Wasserstandsmeldung

8 01 2009

Assistenzarzt hat sein Freizeitentzugsbuch gewälzt und gezählt. 2008 gabs (ein paar vergessene / verdrängte nicht mitgerechnet) 95 Überstunden, die nicht offiziell dokumentiert werden durften, also auch nicht in Freizeit ausgeglichen werden konnten, geschweige denn bezahlt.

Was ich damit hätte alles anfangen können… das wären bei ner 40 h -Woche 2 Wochen und 2 Tage frei… also ein richtiger Urlaub, den ich meinem Arbeitgeber geschenkt habe. In Kohle ausgedrückt… nein, wir wollen ja nicht so sehr ans Materielle denken, das verdirbt den Charakter. Also es sage keiner, ich würd meiner Klinik nichts von mir geben.

Aus 2007 sinds auch ungefähr so viele, nur leider habe ich damals noch nicht so exakt heimlich / häuslich dokumentiert und davor hab ich absichtlich nicht aufgeschrieben, weils mich da noch aufgeregt hat. Heutzutage habe ich mich dem deutschen Einheitsarzt-Ideal noch ein Stück angenähert. Ich kann aufschreiben, wenn auch inoffiziell, aber ich habe begriffen, dass es sowieso keinen interessiert. Das qualifiziert mich für eine Reihe von deutschen Kliniken.

Mir träumt es von einem Zeitkonto, auf dem man sammeln kann und dann irgendwann mal ein Sabbatical einlegen. Das wärs doch noch. Ich glaub, wenn ich so eine Perspektive hätte, würde mich eine Reihe Sachen weniger stören.

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11 responses

8 01 2009
Manül

Hi,

95 nicht ausgeglichene Überstunden in einem Jahr?
Ich weiß, dass ihr Ärzte echt nen harten Job habt und viel arbeiten müßt, aber in der freien Wirtschaft ist es mittlerweile üblich überhaupt keine Überstunden mehr auszugleichen. Insofern bin ich ja richtig glücklich mit der Regelung bei uns: Ab 32h im Quartal darf ich im nächsten Quartal 1 (einen!) Tag frei haben. Auch bei 320h gibts nur einen Tag!

Insofern nicht ärgern, sondern über die ausgeglichenen Stunden freuen!

Grüßle vom anderen Ende der Spritze

8 01 2009
milchbroetchen

Das mag ja sein, dass das in anderen Branchen nicht üblich ist, aber der Arbeitsvertrag eines Assistenzarztes sagt anderes. Und nur der zählt.

8 01 2009
daniel2810

95 pro Jahr? Das hab ich ja in 2-3 Monaten… und bereits gekündigt 😉

9 01 2009
Doc Brown

ja, leider erscheint das relativ wenig, auch wenn sich 2 Wochen Urlaub mehr im Jahr nach was anhören, sind 100 Std pro Quartal ganz realistisch.

9 01 2009
Denis aka Ghettomaster

In der freien Wirtschaft ist es auch eher unüblich das derjenige der seine Überstunden nicht ausgeglichen bekommt bis zum Ellbogen in meinen Eingeweiden handwerkt um mir u.U. mein bescheidenes Leben zu retten. Davon das Überstunden erst gar nicht aufgeschrieben werden dürfen gar nicht zu reden.

Kurz gesagt, ich wünsche mir das der Arzt der mich behandelt/operiert ein ausgeglichenes, ausgeruhtes, gutbezahltes und im besten Fall noch glückliches Wesen ist und, während er mein Herz in Händen hält/meine Medikamentendosis berechnet, nicht mit seinen Augenliedern ums offenbleiben kämpfen muß, sich keine Gedanken darüber machen muß das sein Freundeskreis langsam ausdünnt weil er nie Zeit für sie hat und die letzten Stunden die er wirklicher Entspannung gewidmet hat auch schon einige Zeit her sind. Und zu guter letzt die Zeit die er meiner Genesung widmet dann noch nichtmal bezahlt bekommt.

9 01 2009
Volker

Moment mal, unser Assistenzdoc hat nur gesagt, wieviele Stunden er nicht aufschreiben durfte und nicht ausgeglichen bekommen hat.

Er hat nix darüber verlauten lassen, ob die aufgeschriebenen Überstunden abgegolten wurden!

SCNR

9 01 2009
Assistenzarzt

Es gibt einige andere Überstunden*, die wir ausgleichen dürfen, da hab ich so in 2008 11 oder 12 Tage zusammenbekommen. Gemein ist aber, dass man uns immer gängelt, möglichst keine kompletten Tage freizunehmen. Ich habe Kollegen, die gesagt haben, sie gleichen den Nachmittag aus und gehen ab mittag nach Hause und dann waren sie auch bis 15.00 Uhr da und sind ne halbe Stunde vor regulärem Feierabend nach Hause. Als sie den nächsten Tag den nicht stattgefundenen Ausgleich einforderten, da hieß es „Wieso, sie haben doch gestern ausgeglichen!“…

Dazu sagen sollte ich vielleicht auch, dass ich auf eine Mittagspause verzichte und diese 30 Min, die dafür vorgesehen sind und die nicht zur Arbeitszeit zählen (wir also nach hinten rausarbeiten), nicht nehme sondern beim DRGen oder Briefe korrigieren oder Laborwerte gucken esse… ich weiß auch, dass es ungesund ist. Wenn ich das noch dazurechnen würde… Außerdem sollte ich dazu sagen, dass ich es liebe, meinen täglichen Kampf auf Station straight durchzuziehen und unerträglich werde, wenn mich jemand aufhält… weil ich jeden Tag das Ziel habe, mal pünktlich fertig zu werden, denn ich weiß, es ist möglich. Ich weigere mich auch, z.B. nach Dienstschluss unsinnige Anordnungen noch auszuführen, weil ich denke, dass es sich dabei um Machtspielchen handelt wie z.B. „suchen sie mir mal alle Nebenwirkungen von XY raus.“ oder dergleichen. Ich bin nicht die Sekretärin für jemanden und derartige Dinge kann jemand selbst machen, vor allem wenn es sich oftmals nicht um die Patienten meiner eigenen Station handelt. Mir wird ja hier auch immer mal wieder gesagt, man soll sich nicht alles gefallen lassen 🙂

Warum ich die Zahl 95 so explizit erwähne… ich bin stolz, es mal durchgehalten zu haben, mir das mal aufzuschreiben, wenigstens geschätzte 80%, weil ich es auch öfter vergesse… zudem haben die Schwestern die Möglichkeit durch elektronische Erfassung ihrer Dienstpläne und der Stunden, die sie länger da sind, diese auch auszugleichen, was die PDL auch einfordert, damit sie die nicht irgendwann mal bezahlen müssen. Die Spitzenreiter bei den Schwestern waren am Dezember bei auch so ca 90 h, was aber durch Zusammenlegung von Stationen über die Feiertage und Jahreswechsel mit entsprechender Minderbesetzung verringert wurde. Im Vgl. dazu kann man meine genommenen 11 oder 12 Tage Freizeitausgleich sehen. Bleiben noch die 95 nicht dokumentierten. Wenn wir auch so ein Erfassungssystem wie die Schwestern hätten… man… das wärs…

Die nicht dokumentierten habe ich zum großen Teil im 2. Halbjahr gesammelt, wo ich auf einer Station war, wo sich nur einer pünktlich verabschiedet hat. Vorher war ich woanders, wo die Devise galt: Wenn Sie pünktlich fertig sind, haben sie gut und strukturiert gearbeitet. Und dann ging man nach Hause. Aber da haben auch alle gleichmäßig mitgemacht.

@daniel2810: Chirurg?
@doc brown: 100 h pro Quartal? Das hat meiner Ansicht nach eine Menge mit Fehlplanung und Verheizen zu tun.

Ich finde die Ausbeutung in der sogenannten „freien Wirtschaft“ genauso mies. Beispiel LKW-Fahrer. (Ich habe mal einen LKW-Fahrer aufgenommen, der mich wahrhaftig angebettelt hat und bitterlich weinte, weil er übermüdet war und seinem Chef keinen Grund zu nennen wusste, die Fahrt nicht fortzusetzen außer einen KH-Aufenthalt. Er hatte auch Thoraxschmerzen. 😉 Jedenfalls gab er das an. Ähnliche Geschichte eine Weile später beim Schiffsführer eines Tankers! Der hatte seit 36 h nicht geschlafen.) Bedauerlicherweise haben die wenigsten Arbeitgeber oder Vorgesetzten tatsächlich so etwas wie Führungsqualität. Etwas anderes sind aber die Zeitkonten wie z.B. in Werften, Industriebetrieben oder ähnlichem üblich, wo man in der Auftragsreichen Zeit mehr arbeitet und es dann bei Flaute durch Witterung oder Saisonale Schwankungen ausgleichen kann.

* es gibt solche und solche Überstunden, die es aber nur gibt, damit sie uns nicht alle ausgleichen müssen.

9 01 2009
Assistenzarzt

Jetzt ist mir aufgefallen, welcher Denkfehler drin steckt:
Die Überstunden habe ich von den Tagen aufgeschrieben, wo ich „normal“ gearbeitet habe, also keinen Dienst hatte.
Man muss aber rechnen, dass etwa 4 Wochentage für Dienste drauf gehen (Wochenenddienst ist jetzt ausgenommen) und an den Tagen arbeitet man ja auch länger, das zählt aber nicht als Überstunde. Auch der Tag nach dem Dienst nicht, da ist man ja im gesetzlich vorgeschriebenen Ausgleich, jedenfalls offiziell. Da bleiben ja nur 3 „normale“ Tage pro Woche, an denen man Überstunden aufschreiben könnte, wenn mans dürfte. Zieh dann noch 26 Tage Urlaub und eine Woche krank pro Jahr ab… da bleiben rechnerisch ca 117 „normale“ Arbeitstage ohne Dienste / Z.n. Dienst. Und für meine restriktive Art was Überstunden angeht, war ich doch relativ sparsam, und trotzdem ist es ätzend, dass Schwestern das elektronisch erfassen dürfen und ausgleichen und Ärzte nicht.

Die in einigen Postings erwähnte Wochenarbeitszeit ergibt sich aus „normalen“ Tagen, nicht dokumentierten Überstunden und den Dienststunden an Wochentagen und Wochenenden. Da schafft man locker über 60 pro Woche, oft auch über 70 oder noch mehr.

Eh, das wird jetzt zuviel Rechnerei für einen Mediziner…

11 01 2009
hostmam

hmm… da frag ich mich jetzt ja ganz naiv weshalb eigentlich die Personalvertretung für die Ärzte nicht die elektronische Erfassung wie bei den Schwestern durchsetzt?
Gibt/gab es da Versuche?

11 01 2009
Assistenzarzt

Weil Ärzte ständig Angst haben, von den Chefs / Kliniken nicht ihre Zeiten / OPs / Narkosen etc. für den Facharzt zugeteilt zu bekommen, um sie zu absolvieren, was heißt, man kann sie ganz einfach am langen Arm verhungern lassen. Zudem kriegen Ärzte auch nur befristete Verträge über 1/4 Jahr bis 5 Jahre in der Regel. Je nach Dauer und Nähe des Vertragsendes wird Druck gemacht. Daher werden sich bei Ärzten nie wirklich starke Personalvertretungen entwickeln wie wir sie von verdi, IG Metall etc. kennen, weil sich niemand hinstellen wird, um was zu sagen. Vertragsauflösungen sind auch ein Problem… ich kenne Kollegen, die einen Aufhebungsvertrag nicht hinbekommen haben – obwohl sie zu Schreibtischtätern verbannt wurden etc. wurde darauf bestanden, dass sie die 2 oder 3 Monate Kündigungsfrist einhalten, damit sie ja nicht sofort in der benachbarten Klinik mit besseren Bedingungen anfangen können.
Das is quasi wie mit Lukas Podolski: gekauft mit großen Zusicherungen und Honig um den Bart schmieren und tollen Aussichten, dann bei Aufmucken auf die Bank verbannt, aber nicht bereit ihn ziehen zu lassen und möglichst die Ansprüche noch Hochschrauben für den Wechsel, obwohl Bayern ihn so gut wie nicht spielen lässt.
Ärzte sind oft kleine Poldis…

11 01 2009
hostmam

Dann sollte das Ziel sein, eine starke Personalvertretung zu bekommen, oder?
Bleibt noch die Hoffnung dass sich die Aufsichtsbehörden mal etwas mehr für die Arbeitszeiten interessieren und nicht nur punktuell aktiv werden wie hier:

http://www.kma-online.de/nachrichten/klinik-news/id__6817___view.html

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