Und sie fielen wie die Heuschrecken ein

7 01 2008

Es war einer dieser Tage, da wusste sie: es hat sich was geändert. Früher, vor wenigen Jahren, als sie anfing, ja, da hatten die Menschen noch Respekt vor dem Sklaven in weiß. Heute fallen sie ein wie die Heuschrecken, fressen dir die letzte Energie aus dem Körper und drohen in allen Variationen. Es werden immer mehr. Wenn sie zurückblickt, dann hatte sie zu Beginn ihrer Laufbahn die Hälfte der Patienten im Dienst. Heute kommen Schwärme. Jedes vorbeifahrende Auto, Bus, Bahn scheint neue Ströme in Gang zu setzen. Und es hört nicht auf. Früher, da gab es Stunden in der Nacht, wo niemand kam. Das letzte Mal, dass sie sowas erlebt hat, ist Monate her.

Und sie stellte noch etwas fest: Entweder sie sind richtig krank, also wirklich richtig krank oder sie kommen mit Banalitäten oder haben eine kleine Meise. Das Problem ist nur, wenn sie sich um die Banalitäten und kleinen Meisen kümmert, die sehr zu Theatralität und Lauthalserei neigen, dann hat sie keine Zeit für die wirklich wirklich kranken Menschen. Deswegen hat sie sich angewöhnt, konsequent nach dem ersten Blick in wirklich-wirklich-krank-Patient, da-könnte-was-im-Busch-sein-Patient, Krakeler-weil-keine-ahnung-warum-Patient und armer-Mensch-mit-kleiner-Meise-Patient einzuteilen. Das hilft. Meistens jedenfalls.

Die Rekordwartezeiten im Wartezimmer möchte sie lieber nicht nennen. Die Wartezeiten durch Röntgenabteilung, Labor oder mangelnde Arztkapazität auch nicht. Aber in England hätte sie letzte Woche Ärger bekommen, weil sie es in den dort vorgegebenen 6 Stunden nicht geschafft hätte. Sie träumt von einem oder besser zwei Allgemeinmedizinern. Die könnten sich um Krakeler-weil-keine-Ahnung-warum-Patienten oder armer-Mensch-mit-kleiner-Meise-Patienten kümmern und die wären glücklich. Der KV-Dienst ist viel zu weit weg.

Eine Kehlkopfentzündung gehört nicht in die Innere, schon gar nicht stationär, erst recht nicht auf ITS, sondern in die HNO. Sie wundert sich, wieso die Leute so garstig sind, wenn sie es ihnen erklärt, bevor diejenigen die 10 Euro bezahlen müssen. Wieso kann so jemand nicht verstehen, dass ein Internist keinen Kehlkopfspiegel hat?

Antibiotika werden verordnet, weil jemand krank ist, vereiterte Kieferknochen hat. Warum kommt jemand, der am Tag zuvor im höchstspezialisierten Zentrum in 100 km Umkreis war, am nächsten Tag in ihr Krankenhaus, weil ihm das 3. Antibiotikum, was er am Vortag erhalten hat, auch wieder nicht gefällt? Wieso kann so jemand nicht verstehen, dass ein Feld-Wald-Wiesen-Internist-Assistent keine Ahnung von eitrigen Zähnen und Kieferknochen hat? „Ich vertrag das nicht.“ Wenn sie nachfragt, warum nicht, was  derjenige denn an Symptomen bemerkt habe, kriegt sie -auf dumme Fragen gibts dumme Antworten – „ja weil ich das nicht vertrage“ zurück. Reden will man nicht mit ihr. Da sie es essentiell findet, in derartigen Fällen Informationen zwischen Arzt und potientiellem Patient auszutauschen, kann sie kein Arzt-Patienten-Verhältnis aufbauen und verweist konsequent an den richtigen – den Spezialisten. Solche Leute wollen eine Behandlung mit Goldbordüre und Handkuss, wieso gehen die dann zu jemandem, der von tuten und blasen keine Ahnung hat – also zu einem Feld-Wald-Wiesen-Internist-Assistent wie ihr? Wieso sind die nicht dankbar, wenn sie ihnen sagt, sowas gehört zu einem Spezialisten, nur da werden sie richtig behandelt? Schlechte Ärzte sind diejenigen, die ihre Grenzen nicht kennen.

Erklär mich mal jemand für Dumme, wieso grad an den Abenden zwischen Freitag und Sonntag überdurchschnittlich häufig junge Leute kommen. Studenten aller Fachrichtungen. Mit Hausarzt-Krankheiten wie Husten, Schnupfen, Halsweh. Abends um zehn. Nichtmal diejenigen wie sonst, klassischerweise Cindy mit gerade-noch-am-Schulabschluss-vorbeigerettet und mit 2 kleinen Kinderchens von 3 verschiedenen Männern, die wegen Brennen beim Wasserlassen mal eben so viel gekifft hat, dass es sie von den Beinen geholt hat.

 Ja, sie erinnerte sich an einen der kürzlich geschafften Dienste. Da rief so ein Typ an und wollte unbedingt einen Arzt sprechen. Er wollte Auskunft über seine Schwester andernfalls zeigt er die Schwester und das Krankenhaus an. Drohungen über Drohungen. Sie blieb cool. Kommt uns jemand so komisch, therapieren wir mit Dienst nach Vorschrift. Cool bleiben, liebe Schwestää, das schaffen wir schon. Ääääärsmal ne Undäschrift vonne Patientin, wer denn da wat wissen darf. Und am Telefon sowieso erstmal gleich gar nicht mit irgendwelchen Auskünften- steht so im Gesetz und Schweigepflicht. Hohoho, da gings voll ab, die Patientin hatte ihren Bruder seit Jahren nicht gesehen, ja er galt quasi als verschollen. Und wundert sich jetzt woher er denn weiß, dass sie im Krankenhaus liegt. Dann rief der Typ nochmal an. Lieblings-Schwestä jetzt cool ging hin mit mobilem Telefon und oh Wunder, der wollt gar nicht persönlich mit seine Schwester reden. Wat secht man dor tau? Nix. Als er die Patientin im Hintergrund hörte, wurde er erst böse, dann folgte die Beichte. Das Hallo sucht seines gleichen. War er dann doch ein Nachbar, der im Saufgelage mit den missratenen Nachfahren der Patientin meinte, mal so „einen Scherz mit der Schwester und dem Arzt“ machen zu müssen. Ja, solche Kinder und deren Nachbarn braucht, wer keine Feinde hat. Da muss die Liebe zu Muddern ja immens sein, wenn man sowas treibt und sich der Straftat des Betruges und der Nötigung strafbar macht und das ohne drüber nachzudenken, was mit Mudderns Pschyche is. Die brauchte erstmal ne Tavor und konnte sich nicht mehr beruhigen, war sie doch so aufgeregt, endlich was vom verschollenen Bruder zu hören wo es ihr nicht gut geht. Oder war da doch Nachdenken am Werk? Ein Schelm wer böses dabei denkt?

Und wie sie so über einiges nachdenkt und reflektiert, fragt sie sich „Ist das eigentlich das, für das ich ausgebildet wurde?“ Dereinst an der Universität lehrte man sie von den Menschen und der Pathologie, der Pharmazie und Anatomie, der Physiologie und Seelenklempnerei, der Schrauber- und Näherei, der Pillendoktorei und in alle-Höhlen-Guckerei. Medizin schien wunderbar. Doch was hatte das alles mit dem seltsamen Dasein zu tun, was sie heute führt?

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One response

9 01 2008
Hypnosekröte

Nur zu wahr – und genau deshalb sollte man kein „richtiger“ Arzt werden!

Anästhesie, Patho/Rechtsmedizin oder Radiologie kristallisieren sich genau deswegen und in dieser Reihenfolge (wobei Anästhesie mit mehreren Runden Vorsprung führt) als echte Alternativen heraus.

Sattel‘ um – Vielleicht kannst Du Dir die Zeit in der Inneren noch gewinnbringend auf eine „Keinrichtigerarzt“-Facharztausbildung anrechnen lassen!

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