Kulturschock ÖPNV

20 09 2008

Seit langer Zeit, wirklich sehr laaaaanger Zeit bin ich mal wieder mit dem ÖPNV gefahren. Früher ja regelmäßig, dann irgendwann verdiente ich Geld, leistete  mich gezwungenermaßen ein motorisierten Freund und stieg um auf ihn, um dem Staat bei der Mineralölsteuer die Einnahmen zu sichern. Doch heute war ich ökologisch, gesundheitsbewußt (laufen macht gesund…) und bin mit dem ÖPNV gefahren… Oh kleines Auto, wie liebe ich dich doch und das mit den Parkgebühren und dem Tanken… man muss in eine Beziehung investieren.

Alte Frauen, Rentnerinnen, House of God – Kategorie LAD in GAZ, husten hinter einem ohne sich die Hand vor den Mund zu halten, ich spürte den Luftwirbel in meinem Nacken, sah die BBC-Reportage mit dem sichtbar gemachten Bakteriennebel vor meinem geistigen Auge. Niemand von denen soll sich wagen jemals wieder einem Kind zu sagen, wie es sich benehmen soll… Und dann dieses Gesabbel und Gequatsche, was immer mit einem Negativsatz endet…

An der Haltestelle ist man nirgends vor Tabakrauch-Terroristen sicher. Ich habe mich fürs Nichtrauchen bewußt entschieden und der andere fürs Rauchen. Ich reiße ihm nicht die Zigarette weg und lasse ihn unbehelligt. Er mich nicht, ich muss den Qualm einatmen, ungefiltert mit all seinen Karzinogenen und seinen Reizen auf meine sensible Schleimhaut meines allergikergeplagten hyperreagiblen Bronchialsystems. Soll er doch seine Zigarette dahin schieben, wo es immer dunkel ist…

Was das Innenleben des ÖPNV angeht, habe ich Messie-Wohnungen im Fernsehen gesehen, die sahen dagegen sauber aus. Ich kann ja verstehen, dass Gebühren wegen der Benzin – und Strompreise steigen, aber wenn ich schon halb soviel zahlen muss wie für einen Flug mit einer Billigairline nach England, dann will ich mich nicht wenigstens immer fragen müssen, ob mein Tetanusschutz ausreicht und ich nicht doch lieber ne Typhusimpfung gebraucht hätte…

Die weniger aufregende Seite sind die Passagiere, die mit dem ÖPNV fahren. Ein bunter Querschnitt durch die Bevölkerung. Die krassesten Typen. Von der Punkerin über die LAD in GAZ, Typen die mit Babyheuschrecken in der Salatdose von der Tierhandlung kommen, Teenies, die mich dran erinnern, welche Zeit im Leben ich garantiert nie wieder erleben möchte, die obligatorischen Jugendlichen mit der Bierflasche in der Hand, die zwölfjährigen mit Zigarette wo man glaubt zu wissen, dass sie eh keine Chance haben im Leben und mit 45 am Pankreas-CA sterben, bis hin zu einer Familie asiatischer Abstammung wo er sich wie der Pascha schlechthin aufgeführt hat: Zeitunglesen und weil das Kind im Wagen mobil wurde zu seiner hochschwangeren erschöpften Frau rüberrufen (mir unverständliche Sprache) und nonverbal kommunizieren, dass sie gefälligst mal aufstehen soll und sich kümmern, was sie auch tat. Was diesem kleinen Pascha gut tun würde, wären mal 4 Wochen mit Alice Schwarzer 🙂

Alles in allem… Auto kostet Geld fürs Unterhalten, Tanken, Parken, aber ich weiß was vorher auf dem Sitz war, auf den ich mich setze, ich kann die Gerüche einordnen, die mir begegnen, die Passagiere sind sehr exklusiv und weniger Zeit brauche ich auch… naja, muss ich mein ökologisches Gewissen halt anders beruhigen und mich anderweitig bewegen, um meine Schrittzahl am Tag über 5000 zu bringen…

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5 responses

21 09 2008
Neri

Nicht zu vergessen: Die freie Musikwahl im eigenen PKW – man muss sich nicht von Bushido und Co aus dem Plärrhandy der minderjährigen PET-Bierflaschen-Konsumenten vergewaltigen lassen…

Schön geschrieben jedenfalls – sehr amüsant und mit hohem Wiedererkennungswert 😉

LG, Neri

21 09 2008
T

Der Gesundheit zuträglicher ist definitiv der eigene PKW. Ich erinnere mich bei Benutzung des ÖPNV auch gerne an einen Zeitungsbericht in dem geschrieben stand, was für ‚Rückstände‘ man alles auf Sitzen gefunden hat. Wenn du den gelesen hättest, hättest du als du angekommen bist sofort geduscht.
Allerdings ist die Benutzung von Pendlerzügen in punkto Viren- und Bakteriendichte nicht sehr viel besser. Zweite Klasse ICE Züge können einen auch in Sachen Dichte gerne wie Viehtransporte vorkommen.

21 09 2008
F

Äh… wo wohnst du doch gleich? Südafrika? Pakistan?

22 09 2008
carlo

Alice Schwarzer ist bald Vergangenheit, aber es werden mehr und mehr kleine und große Paschas.

23 09 2008
schlammschwimmer

Ich empfehle eine Fahrt mit der Münchener U-Bahn zur Wiesn-Zeit. Heute ist es für mich mal wieder so weit, leider. Hier treffen sich Millionen von Viren und Bakterien aus In- und Ausland zum fröhlichen Stelldichein und Wirtsmenschtausch. Für das reichliche Ausscheiden von Körperfüssigkeiten, vorzugsweise Mageninhalt, ist dank dem guten Bier gesorgt. Hurra!

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