Glaube und Wirklichkeit

8 01 2009

Es gibt einen Unterschied zwischen Glaube und Wirklichkeit. Das hat nichts mit dem lieben Gott  zu tun, jedenfalls meine ich sowas jetzt nicht. Ich verliere mich also ab jetzt in philosophischen Gedankengängen.

Fakt ist: Eine ganze Menge Chefs in Deutschland, beim Beispiel Medizin insbesondere in operativen Fächern, glauben, dass sie nur dadurch die Arbeitsproduktivität aufrecht halten bzw. steigern können (bei eh schon bestehender Arbeitsüberlastung), indem sie (auch wieder Beispiel Medizin) bei den Assistenzärzten und FAs ein Klima der Angst erzeugen. Tatsache ist, dass dies nur bis zu einem gewissen Punkt effektiv ist. Ist dieser erreicht, gibt es keine weitere Steigerung der Arbeitsleistung. Im Vergleich dazu kann eine weitere Steigerung bei der weniger hierarchischen Führungsform gefunden werden. Hab ich gelesen. Gut, man soll nicht alles glauben, was in Zeitungen oder dem Internet steht, aber das glaube ich. Ich hatte in den letzten Jahren die Gelegenheit quasi aus einem externen Standpunkt zu beobachten. Ich war froh, dass ich weder mittendrin noch dabei war sondern einen gehörigen Sicherheitsabstand hatte. Heißt: von Anfang an bekommt man schon als Medizinstudent die Interaktionen zwischen Mitarbeitern der operativen Fächer mit, das war schon im Studium so, als ich als kleiner Blockpraktikant irgendwo in die Ecke gestellt wurde mit meinen Kommilitonen und die Gespräche der Ärzte mitbekam. Und ich war wirklich froh, nicht in der Haut der anderen zu stecken.  Das Thema hier könnte aber auch auf jeden anderen Bereich übertragen werden, vollkommen egal welche Branche… die Welt ist traurig.

Irgendwann hab ich begonnen, mich zu fragen, warum man ein Klima der Angst erzeugt und quasi über Druck und Angst alles durchsetzt und anordnet. Ich vermute, dass kein Vertrauen zu den Untergebenen da ist. Kaum hatte ich diese Erkenntnis gefunden, stellte sich die nächste Frage: Wieso? Wovor hat ein Chef ganz im Allgemeinen Angst? Vor Fehlern seiner Mitarbeiter, die zu ernsten Konsequenzen führen und Insubordination. Toll, noch ne Antwort, die gleich ne Frage nach sich zieht. Wann machen Mitarbeiter Fehler? Bei suboptimaler Ausbildung.  Und da wurde mir eines der Grundprobleme des deutschen Gesundheitssystems bzw. Krankenhauswesens klar. Man spart an der Ausbildung, setzt Anfänger nach 2 Wochen in Dienste, ermöglicht keine Fortbildungen, lässt die Kosten für Kurse die Mitarbeiter selbst tragen, zwingt sie dazu das im Urlaub zu machen, nimmt sich keine Zeit für Supervision… die Liste könnten wir alle endlos fortsetzen. Da hätte ich als Chef auch kein Vertrauen in meine Mitarbeiter, wenn ich wüsste, dass jemand Dienste macht, der gar nicht ausreichend qualifiziert werden kann unter diesen Bedingungen. Die Wahl bleibt, etwas daran zu ändern oder mit anderen Mitteln einen Mitarbeiter dazu zu kriegen, möglichst keine Fehler zu machen. Und an der Stelle kommt wieder das Klima der Angst ins Spiel.

Meine Gedanken schweiften ins Ausland. Nach Schweden z.B. Dort ist das System anders, es gibt Strukturen, die einen Arzt ausbilden, nicht nur ausbeuten. Dort erfolgt nach und nach ein Aufstieg nach Qualifikation und man geht dort davon aus, wenn sich jemand für eine Position qualifiziert hat, muss ich ihn nicht gängeln und mit Druck arbeiten, weil er ja weiß, was er tut und die Kompetenz hat und seine Grenzen kennt, wo er sich Hilfe holt. Das hat zur Folge, dass man auch anders miteinander umgeht, die Hierarchien flacher sind. Unter anderem, weil man dort weiß, dass jemand tatsächlich einen gewissen Ausbildungsstand hat und dieser nicht nur auf dem Papier besteht, weil er so und so lange Assistent ist.

Es gibt auch einen Unterschied zwischen Respekt vor jemandem haben und Respekt vor jemandem haben. Das eine ist der Respekt, den ich auch vor Kampfhunden, Baseballschlägern, Blitzeis, einem Autobahnraser und einer Klapperschlange habe – pure Angst. Der andere Respekt ist Achtung vor jemandem, der seine Angestellten wie qualifizierte Mitarbeiter behandelt und ihnen hilft, ihre Schwächen zu beheben und sich als Förderer, Supervisor und Coach versteht.

So ist das mit dem Glauben und der Wirklichkeit. Manche glauben, dass die Mitarbeiter Respekt vor ihnen haben, in Wirklichkeit ist es auch heute noch trotz eines etwas limitierten Nachwuchses und zunehmendem Schwund von Fachärzten in Kliniken schlichtweg Angst, die in vielen Kliniken regiert, egal wo. Daran musste ich vor einigen Tagen plötzlich denken… wie ich da so als Student in der Vorlesungspause auf irgendeiner Treppe saß und über meine Erlebnisse in diversen Praktikas nachdachte.  Sie sagten damals zu uns, die Praktikas sollen uns einen Eindruck von der Realität vermitteln. Ob sie das wirklich so gemeint hatten, wie wir es manchmal empfanden?

Wenn ich mir das so überlege, dann schätze ich mich eigentlich ganz glücklich mit der Situation, die ich momentan habe, auch wenn vieles einfach nicht stimmt, aber ich weiß, es könnte viel schlimmer sein, aber ich brauche derzeit nicht mit dieser Angst zur Arbeit gehen im Gegensatz zu vielen anderen Ärzten. Gott sei Dank. Ich hoffe, es bleibt auch so.

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7 responses

8 01 2009
buchstaeblich

Respekt? Autorität?
Vor einem Vierteljahrhundert las ich Erich Fromm: Haben oder Sein, und an das Kapitel über Autorität musste ich gerade denken beim Lesen. Sinngemäß, aus der Erinnerung geklöppelt:
Der Eine hat Autorität, und hat es damit nötig, sich darauf zu berufen und Angst zu schüren.
Der Andere ist eine Autorität – aufgrund seiner Kompetenzen – und der hat gar nichts nötig, weil man ihm vertraut und vertrauen kann und dem man gern folgt.

10 01 2009
Dr.Katrin Roos-Wegdell

Spannender Beitrag 🙂 Auch von mir ein kleiner Lesetipp zum Thema ästhetische Zahnheilkunde: http://www.roos-wegdell.de/implantologie.html

10 01 2009
Assistenzarzt

Stört es jemanden, wenn ich erwähne, dass dieses Blog nicht zur werbeorientierten Querverlinkung und folgendem Google-pushing gemacht wird? Ausnahmen sind gemeinnützige Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen etc.

20 01 2009
ich

Kann man den obigen Reklamebeitrag nicht löschen (oder besser noch die Zahnklepnerin kostenpflichtig abmahnen)?

20 01 2009
ich

Nochmal ich: Ich fasse es nicht: Die Tante nutzt offenbar gezielt Blogs zur Reklame, eine Google-Suche macht schlauer.

20 01 2009
Michael

Hast du ein Antispamplugin wie Akismet am Start? In diesem einfach solche Beiträge als Spam markieren, wenn das mehrfach passiert ist, geht der Rest automatisch.

29 01 2009
Michael Cvachovec

Ich wurde fast jeden Tag mit solchen Kommentaren der Zahnarztpraxis belästigt, habe diese jedoch im WordPress Backend stets als Spam markiert. Das hilft!

Ich denke, dass die Zahnärztin von diesen Kommentaren wahrscheinlich garnichts mitbekommt. Vielleicht schreibst Du Ihr einfach ein paar Zeilen, was Du von dem Gebahren der beauftragten SEO Agentur hälst.

Viele Grüße

Michael

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