Dinge, die ich nicht verstehe

3 03 2008

Zu den Dingen, die ich irgendwie nicht verstehe, gehören z.B. Blogs, die ich jetzt im Internet fand (bzw. die mich fanden), die sich mit hauptsächlich Gesundheitspolitik und Medizin befassen. Die Autoren sind wie auch Assistenzarzt anonym.

Inzwischen frage ich mich, wer hinter diesen Blogs steht. Anscheinend Menschen, denen Fachbegriffe nicht fremd sind und die im Gesundheitswesen arbeiten oder über selbiges viel recherchieren – in einschlägigen Quellen. Die Zahl der Beiträge dieser Blogs pro Tag ist so hoch, dass ich mich anhand eigener Erfahrungen und derer von Kollegen zur Verfügbarkeit von Zeit für derartiges im Arztberuf doch frage, was diese Menschen beruflich so machen, denn ärztliche Tätigkeit und ausführliches tägliches Bloggen mit vorheriger Recherche schließen sich wohl in 46 Wochen des Jahres aus.

Ich selber poste viel Meckereien und Unzufriedenheit über meinen Alltag und die oftmals frustrierende Situation die mir oder meinen Patienten begegnet. Meine Perspektive ist die eines Klinikarztes mit nur einigen Jahren Erfahrung, der nach Wegen für die Zukunft sucht, den Sinn des Berufes hinterfragt, die zunehmenden Einschränkungen durch z.B. Gesundheitsreform als bedrückend und frustrierend wahrnimmt und seine Illusionen aus dem Studium immer mehr verliert.

In diesen anderen Blogs findet sich viel Kritik am Ärztestand allgemein, über Ärztefehler oder Ereignisse, die von der Presse als solches dargestellt werden, über die Pharmaindustrie (die man durchaus kritisieren sollte aus meiner Sicht), mehr aber noch über die KVen und ärztlichen Selbstverwaltungen etc. Ja, es gibt sicherlich Dinge zu kritisieren. Nein, ich habe nicht sonderlich viel Erfahrung mit dem Zweig der Niedergelassenen, was mich in diesen Diskussionen selbstverständlich etwas einschränkt. Aber was mich an den Blogpostings stört, ist die unterschwellige Aggression die dort drinsteckt. Manchmal könnte man meinen es sei auch Hass dabei. Ich kenne die Beweggründe für die scharfen Worte nicht. Allerdings finde ich die Art und Weise nicht schön, wie dort z.B. mit Ärzten umgegangen wird. Die Pauschalisierung, die sich immer wieder herausliest, gibt generell allen Ärzten schuld, denn alle Ärzte wählen die KV (was nicht stimmt) und alle Ärzte sind selbst schuld am neuen EBM und an den Kürzungen im Gesundheitswesen und alle Ärzte sind nur sauer, weil sie keine Schwerverdiener wie Herr Zumwinkel sind und außerdem sind alle Ärzte ständig damit befasst, ihre eigenen Kunstfehler zu kaschieren, weil sie von dem was sie tun keine Ahnung haben und alle Ärzte jammern immerzu obwohl sie an allem selbst schuld sind und einfach nur die Klappe halten sollten etc. So jedenfalls empfinde ich als Leser die Botschaften dieser Blogs wie z.B. Bedarfshaltestelle etc. Sicherlich gibt es eine Menge zu kritisieren. Mir ist auch bekannt, dass die Niedergelassenen in zunehmendem Maße unzufrieden sind über die eigenen KVen, was dafür spricht, dass es Zeit für Veränderungen ist. Aber ich denke, dass solche aggressiven Blogpostings und die geringe Toleranz gegenüber Ärzten wie mir und Blogs wie diesem hier die Fronten eher verschärfen als dass sie zu konstruktiven Diskussionen anregen. Ich empfinde es außerdem nicht nett, dass Blogger wie ich dazu benutzt werden, ein Klischee vom ewig jammernden geldgeilen Arzt zu erschaffen, weil ich mich erdreistete, das Beispiel aus Sachsen-Anhalt aufzugreifen und neben der Sicht des Patienten (die betrübsam genug ist) auch mal die des Arztes zu zeigen. Es ist schon merkwürdig: Diese Menschen jammern über jammernde Ärzte. Die Welt wird immer skuriler.

Ich habe inzwischen keinen Bock mehr, mich an Diskussionen zu  Themen wie Gesundheitspolitik und Kürzungen im Gesundheitswesen  im Internet zu beteiligen, denn man kriegt – egal ob man auf die Dienstzeiten, die resultierenden permanenten Verstöße gegen Gesetze, die Entlohnung von Ärzten in Kliniken und Niederlassung, der Behandlungsqualität im Rahmen der GKV-Möglichkeiten, der resultierenden Verschlechterung für die Patienten, whatever was kommentiert – immer nur die gleichen Antworten die zusammengefasst ausdrücken, dass man als kleiner dummer Assistenzarzt aus einem Krankenhaus irgendwo in Deutschland sowieso keine Ahnung von Politik und dem ganzen hätte und eh nur an der Mehrung der eigenen Euros interessiert sei und einem das Schicksal des Patienten völlig egal sei.

Alle sachlichen Diskussionspartner sind auch hier für Kommentare immer willkommen. Eine Diskussion, so hitzig sie auch sein mag, basiert darauf, dass man Meinungen offen anhört und darüber sprechen kann ohne jemanden madig zu machen oder ihn herabzustufen. Hab ich mich jetzt genug ausgelassen? Ja. Aber ich wollte mich auch einfach mal irgendwo abreagieren… das hab ich mal gebraucht.

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19 responses

4 03 2008
torschtl

wer heutzutage nur des geldes wegen arzt werden will, der macht irgendwas falsch. seit jahren bekommt man von allen seiten mit, wie es um die gehälter der ärzteschaft bestellt ist. sicher, ärzte verdienen nicht schlecht. lehrer verdienen auch nicht schlecht. aber der mensch ist nun mal dazu geboren immer nach höherem zu streben. super, für mich verdient mein dad auch nicht schlecht, aus meiner sicht, weil er das 3-fache meines zivigehaltes bekommt, aber aus seiner sicht verdient er schlecht. und aus der sicht eines arztes verdient er selbst natürlich auch schlecht, weil der klinikdirektor mehr verdient, für das, dass er den ganzen tag in seinen sessel pfurzt… es irrt der mensch solang er strebt

4 03 2008
Monika Armand

Liebe xxx,
leider sind solche Blogger wie oben beschrieben das Opfer einer seit Jahrzehnten währenden Arzt-Neidkampagne, oder – wie ich des Öfteren feststelle – Opfer ärztlicher Kunstfehler oder ärztlicher Arroganz. Von da aus wird dann verallgemeinert und das trifft dann auch alle…..

Jene Unverbesserlichen, welche mehr oder weniger nur auf „Stammtischniveau“ argumentieren, sollte „Arzt“ nicht allzu sehr beeindrucken……..solange einige „Kollegen“ das enge Weltbild bestätigen…. Im Gedächtnis bleibt – gerade im Gesundheitswesen – leider immer eher die negativen und weniger die positiven Erlebnisse.

Vielleicht einmal zum Trost:
Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein…die Engel ..die Engel

Ärzte, die bloggen können sowieso nicht zu den Angesprochenen zählen, da sie den Mut haben, sich dem kritischen Bürger zu stellen ;-))
LG Monika

4 03 2008
emergency_doc

Hey Assi,

ich weiß nicht, warum Du Dich von solchen Dingen beeindrucken lässt wobei -um das typische Klischee zu bemühen- das ja eine typisch weibliche Eigenschaft ist: Frauen attributieren, argumentieren und denken internal – sie beziehen alles auf sich. Wenn also hier jemand rummosert, dann denkst Du, dass mit Dir was nicht in Ordnung wäre. Ich kann Dich beruhigen: mit Dir iss alles in Ordnung. Das System ist krank. Es sollte endlich jemand den Notarzt rufen.

1.) Ärzte verdienen im Vergleich -teilweise- nicht schlecht. Ich als Assi im sechsten Jahr kann nicht unbedingt meckern, wenn ich sehe, was andere Menschen um mich herum verdienen. ALLERDINGS – wenn ich ausrechne, dass ich fast keine Freizeit habe, die Wochenenden auf Notaufnahmen und Rettungswachen zubringe und mir zig Nächte im Jahr -inklusive Weihnachten, Silvester, Oster, Pfingsten- um die Ohren haue, dann verdiene ich -im Vergleich- erbärmlich. Diese Feststellung hat weder etwas mit „geldgierig“ noch mit „Patienten scheißegal sein“ zu tun. Die meisten von uns tun den Beruf auch aus Überzeugung. AUCH. Ich arbeite aber auch um Geld zu verdienen und mir etwas leisten zu können. Hätte ich Millionen auf dem Konto würde ich sicher nicht die Nächte mit durchgeknallten Bürgern verbringen, die wegen 38 Grad Celcius und Husten nachts um vier in die Klinik getorkelt kommen. Das ist Fakt und dazu kann man stehen. Wer das nicht begreift, soll doch unseren Job übernehmen. Da hätte ich überhaupt keine Probleme damit.

2.) Es gibt Kreise, in denen es schick ist über Ärzte herzuziehen (Heilpraktiker, oft Assiberufe, medizinisch-belastete-Laien, etc.). Wie jeder Berufsstand gibt es auch bei uns solche und solche. Fakt ist jedoch dennoch, dass der „durchschittlich-ausgebildete-Arzt“ über ein Fachwissen verfügt, das in in die Lage versetzt auch komplexere Situationen zu lösen. Mir ging´s nach drei Jahren im RD aus so, dass ich dachte „Wozu muss ich denn noch Medizin studieren ? Ich weiss doch alles.“ Klar…wenn Pat. schlecht schnauft…dann Lasix. Aufgeregt ? Diazepam. Uiiihhhh und ich hab sogar ohne Notarzt intubiert und kannte aufregende Namen wie „Trapanal“ und „Succi“. Jaaaa….so war das damals. Allerdings kann man Automatismen auch einem Schimpansen beibringen und die Intubation braucht keinen Arzt. Ein Schläuchlein in ein Löchlein zu stecken…das kriegt auch eine Elster hin. Ich denke, dass ein gut ausgebildeter Arzt mehr kann und gerade auch in „Nicht-Standard-Situationen“ weiß, wie es weitergeht. Da iss nämlich bei meinen Schwestern und meinen Assis recht schnell „Land-Unter“. Ob ich alles weiß und alles kann ? Das glaub ich auch nicht. Aber wer kann das schon. Ich bin aber dennoch „stolz“ darauf, was ich gelernt, wie ich mich entwickelt habe und welche Richtung ich heute vertrete. Ob das dem einen oder anderen aufstösst ist mir da wirklich egal. Irgendjemand nervt sich doch immer…

3.) Dass Ärzte viele Probleme selbst verschuldet haben unter denen sie heute leiden ? Das glaub ich auch. Wir haben viel zu lange alles akzeptiert; uns viel zu lange von Chefärzten und Verwaltungen „in den Hintern treten lassen“ und waren einfach viel zu gutmütig. Das liegt zum einen daran, dass die meisten Menschen in sozialen Berufen einfach eine soziale Ader haben (daher wohl auch der Name). Eine Bank-Tante würde wohl kaum abends drei STunden länger bleiben, wenn es dafür nicht Cash gäbe. Ärzte und Schwestern mach(t)en das aber, auch wenn es nicht bezahlt wurde. Es ging uns um unsere Patienten. Enttäuschend ist jedoch, dass sich die Patienten hierfür selten überhaupt bedanken. Ich hatte schon Dienstwochen, an denen ich von Montag 7 Uhr bis Donnerstag 16 Uhr durchgehend im Haus und auf meiner Station unterwegs war (Mo 7-17 Uhr Station, 17-7 Uhr Notarzt, Die 7-17 Station, 17-7 Notarzt, Mittwoch 7-17 Station, Nachtdienst, Donnerstag Visite und Aufnahmen bis 16 Uhr); gewundert hat mich wirklich, dass eigentlich keinem meiner Patienten auffiel, dass ich tags, nachmittags, abends und nachts durchgehen zur Stelle war. Sowas buche ich heute unter „Gedankenlosigkeit“. Dass die „Junge Generation“ auf sowas keine Lust mehr hat, kann ich verstehen. Mir geht´s nämlich nach sieben Jahren Klinik ohne Privatleben, ohne Hobbies, ohne erfüllte Beziehung auch so, dass ich es nicht mehr sehen kann. Am meisten erbost einen doch die Unverfrorenheit, mit der manche Patienten auftreten und auch nachts um vier Uhr SOFORT und JETZT alles haben wollen, obwohl sie sehen, dass die Notaufnahme mit „wirklich kranken Menschen“ überläuft. Da die Nächte ja als „Bereitschaftsdienste“ gebucht werden, erhalten wir übrigens keinerlei Zuschläge dafür. Daimler-Benz lässt grüssen. Insofern sollte man fast für jeden Medizinstudenten heute ein psychiatrisches Konsil ausstellen…

4.) Trotz aller Widrigkeiten, aller Ärgernisse, Widerstände und dem täglichen Kampf mit Papier, Chefs, Behörden, dämlichen Mitmenschen, etc. ist es für mich noch immer der schönste Beruf, den es gibt. Ich habe allerdings gelernt meine Grenzen zu ziehen und auch mal „schneidende Arroganz“ zu sprühen, wenn es angebracht ist. Und ich hab auch gelernt Neiddiskussionen, Sticheleien, hirnlose Behauptungen, etc. ablaufen zu lassen. „Ich weiß wer ich bin und was ich leiste – mach mir das erstmal nach.“

Liebste Assi…ich wünsch Dir ganz viel externe Attribution und auch, dass Du den Spass am Beruf niemals verlierst. Dein Blog ist erstklassig und wenn´s Dir danach ist hier abzukotzen – nur zu. Iss schließlich Dein Blog. Wer´s nicht lesen will, kann ja weiterklicken 🙂
Die „Kollegen an der Front“ wissen aber, worum es geht; warum die manche Dinge schreibst; und was in Dir vorgeht. „You´re not alone“ :-)))))

4 03 2008
Joekanone

@ emergency doc

zu 2.) GANZ dünnes Eis mein lieber Freund.
Wenn es darum geht Pauschalisieren und „über den Kamm scheren“ von sich zu weisen und Personen die eben das tun zu verurteilen, kommt es ganz schlecht an wenn man dabei die gleichen Stilmittel auf die vermeintlich nächstniedrige Stufe in der Hierarchieleiter anwendet.
Was die Aufgaben eines Arztes angeht sind wir ja ziemlich einer Meinung, nur hab ich es oft genug erlebt das wenn ich mit meinem Latein am Ende war und einen „guten“ Notarzt gebraucht hätte, n blasses wimmerndes Häufchen Elend in der RTW Ecke kauerte.
Was inkompetente Niedergelassene angeht dürftest Du in der Rettung genug Erfahrungen damit gemacht haben, trotzdem kann man nicht grundsätzlich alle Niedergelassenen über einen Kamm scheren oder ausschließlich deren „Hilflosigkeit“ in Notfallsituationen heranziehen um sich ein Urteil über Sie zu bilden.
Ich für meinen Teil beurteile Notärzte und Ärzte im allgemeinen neben der fachlichen Kompetenz auch nach menschlichem Umgang, Sozial- und Konfliktverhalten. Während die Verfasserin dieses Blogs zumindest über ihre Posts am laufenden Meter punktet, würde ich dich nach DEM Kommentar gern mal am Einsatzort vergessen.

4 03 2008
emergency_doc

@ JoeKanone

Da hast Du mich falsch verstanden. Ich weiss die Qualitäten der RAs recht gut zu schätzen -war selber drei Jahre einer-; gerade im RD ist es wichtig ein TEAM zu sein und da sollten „Hierarchien“ nicht auftreten; gerade das mag ich im RD besonders. Aber jede Berufsgruppe hat ihre Spezialisierung. Im RD sind Praktiker und eine gute Portion Improvisation gefragt. Gerade das wird aber im Studium nicht vermittelt. Schade. Denn gerade dadurch entsteht der Eindruck, dass „die Jungs“ schon etwas blöde sind. Glaub mir, ich hab mich auch oft amüsiert, wenn bei einer Intensivverlegung ein AiP´ler oder ein „blasses wimmerndes Häufchen Elend“ mitfahren musste und wir genau wussten, dass wir im Notfall „den Job“ zu machen hätten. Auf der anderen Seite sehe ich täglich krasse „Fehldiagnosen“ von Seiten meiner RAs, die mir Patienten in die Notaufnahme oder auf Intensiv schleifen; diese beruhen einfach darauf, dass die RA-Ausbildung zu oberflächlich ist und wichtige Grundlagen fehlen. Das kann ich im Pflegeberuf akzeptieren, da dort nie ein Doktor weit ist. Im RD ist das Mist, da die Jungs öfter auf sich gestellt sind und viele Situationen halt nicht nach Routine oder Handbuch laufen. Es gibt wie in jedem Job absolut fähige Leute und genauso auch Blaulicht-Junkies, denen kein Job zu blutig und keine Klappe zu gross sein kann.
Ich wollte mit meinen Zeilen klar machen, dass es auf den Menschen ankommt. Ob Hausarzt, RA, Klinikarzt oder sonstwas. Ob bzw. warum viele Niedergelassenen „inkompetent“ sind bleibt dahingestellt. Als Hausärzte (im eigentlichen Sinne) scheinen viele Erfolg zu haben. Echte Notfälle sehen die einfach zu selten und natürlich kann man denen den Vorwurf machen, dass sie sich besser bilden sollten. Auf der anderen Seite wollte ich diesen Job auch nicht machen, da der ziemlich stressig sein kann. Und vielleicht zieht der auch eher Menschen an, die sich anderen Herausforderungen nicht stellen wollen. Who knows ?

Allerdings zu denken, dass man es besser könne, nur weil man eine Viggo legen kann, halte ich für einen Irrtum. Einige meiner Assis tun sich extrem schwer mit 12-Kanal-Ableitungen und wenn ich dann eine V7-V9 oder rV4 brauche, wird´s schwierig. Aber gerade DAFÜR sind wir ein Team. Ich erklär´s und dann isses gut und das nächste Mal klappt´s dann. Auf der anderen Seite macht mich mein Assi drauf aufmerksam, wenn ich was vergessen oder übersehen habe. Nicht die eigene Unfehlbarkeit ist das Ziel, sondern die optimale Versorgung von unserem Patienten. Und da kann gemeinsames Wissen -je mehr, desto besser- nicht schaden. Hoffe, ich hab Dir meinen Standpunkt klar machen können und muss nicht mit dem Taxi zur Wache fahren 🙂 Frieden ?
Was die Qualitäten unserer Blogschreiberin angeht, sind wir ja schon mal einer Meinung. 🙂

4 03 2008
ela

Ok ich versteh deinen Groll und Unmut aber weißt du was, so Spammer, Klugscheißer und Neider sollte man schlicht ignorieren.
Du bist hier im Blog keinem Rechenschaft schuldig, du kannst wenn du willst was dazu sagen….müßen mußt du aber net.
Ergo wenn du kein Bock drauf hast lass es… Trolle kommen und gehen

5 03 2008
Joekanone

Na mit den obigen Ausführungen kann ich mich doch anfreunden. Die RA Ausbildung sollte 3 jährig sein, denke da sind wir auch auf einer Linie. Bei der Diagnosestellung bitte ich allerdings auch Stress, Umwelt, den Zeitdruck und zuguterletzt doofe Patienten, die sich im Anamnesegespräch nicht an Leitsymptomen orientieren, zu berücksichtigen.
Und solltest Du jemals in die Verlegenheit kommen bei uns als Notarzt auf dem Auto zu sitzen, nehm ich dich auch wieder mit auf die Wache….Versprochen 😉

5 03 2008
Lillifee

Ich finde, Hass ist das falsche Wort. Und eine gewisse Wut ist für mich nachvollziehbar. Bin aber auch nur ein Normalo, also Kaste Patient – und auch noch GKV-versichert, Schande über mich.

Mein Vater wurde kürzlich operiert, Radikale Prostatektomie mit T4-Befund. Die Pflege durch die Schwestern war gut und sanft. Die Anästhesisten haben sich fast ein Bein ausgerissen und völlige Schmerzfreiheit erreicht. Nur Urologen gab es auf der urologischen Station nicht. Es lief kein Arzt dort rum, auch der Stationsarzt nicht – alle im OP.

Visiten gab es wöchentlich und 3x kam ein Urologe ans Bett meines Vaters, ohne mit ihm zu sprechen! Nachdem der Befund da war, hätten wir gerne was erklärt bekommen. Also habe ich einen Tag 6 Stunden auf dem Flur gewartet (mein Vater konnte keinen stundenlangen Besuch ertragen), musste dann etwas massiver werden, bis ein Uro total genervt zu mir kam, als ob es eine Unverschämtheit wäre, mit ihm sprechen zu wollen. Der hat mir dann den Bericht vorgelesen (lesen kann ich auch allein) und ist wieder gegangen. Einen Ausdruck konnte ich nur nach einem ruhestörenden Wortwechsel ergattern. Und den brauchte ich ja, um mich – mangels Erklärungen – informieren zu können. Also 2 Visiten, 3 stumme Ärzte am Bett und 1 Gespräch mit mir (6 Minuten, da hing eine Uhr) innerhalb von 2 Wochen. Da ist mir dann schon egal, ob es am System liegt, da kriegt man schon die Wut.

Zumal ich vorher wusste, dass der niedergelassene Urologe uns voll vor die Wand laufen lassen wird. Der hatte nämlich jahrelang die starken Miktionsprobleme und die krasse P.hyperplasie verharmlost und belächelt und gemeint „Ein PSA-Test ist bei IHNEN doch nicht nötig!“. (Wenn ich damals doch gewusst hätte, was ich heute weiß…)

Dann hat er den positiven Biopsie-Befund erst nach 3 Wochen mitgeteilt (wäre angeblich noch nicht da, hatte dann aber ein frühes Datum und auch ein frühes Fax-Datum). Bei T1c und GS 3+3=6, jedoch einem PSA-Wert von 46, zeigten die Partin-Tabellen Bedenkliches. Die Tabellen wären Müll. Mein Vater solle sich bestrahlen lassen – 30 Sitzungen und gut ist. Heilungschance: 95%. Ich: ja aber… Er: jetzt hören Sie aber mal auf. Ich bin schließlich der Arzt und Ihre Internet-Recherchen können Sie sich sonstwohin stecken. Der Krebs KANN gar nicht aus der Kapsel raus sein, das geht anatomisch gar nicht (hä?).

Dem Strahlentherapeuten sollten wir den hohen PSA-Wert verschweigen!!! Haben wir aber nicht und wurden dort umfassend beraten.

Nach der Biopsie schwere hochfiebrige Infektion, das verschriebene 5-Tage-Antibiotikum half nicht, sollte mein Vater trotzdem noch 5 Tage nehmen. Dann ein anderes verschrieben. Half auch nicht. usw. Infektionen 6 Wochen weiter bis OP (wo er dann vorher Infusionen bekam, nachdem endlich die Erreger getestet worden waren).

Nach OP starke Inkontinenz, Papa verzweifelt, will eine AHB machen. Urologe: Was versprechen Sie sich denn DAvon?. (völlige Vernichtung sämtlicher Hoffnung auf Besserung).

Die AHB hatte übrigens durchschlagenden Erfolg was die Kontinenz angeht, wie kann der Urologe sowas sagen? Jedenfalls brauchte ich im Krankenhaus Informationen, weil der niedergelassene Urologe uns sehr schlecht beraten hat. Ich denke, das ist objektiv der Fall. Was er zu dem T4-Befund gesagt hat, erspare ich euch. Wie auch vieles andere. Alles, was ich jetzt über Prostatakrebs weiß, lässt mir die Haare zu Berge stehen. Manche Ärzte sollten lieber anderweitig arbeiten, aber keine Patienten behandeln.

Anderer Fall: Kind mit allergischem Asthma und jährlicher Verschlimmerung. 2 Monate trotz maximaler Spray-Dosen jede Nacht Husten und Atemnot. Peak Flow Wert morgens um die 60%. Lungenfacharzt kann beim Abhorchen nichts hören. Da ist also nichts. Weiter sprayen wie zuvor. Peak Flow ist Quatsch, das kann man sich sparen. Ich: wonach soll ich dann entscheiden, ob er zur Schule gehen kann? Er: das weiß ich auch nicht. Ich: und wann soll man ein Kortison-Zäpfchen geben? Er: wenn er überhaupt keine Luft mehr bekommt. (?) Nix Notfallplan. Nix Krankheitsmanagement. Wir sind so ein Fall mit psychischer Ursache und überfürsorglicher Mutter. Toll. Komisch nur, dass er die psychischen Probleme nur hat, wenn die Birkenpollen fliegen.

Dann werde ich eben wieder wochenlang nicht schlafen, angezogen im Bett liegen und nächtens ins Krankenhaus fahren – so wie die 5 Jahre davor. Im Krankenhaus werden wir dann jedesmal (zu recht) angemeckert, weil wir zu viel gesprayt haben und wenn ein Peak-Flow-Wert im Protokoll fehlt. Kinderstation ist immer top. Besonders toll fand ich, dass eine junge Ärztin um 3 Uhr morgens einen erfahrenen Kollegen von zu Hause herzitiert hat, weil sie mit ihrem Latein am Ende war. Sooo bedrohlich war die Situation mir gar nicht vorgekommen. (Habe sie hinterher gefragt: sie hat keinen Ärger bekommen). Jedenfalls habe ich mir überlegt, meinen Sohn diese Saison zu filmen, wenn er nach Atem ringt. Vielleicht hat der Lufa das ja noch nie gesehen?

Nun würde mich echt mal interessieren, was die Niedergelassenen denn nun wirklich verdienen. Ich habe arge Probleme, Untersuchungen gemacht und Medikamente verschrieben zu bekommen. Alle Leute, die ich kenne, auch. Viele sind richtig verzweifelt. Es ist meine eigene Erfahrung, dass (niedergelassene) Ärzte oft nur um ihr Budget besorgt sind. Das sagen sie ja auch ganz offen.

Ich finde ja, was man monatlich verdient, kann man nicht auf Einzelleistungen aufteilen. Wenn man x.000 Euro verdient kann man nicht einfach sagen, am Ende des Monats müsste man umsonst arbeiten. Ich weiß, es ist komplizierter, aber ich finde, dass viel zu viele Ärzte schlecht arbeiten und viel rumheulen. Dabei tut ihnen nichts weh… Uns schon…

Über eure Standesvertreter solltet ihr auch mal nachdenken. ICH kann euch jedenfalls keine anderen beschaffen.

Und mich hat es auch schockiert, in der Zeitung lesen zu müssen, dass die Bedeutung des Händewaschens im Krankenhaus kürzlich neu entdeckt wurde. Das ganze Volk ist entsetzt, ob das nun in der Bedarfshaltestelle steht oder nicht. Um darauf nochmal zurück zu kommen.

Das sind so meine Erfahrungen. Es gibt engagierte und gleichgültige Docs. Leider ist es so, dass jeder Hustensaft verschreiben kann, klar. Aber wenn man wirklich ein Problem hat, entscheiden nur Glück oder Pech, ob man einen Hauptgewinn oder eine Niete zieht. Und gerade dann ist man so sehr auf den Behandler angewiesen und so wenig in der Lage, Alternativen zu suchen. Eigentlich ist zum Arzt gehen nur was für Gesunde.

Du brauchst mir jetzt nicht zu antworten, ich wollte nur mal ein Beispiel in den Raum werfen.

5 03 2008
L. Carone

Du machst das hier genau richtig. Wirf mal Deine Sicht der Dinge in die Waagschale. Jeder ist irgendwann Patient, aber wer hat schon mal die Gelegenheit mal Arzt zu sein?

Natürlich gibt es überall Idioten, herrje. Es sind auch nur Menschen.

Trotzdem ist es vielleicht gut, zu sehen, was die Menschen bewegt und daruf bis zu einem gewissen Grad einzugehen. Indem man z.B. nicht nur mit unverständlichem Fachvokabular um sich wirft, andererseits sollten die Patienten auch sehen, dass sie sich alle mehr Zeit und Fürsorge vom Arzt wünschen, aber die auch irgendwie bezahlt und vor allem erst mal vorhanden sein muss.

Sich trotzig hinter seiner Position zu verschanzen, hilft niemandem weiter. Es muss schon ein gegenseitiges Miteinander geben, sonst brauchen wir uns nicht zu wundern, dass die besten Ärzte laufen gehen.

5 03 2008
Lillifee

@ L. Carone

Ach, Gottchen, du bist mir ja eine/r! :-)))
Aber du hast völlig recht, Idioten gibt es überall.

Unter sich zu bleiben ist natürlich immer angenehmer. Das will ich euch gönnen, entschuldige mich vielmals für die Anmaßung und entschwinde ins Nichts, wo ich hingehöre.

Eigentlich schade, jetzt hatte ich mich gerade rückwärts eingelesen und Gefallen gefunden. Schön geschrieben, deine Beiträge, Assistenzarzt! 🙂

5 03 2008
Tim

Ist eine ziemlich akademische (im Sinne von Sozialstatus) Diskussion hier. Die Arzt-Patient-Beziehung ist in der Realität nicht symetrisch, den Grad des Miteinanders bestimmt der Arzt. Er hat die Verantwortung, und die kann er nicht auf den Patienten abladen, da der, meist einer Zwangslage ist und die Konsequenzen nicht abschätzen kann – trotz Internet und pubmed.

Wer diese Erwartungshaltung des Patienten als Arzt nicht aushält, für den gibt es wunderbare Jobs in der Pharmaindustrie oder der Gesundheitsverwaltung. Der muss nicht bloggen.

5 03 2008
Assistenzarzt

@alle: Danke für eure Feedbacks.

@emergency_doc: Schön, dass du mal wieder kommentierst. Ich habs schon vermisst.

@Joe Kanone & emergency_doc: Ihr beiden, ich werde ja ganz rot vor lauter Lob.

@Lillifee: Es tut mir persönlich sehr leid, wie es mit deinem Vater gelaufen ist. Derartig harte Geschichten sind mir persönlich bisher zum Glück noch nicht begegnet. Allerdings habe auch ich schon kapiert, dass es bei manchen Hausärzten ganz gut ist, wenn die Angehörigen oder die Patienten selbst mehr als hartnäckig sind. Ich weiß nicht, wie fachlich du bewandert bist, aber im Ärzteblatt hat es letztes Jahr eine Serie zu Diagnostik und Therapie des Prostata-CA gegeben, die den aktuellen Stand gut darstellte. Man kann es auch online abrufen. Ich kann dir & deinem Vater aus meiner privaten persönlichen Sicht nur empfehlen, den Urologen zu wechseln, denn ich habe das Gefühl, dass eurerseits kein Vertrauensverhältnis mehr da ist und dann liegt ein gestörtes Arzt-Patienten-Verhältnis vor, wo ja gerade bei Tumorerkrankungen dieses Verhältnis unbedingt funktionieren sollte. Außerdem rate ich euch, die onkologische Betreuung durch ein Tumorzentrum machen zu lassen oder durch eine niedergelassene onkologische Praxis (die Zahlen zeigen, dass Zentren und Spezialpraxen die besseren Behandlungsergebnisse haben, da mehr Erfahrung). Möglichst bald. Es gibt verschiedene Therapieoptionen bei Prostata-CA, über die man euch aufklären sollte.
Was das Kind angeht: Es gibt Allergologen, die auf Kinder spezialisiert sind. Bei derartig ausgeprägtem Krankheitsbild und wenigen Allergenen käme eine Hyposensibilisierungs-Behandlung in Frage. Außerdem würde ich checken, ob das Kind die Sprays wirklich gut inhaliert oder Hilfen wie Spacer oder Vernebler nötig sind. Die Krankenkassen haben zudem neuerdings DMP-Programme für Asthma mit Schulungen für Patienten. Weiß nicht, aber für Kinder und Eltern gibts bestimmt auch Schulungen. Nächster Punkt wäre eine Eltern-Kind-Kur in einer Einrichtung, die sich auf Atemwegserkrankungen spezialisiert hat. Familien profitieren unheimlich davon, da quasi „Dual“ behandelt wird – Krankheit des Kindes, „Assistenztraining“ für Eltern.
Was die Einkommen der niedergelassenen angeht: hab da nicht so den Durchblick, hängt von Fachrichtung, Bundesland und letztlich der Bevölkerungsstruktur der jeweiligen Region ab. Mal bei der Apo Bank im Vorraum am Aushang Praxisbörse gucken, da stehts manchmal mit bei… 🙂

5 03 2008
Tim

„Neuerdings DMP-Programme“? Die sind am 1.1.2002 möglich geworden. Asthma startete am 1.1. 2005. Gibt es mittlerweile 1.428 Verträge mit Ärztegruppen. Für die Krankenkassen interessant, nicht weil sie Kosten sparen, sondern weil DMP in den Risikostrukturausgleich (RSA) eingeht. Evaluationen gab es kaum. Und mit der Reform das RSA zum 1.1.2009 wird das mit dem DMP in dieser Form ein Ende haben. Die Kassen erhalten nur noch eine Programmkosten-Pauschale für die Dokumentation. Damit werden die DMPs aussterben. Zur Freude der niedergelassenen Ärzte, die durch die vielen Verträge (ca. 14.000) nie durchgestiegen sind.

Aber das kann ein Assistenzarzt nicht wissen.

5 03 2008
Assistenzarzt

@ Tim : „Die Arzt-Patient-Beziehung ist in der Realität nicht symetrisch, den Grad des Miteinanders bestimmt der Arzt.“ Eben, das hast du richtig gesagt. Die Qualität eines Arzt-Patienten-Verhältnisses wird durch die Fähigkeit des Arztes mitbestimmt, dem Patienten ein selbstbestimmtes Handeln zu ermöglichen und ihn eben nicht als Objekt des Behandelns sondern als Partner auf Augenhöhe zu sehen, den man bei dem gewählten Weg unterstützt und diese Wahl akzeptiert. Da spielt Aufklärung in patientengeeigneter Form eine wesentliche Rolle.
Und wer davon nichts versteht, den kannst du von mir aus in die Pharmaindustrie verbannen. Woher willst du einschätzen können, ob ich oder einer der anderen bloggenden Ärzte die Erwartungshaltungen der Patienten aushalte? Woher willst du wissen, wie ich in Patientengesprächen agiere?
Du verwechselst da was. Ich blogge hier nicht, weil ich die Erwartungshaltungen meiner Patienten nicht aushalte, nee, das lernen wir alle spätestens im PJ damit umzugehen bzw. Metakommunikation mit dem Patienten zu betreiben. Ich blogge, weil ich was erzählen will, wie jemand von der anderen Seite des Stethoskops die Welt sieht und nicht weil ich unsachlich, verbal aggressiv und diskreditierend über jeden der mir vor die Flinte kommt herziehen will, wie diejenigen, die nicht mal in der Lage sind, die Meinung anderer sachlich widerzugeben ohne gleich die persönliche Wertung Überhand nehmen zu lassen. Wer nur das kann, kann auch am Stammtisch diskutieren und muss nicht bloggen…

5 03 2008
Assistenzarzt

Nee, lieber Tim , das kann er nicht, denn wie dir auch bekannt ist, kann Kliniken und Ärzte auf Station ein DMP derzeit egal sein. Und nicht jede Kasse hat DMP Asthma sofort umgesetzt. Meine z.B. erst vor knapp einem Jahr. Aber eine lustige Geschichte ist z.B. dass Dummerlein Assistenzarzt mal was nachgefragt hat zum DMP bei der Kasse und erst ein halbes Jahr später jemand anrief um diese Email zu beantworten… Weißt du, wieso ich drauf kam? Weil dort Schulungen angeboten werden, die Patienten nicht extra löhnen müssen. Und bis die DMP aussterben sind ja noch ein paar Monate.

Übrigens kann ein Assistenzarzt auch viele andere Dinge nicht wissen… aber ich behaupte ja auch nicht, dass ich der liebe Gott bin und alles weiß und deswegen über alles urteilen kann…

5 03 2008
Tim

An den Asthma-Beispiel wird die Misere deutlich: Du hast ein paar Therapie und Beratungs-Möglichkeiten genannt, es gäbe noch andere. Kaum ein Patient kann selber nun auf die Suche gehen. Eigentlich wäre ein Arzt gefragt, der die Versorgungspfade kennt und den Patienten im Dickicht der Angebote unterstützt. Da ist der niedergelassene Arzt, der ja selbst als Pneumologe noch andere Krankheitsbilder zu betreuen hat, überfordert. Ergebnis: Unzufriedenheit bei Ärzten und Patienten.

Was den Stammtisch angeht: Ärztestammtische sind nicht immer hochintellektuelle Veranstaltungen mit sorgfältig abgewogener Meinung. Die Kollegen laden ja gerne Referenten aus der Gesundheitspolitik ein. Ich sage da immer ab. Als Lukas ist „Hau-den-Lukas“ ein Mist-Job.

Tim, der in einem Verband für die Gesundheitspolitik zuständig ist.

6 03 2008
Julia

Tja, wie sehr sich die Erfahrungen und Gedanken gleichen…
ich habe es prinzipiell auch aufgegeben, mich ständig für meinen geldgierigen Berufsstand entschuldigen und rechtfertigen zu müssen. Schließlich kann man dem Knock-out-Argument, das uns auch während der Tarifverhandlungen ständig vorgehalten wurde („Der Arzt ist dem Patienten gegenüber verpflichtet, nicht der Stechuhr“), kaum etwas entgegensetzen.

Was ich am Unangenehmsten finde ist die angesprochene negative Grundeinstellung Ärzten gegenüber. Wann immer irgendwo mein Beruf zum Thema wird kommt fast schon grundsätzlich, der Gesprächspartner selber oder eine Person des näheren Bekanntenkreises sei aufgrund der Unfähigkeit der Ärzte (pauschal) fast gestorben, zumindest jedoch jaaaahrelang falsch diagnostiziert und behandelt worden. Gerne verbunden mit der pauschalen Aussage „ich halte nicht viel von Ärzten“.
Dazu dann „Das große Ärztehasser-Buch“ oder die Titelseite einer populären Zeitung: „Ärzte sprechen über ihr Versagen“

Vor einigen Jahren beim Notfallmedizin-Kurs sagten die RAs dort, wir sollten uns bloß nicht erhoffen, auf der Straße mehr Anerkennung oder Dankbarkeit zu bekommen als in der Klinik. Scheint also nicht nur meine Erfahrung zu sein.

Die „Halbgott-in-weiß“-Zeiten sind zum Glück vorbei, niemand möchte den untertänigst auf Knien herumrutschenden Patienten. Aber es ist umgeschlagen in Richtung des anderen Extrems, Gespräche auf Augenhöhe finden kaum statt, vielmehr ständig Rechtfertigungen (und sei es nur, weil es Kartoffelpürree zum Mittagessen gab). Schade, das vergällt den Spaß am Beruf viel mehr als die Bezahlung oder schlechte Arbeitszeiten…

6 03 2008
emergency_doc

@Lillyfee

Kann mich den anderen nur anschließen: tut mir natürlich auch leid, wie´s bei Dir gelaufen ist. Wie Assistenzarzt oft anmerkt: „schneidende Kollegen“ (Chirurgen, Uros, etc.) sind seltsames Volk. Da läuft die Stationsarbeit einfach nebenher und das ist vom „System“ auch so geplant. Wer täglich acht bis zehn Stunden im OP steht, ist abends einfach nicht mehr in der Lage eine sinnvolle Stationsarbeit zu leisten. Wir Internisten können ein Lied davon singen, wie oft wir mitten in der Nacht Patienten von chirurgischen Stationen zu uns nehmen. In meiner Anästhesie-Zeit hab ich mir irgendwann während der OPs immer die Stat.akten genommen und optimiert (Blutzucker, Blutdruck, Analgesie, etc.). Im Grunde wäre es vermutlich am sinnvollsten, wenn Internisten die Stationen leiten würden und die schneidende Zunft ihre -wirklich gute- Arbeit im OP macht. Aber das möchte auch niemand bezahlen; denn wie immer soll ja alles „kostenneutral“ laufen. Insofern wird sich da in Zukunft nicht viel ändern – es wird jetzt eher schlimmer werden. Selbst in unserer Region (Ba-Württemberg) ist es mittlerweile fast aussichtslos noch gut qualifizierte Assistenten zu bekommen. Abteilungen werden zum Teil mit Anfängern oder Ausländern mit fraglicher Ausbildung und rudimentären Sprachkenntnissen „gefahren“. Mutig, kann ich nur sagen.
Aber „statistisch“ gesehen ist die Versorgung bei uns nach wie vor ausgezeichnet. Statistik spiegelt halt nicht den Einzelfall wider. Aber Vorschlag: beschwer Dich doch beim Chefarzt der Abteilung. Viele Patienten murren nur hinter vorgehaltener Hand und viele Dinge kommen auch bei uns nicht an. Wir sind Partner – Ärzte und Patienten – und da ist ein Meinungsaustausch wichtig. Ein „…wissen Sie, ich warte hier wirklich jetzt sechs Stunden auf Sie und kann verstehen, dass Sie müde sind; ich mache mir aber Sorgen um meinen Vater…“ wirkt oft Wunder. Auch Chirurgen sind nicht völlig emotionslos (also das vermute ich mal; hab noch keinen aufgeschnitten, um zu sehen, ob der Emotionschip entfernt wurde) 🙂

Was mich oft wundert, ist dass Patienten mit ihren Ärzten unzufrieden sind, dies aber oft nicht verbalisieren bzw. den Arzt wechseln. Ich -wie die meisten der „jungen Generation“- sehen unseren Beruf schon auch als „Dienstleister“ und ich bemühe mich immer meine Patienten vollkommen und umfassend über den Ablauf aufzuklären. Zwar krieg ich hier sehr oft Feedback („…so hat mir das noch nie ein Arzt erklärt…“), aber das kostet einfach Zeit, die von meiner Freizeit und meiner Lebenszeit abgeht. Bezahlen will das nämlich niemand 😦

Und noch was die Hygiene angeht:
Es macht sicher keinen Sinn, wenn ein Arzt (Schwester, Assi) den ganzen Tag mit „Dreckfingern“ rumläuft. Allerdings kann man in vielen Punkten auch Entwarnung geben. Wir Deutsche übertreiben es heftig mit der Desinfektion. In USA ist es völlig normal, dass der Chirurg mit den OP-Klamotten auch mal gegenüber in den Supermarkt geht (bei uns traf man auf dem Gemüsemarkt oft OP-Personal in der Mittagspause an). Natürlich ziehen die noch Kittel und Handschuhe sowie Gesichtsmaske vor der OP über und desinfizieren sich die Händchen. Aber in Klinikklamotten (blau, grün, lila) mal kurz shoppen gehen…da würde in Deutschland die Schlagzeilen nur so hageln 🙂 Witzigerweise haben die Amis aber deshalb auch nicht mehr Infektionen. In der Klinik desinfizieren sich die Patienten schließlich auch nicht die Finger, obwohl sie den ganzen Tag in der Klinik unterwegs sind (Station-Rauchen-Station-Rauchen-Kiosk-Bier-Rauchen-Station) 🙂

9 03 2008
Maria

Hallo,
ich finde diese Diskussionen unheimlich wichtig! Auch wenn sie schon tierisch nerven. Mein Mann hat damals als Assistenzarzt angefangen, gleichzeitig habe ich als Informatikerin in einem großen Konzern gearbeitet (nix aufregendes, kein Management oder so), aber wir haben EXAKT dasselbe verdient. Ich habe aber nur 2 Jahre Ausbildung gemacht und er etliche Jahre Studium!!
Und sowas weiß leider keiner(!) heutzutage. Die Mehrheit der Bevölkerung (und der KH-Angestellten wie Schwestern, usw) denken immer noch als Arzt verdient man das große Geld. Also sollte man sich nicht beschweren.
Dem ist aber nicht so und da ist noch sehr viel Aufklärungsarbeit nötig. Natürlich stempeln viele Leute Ärzte als „Nörgler“ und „Können-den-Hals-nicht-voll-krieger“ ab, aber das beweist ja nur, dass da noch viel zu sagen ist!
Also bitte schön weiter diskutieren, denn das was du hier beschreibst ist einfach die Realität und keine Übertreibung.

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