengeniest und mir gezeigt, wie man eine Leber richtig tastet und war anschließend sichtlich stolz, als ich es richtig machte. Ich bin auch nicht an dem ersten netten Stationsarzt hängen geblieben, der mir erklärt hat, wie ich 1. und 2. Herzton voneinander unterscheide (er schickt mir aber auch nach all der Zeit noch Postkarten aus dem Ausland, wo er inzwischen hin ausgewandert ist…). Es hat mich aber geprägt. Die Akribie, mit der einige der von mir geschätzten Kollegen mich ausbildeten, als ich ein unbekannter Student war, ihre Kollegialität und ihr Respekt vor mir etwas später als kleine unbedeutende AIPlerin und ihre Auffassung zum Beruf und zur Ausbildung haben mich maßgeblich beeinflusst. Ja, ich habe mich bemüht in selbiger Klinik anzufangen, als ich mit dem Studium fertig war und habe dort auch eine Weile gearbeitet. Ich hatte zwar Pech mit der Station, auf der ich die Hälfte der Zeit war, aber die Rotationen und die Dienste (ich hätte nie gedacht, dass ich sowas mal sagen würde…) haben mir eine fachliche Grundlage gegeben, von der ich heute noch zehre, wo ich in der Regel auf mich allein gestellt bin, obwohl ich erst mitten in der FA-Ausbildung bin. Mit Sicherheit bleibe ich nicht an den Leuten hängen, die mich – ich betrachte es als nicht-normal – als Laufburschen, Fußabtreter, Röntgentütenträger oder Aktenkopierer benutzen oder mir permanent auf die Region 10-20 cm unterhalb meines Kinns starren während sie mit mir reden.

Lebensentscheidung… wer erzählt denn solchen Quatsch. Man fängt an einen Facharzt zu machen, stellt evtl. fest, es liegt einem doch nicht und wechselt. Das geht vielen so. Aber es werden auch Zeiten aus anderen Fachrichtungen anerkannt. Ehrlich gesagt, werden aus den Leuten, die auch mal ein paar Monate in einer anderen Fachrichtung waren, manchmal die besseren Ärzte, oft sogar. Warum? Sie können über den eigenen Tellerrand schauen, etwas das reine Subspezialisierungs-Ärzte vergessen haben. Manchmal klappt es auch nicht mit den Stellen und man muss mal woanders was machen. Man kann auch Töpfer werden, Künstler, Filmregisseur, Journalist, LKW-Fahrer (siehe Stern-TV)… Es gibt auch Kollegen, die einen zweiten Facharzt machen. Nach dem Chirurgen den Urologen oder umgekehrt, nach dem Radiologen den Internisten oder nach dem Psychiater den Radiologen oder nach dem Internisten den Labormediziner. Alles Beispiele von Leuten, die in meinem größeren beruflichen Umfeld leben und keine Freaks oder Verrückte sind, sondern vermutlich die besseren Ärzte.

Die Wahl einer Facharztrichtung ist KEINE Lebensentscheidung. Wer so einen Blödsinn erzählt, verfolgt damit Interessen, die er nicht offen zur Schau stellt. Warum muss man für einen großen Klinikkonzern arbeiten und gleichzeitig den Leuten was zur Entscheidung über den beruflichen Werdegang erzählen? Vielleicht weil selbiger Klinikkonzern permanent offene Stellen hat? Hmmm… ein Schelm wer böses dabei denkt?

Man, Via medici, wie könnt ihr nur solchen Quatsch zitieren? Das ist doch nicht euer Niveau.





Dr. House auf dem Weg zur Erkenntnis?

14 11 2007

Tja, da stand House nun vor Gericht. Und er ging in die „Reha“ sprich in die Entzugstherapie. Er entschuldigte sich. Er wurde friedlicher. Wer hätte das gedacht. Endlich die Wendung, die nötig war? Auch wenn der Schluss der Folge zeigte, dass House mit allen Wassern gewaschen ist und es wieder einmal geschafft hatte, er hatte doch Federn gelassen. Und ich hatte das Gefühl, er hat es langsam kapiert – dass es Grenzen gibt, dass auch für ihn Grenzen existieren. Schadet ihm wohl nicht, mal ein wenig zu reflektieren 🙂 Ja, irgendwie schien er es zu begreifen, auch wenn er es nach außen negierte und runterspielte. Hinter der Fassade ist ein anderer House und das ist ihm bewußt – angreifbar, verletzbar durch seine Sucht, sich elend fühlend ohne seine Tabletten, einsam ohne Wilson, sinnlos ohne seinen Job. Wer von den Figuren wird es je schaffen, die Fassade von House einzureißen und an sein wahres Ich zu kommen?

Ich habe so langsam Wetten zuhause laufen. Ich denke, Cuddy und Wilson werden irgendwann ein Paar. Und Chase und Cameron. Was ist eigentlich aus Foremans Flamme geworden? Die wurde nie wieder gezeigt. Und House? Er wird irgendwann feststellen, dass er jemanden liebt, der nicht mehr zu haben ist, weil er einfach nicht in der Lage ist, eine Bindung aufzubauen und jeden von sich wegstößt, um seine Fassade nicht öffnen zu  müssen. Es wird entweder Cameron sein oder Cuddy. Was sagt ihr?





Boston „Amanda“

14 11 2007

Ein Song, den ich seit Jahren kenne, aber nie wußte, wie er heißt, von wem er ist und den Text kannte ich auch nicht so auswendig. Aber ich finde ihn schön. Ja, einfach so schön.

Boston „Amanda“ 

Babe, tomorrows so far away
Theres something I just have to say
I dont think I can hide what Im feelin inside
Another day, knowin I love you
And i, Im getting too close again
I dont want to see it end
If I tell you tonight will you turn out the light
And walk away knowin I love you?

Im gonna take you by surprise and make you realize,
Amanda
Im gonna tell you right away, I cant wait another day,
Amanda
Im gonna say it like a man and make you understand
Amanda
I love you

And I feel like todays the day
Im lookin for the words to say
Do you wanna be free, are you ready for me
To feel this way
I dont wanna lose you
So, it may be too soon, I know
The feeling takes so long to grow
If I tell you today will you turn me away
And let me go?
I dont wanna lose you

Im gonna take you by surprise and make you realize,
Amanda
Im gonna te ll you right away, I cant wait another day,
Amanda
Im gonna say it lik e a man and make you understand
Amanda

You and i
I know that we cant wait
And I swear, I swear its not a lie girl
Tomorrow may be too late
You, you and I girl
We can share a life together
Its now or never
And tomorow may be too late

And, feelin the way I do
I dont wanna wait my whole life through
To say Im in love with you





Die Karawane zieht

14 11 2007

Es ist mal wieder Mittwoch und überall im Land ziehen die weißen Karawanen über die Stationen. So auch heute. Nachdem ich letzte Woche erleben durfte, wie es sich anfühlt, als Lügner bezeichnet zu werden…

Zitat aus meinem Kommentar bei medbrain2001 http://medbrain2001.wordpress.com/2007/10/28/eine-chefvisite-der-anderen-art/#comment-1533 :

„Jetzt werde ich vor der kompletten Visite und den Patienten, manchmal auch dem entsprechenden Ehepartner dabei, mit “Das glauben Sie doch wohl selbst nicht!”, “Also wirklich, Sie lügen mich an, der Patient kann gar nicht mehr sprechen, er war immer so.”, “Sie wollen mir doch nicht erzählen, dass er gestern auf Ihre Fragen antworten konnte. Das ist eine Lüge, was Sie mir hier anbieten. Er ist somnolent bis komatös und das war er gestern auch, ich habe schließlich den Einweisungsschein ausgestellt in meiner Ambulanz.” runtergeputzt. Meine Antworten “Dann habe ich wohl halluziniert gestern.” und “Da haben wir wohl zwei verschiedene Patienten vor uns gehabt.” sind mehr Trotz aus der Hilflosigkeit heraus. Er sagte nix mehr, aber ich hatte ihn wegen nächtlicher Unruhe mit einem Neuroleptikum zugedröhnt, was überhing. Doch zuvor konnte er mir auf meine Fragen antworten. Einen Tag später sprach der Patient wieder mit uns, aber zum Glück war da eine oberärztliche Kraft anwesend, die gemeinsam mit mir halluzinierte, aber nicht das Kreuz hatte, das auf der obersten Ebene klarzustellen.“

… durfte ich heute erfahren, wie es sich anfühlt, die bestbezahlte „Laufkraft“ der Klinik zu sein. Heute kriegte ich  (zweigeteilte Chefvisite, jeder Kollege hat einen Part) erstmals nach 5 Monaten zu hören „Es besteht Anwesenheitspflicht während der gesamten Visite.“ – was bisher keinen meiner Kollegen sonderlich interessiert hat und von keinem praktiziert wurde. Und danach durfte ich dann in dem durch meinen Kollegen verantworteten Part einen Befund seiner Patientin suchen. Ok, nichts schlimmes soweit. Aber es stellte sich raus, dass dort in der entsprechenden Funktionsabteilung über ca 1 Stunde keiner ans Telefon ging (5minütliches Probieren). Ich habe gesucht, telefoniert, rumgefragt und „nebenbei“ andere völlig unwichtige Dinge tun müssen, weil die Zeit drängte und die Luft brannte (jedenfalls in den Augen der anderen völlig nebensächlichen Patienten und Angehörigen) – Arztbriefe diktieren, Entlassungen vorbereiten, neue Patienten ansehen, Totenschein schreiben, Transfusionen anhängen etc. bis mein Teil der Chefvisite ran war. Vom Zivi erfuhr ich, dass dort in der Funktionsabteilung heute noch niemand gesehen wurde. Klar, dann kann man auch nicht ans Telefon gehen, wenn man nicht da ist. Ich lehnte es ab, den entsprechenden OA aus seiner eigenen Chefvisite zu holen. Er kann ja auch nicht an zwei Orten sein – entweder Chefvisite oder Funktionsabteilung. Das hatte ich einmal getan und ihn in der Chefvisite angerufen… da sollte sich anschließend mein Kollege drum kümmern, der für die Patientin verantwortlich ist und das sagte ich ihm auch. Wieso sollte ich seine Arbeit machen? Die Kollegialität seinerseits hält sich auch in Grenzen. Wenige Minuten später wurde ich vorzitiert – Sekunden bevor mein Teil der Visite beginnen sollte. Wo der Befund sei. Erklärung folgte – keiner am Telefon, keiner da, OA in eigener Chefvisite.

Antwort: „Na dann gehen Sie jetzt mal runter und sehen nach, ob da jemand ist. Ich sagte, Sie sollen sich drum kümmern.“

Fragender Blick meinerseits da nicht-kapieren. Wie? Ich bin jetzt dran mit Visite, je-he-hetzt, now, just in this moment, da kann ich doch nicht weglaufen. Da krieg ich nachher doch gleich den nächsten Ansch… Sie ist nicht meine Patientin. Klare Aufteilung, eigentlich klare Zuständigkeiten. Mein Kollege kann sich kümmern, der ist doch jetzt fertig mit seinem Teil. Seine Patientin, er hat jetzt Zeit, er hat sich jetzt zu kümmern. Eine Sekunde zu lange doof geguckt.

„Na los, ein bischen Beeilung, zwei Treppen runter, wirst du doch wohl noch schaffen.“ und ein hämischer Blick dazu. Es ärgert mich inzwischen so sehr, dass ich mich oberärztlicherseits duzen lasse. Dazu dann eine Geste mit Zeige und Mittelfinger, die gehende Beine symbolisierte. Ich konnte es nicht fassen, die meinten das ernst. Mir blieb die Spucke weg. Ja hallo, ich hab die Stunde nur faul im Schwesternzimmer rumgelungert, Kaffee getrunken, Kreuzworträtsel gelöst, Pinnball gespielt und mich total gelangweilt… 

Der Blick des anderen OA war göttlich, als ich ihn zufällig kurz nach seiner eigenen Ankunft antraf in der Funktionsabteilung. Nein, es gibt noch keinen Befund, weil die Untersuchung noch nicht stattgefunden hatte, aber das hätte er doch bereits vor 2 h einer Schwester meiner Station gesagt. Ja, und soweit ich mich dunkel erinnerte hatte auch die Patientin gesagt, sie war noch nicht da. Aber was solls, da wird man als Patient halt einfach mal für dement erklärt. Da darf man sich nichts draus machen, manche Ärzte sind so. Es gibt zwar Demenztests, aber Arroganztests gibts leider nicht.

Meine Sprache kam langsam wieder. Nein, wir haben keinen Ärztemangel, wir können es uns leisten so gut bezahlte Laufburschen durchs Haus zu schicken. Mal abgesehen von den anderen AABM (Arzt-Arbeits-Beschaffungs-Maßnahmen*), die sich in jeder Chefvisite ergeben, war das heute echt das schärfste, was mir je passiert ist. Ich dachte immer, an der Uni sei es schon krass. 10 Punkte für den Kandidaten, der errät, wie Betriebsärzte, Psychologen und Anwälte so etwas nennen…

Mal sehen, was nächste Woche so kommt. Manchmal glaube ich, ich bin im falschen Film. Wollte nicht irgendwer ein Drehbuch schreiben?

* „Suchen Sie mir doch mal in Medline was dazu raus. Wir sollten gucken, ob da therapeutische Alternativen beschrieben sind.“ Ich bin soooooooooo dooooof. Ich suchte es raus, loggte mich mit meinem Account bei Fachzeitschriften ein, recherchierte, druckte aus. Was tut man nicht alles. Dann wurde der Patient gestern sang und klanglos entlassen, ohne therapeutische Alternativen zu checken. Das ausgedruckte Paper wanderte heute bei der Ansicht des chefärztlichen Postfachs auf der Station in den Papierkorb. Vor meinen Augen. Vielleicht sollte ich sowas das nächste Mal dem Patienten geben zur Weiterleitung an den Hausarzt oder zum Selbststudium. Wäre ich christlich engagiert, würde ich sagen, ich ertrage mein Schicksal mit Demut, weil ich weiß, dass ich einer höheren Macht unterworfen bin und der liebe Gott will, dass wir uns in Demut üben. So kann ich einfach nur sagen, ich bin sooooooooooo dooooof und halte meine Klappe, weil ich drauf warte, im Rahmen der Facharztausbildungsrotationsdingsda woanders hinzukommen.





Grattis på födelsedagen, Astrid!

14 11 2007

Sie wäre heute 100. Jahre alt geworden – Astrid Lindgren. Ihre Bücher zählen zu den schönsten Kinderbüchern und werden nicht nur von Kindern gelesen. Zu meinen Lieblingen gehören Pippi Långstrump (Pippi Langstrumpf), Emil i Lönneberga (Michel aus Lönneberga) und Ronja Rövardotter (Ronja Räubertochter). Diese wunderbare Welt, ihre Bücher verzaubern, lassen einen spüren, dass sie die Kinder liebt, ihre eigene Kindheit nicht vergessen hat und dass Schweden ein wundervolles Land ist. Tja, und jetzt sitzt Astrid Lindgren da oben auf einer Wolke und schreibt dort Kinderbücher. Und hier unten auf der Erde lesen weiterhin Millionen Kinder in allen Ländern die Bücher, die in über 26 Sprachen übersetzt wurden, besuchen in Smaland die Astrid-Lindgren-Welt, werden im Astrid-Lindgren-Kinderkrankenhaus behandelt oder besuchen Astrid-Lindgren-Schulen. Tak sa mycket, Astrid.

Was ist Eure Lieblingsfigur  aus den Büchern, liebe Blog-Leser?





Sinn und Zweck einer Notaufnahme

10 11 2007

Da ich immer wieder feststellen muss, dass viele nicht wissen, wozu eine Notaufnahme da ist und ich auch anhand der Suchbegriffe in der Statistik merke, dass da Fragen bestehen, hier ein Posting dazu.

Es gibt mehrere große Gruppen von Notfallpatienten:

  • chirurgisch: Kaputte Knochen, Gelenke, blutende Verletzungen etc. oder der Verdacht auf eine Blinddarmentzündung oder einen Darmverschluss etc.
  • gynäkologisch: plötzliche Blutungen, Schmerzen, Komplikationen bei Schwangeren etc.
  • pädiatrisch: alles was keine 18 Jahre alt ist und krank wird
  • neurologisch: Schlaganfälle, Krampfanfälle, unklare Bewußtlosigkeiten, Lähmungen
  • psychiatrisch: Drogen- oder Alkoholentzug, akute Psychose, Suizidversuche
  • HNO: alles was mit Hals, Nasen oder Ohren zu tun hat, entzündet, verletzt ist oder plötzlich seine Funktion aufgegeben hat, plötzliche Verengungen des Kehlkopfs mit Luftnot bei Entzündungen
  • Augen: siehe HNO nur für Augen, Kontakt der Augen mit chemischen Substanzen
  • Urologisch: Probleme beim Wasserlassen, Harnverhalt (volle Blase aber man kann nicht pullern), Blutungen aus der Harnröhre, Nierenkoliken, Nierenbeckenentzündungen, ein plötzlich schmerzender und / oder blau werdender Hoden (das ist wirklich dringend!), das schlechte Gewissen nach einem One-Night-Stand wenn ER irgendwie auffällig ist sowie (auto)erotische Unfälle bei denen ER Schaden genommen hat
  • internistisch: Der Rest…

Die (internistische) Notaufnahme eines Krankenhauses:

  • behandelt Patienten mit akut lebensbedrohlichen internistischen Erkrankungen, die zu einer stationären Aufnahme führen
  • behandelt Patienten, die über den Schockraum aufgenommen werden
  • behandelt Patienten mit internistischen Erkrankungen, die sich akut verschlechtert haben und innerhalb von kurzer Zeit zu potentiell lebensbedrohlichen Zuständen führen können
  • stellt keine Krankenscheine aus
  • rezeptiert keine Medikamente
  • gibt keine Medikamentenpackungen heraus, damit man sich den Gang zur Apotheke und zum Hausarzt spart
  • schickt Patienten, die nicht aufgenommen werden müssen, wieder nach Hause
  • ist kein Ort, an dem man lästig gewordene demenzkranke Angehörige mit den Worten „es geht zuhause nicht mehr“ abgibt ohne Namen, Telefonnummer, Hausarzt, Personalausweis des Patienten oder andere Daten zu hinterlassen. Eine Notaufnahme ist kein Tierheim und es gibt auch den Straftatbestand der Aussetzung.
  • ist keine Serviceeinrichtung für KV-Diensthabende auswärtige Ärzte, die jeden zweiten mit den Worten „Bitte Röntgenbild machen“ oder ähnlichem zuweisen
  • verlangt 10 Euro Notfallgebühr (Ulla-Schmidt-Gesetz) von jedem, der nur ambulant behandelt wird und darf keine Rücküberweisungen zum Hausarzt ausstellen
  • ist keine Ausnüchterungseinrichtung. Leute, die 50 Euro und mehr für Drogen und Alkohol ausgeben, Lärm machen, randalieren, medizinische Geräte und Mobiliar beschädigen, alles vollkotzen und das Personal beleidigen, müssen auch 10 Euro Notfallgebühr zubezahlen und sind nicht beliebt. Wir sind uns auch nicht zu schade, diese Personen auf einer Matratze auf dem Fußboden zu lagern, wenn es die Sicherheitsaspekte verlangen oder deren Eltern anzurufen, damit sie ihr Produkt mal live erleben und abholen können.
  • ist kein kassenärztlicher Notdienst!
  • wird von Ärzten betreut, die auch für den Rest des Krankenhauses verantwortlich sind und die auch gerne mal um 3.00 Uhr morgens ein Stündchen schlafen würden, anstatt sich mit vollgekifften 19jährigen zu befassen oder die Rückenschmerzen eines gerade 20jährigen zu untersuchen, der am Morgen nicht zum Bund will.
  • ordnet die Reihenfolge der Patienten nach der medizinischen Dringlichkeit. Schmerzen beim Wasserlassen sind nicht so gefährlich wie Luftnot, Zyanose und Thoraxschmerzen auf einmal. Dies bedingt eine Wartezeit, die auch mal mehr als 4 Stunden betragen kann, je nachdem wie stark frequentiert die Notaufnahme an dem Tag ist.
  • ist nicht dazu da, Wartezeiten für ambulante MRT-Termine zu verkürzen und mal eben schnell ein MRT bei chronischen Beschwerden, die länger als 3 Monate gehen, zu machen. Das MRT einer Klinik dient zur Diagnostik akut lebensbedrohlicher Erkrankungen wie z.B. Kindern nach einem Verkehrsunfall oder Schwangeren mit neurologischen Problemen oder Patienten mit Gehirnblutungen.
  • ruft bei randalierenden Personen oder Personen, die das Personal bedrohen die Polizei und erstattet Anzeige falls ein Straftatbestand erfüllt wird. Falls Sachschäden entstehen gilt das Verursacherprinzip. Es ist ebenfalls möglich, dass ein Hausverbot erteilt wird, das dann von der Exekutive dieses Staates umgesetzt wird.
  • ist nicht dafür da, sich mal am Wochenende durchchecken zu lassen, weil man es in der Woche nicht schafft zum Arzt zu gehen, auch nicht wenn man Privatpatient ist. CTs, MRTs, Echokardiografien und Ergometrien sind keine Verfahren, die am Wochenende für den Routinebetrieb zur Verfügung stehen.

Der kassenärztliche Notdienst:

  • ist in zwei Bereiche aufgegliedert – eine Notfall-Praxis und einen Hausbesuchsdienst.
  • steht mit seiner Notfallpraxis jedem zur Verfügung, der außerhalb der Praxisöffnungszeiten ein medizinisches Problem hat. Hier sitzt ein Facharzt, der sonst in einer Praxis arbeitet, und behandelt die Patienten zusammen  mit einer Schwester.
  • kommt mit seinem Hausbesuchsdienst zu Patienten, die nicht in der Lage sind, eine der Notfall-Praxen persönlich aufzusuchen. Das kann z.B. bei einem „Hexenschuss“ der Fall sein.
  • darf Rezepte und Krankenscheine ausstellen.
  • ist ähnlich wie beim Hausarzt-Prinzip die erste Anlaufstelle für Patienten, weil er entscheiden soll, welche z.B. in die Notaufnahme eines Krankenhauses müssen.
  • verlangt auch 10 Euro Notfallgebühr

Was chirurgische Patienten angeht:

  • die Prioritäten und Indikationen zum Aufsuchen einer Notaufnahme sind etwas anders als bei internistischen Erkrankungen.
  • Nach Stürzen, Unfällen und diversen Verletzungen ist es sinnvoll, eine chirurgische Notaufnahme aufzusuchen, damit Wunden versorgt, Knochen geröntgt, geschient, gegipst, reponiert oder operiert werden können oder Distorsionen etc. fachgerecht versorgt werden können.
  • Ein plötzlich kalt gewordenes Bein, das schmerzt und keinen Puls mehr hat gehört gefäßchirurgisch untersucht.

Akut lebensbedrohliche internistische Krankheitsbilder /Symptome oder Dinge, die sich zu potentiell lebensbedrohlichen Erkrankungen entwickeln können, sind zum Beispiel (kleine Auswahl):

  • Herzinfarktverdacht
  • plötzliche Luftnot z.B. in Verbindung mit Brustschmerz, plötzlicher Bewußtlosigkeit, Beinschmerzen in einem Bein, pfeifender Atmung, blauen Lippen, Husten, Fieber oder dicken Beinen
  • Brustschmerzen, die nicht bewegungsabhängig sind, in Zusammenhang mit Druck- oder Engegefühl auftreten oder mit Luftnot
  • hohes Fieber über mehrere Tage
  • rechtsseitige Oberbauchschmerzen
  • gürtelförmige Oberbauchschmerzen
  • allergische Reaktionen nach Medikamentengaben o. Ä.
  • Angioneurotisches Ödem
  • Blutungen aus dem Darm, blutiges Erbrechen
  • Blutungen wenn man Falithrom, Marcumar, Warfarin, ASS / Aspirin , Aggrenox oder Iscover / Plavix einnimmt
  • in kurzer Zeit dick gewordene Beine, Bauch plus Luftnot
  • Vergiftungen, ob nun aus Versehen oder mit Absicht
  • Rauchgasinhalationen
  • Asthmaanfall
  • ein rotes, heißes, schmerzendes, geschwollenes Bein plus Fieber
  • plötzliche Gelbfärbung der Haut und der Augen mit oder ohne Schmerzen

Dinge für den kassenärztlichen Notdienst sind:

  • grippale Infekte, Halsschmerzen, Schnupfen auch in Verbindung mit Fieber
  • Beinschmerzen aller Art, bei denen kein Fieber und kein kaltes Bein vorliegt
  • Schnittverletzungen, bei denen es von allein aufhört zu bluten
  • Hexenschuss
  • Gelenkschmerzen
  • wenn man am Urlaubsort feststellt, dass man Medikamente zuhause vergessen hat
  • Dinge, für die man einen Krankenschein haben muss

Dinge, die man in keiner Notaufnahme oder Notfall-Praxis bekommen kann sind zum Beispiel Schwangerschaftstests am Morgen nach einem One-Night-Stand, Sportbefreiungen ohne Krankheit, Borrelliose-Schnelltests, Impfungen weil man zwei Stunden später in den Urlaubsflieger steigt, Wassertabletten damit man am nächsten Tag bei einem Wettkampf in die niedrigere Gewichtsklasse kommt, einen Krankenschein aus Gefälligkeit weil man nicht für eine Prüfung gelernt hat und auf Mitleid beim Arzt hofft (hierfür braucht man ein amtsärztliches Attest), Asthmaspray wenn man am nächsten Tag einen Wettkampf hat auch wenn man „nur“ Freizeitsportler ist…





Dr. House und sein Vicodin

7 11 2007

Nachdem wir als House-Fans jetzt in der 3. Staffel miterleben müssen, wie House immer mehr Probleme mit seiner Abhängigkeit von einem verschreibungspflichtigen Morphinpräparat bekommt, stellt sich die Frage: Was schluckt er da eigentlich in Übermengen?

Ich habe bei Wikipedia nachgesehen. Vicodin heißt das Präparat in den USA und erfreut sich in letzter Zeit einer steigenden Nachfrage. Nun ja, mit der Serie in Zusammenhang gebracht, lässt sich schlussfolgern, dass es von Patienten verstärkt nachgefragt wird, weil eine Figur / prominente Person es öffentlich konsumiert. Letztlich entscheiden aber die verschreibenden Ärzte darüber, ob jemand es bekommt. Aber es ist wie mit der Cola: Coca Cola, Pepsi oder Vita Cola – der Möglichkeiten der Namen und Anbieter für ein Ding gibts viele.

Vicodin ist ein Mix aus Hydrocodon, einem Morphinderivat mit der 1,5fachen Wirkstärke von Morphin (also schon ganz ordentlich), und Paracetamol, einem relativ „einfachen“ Schmerzmittel. Das Interessante an dieser Kombi ist, dass das Hydrocodon abhängig machen kann, da es nicht retardiert ist, eigentlich ein Anti-Husten-Mittel ist (so wie Codein) und dass das Paracetamol in den Mengen, wie es House schluckt, wahrscheinlich dazu führt, dass er irgendwann Schäden an Nieren und Leber haben wird.

In Deutschland ist Hydrocodon als Dicodid auf dem Markt mit der Indikation bei stärkstem Husten, der zu schweren Komplikationen führen kann. Manche setzen es bei Bronchoskopien ein.

Paracetamol wird zur Therapie bei leichten und mittelstarken Schmerzen eingesetzt. Häufig wird es unter anderem von Suizidalen Personen eingenommen, weil es in größeren Mengen (ab 6g bei Erwachsenen) relativ schnell irreparable Leberschäden in Form von Nekrosen (Zelluntergängen) verursacht und so zum Tod führt. Innerhalb von 2 Tagen treten die Leberschäden zutage, erreichen ihr Maximum nach 4 – 6 Tagen. Es kann aufgrund des Zelluntergangs zum kompletten Leberversagen mit Koma und irreparabler  Hirnschädigung kommen. In der Niere führt Paracetamol ebenfalls zu Gewebsschäden und sorgt für Nekrosen an den Tubuli. Was folgt ist ein akutes medikamentös-toxisches Nierenversagen. Es gibt ein Antidot: N-Acetylcystein. Man kann auch einen Versuch mit Dialyse machen. Man geht in nicht-offiziellen Fachkreisen davon aus, dass viele chronische Nierenschäden, die zur Dialyse führen, auch durch z.B. langfristige oder häufige Einnahme von Paracetamol entstehen können, nicht nur durch die klassischen NSAR wie Diclofenac etc.

Tja, und nun ist House auf Entzug. Das Paracetamol wird ihm nicht fehlen. Wohl aber das Hydrocodon. Man kann es schauspielerisch kaum besser darstellen. Und als er sich dann auf nicht-legalem Wege eine Packung Oxycodon besorgt und sich damit high gefuttert. In Deutschland ist Oxycodon in Tablettenform als Retardpräparat auf dem Markt. In den USA ist laut Wikipedia der Hersteller verklagt worden, weil er nicht darauf hinwies, dass man die Tabletten nicht zerkleinern und dann einnehmen darf, weil das tödlich sein kann. Wie das geht? Retardpräparate sind besonders verkapselte Medikamente, die den Wirkstoff langsam und gleichmäßig über Stunden freisetzen. Zerstört man die Kapsel, hat man den Wirkstoff pur. Und die z.B. 40 mg driften nicht langsam über Stunden in den Körper und nehmen Schmerzen ohne die Fahrtauglichkeit über die Maßen einzuschränken, sondern hämmern mit brachialer Gewalt in die Rezeptoren und fluten in Kürze an, geben einem zunächst ein gutes Gefühl, man ist high, die Schmerzen sind weg (wenn man denn welche hatte…) und können bei zuviel Hammer dazu führen, dass das Atemzentrum gelähmt wird. Ok, wer soweit weg ist, der kriegt das dann auch nicht mehr mit. Aber wer noch etwas unter den Lebenden weilen will, dem sei eben angeraten Retard auch Retard sein zu lassen und bei Nicht-Schlucken-Können auf Pflaster (transdermales therapeutisches System) umzusteigen anstatt zu zermörsen. Da hilft dann im Ernstfall nur das Antidot Naloxon.

House will aber den Hammer, high sein. Und wenn man das will, dann will man auf keinen Fall das Abfluten merken. Das macht nämlich mürrisch, launisch, depressiv. Und irgendwann, wenn man nicht mehr ohne kann, weil der Körper sich dran gewöhnt hat und ES braucht, dann kommt man in den Entzug und pfeift auf Unterschriften, auch wenn man der genialste Arzt jenseits des Atlantiks ist. So wie sich die Geschichte entwickelt wird aus dem ernsten Problem mit dem Polizisten Tritter ein noch ernsteres, denn er hasst House und er hasst Junkies.  Und House ist wieder mal zu Stolz, zu egozentrisch, zu überheblich, um den diplomatischen Weg zu wählen, sich einzugestehen, dass auch er mal was tun muss und nicht immer nur die anderen. Wie mag es wohl weitergehen? Trotz allem, was diese Figur zeigt, sie ist immer noch sympathisch. Wie die Autoren das hinkriegen, weiß ich nicht, aber gerade deshalb ist jede Folge ein Highlight.