Nordic Walking – Das Duell der Stöcker

28 09 2008

Da waren sie wieder, meine drei Probleme*: Links ein Stock, rechts ein Stock und in der Mitte die Frau in mittlerem Alter. In dieser Jahreszeit ist es noch schlimmer als im Frühling (noch etwas zu kalt hier oben), Sommer (bewegen in der Hitze macht uncoole Schweißflecken) oder im Winter (so arschkalt, dass die Muskeln verhärten). Egal wo man in diesem Bundesland hintritt, eine Nordic Walkende Frauengruppe ist schon da. Touristisch sind wir derartig gut erschlossen, dass selbst die einst so geheimsten Trampelpfade zu guten Wanderwegen ausgebaut sind und sich in Wanderkarten finden. Und was sich da findet, egal ob im Binnenland oder an der Küste, wird von den Stöcker-Amazonen erobert. Als Radfahrer hat man wenigstens noch sein Rad als Waffe, aber als normaler Spaziergänger ohne Hund… wenn ich schon dieses klack-klack-klack höre oder manchmal auch nur schlurp-schlurp-schlurp (ermüdende Armkraft oder fehlende Technik), dann ergreift mich die Panik und ich suche nach dem nächsten Baum, auf oder hinter den ich mich retten kann. Schlechte Erfahrungen… hat schonmal jemand so einen Stock gegens Schienbein bekommen? Und sich dann auf Protest hin anhören müssen, dass man ja jemanden bei der Ausübung seiner Sportart behindert habe…?

2002 war ich in Finnland im Frühling. Da sahen wir überall Menschen jeden (!!!) Alters mit Skistöcken rumlaufen und uns wurde das als die kommende Sportart schlechthin erklärt. Man wolle es nach ganz Europa exportieren und bekannt machen. Ich lachte und sagte, na das werden wir sehen… Nun ja, ein Jahr später wurde es hier in D zum Trend erklärt und seitdem sind die Wanderwege und Parks sauberer (nie wieder rumliegendes Papier… 🙂 ) Das seltsame daran ist: in Finnland sah ich Menschen jeden Alters damit rumlaufen. In Deutschland dagegen scheint es sich mehr und mehr auf eine bestimmte Gruppe zu beschränken: Frauen im mittleren Alter, so kurz vor der Menopause oder schon drin. Es gibt verschiedene Fanatiker-Abstufungen. Die harmlosen laufen alleine. Die etwas engagierteren zwingen ihre minderjährigen oder noch finanziell abhängigen, nicht mehr minderjährigen Kinder mitzulaufen oder mit dem Rad nebenher zu fahren. Die total engagierten gründen eine Gruppe der Nachbarschaft (früher Nachbarschaftskollektiv genannt) und walken gemeinsam und tratschen über alle nichtanwesenden, während man früher ja nur tratschte über alle nichtanwesenden. Bei heißen Themen werden die Stöcker auch mal zur erweiterten Handrede-Funktion benutzt und gefährlich durch die Gegend geschwungen.

Die richtig fanatischen schließen sich einer Sportgemeinschaft an, in der nur prämenopausale oder menopausale Frauen sind, die sich mindestens 1x Woche treffen, um dann die Wanderwege und Parks unsicher zu machen. Gott, was müssen deren Männer glücklich sein… Es scheint sich auch wie in guten Partnerschaften oder wie bei Hund und Herrchen eine Annäherung der äußeren Optik zu vollziehen. Gemeinsamkeiten schaffen ja schon die Stöcke. Irgendwann wird Klamottentechnisch wegen der Zusammengehörigkeit auf die gleichen Farben oder Marken umgestellt, was wiederum bewirkt, dass die finanziell schwächeren schonmal raus sind aus dem elitären Kreis. Als nächstes kommen die Schuhe ran. Habt ihr schonmal einen armen Schuhverkäufer in einem Sportartikelladen gesehen, der sich mind. 3 Frauen gegenüber sah, die den gleichen Sportschuh (Walking-Schuh!) haben wollten, aber dieser sollte auch jeder Frau exklusiv gut passen und all seine Erklärungen (individuelle Füße) verpufften ob des Modediktats? Mensch, was hatte der mich lieb, als ich anschließend sagte: ich brauch n Paar Adidas** zum laufen so um die 100 Euro mit guter Sohle für draußen. (Investitionen sind mir zuweilen was wert). Was folgt ist die Anpassung der Frisuren. Und am Ende laufen da zwei Gruppen durch den Wald: Gruppe 1 der hageren, stockbeinigen, elitären, markengestählten, 1,65m großen osteoporosegefährdeten postmenopausalen, goldberingten Damen mit knapp schulterlangen glatten Haaren mit Pony (Mirelle Mathieu-Gedächtnis-Frisur in allen Loreal-Schattierungen, egal ob sie ihnen steht oder nicht), die sich beim Walken über Gucci, Prada, den neuesten SLK, Yorkshire-Terrier-Macken und die Potenzprobleme ihres Mannes unterhalten*** und Gruppe 2 der normal gebauten bis leicht bepackten, otto-normal-sympathischen, gemütlichen Damen jeder Größe mit bunt gemixtem Marken- oder NoName-Klamotten, die sich über ihre Kinder, die Discounter-Angebote der Woche, den neuesten Klatsch und die Damen der Gruppe 1 unterhalten.*** Was sind mir letztere sympathisch, auch wenn ich mich trotzdem durch die Stöcker-Bewaffnung gefährdet sehe…

Dann gibts noch die Kategorie „Der zum Stockträger Verdammten“. Das sind die armen Schweine, die von der Krankenkasse zur Primär- oder Sekundärprävention gezwungen überzeugt oder von einem meiner Kollegen dazu überredet werden, mal bei einer Physio-Praxis oder einem GKV-anerkannten Ertüchtigungsbetrieb so einen Walking-Kurs mitzumachen. Die Motivationskurve sinkt mit jedem Kilometer und jeder Begegnung mit Gruppe 1. Nur wenige werden es bis zu Gruppe 2 bringen und nur ganz, ganz wenige werden vom Schotter geküsst und sind befähigt in Gruppe 1 erwählt zu werden. Männer geben in der Regel nach diesem erzwungenen Probekurs auf. Oder werden von ihren etwas engagierteren Frauen statt der minderjährigen oder finanziell noch abhängigen Kinder (alternativ wegen der bereits erwachsenen und finanziell unabhängigen Kinder) gezwungen überzeugt, um des lieben Familienfriedens willen und wegen der (aufgrund der Bewegung) verbesserten Durchblutung infraumbilicaler Bereiche ( 😉 ) sowie zur Prävention frühzeitiger Endlosabhängigkeit von der Ehefrau (z.B. aufgrund eines Apoplexes) mitzulaufen, wenn sie läuft.

An sich fände ich diese Sportart ja ganz witzig, auch so rein figurtechnisch nicht verkehrt, wenn man weiß, wie es richtig gemacht wird… is nicht so ein Kniekiller wie Joggen, nicht so nass wie Schwimmen und mal was anderes als Radfahren und gehört zu den allseits zu empfehlenden Ausdauersportarten für jedes Alter… aber mein Ego wehrt sich dagegen, weil ich nicht für älter gehalten werden möchte, als ich bin… und bis nach Finnland fahren wird ziemlich teuer…

Übrigens habe ich meine Spurenleserkenntnisse erweitert. Es gibt 2 Sorten von Stöckerchen-Füßen. Die einen sind spitz und machen kleine Löchlein in regelmäßigen Abständen in den Boden (sehr gefährlich, besonders auf der Hut sein!) und die anderen sind so abgerundet und machen kleine breite Streifchen (weniger gefährlich, neigen eher zu einem klack-flutsch-Geräusch).

Kleiner Hinweis: Regelmäßig Pulsfrequenz bestimmen und vergleichen! – maximale Pulsfrequenz (200 minus Lebensalter) minus 20 macht wohl die ideale Trainingsfrequenz wo die meisten Kalorien verbrannt werden und das Herz am wenigsten überlastet wird. Und wer ganz neu anfängt lässt bitte zuerst beim Hausarzt ein EKG schreiben… oder nötigenfalls auch ne Ergometrie (Fahrradbelastung) machen. Man muss ja nicht jedes Dienstwochenende eine(n) dazwischen haben mit Walking-getriggertem Infarktverdacht. Seid nett zu euren Notaufnahmeärzten…

Für mich heißt es jetzt verstärkt bei jedem Klack-klack-klack oder schlurp-schlurp-schlurp auf und davon und in Sicherheit bringen! Oder ob ich mir auch solche Stöckerchen hole… der Held meiner Kindheit war D’Artagnan und ich konnte fechten mit meinen kleinen Holzstöckchen wie die eine Prinzessin oder Königin, die da mitspielte… ob da noch was von hängen geblieben ist?

 

*Danke Otto für dieses Filmzitat!

** es hätten auch Nike sein können, aber ich hatte gerade einen Beitrag gesehen, dass Nike in Kinderarbeit in Südostasien verwickelt war…

*** es gibt die Regel, dass man sich als Frau ab einem bestimmten Alter entscheiden muss, ob Ziege oder Kuh…

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14 responses

28 09 2008
Hypnosekröte

Dem ist NICHTS mehr hinzuzufügen!

28 09 2008
buchstaeblich

Der Stöckerwahn ist übrigens bestimmt ein Übersetzungsfehler:
Norrrdisches Walllken meint doch sicher eigentlich, dass man Robbenfelle weichkauen soll.
Die Stöcker sind dann eigentlich zum vorherigen Erlegen der Robben gedacht.
Und alberne Kleidung an Puddingpötern bliebe uns dann auch erspart.
😉

28 09 2008
Momoko

Gruppe 1 der hageren, stockbeinigen, elitären, markengestählten, 1,65m großen osteoporosegefährdeten postmenopausalen, goldberingten Damen mit knapp schulterlangen glatten Haaren mit Pony (Mirelle Mathieu-Gedächtnis-Frisur in allen Loreal-Schattierungen, egal ob sie ihnen steht oder nicht), die sich beim Walken über Gucci, Prada, den neuesten SLK, Yorkshire-Terrier-Macken und die Potenzprobleme ihres Mannes unterhalten***

Hahahahahahaha! Ich kann nicht mehr! Sehr lustig!
Ich muss mich dann wohl zu den Walkern mit dem Flutsch-Schlurf Geräusch bekennen. Ich hasse dieses geklapper und nehme darum nie die Gummistöpsel ab. 🙂

30 09 2008
F

Wobei ja die Gummistöpsel für den Asphalt und ähnliche Untergründe sind und die Spitzen, dann auf Waldboden verwendet werden sollen.

30 09 2008
T

Ich denke bei dem Anblick immer daran welch glänzender Marketingschachzug es doch ist, Spaziergängern sauteure Sportklamotten zu verkaufen. Bei der ‚älteren‘ Fanschaft der Stöcke kann man noch ein drittes Muster beobachten, das sich vor allen durch Schleifspuren auf dem Boden bemerkbar macht.
Ob nun teuer oder nicht, warum soll man überhaupt Sportsachen tragen wenn man mal ’nen Meter geht? Gut ich gebe es zu ich gehöre zu den Leuten die nicht freiwillig stöckerln würde. Und ganz gar nicht auf die Idee kämen vor einem solchen Treiben ein EKG schreiben zu lassen oder gar einen Pulsgurt dabei zu tragen.

Das mit den Kühen und Ziegen habe ich zuletzt so von meiner Grossmutter gehört. Ich kann nicht sagen, dass die Ziege die richtige Entscheidung war. Warum stellen sich die Leute unter Ziegen nur immer Tiere vor die aus ausgesprochenen Hungergebieten kommen

Ach ja zu guter letzt es gibt auch noch eine vierte Spezies mit Stöcken und vor der sollte man wirklich in Deckung gehen und das sind Skater mit Langlaufstöcken – sicher sie sind selten aber dafür umso gefährlicher.

Ich rate den Gehstock gegen Florett oder Degen einzutauschen, der Puls durchbricht zwar dabei fast garantiert die noch oben aufgestellte Regel, aber ist dafür auch garantiert nicht so eintönig und kommt dem Kindheitstraum doch viel näher ;).

1 10 2008
Napoli

Hauptsache ist, die Leute bewegen sich.

3 10 2008
kris

Ja das ist die hauptsache, was mann auch macht. Bewegen ist die beste vorbereitung fur eine wintersport urlaub.

29 09 2009
Trendsport-Online.eu

Nordic Skating – eine neue Kombination im Trendsport…

Nordic Skating ist ideal, um sich fit zu halten – dabei werden lediglich zwei Laufstöcke, wie beim Nordic Walking, benötigt und passende Inlineskates. Bei diesem Trendsport wird der Körper komplett durchtrainiert und sogar für Anfänger im Inline Skatín…

1 10 2009
Assistenzarzt

hatte ich nicht schonmal erwähnt, dass ich solche pseudo-kommentare hasse??? Ich kommentiere jetzt erstmal bei denen…

1 10 2009
Maik

@Assistenzarzt
Hallo,

das ist kein Spamcomment, sondern ein Trackback und der sieht nunmal so aus. Wieso sollten wir sonst diesen wertvollen Artikeln aus dem Content bei uns auch angeklinkt haben von http://blog.trendsport-online.eu/trendsport/nordic-skating-eine-neue-kombination-im-trendsport.html? Dass man für einen wertvollen Link als Spammer bezeichnet wird, ist mir ja noch nicht passiert. Warum allerdings der Trackback vom Juli erst heute hier im Blog ankommt, verstehe ich nicht.

vg
Maik

2 10 2009
Assistenzarzt

Ihr seid ne GmbH… sicher bloggt ihr just for fun… ich habe auch nicht spam gesagt sondern Pseudo-Kommentar… das ist was anderes.

7 10 2009
Maik

Nun ist es aber kein Kommentar, sondern ein Trackback, der aus einer Verlinkung Ihres Beitrages aus unserem Blogartikel entstanden ist. So kommt die Sache automatisiert in WordPress an.

19 10 2009
Jose Carlos

Ne GmbH? Zum Spaß bloggen?
Vielleicht sollte sich „Assistenzarzt “ mal ein wenig informieren, denn so gut wie jede Firma hat heutzutage einen Blog.

19 10 2009
Assistenzarzt

@Jose Carlos: Assistenzarzt bloggt just for fun… GmbH hat „wie jede Firma heutzutage einen Blog“.

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