Trauer um den „Eisbären-Vater“

24 09 2008

Ich möchte nicht auf den Zug der Boulevardpresse aufspringen und auch was zu Thomas Dörflein posten, weil es alle machen. Ich schreibe hier über ihn, weil ich denke, dass er ein außergewöhnlicher Mensch war.
Als ich die Meldung im Internet las neulich abend war ich erschrocken und dachte, das kann nicht sein. War aber leider doch so. Für die, die nicht wissen, wer Thomas Dörflein war: Der Tierpfleger der den berühmten Eisbären Knut großgezogen hat. Der Mensch Thomas Dörflein beeindruckte mich sehr, weil er etwas hatte, was nur wenige Menschen sich bewahrt haben. Als wäre es eine Selbstverständlichkeit nahm er sich eines kleinen Eisbärjungen an, das von der Mutter verstoßen wurde und nur eingeschränkte Überlebenschancen hatte. Er lebte 150 Tage mit ihm in einer „Eisbärenhöhle“ und war bereit dafür sein Familienleben zu opfern. Seine Familie hat in dieser Zeit mit ihm bzw. ohne ihn durchgehalten. Diese Aktion war mit Sicherheit nicht nur eine körperliche Belastung sondern auch eine seelische – allein schon durch diese Abgeschiedenheit und Isolation. Während die ganze Welt die „Knut-Show“ wollte und einem Exemplar einer vom Aussterben bedrohten Tierart zujubelte, wurde auch Thomas Dörflein ungewollt zum Medien-Liebling. Mehrere Medienpreise lehnte er ab. Respekt, für ihn stand die Tatsache, einem seltenen Tier das Überleben gesichert zu haben, im Mittelpunkt. Trotz des Hypes blieb er bescheiden und versuchte aus dem Rampenlicht zu kommen. Die Sache mit Knut und ihm war eine ganz persönliche. Ich bin voll Respekt über seine Arbeit, sein Wissen über die betreuten Bären und den Mut, eine solche Belastung wie das Ersetzen einer Eisbärenmutter mit allen Entbehrungen für das persönliche Leben einzugehen. Menschen wie er sind diejenigen, die andere beeindrucken und zu Veränderungen bringen können, weil sie durch das was sie sind und wie sie sind, andere im Inneren erreichen und berühren können. Um so bedauerlicher, ja geradzu tragisch ist sein plötzlicher und unerwarteter Tod. Nachdem er einem Wesen zu Überleben half, was ohne ihn keine Chance gehabt hätte, kommt für ihn jede Hilfe zu spät. Ich finde es auch nach mehreren Jahren Berufspraxis immer noch bewegend, wenn ein jüngerer Mensch an etwas stirbt, was viele Ältere teils mühelos überleben. Herzinfarkte kommen immer mehr bei jüngeren Menschen vor, Thomas Dörflein war einer von ihnen. Trotz 90 Minuten Reanimationsbemühungen des Notarztes und der RDler konnte ihm nicht geholfen werden. Die Todesrate bei Herzinfarkten liegt in Deutschland glaube ich bei 1-5% je nach Alters- und Risikogruppe, meist sind es jedoch vorbelastete Patienten. Es waren also sehr unglückliche Umstände. Ein tragischer Tod, der viele Menschen bewegt, weil der, den es traf, ein außergewöhnlicher Mensch war. Ich möchte der Familie und den Kollegen von Thomas Dörflein meine Anteilnahme aussprechen.

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8 responses

25 09 2008
Slash

Das kann ich so unterschreiben!
Wirklich ein aussergwöhnlicher Mensch!

25 09 2008
torschtl

Nach 90 Minuten Rea kann man echt sagen, dass alles Menschenmögliche versucht wurde. Ich empfand Thomas Dörflein immer als sehr „real“. An ihm war nichts gekünstelt, er war auf gut deutsch einfach ne coole Sau… aber das war Steve Irwin auch… irgendwie triffts doch immer die Falschen…

27 09 2008
Neri

In Deutschland sterben statistisch gesehen jeden Tag etwa 2200 Menschen. Ich mutmaße mal, da sind jedes Mal ne Menge junger und auch „aussergewöhnlicher“ Menschen dabei, die zu Lebzeiten ebenfalls „Großes“ geleistet haben – die bekommen aber keinen Medienrummel… obwohl sie’s vielleicht sogar mehr verdient hätten.

27 09 2008
Petra

…daraus folgt? Dass man um der Gleichbehandlung willen gar Niemanden mehr irgendwo erwähnen sollte? Oder was willst Du damit sagen, Neri?

27 09 2008
Vee

@Neri
Ich finde die Worte über Thomas Dörflein sehr treffend und genauso haben es sicher viele empfunden. Dass man jetzt über ihn als „außergewöhnlichen Menschen“ schreibt, hätte er nicht verstanden, denn er hat seine Leistung immer als selbstverständlich empfunden und war bescheiden geblieben. Genau das ist es, was ihn in unseren Augen außergewöhnlich macht. Und dass wir alle nun so um ihn trauern, als hätten wir einen guten Freund verloren, ist einfach der Schmerz darüber, dass da einer war, der für die vielen Namenlosen und Unbekannten stand, die auch täglich Großes leisten in ihrem eigenen kleinen Kosmos, die man aber nie wahrnehmen wird. Ihn hat es ungewollt in das Licht der Öffentlichkeit katapultiert. Ein Typ aus Charlottenburg, ums Eck (ich wohne z.B. hier), greifbar. Zu beobachten im Zoo. Im „Tanz mit dem Eisbären“. Ein kleines Herzensmärchen, das anrührte. Man hatte sich an den Gedanken gewöhnt, dass der Bär irgendwann gehen muß. Um sich fortzupflanzen. Damit rechneten wir alle (insbesondere die Berliner). Und nun ist sein Ziehvater als Erster gegangen. Das fühlt sich einfach genauso „verkehrt“ an, wie der plötzliche Tod eines Kindes, das vor seinen Eltern stirbt. So ein Ereignis knallt einfach daher und man steht hilflos davor.

Und wer es mehr oder weniger „verdient“ hat, dass um ihn getrauert wird, – ob öffentlich oder im Stillen – dazu mag ich gar nicht weiterdenken. Meine Meinung dazu ist jedoch – alles kommt im Leben irgendwann zu Dir zurück. Gutes wie auch Schlechtes.

Somit – ja, auch ich bin traurig!
http://vees-world.blogspot.com/2008/09/nicht-persnlich-gekannt-und-doch.html#links

27 09 2008
emergency_doc

Der wohlwollenden Meinung über den Verstorbenen schließ ich mich an.

Was die Herzinfarkte angeht: in unserer täglichen Routine übersehen wir, dass auch heute noch fast 50% (!!!) der Infarkte für den Betroffenen letal enden. Trotz aller Bemühungen und trotz aller Fortschritte in der Medizin. Ich tummel mich seit viele Jahren im Notarztdienst, der Kardiologie sowie Intensivmedizin und Notaufnahme…mir ist -bis auf zwei Fälle- bislang noch keiner verstorben. Man bekommt dann im Laufe der Zeit eine „Routine-Mentalität“ und denkt „naja…halt ein Infarkt“. Wenn man dann aber die Zahlen liest, wird´s einem schon anders…
Gerade wenn junge Menschen versterben (ich hab einmal fast zwei Stunden ums Leben einer 30jährigen Frau gekämpft), wird man sich seiner eigenen Sterblichkeit bewußt. Vielleicht berühren uns diese Schicksale deshalb besonders…

28 09 2008
Neri

Ok – ich verstehe den Grundgedanken, ihn als „Repräsentanten der Guten“ zu sehen… vielleicht auch noch, ihm aus diesem Grunde einen Platz in den Medien zu geben.
Was mich aber immens gestört hat, in der Welt der Bloggerei in diesen Tagen, war, dass man überall von diesem Mann, aber kaum irgendwo von den 53000 mutwillig vergifteten chinesischen Säuglingen und (Klein-)Kindern lesen konnte. Meiner Meinung nach verdient das aber wesentlich mehr Aufmerksamkeit.
Ist in diesem Zusammenhang sicherlich off-topic, aber erklärt vielleicht meine Aversion gegen den Tierpfleger-Tod-Hype.

LG, Neri

28 09 2008
Vee

Da gebe ich Dir uneingeschränkt recht!

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