Gewalttätige Patienten

11 08 2008

Es hat bisher noch nie in meinem Medizinerdasein die Situation gegeben, wo ich wirklich das Gefühl hatte, in den nächsten Sekunden eskaliert die Situation und du kriegst sie nicht unter Kontrolle.

Ich habe bereits öfter das zweifelhafte Vergnügen gehabt, mich mit pöbelnden alkoholisierten Patienten abmühen zu müssen. Aber mit der Zeit hat man den Bogen raus – man darf sie nicht drängen, nicht unter Druck setzen, aber muss klare Grenzen ziehen. Zum Beispiel ist es für mich ein Tabu, dass mich so jemand am Arm fasst. Da kann ich als weibliche Person auch mal einen gefährlichen Ton entwickeln und laut werden. Und wenn sie gehen wollen, und können…, dann rufen wir ihnen auch ein Taxi oder lassen sie abholen, manchmal verdünnisieren sie sich auch selbst. Demente Patienten sind die andere Kategorie, wo man sich manchmal in acht nehmen muss, weil sie es nicht toll finden, sich iv-Zugänge legen zu lassen. Da flog mir auch schon so manches mal ein Arm oder Bein entgegen oder das Tablett mit Nadel um die Ohren. Richtig erwischt hats mich mal bei einem geistig behinderten Patienten, da war ich ernsthaft verletzt. Tritte abgefangen habe ich auch schon zwei drei male, zum Glück mit den Armen und nicht dem Bauch oder so. Und zwei mal traf mich ein Arm bzw. ein Bein am Kopf, aber es blieb bei einer schmerzenden Stelle. Nadeln die um mich flogen habe ich nicht gezählt, geschätzt dürften es auch so 4 oder 5 sein bei diesen Situationen.
Manchmal brauchte ich die Hilfe eines Zivis, einer Schwester, PJler oder eines Kollegen, um jemanden festzuhalten, der nicht mehr entscheidungsfähig war, z.B. um einen iv-Zugang zu legen oder jemandem im Delir zu fixieren.

Noch nie ist es mir aber passiert, dass ich wie in amerikanischen Ärzteserien den Sicherheitsdienst rufen musste. Bis neulich. Der Patient war alkoholisiert, bis dahin friedlich wenn auch mit lauter Stimme. Doch von einer Sekunde auf die andere änderte er sein Verhalten. Er wollte gehen, aber anstatt das einfach zu tun (ich hätte ihm auch gerne den Weg gezeigt), fing er an das Personal zu bedrohen, so als würde man ihn aufhalten. Dabei hat ihn keiner aufgehalten. Keiner hat sich ihm in den Weg Richtung Ausgang gestellt, also ihm optisch vermittelt, dass er eingekesselt sei. Der Weg war frei. Es nützte nichts, dass wir versucht haben, ganz ruhig zu bleiben, ihm zu vermitteln, alles ist ok, du hast die Macht über deinen Willen dorthin zu gehen, wo auch immer du hin willst. Wie gesagt, ich habe bisher auch spannungsgeladene Situationen entschärfen können. Aber da waren die Patienten nicht derartig körperlich überlegen und nicht des Wahnsinns fette Beute. Ein sekundenbruchteil langer Blick in sein Gesicht und seine Augen reichte mir, um das erste Mal in meiner Medizinerlaufbahn zu denken „Ok, das wird nichts, das eskaliert, bring dich in Sicherheit.“ Was ich in der nächsten Sekunde auch tat und dabei verfluchte, dass man mit Piepern nicht telefonieren kann. Eine Tür in Sprungweite griff ich zum nächsten Telefon und rief den Sicherheitsdienst. Bloss nicht zu laut das Wort sagen, um die Situation nicht zum Explodieren zu bringen. Für einen Moment überlegte ich beim Sprechen, ob das zu hoch gegriffen sei, gleich die Jungs mit den breiten Schultern zu rufen. Was die nächsten Sekunden folgte, war die brenzligste Situation die ich bisher erlebt habe. Völlig unvermittelt riss sich dieser Irre einen Verband ab, dass das Blut quer durch den Raum spritzte und mehrere Leute einsaute. Intuitiv hatte ich mich bei seinen vorhergehenden Bewegungen hinter einem Raumteiler in Sicherheit gebracht. Dann holte er Sekundenbruchteile später blutüberströmt aus und griff die Leute körperlich an. Hätten die nicht blitzschnell reagiert, hätten wir uns über Hepatitis- und HIV-Prophylaxe Gedanken machen müssen, denn bei solchen weiß man ja nie und Blutproben hatten wir nicht von ihm. Irgendwer schrie „Geh’n Sie!“ und „Raus!“ und zum Glück ließ er von uns ab und trollte sich schwankend und blutend zum Ausgang. Wir blieben zurück im eingesauten „emergency room“ und leider kam ich mir in diesem Moment auch so vor wie irgendwo in der Bronx oder den wilden Vierteln von Chicago. Der Sicherheitsdienst kam dann auch irgendwann…

Ich muss ganz ehrlich sagen, wenn ich Kinder hätte, wäre das der Moment gewesen, wo ich ernsthaft überlegt hätte, ob ich diesen ganzen Schrott von Diensten und Notaufnahme weiter mitmache. Ich meine, du weißt doch nie, ob du beim nächsten Mal auch so viel Glück hast. Keine hundert Kilometer weiter ist eine Ärztin fast erstochen worden von einem Patienten und dass in einer Beamtenstadt wo die Verbrechensrate unter dem Landesdurchschnitt der Städte liegt. Weiß ich, ob der nicht auch irgendwo was in der Jackentasche hatte? Was wäre gewesen, wenn der Blödmann jemanden verletzt hätte und die Wunde des anderen mit seinem Blut kontaminiert hätte? Wir hätten nichtmal seinen Infektionsstatus gekannt. Was wäre gewesen, wenn er andere, hilflose Patienten angegriffen hätte? Womit hätte man sich da wehren sollen wo der im Vergleich zu uns 40 Kilo mehr und 25 cm größer war? Ihm AHD in die Augen schütten? Mit dem Pieper nach ihm werfen? Unsere Butterflys haben weiß gott nicht die Gefährlichkeit der „Straßen“-Butterflys. Noch nie habe ich mich plötzlich im Krankenhaus so in Gefahr gewähnt und ich muss sagen, ich freue mich, dass ich nicht gedacht habe, sondern nur auf meinen Instinkt gehört, der mir sagte „Danger“. Es sicherte mich einen kontaminationsfreien Dienst, eine Haut ohne Platzwunden und Prellmarken…

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9 responses

11 08 2008
Stefan

Ich kann diese Situation gut nachvollziehen. Zwar habe ich in meinem Dasein als Rettungsassistent bei einer Körpergröße von 190cm und einem gewicht von *hüstel* >100kg selten die Situation, dass mir jemand körperlich überlegen ist.

Das ist aber völlig egal, wenn derjenige eine Waffe zieht. Da kann schon irgendein einfacher Gegenstand (Flasche oder sowas) zu einer solchen werden.

Es flog mir auch bei PsychKG-Einsweisungen auch schonmal der ein oder andere Topf mit Bohnensuppe um die Ohren.

Ein Patentrezept, wie man damit umgeht, gibt es leider nicht. Ich wünsche Dir viel Glück und hoffe, dass es in Zukunft auch so glatt läuft…

12 08 2008
12 08 2008
torschtl

es gibt bei uns nicht ohne grund einen notarzt, der im nachtdienst IMMER fertig aufgezogenes dormicum nebst i.m. kanüle in der jackentasche hat… 😉

12 08 2008
earlmobile

Ebenfalls sehr nützlich könnte in diesem Falle der nächste verfügbare Feuerlöscher sein. Kann sowohl als Hiebwaffe als auch besseres Pfefferspray gebraucht werden… 😉

12 08 2008
medizynicus

Mein Mitgefühl! Da hast du ja echt nochmal Schwein gehabt… also Glück im Unglück.
Du sagst, der Patient ist dann einfach zum Ausgang gewankt?
Was wäre eigentlich wenn es Winter wäre und draußen minus zwanzig Grad? Haben wir Ärzte da den schwarzen Peter gezogen, wenn der erfriert?

15 08 2008
medizynicus

Nochmal zum Thema gewalttätige Patienten:
letzens hat in Brandenburg ein Neonazi so nebenbei auch im Krankenhaus randaliert und einen Arzt angegriffen:

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,572179,00.html

Ich weiss nicht, wie ich in so einer Situation reagieren würde….

27 08 2008
Sugus

Dieses jahr im Unikum:

Patient in der Notaufnahme wurde durch zwei Securitys, einer RTW- und einer NEF Besatzung plus dem Aufnahmepersonal fixiert.
Ich bin 1,86 groß und sehr kräftig. Wir waren ungefähr zu zehnt und hatten unsere liebe Mühe, den schmalen aber trainierten Patienten ins Fixierbett zu bekommen. Nachdem er erst ruhig auf dem Transporteur gelegen war, hockte bzw. stand er länger als eine Minute auf dem Geländer desselben – ohne sich festzuhalten und ohne auch nur ansatzweise runterzufallen.

Ich weiß nicht, was er genommen hatte, aber es muß sehr gut gewesen sein…

1 09 2008
emergency_doc

Ein Patentrezept gibt´s sicher nicht. Mitgefühl auch von mir. Ich hab sowas bislang immer vermeiden können. Ich plädiere ja auch nicht umsonst seit Jahren für Betäubungsgewehre in den Notaufnahmen; einmal Daktari spielen 🙂

@torschtl: bei solchen Leuten wird man mit Dormicum leider nicht weit kommen. Einen Junky hatte ich mal -nachdem er uns einfach laut ausgelacht hatte, als wir Dormicum aufzogen- mit Trapanal geplättet. Das wirkt prompt, schnell und zuverlässig; in allen Situationen – erfordert aber einen i.V. Zugang.
Ggfs. kann „Keta-Cola“ (Ketamin-Cola) verabreicht werden; dafür muss der Patient aber „trinkfreudig“ sein 🙂

@medizynicus: Nein, wir hätten nicht den „schwarzen Peter“ gezogen. Auch ein Arzt ist zu keinem Zeitpunkt gezwungen seine Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Hier endet die Pflicht. Vor Jahren gab´s ein Gerichtsverfahren gegen eine Notärztin, die sich geweigert hatte auf ein Gerüst (6.Stock) zu klettern, um einen Patienten zu intubieren. Auch sie wurde nicht juristisch belangt, da es ihr nicht zuzumuten war einen 30cm breiten Spalt zu überqueren.
ABER: nach Flucht des Patienten sind wir verpflichtet die Polizei zu informieren und nach dem Patienten fahnden zu lassen. Mit den vorhandenen Blutungen und der fehlenden Geschäftsfähigkeit (Alkohol) ist er eine Gefahr für sich selbst (und andere) und deshalb ist hier einzugreifen (BGB: Geschäftsführung ohne Auftrag, StGB: Körperverletzung durch Unterlassung).

@Assistenzarzt: AIKIDO ist ein guter Tipp. Da lernt man Hebeltechniken und auch Möglichkeiten als zartes Frauchen oder „halber Portiönchen“ selbst ausgewachsene Bären aufs Fell zu legen. Kann ich nur wärmstens empfehlen 🙂

3 09 2008
Assistenzarzt

@emergency doc: Machst du AIKIDO? Also wenn ich damit Bären angeln kann und aufs Fell legen… ich hab bisher immer Honig probiert. Kein Wunder, das das nie geklappt hat mit den Bären 🙂
Hmmm, halbe Portion oder so klapprig bin ich nicht (Sonografieren gibt Muckis in die Arme…) und deswegen hatte ich wohl auch noch nie zuvor so wirklich Angst, aber ich habe schon öfter überlegt, mal so einen Selbstverteidigungskurs für Frauen mitzumachen. Scheiterte immer an meinen Arbeitszeiten…

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