Adipositaschirurgie

27 07 2008

Ich habe vor einigen Tagen einen Beitrag im TV gesehen, bei dem es um schwerst-Adipöse ging. Die Therapiemöglichkeiten nehmen in letzter Zeit zu, ähnlich wie auch das Problem Adipositas auf USA-Verhältnisse zustrebt. Eigentlich könnte man ein Buch davon schreiben, aber ich will es auf wenige Dinge beschränken, die wie ich finde, zum Nachdenken für den Alltag und weiterforschen nach neuen Therapieansätzen anregen bzw. meiner Ansicht nach zu blauäugig hochgelobt werden.

Anreger:

Einige Studien stellten bei BMI über 35 ein Suchtverhalten wie bei Alkohol und Nikotin fest, dass beim BMI über 45 fast in 100% vorhanden war.

Eine gute Betreuung inkl. Psyche sorgt für besseren Erfolg.

Unsere guten Medikamente sind nicht immer gut – Betablocker, HCT, Insulin… all das kann abnehmen erschweren oder zu einer Gewichtszunahme führen. Neueste Studien zeigten, dass eine Gewichtsabnahme das Leben eher verlängert als hightech Pharmazie.

Durch einen Adipositaschirurgischen Eingriff kann die Lebenserwartung erhöht werden, weil die Leute dann abnehmen, ein Diabetes mit Folgekomplikationen verhindert wird oder verschwindet etc.

 

Blauäugigkeit:

Aufgrund der zuletzt genannten Tatsache empfehlen inzwischen immer mehr Internisten, Diabetologen etc. ihren Patienten einen Magenbypass oder Magenband. Patienten kämpfen dann in der Regel ein Jahr mit ihrer Krankenkasse um die Genehmigung oder zahlen selbst. Die Kassen zahlen erst ab BMI 45. Was Patienten häufig nicht wissen: aufgrund ihrer Körperfülle haben sie ein hohes OP-Risiko und Narkose-Risiko. Die Beatmungszeiten sind wesentlich länger, es müssen höhere Beatmungsdrücke gewählt werden. Es treten häufiger Komplikationen im Wundbereich auf. Sie haben ein höheres Thromboserisiko und damit Lungenembolierisiko. Ein Magenband führt bei etwa 80% der Leute zur Gewichtsabnahme. Es ist aber möglich, das Gewicht zu halten wenn viel Süßes und Kalorienhaltiges gefuttert wird, weil man denkt, jetzt darf ich ja. Magenbypass – das ist eine Technik, die aus der Tumor- und Magenchirurgie stammt, quasi ein veränderter Roux-Y-Eingriff. Es wird eine Kurzschlussverbindung zwischen oberem Magenteil und Dünndarm (Jejunum) geschaffen und der Rest vom Magen mit Duodenum kommt mit dem Duodenumende End-zu-Seit an das Jejunum. Letzteres ist notwendig für den Abfluss von Galle und Pankreas. Folge davon ist ein künstliches „Malabsorptionssyndrom“ bzw. eine verminderte Aufspaltungsfähigkeit und Aufnahmefähigkeit, weil die Magen und Duodenumfunktion ausfallen. Damit treten aber andere Probleme auf, z.B. das ein Dumping-Syndrom auftreten kann. Zuckerhaltiges können die Leute kaum noch essen, z.B. Obst (Durchfall). Auch Milchprodukte sind nicht gut, usw. Das heißt, dass die Patienten lebenslang mit Vit. B1, B6, B12, Folsäure und Spurenelementen substitutiert werden müssen, will man sie vor Schäden und Folgeerkrankungen bewahren. Beim Magenband ist es nicht ganz so schlimm, aber auch hier muss substituiert werden. Wer das vorher nicht weiß, könnte hinterher ein böses Erwachen finden. Man kann eben nicht so weiteressen wie bisher bloß weniger, auch wenn ich das häufig so irgendwo lese oder höre von Patienten. Sicherlich mag diese Art von Therapie eine Ultima ratio sein für extrem Adipöse mit Therapiewunsch und dafür ist es auch ok. Aber zunehmend erlebe ich Patienten, die danach fragen, wie andere nach Botox oder Lifting und noch nichtmal versucht haben, Wasser statt 2 Liter Cola und Fanta am Tag zu trinken und die selbst zur Kaufhalle gegenüber mit Auto fahren.

Die Chirurgie ist das eine. Die Innere Medizin das andere. Am wichtigsten ist aber, dass die Adipositas-Patienten in ein Gesamtkonzept eingebunden werden und nicht nach der OP in ein Loch von Do-it-yourself fallen. Es benötigt Ernährungsberatung, psychologische Betreuung (Stichwort Suchtverhalten, Essen als Liebesersatz, Tröster, Frust,…) und eine qualifizierte Sportmedizinische und physiotherapeutische Begleitung um die Muskeln zu trainieren, die stark belasteten Gelenke zu schonen, die kardiovaskulären Risiken zu beachten etc…. Stichwort Muskel: Häufig bewegen sich gerade die Menschen über 150 kg sehr wenig. Manche können kaum noch stehen, weil ihnen die Kraft fehlt, ihr Gewicht auf die eigenen Füße zu stellen bzw. sie gehen nur kurze Strecken, weil dann einfach Erschöpfung eintritt.

Neben Euren Meinungen wäre hier eine Gelegenheit auf Angebote mit einem Gesamtkonzept hinzuweisen wie sie Spezialkliniken oder Netzwerke anbieten, wenn ihr davon wisst…

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14 responses

27 07 2008
ichich

egal wie schwer jemand ist, würde ich immer von der Chirurgie abraten. Ich selbst wiege über 150kg. Kann mich aber sehr wohl gut auf meinen eigenen Beinen fortbewegen. Seit einiger Zeit gehe ich ins FC und versuche durch gezielte Bewegung an dem jetzigen Gewichtszustand etwas zu ändern. Das allein bringt es natürlich nicht. Ich hab mich für den Weg mit den Weight Watchern entschieden. Und ich fühl mich wohl dabei. Wenn jemand nicht von sich aus abnehmen will, dem wird das Magenband oder sonst. OP´s nix bringen. Eine Ernährungsumstellung ist das A und O. Das weiß ichauch selbt schon seit vielen Jahren, aber es muss der berühmte Schalter im Kopf klick machen und solange das nicht passiert kann einem niemand helfen. Gar niemand.

Ich könnte glatt als Ernährungsbrater arbeiten so gut kenn ich mit der Materie aus. Aber das nutzt alles nix.

Vor 2 Monaten hat es bei mir klick gemacht und jetzt bin ich auch guter Dinge das ich es schaffe 2stellig zu werden. Denn das ist mein größter Wunsch

lG Cindy

27 07 2008
torschtl

wie cindy schon gesagt hat: da is es wie mit dem rauchen – der wille muss da sein, sonst ist alles fürn arsch…

hab mir auch schon öfter gedacht: hörste mal mim quarzen auf… aber egtl. rauch ich gern… wird sowieso zum jetzigen zeitpunkt nicht funktionieren…

ich sags mal so: bei den wirklich schwerstgewichtigen hilft egtl nur noch eines: KEINE (nicht wenig) schokolade, chips usw. mehr. einfach einen weg knallhart durchziehen… ernährung komplett umstellen… von allem ein bisschen weniger essen hilft halt goar nix

27 07 2008
28 07 2008
Petra

Das ist doch ein großes Durcheinander! Vor einigen Tagen wurde eine Studie veröffentlicht, in der es hieß fitte (selbst nicht allzu arg) Dicke seien immer noch schlechter dran als faule Normalgewichtige. Was nun? Müsste doch leicht festzustellen sein?

Nein. Das liegt wohl einfach daran, dass es keine Faustformel gibt! Sonst hätte man längst festgestellt was zu tun ist, über das hinaus, was seit Jahrzehnten gesagt wird und sich auf die Gemeinsamkeiten der Menschen bezieht (also sowas wie wenig Fett, etwas Sport, viel Wasser sind im Prinzip mal immer gut es sei denn man ist/hat… fängts-schon-wieder-mit-differenzieren-an).

Ich glaube ein Patentrezept gibt es nicht und wird es wohl auch nie geben, denn da geht es um die *gesamte*+*individuelle* Lebensführung, um Stärken und Schwächen, kurz- oder längerfristige Schwankungen (Tagesform, Krisen etc.) zwischen Menschen und innerhalb des Menschen etc., die nicht einfach erfolgreich ohne Rücksicht auf Verluste ignoriert werden können.

28 07 2008
flippah

Ich habe selber mein Gewicht durch Diäten massiv erhöht (immer den Jojo-Effekt voll mitgenommen). Erst nach einer längeren Psychotherapie war ich so weit, dass ich an das Gewichtsproblem rangehen konnte. Auch ich habs mit WeightWatchers probiert und in einem Jahr fast 30 kg abgenommen.
Ich denke, man sollte wirklich derartige Methoden ausschöpfen, bevor man zur OP greift.

29 07 2008
Elisabeth Ferdusch

Hallo,
ich glaube hier sind einige über Adipositaschirurgie nicht voll informiert.
Zunächst ist eine OP zur Gewichtsabnahme erst ab einem BMI von über 40 möglich. Alles andere an Übergewicht muß mit konservativen Maßmahmen behandelt werden.
Die Antragstellung ist lanwierig weil MDK und Kassen sehr zurückhaltend mit der Kostenzusage sind.
Ich habe mich im Juni einer deraritgen OP unterzogen. Mit dem Antrag auf Kostenübernahme habe ich fast 2 Jahre auf die Zusage gewartet, mehrere Widersprüche geschieben und mich ständig im Internet informiert. Man geht also nie ahnungslos zur OP der MDK fordert die Bereitschaft sich damit zu beschäftigen.
Für mich war nach zahlreichen ergebnislosen Diäten die OP ein voller Erfolg.
Seit Juni habe ich 16 kg abgenommen. Ich fühle mich sehr wohl, konnte einige Tabletten schon weglassen (natürlich ärztlich verordnet), kann wieder Familienausflüge mitmachen und vieles mehr. Natürlich könnte ich jetzt Cola und Süßes essen, aber dafür sind wir geschult, dann wäre die Op umsonst. Aber man bekommt sowieso nicht viel in den Magen hinein, man hört ganz von allein auf zu essen. Wichtig ist eiweißreiche Nahrung und damit ist man voll gesättigt.
Man findet Adipositasforen im Internet, wer sich informieren möchte, das ist völlig unverbindlich.
Ich wollte an dieser Stelle nur geraderücken, das Adipositaschirurgie mehr ist als nur abnehmen und besser aussehen, danach bessert sicht der Gesundheitszustand erheblich und bei Patienten mit Diabetes bessern sich die Zuckerwerte schon einen Tag nach der OP. Die Betroffenen brauchen bei der Entlassung schon nicht mehr spritzen, der Zucker verschwindet schließlich ganz. Diese Ergebnisse sind international belegt.
Zur Lebenserwarung bei Übergewicht ist mir nicht bekannt, dass ein beleibter Mensch nun länger lebt als ein Normangewichtiger, außer im Alter, dort gibt man zu dass e i n i g e Pfunde nicht schaden.

29 07 2008
Arzt 2014

Die Wirksamkeit der OPs ist ja auch nicht weiter umstritten. Assistenzarzt ging es glaube ich eher um die Komplikationen sowie Nebenwirkungen und sie wollte vor zu leichtfertigen OP-Entscheidungen warnen.

Als Ultima Ratio haben derartige OPs natürlich ihre Berechtigung.

Schön zu hören, dass es bei dir jetzt vorwärts geht 🙂

30 07 2008
Assistenzarzt

@ Elisabeth: Ich würde mich freuen, wenn du noch etwas mehr über deine Erfahrungen schreibst vor der OP, was an Vorbereitung und Aufklärung lief, ob du auf dich allein gestellt warst was die Informationsbeschaffung angeht oder auf informierte Ärzte getroffen bist, wie du die OP-Phase erlebt hast und wie du mit der ganzen Umstellung zurecht kommst. Das sind alles Dinge, die man als normaler Arzt, der einen Patienten in so eine Spezialsprechstunde der Adipositaschirurgen schickt, nicht mehr erfährt, weil man die Patienten dann aus der „stationären Hand“ gibt.

Soweit mir bekannt ist, wird uns als Zuweiser immer die BMI-Grenze ab 45 gesagt (siehe oben). Ich wusste bisher nur, dass es so im Schnitt ein Jahr dauert, bis die Krankenkasse derartige Anträge bewilligt, wenn sie sie bewilligt…

Ich glaube, du hast meinen Beitrag nicht in allen Punkten richtig verstanden. Ich wettere keinesfalls gegen die Adipositaschirurgie, denn die aktuelle Studienlage zeigt, dass sie langfristig Leben rettet und verlängert. Allein durch die Verhinderung eines Diabetes wird unheimlich viel erreicht. Ebenso durch das „Verschwinden“ eines Diabetes bzw. den Rückgang der peripheren Insulinresistenz. Lebenserwartung steigt, Folgekomplikationen verringert oder verhindert, Herzinfarktrate gesenkt, Schlaganfallrate gesenkt… Ich denke, wo es indiziert ist, sollte man den Patienten die Möglichkeit nicht vorenthalten und es möglichst in Angriff nehmen, bevor Dinge wie Diabetes und KHK auftreten.

Ich persönlich habe auf meiner Station die Erfahrung gemacht in den letzten Wochen, dass gerade immer kurz nach Ausstrahlung eines TV-Beitrages zum Thema oder Artikeln in Gesundheitszeitschriften etc. die Nachfragen an uns Ärzte steigen. Die Leute kommen dann auf einen zu und sagen, sie möchten diese Magenbypass-OP, weil „ich dann so weiteressen kann wie bisher und ich nehme ab“ Dass dem aber nicht so ist, wissen die dann nicht. Es ist häufig auch schwer zu vermitteln, dass Operationen bei Schwergewichten ein höheres Risiko haben. In der Regel sind die Erwartungen daran dann so, dass man das mal so im Vorbeigehen erledigen kann wie z.B. Botox spritzen und dass damit eben ein kleiner Schönheitsfehler korrigiert wird, weil man halt nicht so ist wie andere und es ja erwartet wird, dass man schlank ist. Weißt du was ich meine? Die betrachten das als Korrektur-OP oder Schönheits-OP und nicht als chirurgischen Eingriff mit Risiken durch OP und Narkose bei erhöhtem Grundrisiko und mit leitliniengerechter Indikationsstellung. Am wenigsten Anfragen habe ich von denen gehabt, die wirklich Kandidaten dafür sind – die trauen sich meist leider nicht, da muss man als Arzt bei bestehender Indikation das Thema ansprechen.

Ich habe auch schon öfter den Satz gehört „also das mit dem Abnehmen schaffe ich sowieso nicht, weil mir das Essen einfach zu gut schmeckt. aber mit so einem Magenbypass brauch ich dann darüber nicht mehr nachzudenken“ oder (Originalzitat) „wenn ich durch eine OP abnehmen kann, warum soll ich mir das mit dem Sport und dem anderen Essen antun, das ist so kompliziert und aufwendig“ – und das nachdem wir eine oder zwei Wochen intensiv Diabetes- und Ernährungsschulung betrieben haben mit allen zur Verfügung stehenden Fachkräften nach bestem Wissen und Gewissen. Was hinter diesen Aussagen steht – keine Ahnung. Ich habe das Gefühl, dass gerade diese Leute, die sich so äußern, die Verantwortung abgeben wollen. Das geht aber nicht. Auch nach einer OP sind sie für ihre Ernährung verantwortlich. Diese Verantwortung opieriert halt kein Chirurg weg.
Ich weiß nicht, ob es in meinen Aussagen jetzt so rüberkommt, aber diese Blauäugigkeit meinte ich – es zu wollen, weil man sich dann quasi „freikauft“ von der Verantwortung für die eigene Ernährung ohne Rücksicht oder Interesse für Komplikationen und Nebenwirkungen geschweige denn die Realität im Leben danach. Es ist nicht nur die OP, nein, es erfordert wirklich ein Rund-um-Konzept. Und wie gesagt, es sind häufig diejenigen, die es noch in der Hand haben, wo die Adipositas noch nicht so weit fortgeschritten ist.

Um es ganz klar zu sagen: Ich unterstelle keinem Adipösen, dass er zu dieser Gruppe Menschen gehört, deren Aussagen ich zitiert habe und dass er mit den genannten Meinungen konform geht und die genannten Aussagen sind für mich keine Pauschalisierung gegenüber der Patientengruppe der Adipositaspatienten!

Ich bin besorgt, weil ich feststelle, dass sich ein Trend entwickelt, der den Leuten Glauben macht, dass man „jeden kleinen Schönheitsfehler“ (bzw. das was man dafür hält) mal so eben im Vorbeigehen wegoperieren kann (muss) und dann ist es gut. Dieser Trend zeigt sich in der klassischen Schönheitschirurgie und schwappt jetzt allmählich über in andere Bereiche der Chirurgie mit elektiven Eingriffen, die Einfluss auf das äußere Erscheinungsbild haben und deren Indikationsstellung genau abgewogen werden sollte – wie z.B. die Adipositaschirurgie. Und darauf möchte ich hinweisen und ebenso auf die noch immer nicht optimalen Versorgungsstrukturen, obwohl Politik und Krankenkassen bereits erkannt haben, dass wir eine zunehmende Anzahl von Patienten mit dem Krankheitsbild Adipositas haben.

16 05 2009
Elisabeth Ferdusch

Hallo Assistenzarzt,
ich habe lange nicht hier reingeschaut und die Anfrage erst heute eher durch Zufall gelesen.
Inzwischen habe ich 40 kg verloren, bereue meine Entscheidung nicht und fühle mich richtig gut.
Ja, die Probleme sind mir bekannt. Ich arbeite in einer SHG Adipositas mit und kenne inzwischen auch solche Einstellungen.
In der Klinik, in der ich zur OP war, hat sich aus einer kleinen Gruppe eine SHG entwickelt, soweit ich informiert bin erhält die Klinik auch die Zertifizierung. Wir waren von uns aus sehr an der Aufklärung über diese OP’s interessiert und haben uns auf unterschiedliche Weise die Informationen verschafft und wurden durch die dortigen Ärzte beraten. Die Klinik hat auch konventionell Angebote gemacht, die ich auch wahrgenommen habe. Die chirurgische Abteilung führt Spezialsprechstunden zu Adipositas-OP’s durch, begleitet die Patienten prä- und postoperativ. Es ist alles bestens in dieser Klinik (im Norden/ Ost)
Das schwierigste an der Op war die Zustimmung zur Kostenübernahme von der Kasse zu erhalten. Der Weg dürfte bekannt sein, er führt über den MDK, der sich sehr zurückhaltend verhält. Es ist uns auch klar, dass diese Zustimmungen nicht leichtfertig gegeben werden, und dass die Forderungen aus den Leitlinien erfüllt sein müssen. Wenn man 10 Jahre versucht hat dem Anstieg des Körpergewichtes entgegenzuwirken, in Sportclubs war, Gymnastikgruppen besucht hat, Ernährungsberatung und-schulung in vielen Formen absolviert hat, sogar in Gruppen mit Essstörungen war , die Hausärztin das ganze überwacht hat und dann bekommt man gesagt, die konventionellen Therapieversuche sind nicht ausgeschöpft, was soll man noch tun, zumal diese geforderten multimodalen Konzepte zur Gewichsreduzierung nicht existieren. Man geörte zu denen, die sich Sorgen wegen der Gewichtszunahme gemacht haben, zahlreiche Begleiterkrankungen entwickelt haben (Schlafapnoe, KHK, Polyglobulie……und mehr) , abnehmwillig waren, es (warum auch immer) nicht funktionierte, sondern man brachte ständig mehr auf die Waage, und dann wurde einem unterstellt, dass man es nicht mit dem nötigen Ernst versucht hat. Da unterstelle ich den Gutachtern beim MDK, dass sie in der einen Stunde nicht das über den Patienten wissen können, was das behandelnde Ärzteteam zum Antrag dieser OP bewegt.

Die Phase nach der Op stellt man sich erstmal einfacher vor. Der Magen ist kleiner, man ist schneller satt, das stimmt. Man hat aber auch ein völlig neues Gefühl nach der Nahrungsaufnahme im Magen, ein Gemisch aus Übersättigung, Übelkeit, teilweiser Unzufiedenheit, weil der Genuss des Essens nur noch 3 Bissen dauert. Die Gewöhnungsphase daran hat etwa bis heute gedauert, jetzt ist das wieder normal, man gibt sich die Miniportion auf den Teller und akzeptiert das als Mahlzeit. Vorher waren die Augen schon manchmal größer, man bekommt aber Grenzen gesetzt durch einen drückenden Schmerz und das Essen ist zu Ende, sonst kommt es wieder heraus.
Nach der Op macht man sich viel mehr Gedanken über die Ernährung weil man darauf achten muß was man essen muss , eben viel Eiweiss und Gemüse , die Kohlehydrate zum Schluss. Gezuckerte Getränke vermeiden auch Zwischenmahlzeiten würden das Ergebnis stören. Es geht gar nichts ohne bewußte Umstellung, mit der Haltung „ich brauche mich dann nicht mehr anstrengen“ kommt man auch bei einer Op nicht sehr weit. Es erleichtert einem die Einhaltung der Miniportionen, wenn man aber zwischendurch laufend etwas zu sich nimmt ist der Effekt der Op ja verloren. So einfach ist das dann eben wirklich nicht, dessen muß man sich vor der Op schon bewußt sein. Es ist genauso, manche wollen die Gewichtsprobleme durch die Chirurgie gelöst wissen und auch gar nichts dafür tun. Das hat man uns aber bereits vor der Op gesagt, das wird auch durch die SHG vermittelt. Wir haben sehr eifrig solche Dinge zusammengetragen um sie den neu ankommenden Patienten weiterzugeben. Mancher ist auch erstaunt darüber , dass weiterhin sein ganz persönlicher Einstz noch gefordert ist.
Bei der Entscheidung zu der Op habe ich weniger an den optischen Effekt gedacht, ich wollte mein schlechtes Allgemeinbefinden, die Unbeweglichkeit, die Luftnot, die Angst vor Herzattaken nicht weiter ertragen. Jetzt wird diese Erwartung bestätigt, ich fühle mich besser, sehr viel besser, eben auch durch die neue Optik, das ganze Selbstwertgefühl ist wieder da, mehr Lebensfreude, alles wirkt sich positiv aus.

Ich registriere ebenfalls eine Entwicklung, die in den Medien noch gefördert wird, dass mit ein paar kleinen Op’s alles korrigiert werden kann. Das fällt aber nicht unter den Gesichtspunkt eine Op aus gesundheitlichen Gründen zu machen. Nur allein um die Fältchen zu entfernen entscheide ich mich nicht für die Op, die trage ich mit Fassung und ich denke man muß mit fast 60 nicht aussehen wollen wie 30.

Die Entwicklung von Prävention hat man zumindest bei Kindern und Jugendlichen erkannt. Leider vermisse ich in der Bevölkerung die Bereitschaft zu mehr ernährungsbewußtem Verhalten. Diese Erkenntnis hat sich aber auch erst mit der erfolgreichen Gewichtsabnahme herausgebildet. Meine Bedürfnisse gegnüber der Batwurst am Stand und dem Eis auf der Straße gehen gegen Null. Die Sichtweise ist völlig verändert. Inzwischen sehe ich was sich die Menschen mit ihren Essgewohnheiten antuen und dann zum Arzt rennen, der es wieder richten soll. Das war aber auch ein Lernprozess bei mir, immerhin ist einiges bei mir angekommen.

30 07 2008
Assistenzarzt

Was den Vorteil mit dem Übergewicht angeht. Nach den Publikationen, die ich kenne, soll es wohl so sein, dass ein BMI über 25 im Alter bis ca 60-65 Jahren die Lebenserwartung verkürzt, da gehäuft Stoffwechsel und kardiovaskuläre Erkrankungen auftreten. Ab ca 60 – 65 Jahren besteht dann für die Patienten mit einem BMI von 24 – 27 (oder 28?) ein Überlebensvorteil, weil sie weniger anfällig für Dinge wie Pneumonien etc. sind.
Wiedersprüchlich dazu ist ein Experiment, wo man Mäuse hat hungern lassen und die anderen gemästet hat. Die hungern mussten, haben länger gelebt.

Naja, schlau wird man daraus nicht wirklich.

An alle Übergewichtigen, die hier mitlesen: Glückwunsch zu jedem verlorenen Kilo. Gebt niemals auf. Ihr könnt es schaffen. Ich hatte mal einen BMI von 30 und bin jetzt so um die 24-25 und durch meinen ach so gesunden Lebensstil („iss im Dienst wenn du kannst, du weiß nie, wann du das nächste mal Gelegenheit hast… wenn du Pech hast erst wieder in 16 Stunden“) permanent damit beschäftigt nicht wieder zuzunehmen und zu meiner körperlichen Betätigung zu kommen sofern ich nach der Arbeit / den Diensten noch nicht auf allen vieren nach Hause krieche…

31 07 2008
medizynicus

Zunächst mal freue ich mich, endlich einen bloggenden Assistenzarzt-Kollegen getroffen zu haben, und zwar jemanden, der es durchgehalten hat, über Monate hinweg kontinuierlich zu bloggen!
Zum Thema Adipositas fällt mir das Beispiel eines Notarzteinsatzes ein, in welchem sich die Sanis – fast – geweigert hatten, einen Patienten mit über 120 KG zu transportieren (die Trage war bis 125 kg zugelassen). Die Abwägung zwischen Selbstschutz und Patientenschutz ist nicht immer einfach….

1 08 2008
Petra

Hm interessant, eure 45er – Grenze!

Nach den Leitlinien der deutschen Adipositas Gesellschaft ( http://www.adipositas-gesellschaft.de/leitlinien.php ) sollten chirurgische Eingriffe bereits ab einem BMI > 35 bei schweren Begleiterkrankungen (sonst über 40) in Erwägung gezogen werden. Aber die sehen die anästhesiologische Behandlung für Operationen bei Übergewicht auch recht freundlich als „Herausforderung“.

1 08 2008
skhor

Hi, kurzer Themenwechsel. Wir suchen noch Mitspieler für unsere Kicker Managerliga PRO (http://www.kicker.de/games/pro/startseite/). Ich versuch’s deshalb jetzt einfach mal in meinen Lieblings-Blogs, das Spiel wird ja auch ein nettes Blog-Nebenthema.

Falls Du Zeit und Lust hast:
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Der Liganame lautet:
HSV-UKT
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Verlosung der Spieler am
09.08.2008
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3 08 2008
Doc Blog

Hallo,

was mir noch aufgefallen ist, wenn es auch nichts direkt mit AdipositasChirurgie, sondern nur mit der Adipositas selbst zu tun hat…

Sind bei Euch die neuen Schwesternschülerinnen und -schüler auch extrem dick, um nicht zu sagen fett? Die können teilweise kaum normal gehen und sind noch soo jung. Frage mich ernsthaft, wie die diesen Beruf in Erwägung ziehen konnten und wie lange sie in schließlich durchhalten werden. Schon traurig.

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