Die 3 größten Visitenkiller

17 10 2008

Nachdem ich nun seit mehreren Jahren meine Assistenzarztrunden durch die Innere Medizin drehe, habe ich meine Studie bezüglich der größten Visitenkiller abgeschlossen.

Was sind Visitenkiller?

Alle Dinge, die dafür sorgen, dass das zeitliche Limit einer Visite gesprengt, der Tagesablauf verzögert und der Feierabend gecancelt wird.

Wo findet man sie?

Vornehmlich in der Inneren. Die Chirurgen sind zu straight, pragmatisch und wissen eh nicht, was sie mit Patienten reden sollen, weil die normalerweise schlafen wenn sie operieren. Die chirurgische Therapie mit Medikamenten beschränkt sich ja eh auf drei Dinge: Schmerzmittel ansetzen, Hausmedikation fortsetzen und wenns gar nicht anders geht auch Antibiotikum. Da reicht es aus, 5 zu kennen: Clindamycin, Unacid, Metronidazol, Ciprobay und Spizef. Das Leben als Chirurg kann so einfach sein 🙂

Die drei wichtigsten Visitenkiller:

Platz 1 – Das laaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaange Nachthemd bei älteren Patientinnen

Da wir in der Inneren ja vornehmlich älteres Klientel behandeln (zumindest mehr davon als die Chirurgen), sind unsere Patientinnen auch dementsprechend gekleidet. Während man bei jüngeren Damen überwiegend T-Shirts als Schlafkleidung findet, trägt die Generation über 70, naja eher 75 die langen, mit Blumenmuster versehenen Nachthemden. Kommt der Arzt in der Visite auf die Idee zum Äußersten zu schreiten und die Patientin abzuhören, was ja aus medizinischer Sicht durchaus angebracht ist in der Inneren, dann beginnt das Problem. „Setzen Sie sich doch bitte mal hin, ich möchte sie gerne abhorchen.“ Patientin sitzt im Bett. Nachthemd ist runtergezogen bis in die Kniekehle, so dass sie mit dem Po draufsitzt. Also geht das Gezerre und Geziehe los. Je immobiler oder adipöser die Patientin umso schwieriger. Manche Nachthemden sind dabei arg in ihrer Unversehrtheit gefährdet. Das kann schon mal ein oder zwei Minuten dauern, bis man dann an den oberen unbekleideten Thorax kommt. Es gibt drei Techniken. Die einen versuchen es einfach nach oben zu ziehen ohne den Po anzuheben. Das wird nie was. Die anderen lassen die Patientin im Liegen den Po anheben, Nachthemd bis zum Schlüpferrand hochziehen, Po landen lassen, aufrichten, Erfolg. Und bei der dritten Variante wackelt und schwankt die Patientin nach rechts und links und zieht dann immer Stück für Stück. Wenns mal wieder länger dauert… Wir bräuchten einen Snickers-Service. Bei einer durchschnittlichen 30-Betten-Station sind statistisch die Hälfte Frauen. Wenn davon 10 untersucht werden müssen in der Visite, weils mal sein muss alle paar Tage, dann kann man rechnen, dass 9 von ihnen ein langes Nachthemd anhaben. Macht 10-18 Minuten…

Platz 2 – Klinikhandys

Man, was können die Dinger manchmal nerven. Schlimmer noch sind die Anrufer, die in der Regel keinerlei Verständnis zeigen, das der Träger des Handys Visite mitgeht und ein ausführliches Gespräch erzwingen. Genauso diejenigen, die es dann nicht kurzerhand abwürgen. Es gab früher mal einen Chefarzt, der is jetzt leider schon Rentner, der hat sein Diensthandy vor der Visite seiner Sekretärin gegeben und gut wars. Ein wahrer Held. Er konnte auf das Gefühl permanent erreichbar sein zu müssen verzichten. Ebenso auf die Momente, wo im Patientenzimmer ein Verwaltungsmensch anruft oder ein niedergelassener Kollege oder ein Studienfreund und das Gespräch dann im Beisein der Patienten und des Personals geführt wird, die währenddessen schweigend den Blick umherschweifen lassen, da man ja nicht einfach weitermachen kann. Heute kenn ich keinen Diensthandyträger mehr, der das fertig bringt. Es gibt eben doch keine Helden mehr…

Platz 3 – Telefonate und respektlose Angehörige

In den meisten Bereichen, in denen ich war, habe ich es ohne Probleme nach ca 2 Wochen durchsetzen können, dass ich in der Visite nicht durch Telefonate gestört werden will, außer es is der Chef  🙂 So hab ich es damals im PJ in der Uni gelernt. Da waren die knallhart und das war gut so. Visite ist Visite und die einzige Zeit am Tag, wo der Patient mit dem Arzt reden kann und wo wir festlegen, wie es weiter geht. Das hat doch was von Unantastbarkeit, oder nicht? Nur auf einer Station kriegte ich es nicht erzwungen, da wurde ich bis zu 5 x aus der Visite geholt, weil mal der Radiologe ne Frage hatte, mal ein niedergelassener einen Termin wollte oder mal ein Angehöriger Auskunft. Für die dortigen Schwestern war es MEIN Problem. War es auch. Aber vornehmlich das des Patienten, der mit halb zuende gedachten Gedanken halt ein oder zwei Tage länger verweilte oder das Gefühl bekam, alles sei wichtiger als er.
Das zweite sind Angehörige, die sich nicht an die offiziell angegebenen Besuchszeiten halten. Offiziell hat ja jedes Klinikum Besuchszeiten. In der Regel sagen die Schwestern aber, dass die Leute kommen können wie sie möchten, nur die Nachtruhe wird eingehalten. Heutzutage ist jeder froh über seinen Job, da kann man nicht von Schichtarbeitern verlangen, dass sie ihre Schichten nach unseren Besuchszeiten umschieben. Das ist ja auch ok. Nicht ok ist, dass die Angehörigen, die außerhalb der offiziellen Besuchszeiten nach der Mittagsruhe (außer dass sie darüber meckern, dass der Patient zu Therapien und Untersuchungen muss, dass immerzu Schwestern reinkommen etc.) auch noch so dreist sind und die Ärztegruppe der Visite beim Wechsel von einem Zimmer zum anderen abfangen und lang und breit Auskünfte haben wollen. Für sowas vereinbaren wir Termine, so sagen es die Schwestern auch am Telefon. Der Stationsablauf ist eben so, dass dafür nachmittags mehr Luft ist. Wenn man denen erklärt, es ist Visite, hier liegen soundsoviel Patienten, die versorgt werden müssen und noch keine Visite hatten, es geht jetzt nicht, dann werden die richtig pampig und aggressiv. Es ist nicht so, dass wir nicht mit denen reden wollen, das erklären wir auch. Es ist nur der falsche Zeitpunkt. Wenn das zufällig noch andere zur gleichen unpassenden Zeit anwesende Angehörige mitkriegen, dann ist die Visite ein einziger Spießrutenlauf. Lehnt man das beim nächsten ab, kriegt man zu hören „mit den anderen haben sie auch gesprochen“. Nee, nee, stimmt nicht, die mussten einen Termin vereinbaren. Treffen die dann auch noch zusammen, schaukeln die sich richtig hoch über die doofen unmöglichen Ärzte. Dabei kümmern diese sich nur gerade um die Patienten anderer Angehöriger, die sich an die Regeln der Höflichkeit und des Respekts vor dem Patienten halten. Es ist denen auch nicht zu vermitteln, dass sie gerade dafür sorgen, dass ein anderer Patient jetzt am Ende weniger Zeit mit dem Doktor hat als der eigene kranke Angehörige. Egoismus find ich das. Es wird jeder gut behandelt, dafür muss man nicht solche Touren abziehen. Und es ist respektlos allen anderen Patienten gegenüber, wo man dann die Visite beschleunigen muss, damit man noch vor dem Austeilen des Mittagessens fertig wird.

Ja, soweit zu den Ergebnissen meiner Studie. Gibts andere, die parallel auch derartige Sachen erforschen?

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11 responses

17 10 2008
Hypnosekröte

Sehr treffend.

Aber zum Thema Nachthemd:
Wenn es nur eine Lage ist und man nicht gerade das allerletzte winzige Entfaltungsknistern hören will/muss (man also den zu erwartenden Befund schon mal „ungefiltert“ gehört hat) kann man doch auch zumindest durch ein einlagiges Nachtgewand durchhören, zumindest bei Pneumonien und Ödemen geht das doch ganz gut weil die meist „laut“ genug sind.
Beim Herzelein würde ich mich da glaub ich allerdings nicht drauf einlassen.

Der Chef in Weit Weit Weg war übrigens auch ein Held.
Er hatte zwei Telefone: Eins lag immer bei seiner Sekretärin, das andere hatte er immer am Mann. Die Sekretärin wurde immer in Kenntnis gesetzt: „Von jetzt bis ich mich wieder melde keine Störungen.“
Das fand ich auch gut, aber als Assi kann man sich das vermutlich nicht leisten, und zwar nicht nur, weil man keine Sekretärin hat…
(In WWW hatten sogar die PJs Klinikhandys, eine Pieperanlage gab es gar nicht mehr)

18 10 2008
earlmobile

Damals im Zivildienst wusste ich selten, wo die Visite gerade ist, wenn ich zum Zwischendienst auf Station eintraf. Wenn ich dann, aus welchen Gründen auch immer, in genau das falsche Zimmer mit einem lauten „Hallo, meine Damen“ hereinplatzte, kam das natürlich auch nicht gut an. Zumal es nicht selten vorkam… (Asche auf mein Haupt)

19 10 2008
ChiliParmer

neulich in der Chefarztvisite bei den Chirurgen.
Patientin hatte Magen OP, und war fast Blind, nachdem der Chef nichts mehr zu sagen hatte, und das gespräch schleppte, Fragte er die patienin ob sie gestern fern gesehen hatte… Patientin sagte: nein, ich bin doch fast blind.

am Kommenden Tag dasselbe, und da meinte er ob sie das schöne wetter heute schon gesehen hat… und die Patientin meinte, ich bin doch fast blind…

Also auch chefärzte können in fettnepfchen treten und machen die Visite unbeabsichtigt witzig…

21 10 2008
Napoli

Wie wahr, wie wahr.
Es würde alles sehr viel schneller und effektiver gehen, wenn nicht immer drei Leute gleichzeitig mit einem reden würden, nicht nur bei der Visite.

23 10 2008
medbrain2001

Was die Visitenkiller angeht kann ich Dir recht geben. Nur ist es aktuell leider eben gerade nicht so, daß alle gleich gut behandelt werden: wenn man nicht als Angehöriger am Ball des Geschehens bleibt, kann es den jeweiligen Patienten übel ergehen. Meine Mutter (P-Patientin, mit mir immer am Ball, im Wissen der Kollegen, welchen Beruf ich ausübe) wurde mit einer nosokomialen Pneumonie 4 Tage ohne Diagnostik und Therapie einfach liegengelassen („Fieber kontrollieren wir hier nicht“), ich wurde nicht von ihrem Zustand in Kenntnis gesetz. Effektiv ist sie – meiner Meinung nach – an den Folgen gestorben. Sie war nun alt, aber mit jungen Patienten passiert genau dasselbe – weil es Unfähigkeit, Nachlässigkeit und schlichtes Desinteresse am Wohlergehen der Patienten heute nicht selten gibt. Seither verstehe ich solche Angehörigen besser. Wie oft ich mich bei den entsprechenden Einwänden habe schief ansehen lassen, habe ich aufgehört, zu zählen.
In Deutschland in ein KH zu gehen ist lebensgefährlich – und vom Prinzip her ist unser System nicht so schlecht.

25 10 2008
Napoli

@ medbrain

Das stimmt leider. Viele Patienten werden im Krankenhaus schlechter bzw. überleben es nicht.

Es ist sehr wohl in Ordnung, daß Angehörige fragen und sich jemand kümmert. Aber teilweise sind sie wirklich unverschämt.

27 10 2008
Nemo

Ich wußte gar nicht, dass Fragen während der Visite so störend sind. Gut, dass sie dies erwähnt haben, so kann ich mich in Zukunft dann danach richten. Meist bin ich aber sowieso nicht als Angehöriger im Krankenhaus, sondern selbst als Patient (schwerer Verlauf eines Morbus Crohn inkl. sich ankündigendem Nierenversagen).

Das Recht, meine Behandlung zu hinterfragen möchte ich mir allerdings herausnehmen. Unfähige Ärzte wollten mir schon als Schmerzmittel Aspirin oder Paracetamol (!) empfehlen. Seit meiner Kindheit (habe den Morbus Crohn seit dem dritten Lebensjahr) hat sich kein Schwein um eine anständige Schmerztherapie gekümmert, wurde einfach links liegen gelassen, und dann wollen die mir gegen schlimme Krämpfe, Gelenk- und Muskelschmerzen so einen Müll aufdrücken, der Blutungen und Schübe erst auslösen kann und sowieso Leber und Magen noch weiter schädigt! Und die letzten beiden Male, die ich im Krankenhaus war, habe ich nicht alle bzw. einmal sogar ein falsches Medikament erhalten! Oder ein Hausarzt war völlig mit meinem Krankheitsbild überfordert und hat mich (!) gefragt, was ich eigentlich will und welche Medikamente er mir aufschreiben soll. Hab‘ ich Medizin studiert oder er? Kann er mir ja gleich einen Blanko-Rezeptblock geben.
In einem Krankenhaus lag ich mal auf der Chirurgie. Dort sollte einem Patienten, der ein total zerhacktes Bein hatte (Unfall mit Rasenmäher) der Verband gewechselt werden. Dies wurde aus Faulheit innerhalb von 48 Stunden nicht von den Schwestern erledigt. Wenn ein Arzt dann in einem Vierbettzimmer vor den Patienten tobt und Schwestern als „faules Dreckspack“ und das Krankenhaus als „Sauladen“ beschimpft und noch viel schlimmeres von sich gibt – soll ich da dann noch das Gefühl haben eine anständige Behandlung zu erhalten?

Solange so offensichtlich gepfuscht wird, dass das selbst einem absoluten medizinischen Laien wie mir auffällt, bleibt einem doch gar nichts anderes übrig als sich selber etwas anzulesen, damit einem das bißchen Restgesundheit, das noch geblieben ist, nicht auch noch versaut wird.

27 10 2008
Assistenzarzt

@Nemo: Bitte nicht falsch verstehen. Ich habe rein gar nichts dagegen, wenn Patienten fragen. Dafür ist die Visite da. Und ich finde es völlig in Ordnung, wenn man mich fragt „Welche Medikamente bekomme ich denn eigentlich?“ Das gehört irgendwo auch zur Selbstbestimmung des Patienten dazu. Ich habe aber etwas gegen eine bestimmte Sorte von Angehörigen, die der Überzeugung sind, dass alle anderen Patienten hinter ihrem Mann / Frau etc. zurückstehen und die durch ihre dreiste Art die Visite zu unterbrechen, anderen Patienten die für den einzelnen wertvolle Zeit mit dem Arzt verkürzen. Es ist Zeit für Angehörige am Nachmittag, aber nicht wenn Visite ist. Man geht ja z.B. auch nicht vormittags in die Schule und zerrt den Lehrer während des Unterrichts aus dem Klassenzimmer für ein Elterngespräch über das eigene Kind. Da vereinbart man auch höflich einen Termin.

6 11 2008
Dreami

Hmm, bin ich froh, dass es in der Psychiatrie etwas anders ist… Aber wir machen auch nur 3x/Wo Vistite, dann aber zwischen 2 & 4 h…
Killer bei uns: Piepser; 25 parallel laufende Therapien, sodass man sich die Patienten suchen muss und trotzdem keinen vergessen darf und manchmal ein vergesslicher Chef 🙂

13 11 2008
Günter Schütte

Zum Thema Nachthemd: Die Patientin bitten, sich auf die Seite zu legen. Meistens kann man das Nachthemd zumindest auf der oberen Hälfte leicht nach oben schieben. Und wenn die untere Hälfte klemmt, ist Umdrehen angesagt.

Wenn die Patientin unbedingt sitzen soll, gibt es auch die Möglichkeit, alle drei vorderen Knöpfe öffnen zu lassen, dann das Stethoskop (schon im Ohr!) durch die knappe Öffnung am Nacken nach unten fallen lassen. Die außen liegende Hand steuert die Position des Stethoskops unter dem Hemd.

Zum Thema Klinik-Handy: Da fällt mir doch glatt der Unterkiefer runter!
Zu meiner Zeit als Assistenzarzt hatte von allen 15 Assistenten einer einen Piepser – der Diensthabende (für die Aufnahme). Die anderen (inklusive Chef) hatten: – Nichts!.

(Und ich war der Meinung, früher wär es auch schon stressig gewesen!)

Angehörige bei der Visite? Ich glaub es nicht! 🙂

(Visite war Visite und das war mal was Heiliges, ganz egal ob Chef- oder Stationsarztvisite.)

Ich bin, glaube ich, ein einziges Mal aus der Visite geholt worden – als mein zweiter Sohn geboren wurde. 🙂 (Hätte, ehrlich gesagt, die Visite lieber vorher beendet 😉 .)

Wenn ich heute in der Praxis mit einem Patienten/ einer Patientin spreche oder sie/ihn untersuche, gehe ich nicht ans Telefon, wenn ich der Meinung bin, das dies störend ist im Moment.

Wenn es ein wirklicher Notfall ist, kommen meine Helferinnen so wie so sofort rein, ohne zu fragen – sowas passiert ein oder zweimal im Jahr.

Ich frage mich manchmal, ob die Leute, die ständig so unnötig an unseren Nerven zerren, sich mal klar gemacht haben, wie unsere Leistungsfähigkeit dadurch sinkt.

17 11 2008
rolandschwarzer

Zu Punkt 2 kann ich hinzufügen, daß die Dinger genaugenommen immer nerven, weshalb ich auch nie ein Handy besaß. Anderseits bin auch kein Arzt.
Darf ich trotzdem ein Held sein? :)))

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