Sags durch den Einweisungsschein

5 09 2008

Bei dem Beitrag „AZ-Verschlechterung die erste“ von Medizynicus keimten in mir eine Reihe Begebenheiten auf, die ich glaubte gut verdrängt zu haben, um nicht irgendwann im Kreis zu springen und lustige Verse aufzusagen. Der geschilderte Fall ist exemplarisch für das Verhalten mancher Kollegen im kassenärztlichen Notdienst oder auch für manche Mitarbeiter bestimmter Unternehmen, die im Rettungsdienst tätig sind. In jedem meiner Dienste habe ich wenigstens einen Fall solcher Bauart dabei (dann ist es schon gut), in der Regel aber mehrere.

Es gibt verschiedene Varianten dieses „Greisen-Turfings“, was mich zu der Bitte veranlasst, das mir das als alter Mensch später einmal nicht passiert.  

Variante 1 – von zuhause:

Hochbetagter Senior/Seniorin wohnt zuhause. In der Regel pflegebedürftig, gesteigert nachtaktiv mit Verwirrung oder schon mit deutlich sichtbarer Demenz. Aus irgendeinem dem Notaufnahmearzt in der Regel unerfindlichen Grund wird ein Kassenarzt oder Rettungsdienst gerufen. Ohne jemandem etwas unterstellen zu wollen, aber das tritt gehäuft zu Feiertagen oder in der Urlaubszeit auf. Ja, da steht dann ein Arzt oder RD und guckt erstmal. Angehörige schildern entweder diffuse Symptome, die weder auf A noch auf B deuten, oder es kommt der Satz „Sie ist einfach nicht wie sonst.“ Schon auf einem EW-Schein gelesen… Manchmal hört man dann auch, dass die Angehörigen sagen „So will ich sie nicht hierbehalten“ oder „Sie nehmen ihn jetzt mit, so geht das hier nicht mehr, man kann ja nachts nicht mehr schlafen“. Alles O-Töne des RD. Also wird ein alter Mensch in der Regel abends oder mitten in der Nacht in eine kühle, stickige, neonbeleuchtete, laute Notaufnahme gebracht, wo er erstmal rumliegt bis Rö und Labor fertig sind und ein Arzt sich seiner annimmt. Meist ist das Labor ok, das Rö auch und der alte Mensch wird vom Transport wieder nach Hause gefahren. Der Anruf der Angehörigen zur Information, dass es gleich an der Tür klingelt, ist häufig mit Unverständnis, Keifereien und schlechter Laune der Angehörigen verbunden. Bis auf wenige Ausnahmen. Traurig.

Variante 1 b – das ist die Variante, wo mich regelmäßig Wut auf die Angehörigen überkommt. Ich hatte es mehrfach, dass ein Patient gebracht wurde ohne Medikamentenplan, Vorbefunde, alte Epikrisen oder wenigstens einem Pflegeüberleitungsbogen, der dazu auch noch dement war und keinerlei Angaben machen konnte. Nachdem man feststellte, dass dem armen Menschen nichts fehlte und – sofern erzählen möglich war – aus den wirren Worten des Patienten hervorging, dass es zuhause einfach nicht stimmt… will man die Angehörigen erreichen, um ihnen mitzuteilen, dass sie das Familienmitglied abholen können. Doch Pustekuchen. Nirgendswo steht eine Telefonnummer, der Patient selbst sagt eine Reihe Nummern an, die aber auch in Australien sein könnten. Oder aber er kann gar nix mehr sagen, da Demenz schon zu weit fortgeschritten. Also wartet man. Aber niemand von der Familie ruft an. Stunden später ist man immer noch wild entschlossen einen dementen, evtl. pflegebedürftigen, aber sonst gesunden Menschen nach Hause zu schicken. ALso müssen andere Wege her. Telefonbuch… naja, die Chancen sind begrenzt. Da wird der Dienstarzt zum Detektiv. Und die Notaufnahme ist voll. Yippieahjee. Ich habe es einmal soweit getrieben, dass ich mich an die Polizei gewandt habe. Diese fuhren suchten über das Einwohnerregister oder wie das heißt und fanden irgendwann einen Sohn. Da fuhren sie hin und stellten fest, dass die Nachbarn berichteten, dass Oma abgeholt wurde vom RD und zwei Stunden später wurde das Auto mit Gepäck beladen und man fuhr weg. Der Vergleich mit dem Aussetzen von Hunden in der Ferienzeit hinkt vielleicht etwas, aber weit entfernt wars nicht. Ansonsten habe ich bisher immer irgendwie eine Telefonnummer herausbekommen, auch mal mit Nachbarschaftshilfe. Selten schlug mir Begeisterung entgegen. Dabei sollte man doch froh sein, wenn alle Laborwerte und die Untersuchungsbefunde normal sind und es dem Angehörigen offensichtlich gut geht, oder?

Variante 2 – aus dem Pflegeheim

Ich will erneut niemandem was unterstellen, aber die Tatsache, dass gehäuft Pflegeheimpatienten mit AZ-Verschlechterung an Freitagen, Samstagen oder kurz vor Feiertagen eingewiesen werden, macht mich stutzig. Wenigstens kriegt man aus dem Pflegeheim einen Überleitungsbogen und hat die Medis und die Diagnosen. Wenigstens kann man den Patienten wieder zurückschicken, wenn man feststellt, da ist nix oder einen Harnwegsinfekt kann man auch ambulant behandeln. Doch auch hier fällt auf, dass die Info an die Pflegeheime häufig mit Wiederwillen der Mitarbeiter dort entgegengenommen wird oder man anfängt wie auf einem Basar zu handeln… „gehts nich auch erst nach xy Uhr?“ „Können sie ihn nicht morgen erst schicken?“ „Können sie ihn nicht dabehalten?“  oder aber dass einem aggressiv gesagt wird „den nehm ich nicht zurück, versuchen sie es morgen nochmal“ – das sind ebenfalls O-Töne. In mir taucht dann immer das Bild eines Trickfilms mit einem wutschnaubenden dampfenden Stier auf, der mit den Hufen scharrt und den Kopf gefährlich senkt.

Was mich auch immer nachdenklich macht, ist die Frage, wie das abläuft, wenn ein RD oder Kassenarzt ins Pflegeheim gerufen wird. Häufig können die Bewohner keine Angaben machen. Man muss sich dann auf die des Personals verlassen, egal wie unpräzise die sind. Ich kann die schon irgendwie verstehen, dass dann eben sowas wie „Az-Verschlechterung“ auf dem Einweisungsschein rauskommt. Aber es ist unheimlich nervig, wenn man dann anfängt nach der Stecknadel im Heuhaufen zu suchen. Häufig ruft man erstmal im Pflegeheim an und lässt sich erklären, was eigentlich war, wenn der Patient es einem nicht sagen kann. Wieso können solche ANgaben nicht auf dem Schein vermerkt werden? Wenn man dann sowas hört wie „hat ein paar mal gehustet“ oder „ist nachts so unruhig“ oder andere Dinge, dann fragt man sich, wieso dieser alte Mensch, der da so friedlich auf der Trage schlummert oder genau das Gegenteil völlig verängstigt nach seiner Tochter ruft, und ansonsten völlig normale Befunde hat, mitten in der Nacht durch die Stadt oder Land gekarrt wird und dem Stress einer Notaufnahme ausgesetzt wird, anstatt ihn friedlich schlummern zu lassen und am nächsten Tag den Hausarzt anzurufen, wenns denn sein muss. Im Übrigen sind Demenzkranke fast alle nachts unruhig, das ist eines der Merkmale der Erkrankung. Aber da ist ein Neurologe gefragt und das auch nicht im Notdienst.

Mir tun da immer die Patienten leid, die hin und hergefahren werden, und den Ablauf der Notaufnahme ertragen müssen und – sofern noch Wahrnehmung der Umgebung erfolgt – trotz ihrer Demenzerkrankung mitbekommen, dass sie zuhause lästig geworden sind. Wenn man darüber nachdenkt, kommen Geschichten raus, die gut verstehen lassen, warum viele Angst vor dem Alter und der Hilfebedüftigkeit haben. Familienpsychologie ist ein kompliziertes Feld… aber wie enttäuscht müssen alte Leute sein, die merken, dass ihre Kinder die Nase voll haben von ihnen, wo sie Hilfe brauchen. Ich will nicht sagen, dass jeder unbedingt ein glänzendes Vorbild war als Eltern oder eine Paradekindheit hatte und ich weiß auch, dass es häufig zu Spannungen in den Familien kommt. Aber wenn man sich verpflichtet, sich um jemanden zu kümmern und ihn zu sich nimmt und das Pflegegeld kassiert, dann hat man verdammt noch mal die Pflicht, sich auch zu kümmern und wenn man merkt, man schafft es nicht, dann muss man halt sagen, es geht nicht und die anderen Wege mit Pflegedienst und Pflegeheim einschlagen. Solche oben beschriebenen Aktionen sind in meinen Augen nicht unbedingt der Würde alter Menschen zuträglich.

Edit vom 16.04.2015: Wer auch immer mich heute als erster auf Facebook erwähnte, ich möchte das nicht, also bitte hört auf, mich dort weiterzuverlinken.

Advertisements

Aktionen

Information

5 responses

5 09 2008
lupo

Das Dumme ist — als armes Sani-Schwein darfst Du nur sehr bedingt über das Daheimlassen von Patienten entscheiden, insbesondere wenn sie ohnehin nicht mehr fähig zu eigenen orientierten Äußerungen sind. Im Pflegeheim oder bei den Angehörigen kriegst Du irgendeine Geschichte erzählt, von der Du den Wahrheitsgehalt nicht überprüfen kannst. Wer soll schon wissen können, ob Opa Kasulke schon immer ne Hemiparese, Sabber im Mundwinkel und Durchfall gehabt hat oder erst seit heute? Das letzte Mal hab ich dann einen Notarzt nachgefordert, der hat etwas gebraucht bis er verstanden hat, dass wir die Entscheidung nicht alleine treffen wollten. Er wusste auch nicht so recht … und im Zweifelsfall: ab in die Klinik. Meine süße aufnehmende Assistenzärztin war nicht gerade erfreut, und ich kann ihr es nicht verdenken. Samuel Shem hatte ein ganzes Buch über solche Patienten geschrieben, und jedes Wort ist wahr.

6 09 2008
medizynicus

Das mit dem Sohn, der zwei Stunden nach der Einweisung in Urlaub gefahren ist, ist ja krass!
Dafür steht der Familie ja eigentlich die Möglichkeit einer Kurzzeit-Pflege zu… aber da muss man sich natürlich vorher drum kümmern und ausserdem kostet das Geld….. 😦
Ich habe allerdings inzwischen so einige Hausarzt-Notdienste gemacht und auch Praxen vertreten und kenne die Sache jetzt auch aus der anderen Seite…. es ist halt doch nicht immer schwarz oder weiss. Werde ich bei Gelegenheit mal was zu schreiben…

6 09 2008
Ghettomaster

Ich sach ja, ich hoffe das ich es, wenn es soweit ist, noch selber mit dem Strick zur Brücke schaffe. In einem Altenheim, oder wie es jetzt so schön heißt, „Seniorenstift“ möchte ich nicht enden. Und die Aussichten auf ein Dasein als zuhause vor sich hin vegetierender sabbernder Putzlappen sind auch nicht gerade erstrebenswert.

Ansonsten muß man sich auch mal in die Situation der Angehörigen versetzen, es ist wirklich extremer mentaler Stress sich jahrelang um einen pflegebedürftigen Angehörigen zu kümmern. Oft sehen die Pflegenden das selber nicht einmal so, aber man merkt es Ihnen an und irgendwann entlädt sich das in oben genannten Aktionen.

Die Idee mit der Kurzzeitpflege oder dem Pflegeheim sind zwar gut, aber ein Normalverdiener kann sich das absolut nicht leisten. KZP kostet bei uns hier zwischen 60 und 120 Euronen am Tag. Die Pflegekasse zahlt bei Pflegestufe 3 aber nur maximal 1500 € im Jahr. Seine Angehörigen also „mal kurz“ 3 Wochen in die KZP stecken ist für die wenigsten finanziell drinn. Und in den meisten Fällen geht es dabei ja noch nicht einmal darum mit der Familie in den Urlaub zu fliegen (obwohl man auch das den Leuten hin und wieder zugestehen muß) sondern einfach mal ein paar Tage seine Ruhe zu haben.

Da kommt man dann auch mal auf so glorreiche Einfälle sich eine polnische Krankenschwester anzuheuern, die fachlich durchaus qualifiziert, hier nur nicht arbeiten darf, weil es der Politik nicht passt. Selbige Politik übrigens die das Pflegesystem in Deutschland in den letzten Jahren derart vor die Wand gefahren hat.

10 09 2008
Chris

Tjaja, Willkommen im deutschen Gesundheitssystem. Wie lupo schon sagt: Uns RDlern sind da oft die Hände gebunden. Wenn es irgendeine obstruse Hausarzt-Einweisung gibt oder die Angehörigen irgendwelche Symptome schildern, die man vor Ort nicht nachvollziehen kann muß man den Patienten wohl oder übel ins Krankenhaus bringen, ob das für einen selbst Sinn macht oder nicht.
Und die Pflegekräfte im Pflegeheim kann ich teils auch verstehen. Völlig überlastet, teils allein für zig Stationen zuständig (besonders nachts) ist man da glaube ich für jede „Arbeitserleichterung“ dankbar. Da zählt dann eher der eigene Wille der Pflegekraft und (leider) nicht der des Patienten (sofern noch äusserbar).

Wir machen so viele unnötige Fahrten und die Krankenkasse bezahlt immer schön. Echt traurig 😦

11 09 2008
Jonas

In diesem Zusammenhang muss ich dann doch mal folgende Geschichte zum Besten geben:
Als ich eine Zivildienststelle gesucht habe (ich habe dann später eine andere Stelle angetreten), habe ich auch mal einen Probetag bei „Essen auf Rädern“ gemacht. Das lief dann so, dass der „normale Zivi“ gefahren ist und ich als Praktikant das Essen zur Haustür tragen „durfte“.

Bei einer Familie war es dann so, dass nach dem Klingeln die Tochter (um die 40) geöffnet und mich angemotzt hat, dass die Tür doch immer offen sei und man vom Essen aufstehen musste.
Dann musste ich das Essen dem „Opa“ auf sein Zimmer bringen und klein schneiden, so dass er es allein essen konnte, während man deutlich gehört hat, dass der Rest der Familie ein Zimmer weiter gerade auch beim Essen ist.

Mir haben sich dann sofort folgende Fragen gestellt:
Warum darf der „Opa“ nicht mit dem Rest der Familie mitessen?
Wenn jemand zu Hause ist, warum braucht man dann Essen auf Rädern?

Mir tut dieser „Opa“ jedenfalls bis heute immer noch leid (insbesondere, da er meiner Einschätzung nach nicht so „senil“ war, dass er das nicht mehr mitgekriegt hat).

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




%d Bloggern gefällt das: