Morbus Alltagsfrust

18 03 2008

Ein Gedicht.

die tägliche unkollegialität

minuten vor dienstschluss patientenzugänge

fehlende informationen

gleichgültigkeit, ihr könnt bleiben

aber ich geh nach hause

mein feierabend sind eure überstunden

was geht ihr mich an

wir sehen uns wieder. bestimmt.

fragende angehörige, täglich

lange gespräche, täglich

immer die selben, keine neuigkeiten,

meine zeit rinnt davon, doch ich bin nett,

es warten andere, krankere patienten,

fehlendes gespür, fehltritte, überschreiten von grenzen,

räumlichen und benimm-grenzen,

auch krankenhäuser sind orte von höflichkeit und datenschutz,

ärzte sind kein eigentum,

die die leise sind sind wirklich krank,

die die reden, aufhalten, fordern, laut werden,

die sind es in der regel nicht.

trag sorge, dass du die leisen töne hörst,

die lauten musst du abwimmeln,

denn sonst kommen die leisen zu kurz,

aber die brauchen dich mehr.

angehörige, die denken sie müssen täglich fragen

auch wenn der arzt in der visite tausendmal mit patienten spricht,

er nimmt sie ernst, andere nicht,

sie sind nicht entmündigt, verstehen, begreifen,

können für sich selbst sprechen,

dann entmündigt sie nicht,

lasst sie nicht hilflosigkeit erlernen,

stuft sie nicht auf kindliche handlungsweisen zurück,

auch das ist respekt vor dem kranken,

respekt, den angehörige zeigen müssen.

sie werfen einen ins kalte wasser

aber helfen tut keiner,

sie kontrollieren und kritisieren,

aber anleitung fehlt.

wie soll man lernen, bilden, reifen,

wenn keiner einen begleitet,

führungsstil heißt

nur treten ist schöner als buckeln.

sie peitschen dich auf, treiben dich an,

keine müh ist je genug

sie geben dir das gefühl nichts wert zu sein

du wirst niemals ein held wie sie

nichts was du tust ist was wert

worte der anerkennung gibt es hier nie

kritik ist etwas dass dir nicht zusteht

benutzt du sie doch

sie werden dich zerbrechen

wir gingen wie immer durch dieses haus 

der schock saß tief

den tränen nah

kaum begreifend was wir sahen

da lag der Arzt, intubiert, beatmet,

warum nur tat er das?

er machte karriere, hatte alles erreicht,

war jung, war hübsch,

so reich?

so arm?

war es leere

war es last

war es druck

war es angst

niemand wird je die antwort kennen

denn seine letzten worte

wollten sie nicht hören

legten schleier über alles gesagte

seid still, die wahrheit ist nicht gefragt

doch wer es vermag seine seele zu sehn

trotz schläuchen und piepsen der geräte

der wird es verstehn

der wird erkennen

warum er einfach nur wollte gehn…

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5 responses

19 03 2008
Unterholzbewohner

Wie wahr! Und wie schön!

19 03 2008
Hypnosekröte

…und der Schluß hoffentlich nur eine Metapher… *schluck*

21 03 2008
Assistenzarzt

Nein, es ist leider keine Metapher. 😦 In memoriam an einen Kollegen.

21 03 2008
emergency_doc

Tja…wenn man zum Teil unsere Lebensqualität betrachtet, wundert es nicht, dass der „ärztliche Beruf“ das höchste Sucht- und Suizidpotential aller Berufe aufweist. Nicht umsonst ist die Rentenausschüttung des ärztlichen Versorgungswerkes deutlich höher als bei der BfA. Erstmal das Rentenalter erreichen…. Wir sind nach wie vor die Berufssparte mit der kürzesten Lebenserwartung. Kann ich mir so gar nicht erklären 😦

Trotzdem schöne Ostern an alle die, die Feier- und Brückentage nur aus dem Kalender kennen

1 04 2008
Murmel

wow … ich habe eine gänsehaut und in meinen gedanken einen lieben freund von früher, der so oft über seine dienste, seine berufung sprach und sovieles von dem was du aufgeschrieben hast bestätigt hätte.

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