Unfallhelfer? – Fehlanzeige!

5 09 2008

Bei der ARD fand ich einen interessanten, vielmehr erschreckenden Beitrag über die Erste Hilfe an Unfallstellen. Liest man diesen Artikel (Erste Hilfe – Gleichgültigkeit kostet Menschenleben, SWR, Samstag, 28. Juni 2008), stellen sich einem die Nackenhaare auf. Es ist unglaublich, wieviele Autos an Unfallstellen mit offensichtlich Verletzten vorbeifahren, bis jemand anhält. Da kann das Auto auf dem Dach liegen und blutüberströmt eine Person am Fahrbahnrand – es ist den vorbeifahrenden egal. Eigentlich weiß jeder, dass man allein schon aus moralischen Gründen verpflichtet ist zu helfen. Eigentlich weiß auch jeder, dass auf unterlassene Hilfeleistung Strafe steht. Und eigentlich weiß auch jeder, dass Menschen sterben können, wenn sie blutend, verletzt neben ihrem schrottreifen Auto liegen. Da stellt sich mir die Frage: Warum fahren z.B. 31 Fahrzeuge an einer Unfallstelle vorbei ohne dass jemand Anstalten macht zu helfen?

Ich frage mich, ob diese Menschen nicht irgendwann mal drüber nachdenken, was sie fühlen würden, wenn sie allein und hilflos im Auto eingeklemmt sind oder daneben liegen und niemanden kümmert es. Wer Unfallopfer jemals live erlebt hat, weiß dass sie teilweise Todesangst haben, weil sie fürchten es könne keine Hilfe kommen bzw. nicht mehr rechtzeitig – unabhängig davon wie schwer ihre Verletzungen sind. Ich habe einen Todesfall miterlebt, wo ein Auto auf der Autobahn an die Leitplanke gerutscht war, weil der Fahrer zusammengesackt war am Steuer und erst 15 Minuten später ein Notruf abgesetzt wurde. Als die Rettungskräfte Minuten später eintrafen (so weit war der Anfahrtsweg gar nicht), war der Mann reanimationspflichtig und sie haben ihn nicht wiederbekommen. Vermutlich hat er am Steuer einen Herzinfarkt gehabt. Hätte man ihm eher geholfen, könnte er vielleicht noch leben. Was müssen die Angehörigen jetzt fühlen, mal abgesehen von dem ohnehin schon schweren Verlust?

Es ist im Beitrag von der Angst etwas falsch zu machen die Rede. Viele haben vor etlichen Jahren oder Jahrzehnten ihren Erste Hilfe-Kurs gemacht und fühlen sich unsicher. Dabei ist es so einfach. Die größte Hilfe ist das holen von Profi-Hilfe – sprich den Rettungsdienst rufen. Das geht beim Handy sogar ohne die PIN zu kennen. Das nächste ist, sich selbst aus der Gefahrenzone zu bringen und das Unfallopfer auch – also hinter die Leitplanke auf der Autobahn wenn möglich – und die Unfallstelle zu sichern – also Warndreieck raus und jemanden hinter den Straßenrand stellen, der auf die Unfallstelle aufmerksam macht. Damit ist schon viel getan. Das Unfallopfer selbst sollte wenns geht in die Stabile Seitenlage gebracht werden. Wenn man nicht mehr weiß, wie das geht, dann vorsichtig auf die Seite drehen und am Becken und Schulterbereich festhalten, dass derjenige nicht wegrollt – das ist noch besser als gar nichts tun. Der Kopf sollte immer überstreckt werden. Wenn man jemanden mit Sturzhelm hat, reicht es für Unkundige, das Visier zu öffnen und den Helm erstmal drauf zu lassen bis der Rettungsdienst kommt. Es ist besser als gar nichts zu tun. Die von vielen gefürchtete Wiederbelebung ist in den seltensten Fällen erforderlich – außer natürlich das Unfallopfer liegt stundenlang ohne Hilfe da…

Der Angst vor Ansteckung mit infektiösen Bluterkrankungen kann man begegnen, in dem man die Handschuhe aus dem Verbandskasten anzieht. Das schlimmste was ich in dieser Beziehung mal hörte, war die Antwort „Also das kostet auch Geld neue zu kaufen.“ – Gegenfrage: Wieviel wert ist ein Menschenleben? Neue Handschuhe für den Verbandskasten kosten weniger als ne Schachtel Zigaretten…

Die ARD hat eine gute Zusammenstellung über die Erste Hilfe – Maßnahmen und die Stabile Seitenlage.

Was ich erforderlich finde – es müssen einfach zugängliche und möglichst kostenlose Refresher in Erster Hilfe angeboten werden. Vermutlich ist es in unserer Gesellschaft auch notwendig, das nicht einfach nur anzubieten sondern auf die Leute zuzugehen und sie dort abzuholen wo sie sind – also in die Firmen und Einrichtungen zu gehen. Auch dürften sie nicht zu sehr mit Theorie belastet sein sondern müssen den Leuten die Barriere vor dem Aktivwerden nehmen. Es gibt ja die Björn Steiger Stiftung, die in den letzten Jahrzehnten unheimlich viel für den Rettungsdienst und die Notfallmedizin getan hat. Sowas bräuchte es auch für die „breite Basis“ – also Otto-Normal-Bürger-Erste-Hilfe-Kenntnisse-Haber (oder Nichthaber).

Ein Tip noch: Man kann sich bei der Björn-Steiger-Stiftung kostenlos mit seiner Handynummer registrieren lassen für die Handy-Ortung  (siehe auch Blogbeitrag „Handyortung im Notfall“). Wenn man einen Notruf absetzt, kann die Leitstelle einen dann auch orten falls nötig. Wer jetzt meint, dass er da ja Daten preisgibt… die Schufa, jedes Versandhaus oder gar amazons Cookie-Funktion wissen mehr über einen…

Zusammenfassung: Wenn ein Unfall passiert ist, dann tu was – es könnte auch jemand aus deiner Familie sein.

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15 responses

5 09 2008
EarlMobile

Dieses Problem beschäftigt seit den sechziger Jahren die Psychologen, es gibt sogar einen eigenen Wissenschaftszweig, der sich mit zwischenmenschlichem Verhalten im (einseitigen) Notfall beschäftigt.
Die grundlegende Erkenntnis, wie solch eine verminderte Hilfsbereitschaft zur ersten Option für die Betroffenen wird, gewannen John Darley und Bibb Latané, die dieses Thema für ihre Studien wählten, nachdem in einem New Yorker Vorort auf offener Straße eine junge Frau vor den Augen von fast vierzig tatenlosen Zeugen ermordet wurde.
Die beiden Forscher fanden heraus, dass sich die Hilfbereitschaft des Einzelnen verringert, umso mehr andere Leute – zumindest angenommen – anwesend sind. Sie nannten dafür zwei Gründe: Einerseits hätten die Betroffenen das Gefühl, dass alles seine Richtigkeit habe, wenn die anderen auch nicht intervenieren würden und andererseits würde die Verantwortung, die der Einzelne zu tragen habe, auf die gesamte Gruppe aufgeteilt. Reaktionen wie „Die anderen hätten doch auch helfen können“ sind bezeichnend für dieses soziale Defizit.
Später fand übrigens der Zuschauereffekt, also dass Augenzeugen eher stehen bleiben und das Geschehen beobachten statt aktiv einzugreifen und zu helfen, nach dem Mordopfer aus dem New Yorker Vorort als Genovese-Syndrom Einzug in den Psychologenjargon, welches recht gut erforscht wurde und einen tiefen Einblick in die Psyche der betroffenen Menschen erlaubt.

6 09 2008
Neri

Schöner Artikel! Meiner Meinung nach sollten die hier angesprochenen Wiederauffrischungs-Kurse als verpflichtender Bestandteil in die alle zwei Jahre fällige KFZ-Hauptuntersuchung aufgenommen werden – kein Kurs, keine Plakette. So einfach wäre das. 2-3 Stunden würden doch zur Rekapitulation der wichtigsten Inhalte genügen. Und die Bereitschaft zur Hilfe würde sicherlich mit verfestigtem Wissen steigen…

Ich hoffe, ich darf zum Thema auch noch einen passenden eigenen Artikel bewerben? Vielen Dank 😉

LG, Neri

6 09 2008
Hootch

Man sollte einfach alle, die an einer solchen „Unfallstelle“ vorbeifahren verknacken! Und zwar so richtig!

Oder doch nicht? War doch eigentlich gar kein Unfall. Das ganze war doch nur gestellt. Es bestand zu keiner Zeit eine akute Lebensgefahr für das „Unfallopfer“.

Trotzdem. Ne, so geht es nicht. Da muss man doch was tun…

Was denn? Okay, vielleicht im ersten Moment Erste Hilfe leisten. Klar, um sich dann (als Frau (noch dazu allein)) (beim gestellten „Unfall“) vergewaltigen zu lassen, oder was? Das kommt leider oft genug vor.
Ne, darauf kann man (frau) wohl verzichten…

Hauptsache, es werden Pol&RD informiert… obwohl… Wenn keine wirkliche Gefahrenlage existiert, darf man man dann die 112/110 wählen? Oder erfüllt das den Staftatbestand des Missbrauchs einer Notrufnummer?

Wenn meine Meinung gefragt wäre, sollten sochte Tests verboten werden. Es gibt viel zu viele „InfoTaintment“- Formate, die solche Scheinunfälle stellen; aber noch mehr reale Unfälle. Keine Frage: die unterlassene Hilfeleistung soll kosnequent verfolgt und bestraft werden! Aber bitteschön auch nur dann, wenn sie vorliegt und nicht wenn ein Schauspieler gut geschminkt am Wegesrand liegt. _Das_ verleitet die Leute nämlich dazu, vorbeizufahren.

Grüße!

6 09 2008
Anke W.

In dem Zusammenhang fällt mir ein, dass ich neulich bei der Kindergartenbesichtigung hier im Ort positiv überrascht war: Die älteren Kinder, die bald in die Schule kommen, machen dort einen kleinen Erste-Hilfe-Kurs. Mit anleitung wie man einen Notruf absetzt, wem man was sagt, wie die stabile Seitenlage geht und wie man jemanden beatmet. Ich war echt positiv überrascht, dass die Kleinen das dort lernen!

Ansonsten kann ich nur Recht geben, ich bin immer wieder erstaunt, wie viele an Unfallstellen vorbei fahren, habe aber auch schon umgekehrtes erlebt. Als wir im Winter an einer Unfallstelle vorbei kamen (Auto in Graben geschlittert aber kein Fahrer/Beifahrer zu finden, sind wohl schon selbst zu Fuß weg) haben wir nachgeschaut ob wir helfen können und in der Zeit haben bei vielleicht 6 vorbei fahrenden Autos 3 angehalten und gefragt, ob sie uns helfen können.
Liegt das an der Gegend? Es war in einer ländlichen Gegend wo jeder jeden kennt und die Welt noch nicht großstädtisch anonym ist.

Fazit: Ich fahre an Autos vorbei, die auf dem Standstreifen geparkt sind, offensichtlich keinen Unfall haben sondern nur liegen geblieben sind. 99% davon sehe ich mir Handy am Ohr/in der Hand d.h. die können sich selbst helfen und ich gestehe, ich habe einfach nur Angst an Autobahnen anzuhalten. Richtige Unfälle mit Verletzten habe ich zum Glück noch keine erlebt, aber in einer Situation wo jemand *vielleicht* Hilfe brauchen könnte, habe ich bisher immer angehalten und werde das auch weiterhin tun. Ist doch selbstverständlich, oder? Sollte zumindest

6 09 2008
efro

@nori: gute Idee, Besser ist es aber mM einen EH jährlich zur Pflicht zu machen.I
ch bin unter anderem in der FFW und wunder mich doch immer wieder wielange manche auf unserem Jährlichen Kurs überlegen müssen.

6 09 2008
Ghettomaster

Das einzige was mich an den Tips vom Ersten etwas stört ist der Hinweis auf die 19222 im Süden Deutschlands. Zwischenzeitlich kann man hier in weiten Teilen unter der Nummer nur noch einen Krankentransport bestellen. Nachts geht da oft nur der AB rann.

Man sollte den Leuten nur die 112 einbläuen. Du glaubst gar nicht wieviele Menschen noch nicht mal wissen ob sie bei einem medizinischen Notfall die 110 oder die 112 anrufen sollen.

6 09 2008
Michael

@Ghettomaster: So einfach ist es nicht. Bei uns im Saarland ist es genau umgekehrt – wenn du die 112 anrufst, bekommst Du die Kollegen von der freiwilligen Feuerwehr; nur mit der 19222 landest Du sofort bei den geschulten Rettungsassistenten der RLS. Es geht also nicht darum, den Leuten die richtige Nummer „einzubläuen“, sondern endlich einheitliche Verhältnisse zu schaffen – und das ist im Föderalstaat ein schwieriges Unterfangen.

Zum Thema „Vorbeifahren am Verkehrsunfall“ gibts bei Quarks und Co (WDR) übrigens einen ähnlichen Beitrag, bei dem ein Unfall nachgestellt wurde. Dabei wird auch eine psychologischer Erklärungsansatz geliefert, den EarlMobile in seinem Beitrag angesprochen hat.

Die ganze Quarks-Sendung zum Thema „Verkehrsunfälle“ gibts übrigens auch als Podcast zum Download. (Achtung, 188 MB!). Beispielsweise wird dort auch erklärt, weshalb Autos im wahren Leben nicht explodieren. 🙂

6 09 2008
Assistenzarzt

@Hootch: Es geht doch gar nicht ums „Verknacken“. Mir ist ebenfalls bewußt, dass derartige Tests, insbesondere wenn sie von reißerischen Boulevardmagazinen veranstaltet werden, eher zu einer Abstumpfung der Leute führen, ähnlich wie jemand, der immer hilfe, hilfe ruft und wenn wirklich was ist, dann guckt keiner mehr. Erschreckend bleibt dennoch die Zahl derjenigen, die es einfach nicht kümmert. Es ist dort auch niemand angezeigt worden.
Als Frau würde ich mir das ganze aus dem von innen verriegelten Auto ansehen und wenns mir komisch vorkommt, nur die Polizei anrufen, dass dort etwas ist. Eigensicherung geht vor. Mir ist es als Kind mal passiert, dass wir an so einer „Falle“ vorbeikamen, langsam entlang fuhren und erstmal guckten was los ist, wo fast im selben Moment die Polizei auftauchte… zum Glück. Es gibt Situationen wie von Anke W. beschrieben, wo man sehr misstrauisch sein sollte.

Aber sind nicht immer nur Verkehrsunfälle. Ich war vor zwei oder drei Jahren mal abends einkaufen, als an der Kasse jemand zusammenbrach und bewußtlos war. Ich habe nur die panischen Schreie der Verkäuferin übers Mikro gehört, dass jemand den Rettungsdienst holen soll und bin pflichtbewußt dahin. Es standen ca 20 Kunden drumherum und gafften, aber keiner tat was. Göttliche Kommentare umrankten die Szenerie. „Guck mal, der wird ganz blau“ und sowas. Als ich mich durchdrängelte und diesen zyanotischen Menschen auf die Seite drehte und den Kopf überstreckte (man hat ja keinen Notfallkoffer dabei beim Shopping), wurde ich von den Gaffern angegiftet, wer ich denn sei und ob ich überhaupt wüsste was ich da tue… in dem Moment fehlte mir echt die Spucke um was zu sagen so platt war ich über die Frechheit. Nix tun und gucken wie einer dabei ist, vielleicht das Licht auszuknipsen. Die Verkäuferinnen holten mir auf meine Bitte ein paar Handschuhe und rannten dafür extra einmal quer durch den Laden und brachten mir den Erste Hilfe Kasten. Ok da war nix drin was half, aber es war immerhin etwas. Als ich ihnen erklärte, dass ich Mediziner sei, wurden sie ruhiger. Der einzige, der mir von Anfang an half war ein junger Mann, der sich als Zivi eines Behindertenheimes entpuppte und mit vollem Einsatz dabei war – und freudlicherweise in Sekunden auch die Gaffer verscheuchte. Die Verkäuferinnen mussten bis zum Einladen des Patienten die Kinder auf Distanz halten, die am liebsten auf 50 cm rangekrochen gekommen wären… Zum Glück wars kein Herzstillstand, aber noch ein paar Minütchen gaffen wie er immer blauer wird und dabei so komisch röchelt, hätten ihm bestimmt nicht gut getan.

Das war aber kein Einzelfall. Kurze Zeit später (ja, es war ein ereignisreicher Herbst) wurde ein Mann vom Bus angefahren kurz hinter der Haltestelle. Ich war im darauffolgenden und musste aussteigen, weils nicht mehr weiterging. Ich sah, wie jemand auf dem Boden lag und der Fahrer hilflos in die Runde sah und neben dem Mann in der stabilen Seitenlage kniete. Eine riesige Traube Menschen hatte sich um dieses Paar der Verzweiflung gebildet. Ich sah mich gezwungen zu handeln und drängelte mich durch. Und wieder kamen Dinge aus dem Rund wie „Wer sind Sie denn?“ „Können Sie sowas überhaupt?“ „Will die sich jetzt wichtig tun?“ Als ich sagte, ich sei Ärztin, meinte einer von den Gaffern „Das könnte ja jeder sagen“. Zum Glück war ich da nicht mehr so auf den Mund gefallen und schrie ihn an, ob ich ihm meinen Arztausweis zeigen soll oder ihn lieber anzeigen, weil er nicht hilft. Er ging dann wortlos. Ein kurzer Check zeigte mir Polytrauma der fettesten Sorte. Blut aus Nase, Mund, Ohren… Die Polizei traf ein und verscheuchte die Gaffer, ich erhielt ein paar Handschühchen (haben die wohl immer in der Tasche…) und forderte auf meine Veranlassung den Notarzt nach. Zusammen mit der etwa 4 Minuten später eintreffenden erfahrenen Notärztin (wir sehen uns heute noch regelmäßig in der Notaufnahme) und den Sanis / RAs und der Polizei bugsierten wir ihn auf die Trage, da er geschätzte 120 kg wog. Dann kippte das ganze, er schockte, musste intubiert werden. Geschafft hat er es leider nicht. Am schlimmsten fand ich jedoch, dass ich so hilflos – nicht mal nen iv-Zugang legen könnend ohne Notfallkoffer – zusehen musste, wie er schlechter wurde und spürte, wie er anfing zu sterben und mir in die Hände verblutete und ein weinender Busfahrer geschockt daneben stand während von den Gaffern welche ihre damals grad aufkommenden Fotohandys rausholten und auf die Szenerie draufhielten.

6 09 2008
Pharmama

Die Gaffer sind wirklich das übelste. Ich bin nicht Ärztin, war aber 13 Jahre bei der freiwilligen Feuerwehr. Man glaubt gar nicht, was die alles tun, nur um näher am Geschehen zu sein. Und wenn man dann einem sagt, der praktisch in der Benzinlache beim Autounfall steht und sich die Zigarette anzünden will, dass er so schnell wie möglich von dort verschwinden soll, meint der noch, man habe ihm nichts zu sagen, er könne bleiben wo ER will. (Das habe ich ihm aber rasch ausgetrieben, grrrr!).

Und mit der Nothilfe: Wie sieht das eigentlich rechtlich aus? In Amerika sind viele inzwischen (leider) soweit, dass sie nur noch widerwilligst Nothilfe leisten, weil sie spätere Klagen fürchten, wenn sie z.B. dem Herzstillstandpatienten bei der Herzmassage eine Rippe gebrochen haben. Ich finde das eine weitere bedenkliche Entwicklung.

7 09 2008
earlmobile

@Pharmama: Ein Bekannter, der für das DRK im RTW mitfährt, erklärte mir, dass nach den Gebräuchen der deutschen Justiz unterlassene Hilfeleistung sehr wohl zur Anzeige gebracht wird, wogegen mögliche Folgeschäden durch unsachgemäße oder zu wenige Rettungsmaßnahmen faktisch folgenlos für den Ersthelfer bleiben, selbst wenn der für seinen Führerschein einen Erste-Hilfe-Kurs besucht hat. Gleiches gilt auch in Fällen, wo lediglich der Notruf abgesetzt wird, aber aus Ekel oder Angst weitere Schritte unterlassen werden, die im Rahmen der Ersthilfe durchaus möglich wären.

Achja und wo es so gut passt: (Lukas 10, 30-35)
„Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halbtot liegen. Es traf sich aber, daß ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber. Desgleichen auch ein Levit: als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte er ihn; und er ging zu ihm, goß Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir’s bezahlen, wenn ich wiederkomme.“

Dieses Phänomen scheint also nicht erst in der Neuzeit aufgekommen zu sein.

Apropos: Die letzten… ca. 14 Jahre bin ich jedes Jahr für drei Sommerwochen nach Ahrenshoop gefahren. Irgendwann kam es wieder zu einem unvermeidbaren Badeunfall, sodass die DLRG-Rettungsschwimmer die Rettungskräfte zu Hilfe riefen. Dieses eine Mal ereignete sich wohl der Unfall vor der nahe gelegenen Steilküste, die man nur vom Strand aus erreichen kann , weshalb die Rettungskräfte mit ihrem Einsatzwagen auch einen Strandaufgang im Ort nutzen mussten, um den Deich zu überwinden und an den Strand zu gelangen. Nun gab es etwa fünf Minuten vor Eintreffen des RTW von den Bademeistern eine Durchsage, dass die Urlauber doch bitte den Strand für die Rettungskräfte so weit frei machen sollen, dass diese ungehindert passieren können.
So viel hat noch funktioniert, als aber der RTW über den Strand sauste, versammelten sich nicht wenige der Urlauber auf dem Strandübergang, weil man ja von dort aus das Geschehen besser im Überblick haben konnte. Tja, als der RTW mit Patient an Bord wieder vom Strand runter wollte, hat wohl keiner kapiert, dass es dazu nötig sein würde, einfach mal aus dem Weg zu gehen und den Übergang zu räumen… Ich möchte nicht wissen, was aus dem Verunglückten geworden ist…

8 09 2008
Hootch

@Assistenzarzt:
Liebe Frau Doktor,
wir sind uns völlig einig. Ich wollte mit meinem Kommentar eigentlich nur den Sinn solcher medienwirksamen Tests hinterfragen. Außer, dass es nur um ‚Quote‘ geht, kann ich da nichts erkennen. Die Tatsache, dass es ignorante Vollkorken gibt, die einen Menschen in Not im „besten“ Fall links liegen lassen oder aber im schlimmsten Fall fotografieren („Das glaubt mir doch keiner, der is vor meinen Augen erstickt…“), ist hinlänglich bekannt. Und im ZDF warnt Rudi Cerne auch noch vor gestellten Unfällen nachts an einer einsamen Landstraße…
Effektiver wären Aufklärungsmaßnahmen. Das kann durchaus auch medienwirksam von statten gehen. Oder (wie schon gefordert) verpflichtende EH-Kurse. Mehr PADs. Ach es gäbe so viel…

Und EH- Situationen habe ich auch schon einige miterlebt. Von äußerst positiv bis widerlich.
Widerlich:
Ein hilfloser Mann (Obdachlos, alkohol- (und-was-weiß-ich-nicht-alles-) intoxikiert lag auf den Straßenbahnschienen. Was macht der private Sicherheitsdienst der Bahn? Die Typen schleppten (augenscheinlich höchstamüsiert) seine paar Habseligkeiten zur Seite, in der Hoffnung, auch er würde von den Schienen krabbeln. Einen halben Meter hat er auch noch geschafft, danach blieb er aber (gott sei dank) in soetwas wie der stabilen Seitenlage liegen. Nachdem die von mir gerufene Polizei und der RTW eintrafen, redeten die Sheriffs sich heraus, der Mann habe ja noch geantwortet, gar nicht so schlimm etc. Von mir gabs einen Strafantrag. Folge: Bis heute nichts gehört.

Hilflos bis peinlich:
Ein Mann mit eingetrübter Bewusstseinslage und stark blutenden Schnittwunden an Hand und Arm. Daneben knieten zwei Polizisten mit einem Verbandkasten. So weit so gut. Die traugigen versuche, die Wunden mit _einer_ _Mullbinde_ zu versorgen, waren nicht wirklich von Erfolg gekrönt. Meine Frau fragte, ob sie helfen könne. Gegenfrage: „Kennen Sie sich damit aus?“ „ja, so’n bisschen…“ Da ließ der Beamte alles fallen und ‚übergab den Patienten‘. „Handschuhe? Kompressen? Da muss ich erst einen anderes Einsatzmittel rufen. Hoffentlich ist deren Verbadkasten voll…“ Kein Kommentar…

Sehr erfreulich:
Bei Ikea. Lautsprecherdurchsage: „Ein Ersthelfer dringend zur Ausfahrt der Tiefgarage!“ In kürzester Zeit waren sieben oder acht Angestellte mit EH- Koffer da, einer hatte auch einen AED dabei. Respekt & weiter so! Ach ja, die Knieschürfwunde des Mannes konnte mit einem Pflaster von uns versorgt werden. Den Hinweis auf eine Impfauffrischung gab’s noch gratis dazu 😉

Grüße!

9 09 2008
AnaBelle

Mein Vater hat letzte Woche zwei Verletzte aus nem Wagen gezogen.
Auf der Autobahn im schönsten Freitagsverkehr rummsten zwei Wagen ineinander. Der vordere wurde quer zur Fahrbahn geschoben, der hintere prallte gegen die mittlere Leitplanke, dann mit Karacho in die Holunderbüsche am Seitenstreifen, die Böschung hinunter und blieb verkehrt herum liegen. Mein Dad hat die Stelle abgesichert, nen Notruf abgesetzt, dem völlig geschockten Fahrer des ersten Wagens zugerufen, er soll sein Auto auf den Standstreifen bringen (war ja zum Glück nur ein Karosserieschaden) und hat sich einen zweiten Autofahrer geschnappt, der stehen blieb. Derjenige hatte dann aber einige blöde Sprüche parat. Hat sich erst beschwert, warum das Auto da nicht weg fährt, weil es die Spur blockiert und wollte sich dann auch noch blöd stellen. „Ja, wie kommen wir denn da überhaupt runter?“ (Standstreifen, Böschung, Feld) Benutz deine Füße!!!
Absprache mit dem stark blutenden Fahrer, dann haben sie gemeinsam mit noch zwei Helfern das Auto umgedreht und den schwer verletzten Fahrer und seine Beifahrerin rausgezehrt. Bis der Notarzt da war, hatte mein Dad den Fahrer schon einmal beatmen müssen und dabei konnte alles zusammen maximal 15 Minuten gedauert haben…
Man stelle sich vor, der Mann hätte 30 Minuten auf Hilfe warten müssen!

10 09 2008
Chris

Hm, ein altbekanntes und immer wieder diskutiertes Thema. Ich stimme da Neri voll und ganz zu. Ist es so schwer, das ganze verpflichtend alle 2 Jahre oder so durchzusetzen?
Bin selbst Erste Hilfe Ausbilder und es ist echt erschreckend, wie wenig Ahnung gerade Menschen im mittleren Alter, bei denen die Führerscheinprüfung schon 20 jahre her ist, von Erster Hilfe haben und wie belustigt sie an solche Kurse ran gehen, wenn sie z.B. vom Arbeitgeber dazu verpflichtet werden. Diese Menschen möchte ich dann nicht im Notfall erleben!
Die aktuelle Kampagne des ADAC zusammen mit den großen Hilfsorganisationen ist zwar schon ein Anfang, aber verpflichtend sollte das auf jeden Fall werden, anders hat es bei den meisten keinen Sinn.

15 09 2008
macabre

Ist zwar schon etwas her, aber einen Kommentar kann ich mir nicht verkneifen.

Das ist nämlich so eine der Sachen, die mich an unserer Gesellschaft so richtig ankotzen. Wenn man auf der Straße in Gefahr kommt bekommt man eher Hilfe, wenn man „FEUER“ ruft, als wenn man um Hilfe schreit, weil dann noch einige auf die Idee kommen, dass ihr Eigentum (Wohnung, Auto, etc.) in Mitleidenschaft gezogen werden könnten.

Aber im Grunde ist das genau das, was diese Gesellschaft selbst verschuldet hat. Und natürlich sitzen dann alle diese A**er, die ohne mit der Wimper zu zucken an einem schweren Unfall vorbeifahren zuhause vor „EKLUSIV WEEKEND“ in der „extra protzig und möglichst wenig schwere Wörter“-Ausgabe und spielen die Entrüsteten, dass in einem der erwähnten gestellten Unfälle so viele vorbeifahren.
Kaum jemand denkt noch über die Folgen seines Handelns nach. Oke, ob das früher wirklich anders war oder sich nur auf andere Bereiche erstreckt hat kann ich nicht sagen. Sicher weiss ich nur, dass man nicht wenigen Mitbürgern ansich das „Sapiens“ aus der biologischen Bezeichnung streichen sollte, denn wissend oder nachdenkend sind die bestimmt nicht.

Persönlich bin ich der Meinung, dass man solchen Entwicklungen/Umständen nur mit rigoros und radikal durchgezogenen Kampagnen entgegenkommen kann. Wie in einem der Kommentare schon erwähnt wurde, alle Gaffer und nichts-tuer soweit wie nur möglich zur Anzeige bringen, auch von Seiten der Polizei, die diese erstmal etwas zurücktreibt. Die Strafen sollen nicht einfach der Haudraufmentalität folgen, das ist sinnlos und der Ottonormalbürger wird sich beispielsweise über eine hohe Geldstrafe nur grämen und den Staat verfluchen. Wie wäre es bei unterlassener Hilfeleistung mit einem ordentlichen Satz Sozialarbeit in einer Unfallaufnahme o.Ä.? Sicher, auch daraus werden nicht alle lernen und bei „Wiederholungstätern“ muss man sowieso über tiefgreifendere Strafen nachdenken, aber zumindest einigen dürfte das ein wenig die Augen öffnen.
Und gewisse Sonderfälle wie die allein fahrende Frau nachts auf der einsamen, dunklen Straße im Wald fallen ja auch aktuell vom Strafrecht gesondert behandelt, es ist sowohl von „den Umständen entsprechend zuzumuten“ als auch von „ohne erhebliche eigene Gefahr“ die Rede, was gerade solche Fälle meint, in denen idR. das rufen eines Rettungswagens und der Polizei ausreicht.

Im Fazit muss ich leider wieder feststellen, dass gerade die Politik hier eingreifen und viel bewegen sollte, es aber aus einem ganz einfachen Grund nicht tut: Es geht weder um Geld, noch um Macht. Und wer glaubt schon noch daran, dass auch nur einer der Sesselwärmer in Berlin sich dann noch um solch ein Thema schert, sofern er daraus keine positive Publicity erhält?

macabre

26 09 2008
Jonas

Und Leute wie ich, die im Zivi nen Sanitätshelferlehrgang gemacht haben und sogar aus Interesse mal Rettungswagen mitgefahren sind kommen nie an Unfällen vorbei… ich würde nie an einem vorbeifahren. Eigentlich ist das ja was gutes, aber wenn ich jetzt lese dass andere Menschen da achtlos wen sterben lassen hätte man ihnen gewünscht, dass freundlichere Zeitgenossen da gewesen wären.

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