Kommentar zum Blog-Eintrag „Dr. House und sein Vicodin“

19 02 2009

Der Beitrag, der eigentlich damals nur mal so gedacht war, um Nicht-Medizinern etwas über einen Hauptbestandteil der Serie Dr. House zu erzählen, wird inzwischen fast eigenständig… jeden Dienstag treibt dieser Beitrag die Besuchszahlen dieses Blogs in die Höhe und bescherte mir jetzt Kommentare zu Kommentaren, über deren Inhalt ich am heutigen Tage eigentlich gar nichts mehr weiß. Is halt doch schon ne Weile her.

M.C kommentierte „Tja wie sehr wir/ ihr wohl von Hollywood beeinflusst sind/seid, dass wir/ihr etwas was endlich realistisch wirkt, als völlich unrealistisch abtuen/abtut und es sofort ablehnen/ablehnt, weil das nicht in die schöne, heile Hollywoodwelt in unserem/eurem Kopf passt….Traurig eigentlich!!!“

Hollywood-Welt? Hä? Ich bin sehr wohl in der Lage zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden. Ich denke, dass man auch das in dem Kommentaren beim Beitrag merkt. Es dreht sich um die Entwicklung einer Serienfigur. Wir könnten auch  über „Schatten der Leidenschaft“ oder ähnliches diskutieren, aber sowas guckt keiner oder kaum einer von uns. Aber aufgrund des in der Serie vorhandenen Wiedererkennungswertes bezogen auf unseren täglichen Alltag erfreut sich die Serie großer Beliebtheit unter Ärzten. Natürlich sind da Dinge unrealistisch. Ich kriege jetzt nicht mehr jedes Detail zusammen, aber es ist doch klar, dass von der Realität abgewichen wird, weil es ins DREHBUCH passt und sich gut VERKAUFEN lässt. Dass einem bei der sonst schon recht realitätsnahen Darstellung solche Dinge auffallen, ist doch klar. Ich kenne keinen Arzt, der von der Tätigkeit einer MTR im CT bis hin zur Schädeltrepanation, Ganzkörperbestrahlung, klassischer Internistenarbeit und Laboranalysen, die sonst MTAs ausführen, alles alleine macht. Dafür ist niemand ausgebildet und hat auch keiner Zeit auf einer normalen 30-Betten-Station. House hat aber nur einen Patienten oder zwei für sein Team und da hat man natürlich Zeit für allerlei Dinge, unter anderem um die Tätigkeiten von MTRs, MTAs, Labormedizinern, Strahlentherapeuten, Neurochirurgen, Internisten und Radiologen auszuführen. Ich kann mir auch kaum vorstellen, dass es z.B. in  meinem Krankenhaus toleriert würde, wenn jemand seine Abhängigkeitserkrankung so offen ausleben würde. Doch House ist Fiktion mit dem Ziel, dem Zuschauer eine möglichst realitätsnahes Feeling zu vermitteln, ob es so ist oder nicht. Wenn der es glaubt, haben die Produzenten ihr Ziel erreicht.

 

Versuchskaninchen kommentierte „Ich kann mir echt nicht vorstellen, dass Mediziner über eine TV-Serie diskutieren und zwar auf ernsthafter analytischer Basis.“

Klar diskutieren Mediziner über Arztserien. Kann mir genauso gut vorstellen, dass Anwälte über Anwaltsserien diskutieren und Lehrer über Lehrerserien und Geistliche über Serien mit Nonnen und so weiter. Die ernsthafte analytische Basis muss ich hier relativieren. Wie gesagt, die meisten Beiträge zu Dr. House mit erklärendem Inhalt habe ich mit dem Ziel geschrieben, Nicht-Medizinern die unverständlichen Sachen zu erklären und auf Sachen hinzuweisen, die dort sehr real wirken, aber in der Realität nicht so sind. Ich erlebe jeden Tag, wie Leute in der Klinik liegen oder Angehörige kommen, die dann von der Rolle sind, weil eine Blutkultur nicht in 24 h analysiert wird oder weil es in gewöhnlichen Kliniken Einzelzimmer nur für infektiöse oder schwer demente oder  halluzinierende oder extrem pflegebedürftige oder sterbende Menschen gibt oder halt außerhalb dieser medizinischen Indikation für Privatzahler (ein Thema, das mich immer wieder stört). Klar will ich dann hier auch mal sagen dürfen, dass es nicht so ist und dass es nur für den Film so gemacht wurde.

„Denn der Konsument entscheidet immer noch welche Serien erfolgreich sind oder nach den ersten Folgen abgesetzt werden.“

Verstehe ich jetzt nicht so ganz, was das mit realitätsnahen Serien zu tun hat. Die Aussage ist formal richtig in meinen Augen, aber wie gesagt, so ganz verstehe ich den Zusammenhang leider nicht.

Somit ist jetzt hier wieder der Raum geboten für reichlich Diskussionen, oder auch nicht. Würde nur bitten, nicht beleidigend und beschimpfend zu werden.

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6 responses

19 02 2009
bloeder_hund

das sind dieselben Angehörigen,
die meinen,das Pflegepersonal besteht aus Sr.Stephanies (der Alptraum fast jedes Pflegepersonals) und co

20 02 2009
xxx

das fernsehen fiktionalisiert unsere jobs und dadurch gibt es auch wieder eine rückbeeinflussung. in den usa ist der mittlerweile gerichtsrelevante (!) „csi-effekt“ bestens bekannt 🙂 das soll beim meiner ansicht nach durchaus hysterischen dr. house nicht anders sein. immerhin freuen sich legionen von zuschauern auch daran, dass dr. house selbst krank, wacklig, unstabil, emotionell, hingebungsvoll, süchtig, unentschieden, krass und unkorrekt ist. eine art astrid lindgren märchen für erwachsene. neu ist also: ärzte dürfen den patienten auch was über sich erzählen 🙂 war zwar schon immer so, ist jetzt aber medial implementiert……

24 02 2009
Kai

In den 80ern und 90ern taten Hekatomben an Physikern nichts anderes, als sofort nach Ausstrahlung der neuesten Star Trek-Folge ausgiebig und aufgeregt in den Newsgroups zu lästern. Da wurden sogar ganze (recht amüsante) Bücher daraus, z.B. „Physics of Star Trek“. 🙂

24 02 2009
Ludmila

@Kai: Aber wir haben liebevoll gelästert 😉

Die Leute, die in Deinen Kommentaren lästern, haben irgendeine Schablone im Kopf. Wie Ärzte zu sein haben. Und wenn Du nicht in diese Schablone passt, dann gibt es zwei Möglichkeiten
a) Schablone ändern und anerkennen, dass Ärzte auch Menschen und individuell sind oder dass die Welt nicht so ist, wie man sich das vorstellt oder
b) niedermachen.

b) ist halt leichter.

24 02 2009
panzerschrekk

Dr.House jaja..der ist immer eine Abendunterhaltung wert. In der Staffel 5 gehts dann zur Sache..ich sag nur: er steigt auf härtere Medikamente um =D

Aber wie ich in einigen Interviews gehört habe, wurde vieles in der Serie recherchiert und sollten medizinisch gesehen korrekt sein. oder könnt ihr mir da wiedersprechen? Ich glaube andere Ärzteserien (Greys Anatomy, Scrubs, E.R usw) werfen mehr mit Blödsinn um sich herum als House.

6 10 2009
Payam Katebini

Andere Arztserien zeigen andere Dinge. Dr.House ist – wie Kollege Kai Witzel (1) sagte „Fußnotenmedizin“. Ja, natürlich gibt es alle Erkrankungen, die bei House vorkommen, nur dass Sie meisten nicht so schnell verlaufen, die Patienten nicht fortwährend eine Erstverbesserung bei der ersten (Fehl-)Diagnose erleiden, um danach als Symptom eine schwere Blutung aus einer wechselnden Körperöffnung, einen quasi reanimationspflichtigen Kollaps oder zumindest hohes Fieber zu bieten. Ein Großteil der Erkrankungen bei Dr.House ist so selten, dass selbst ein Spezialist für diese Erkrankung diese nie zu Gesicht bekommt, und dann auch noch mit ungewöhnlichen Symptomen.

Außerdem sind die Test manchmal – hm – gewöhnungsbedürftig. Bei Psychosen sind in psychiatrischen Klinken eigentlich immer Tests auf M.Wilson (2) Pflicht – bei House ist das erst über Millionen Umwege zu erreichen. Die großartigsten Untersuchungen werden gemacht, aber das Ultraschallabdomen, das UKG oder die einfach Blutuntersuchung fehlen.

Was rein die medizinischen Fakten angeht, ist e.r. deutlich realistischer (ob die Begebenheiten es auch sind, lässt sich mangels emergency rooms in Deutschland nicht so recht einordnen). Aber auch hier blutet viel öfter jemand und alles ist ein wenig greller. Arztsein ist viel langweiliger und banaler.

„Greys Anatomy“ ist auf dem Niveau von „In aller Freundschaft“ wobei man bei (1) lustigerweise dazu lesen kann, dass männliche, ältere Ärzte erste als realistisch einschätzen – was wohl mit der Aussicht auf Sex mit jungen Assistentinnen in der Serie zu tun haben mag.

Scrubs hingegen legt viel mehr Wert auf die seelische Komponente und weniger auf den medizinischen. Wenn es heißt „Pat. X muss sterben“ wird nicht deutlich erläutert, warum das so ist, sondern eher diskutiert, was das für die Ärzte bedeutet…

Und: neben (1) beweisen auch diese (3), (4), (5) Artikel im Deutschen Ärzteblatt, und dieser (6) Blog, dass Ärzte sehr wohl auch auf hohem Niveau Ärzteserien diskutieren.

Alles Liebe
Payam Katebini

(1) Witzel, Kai „Wem helfen die Fernsehärzte?: Untersuchung der Auswirkungen des Fernsehkonsums auf stationäre Patienten im Krankenhaus am speziellen Beispiel der Rezeption von Arzt- und Krankenhausserien (Broschiert), Grim Verlag Mai 2009
(2) Dr.House, Staffel 1, Folge 6
(3) Tuffs, Annette: „Arztserien: Mehr Angst vor der OP, unzufriedener mit der Visite“ Dtsch Arztebl 2009; 106(1-2): A-34 / B-32 / C-32, http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?src=heft&id=62905
(4)Tuffs, Annette: „TV-Serie Emergency Room: Mehr als George Clooney“ Dtsch Arztebl 2009; 106(33): A-1623 / B-1391 / C-1359
http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?src=suche&p=house&id=65664
(5) Tuffs, Annette: „Arztserien: Von Dr. House kann man lernen“
Dtsch Arztebl 2009; 106(30): A-1519 / B-1299 / C-1267
http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?src=suche&p=&id=65470
(6) http://www.politedissent.com/house_pd.html

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