Gesehen: „hier ab vier“ bei mdr

21 02 2009

Fit sein und fit machen ist ja in. Dem verschließt sich auch der mdr nicht. Durch Zufall (Z.n. Dienst) kam ich dazu, mal diese Sendung zu sehen. Eine Gruppe von Leuten wollte mit einer Dipl. Sportlehrerin (so die mdr-Homepage), die jetzt eine Personal Trainerin ist, gesund abnehmen. So weit, so gut. Man hatte sich dafür Menschen ausgesucht, wie sie ganz normal vorkommen: Eine Frau mit Herzschrittmacher seit der Kindheit, einen verletzten Sportstudenten, der wieder fit werden wollte, eine Krankenschwester, einen Mann mit neurologischem Schaden an der LWS/BWS.  Auch gut.

Aufgrund der Jahreszeit, der Region und des Wetters mit viel Schnee, trieb die Personal Trainerin das untrainierte Volk erstmal zum Skilanglauf. Für ungeübte Naturen sind dabei Herzfrequenzen bis 160 / min durchaus zu erwarten, denn das ganze ist sehr anstrengend durch die Lauftechnik und die fehlende Kondition. Von Pulsmessern war nicht die Rede. Leider ist auch nicht gezeigt worden ob oder dass man die Pulsfrequenz zwischendurch mal gemessen hat. Es kam, was einen Internisten nicht verwunderte: Die Frau mit dem Schrittmacher kollabierte. Nun wird jeder sagen, ach so ein doofer Schrittmacher. Sieht so aus, isses aber nicht. Ein Schrittmacher kann zwar bei Belastung eine gewisse Frequenz variieren, wird aber nie über einen bestimmten Frequenzbereich hinausgehen zum Schutz der Person, wenn er richtig programmiert ist (falls Kardiologen unter Euch sind, könnt ihr das gerne ausführlicher kommentieren). Also nehmen wir mal an, der Schrittmacher ist darauf programmiert, z.B. bei Belastung 120 / min zu bringen und die Frau hat keine Eigenaktionen dabei. Nun belastet sie sich als Untrainierte extrem und bräuchte deshalb eine noch höhere Herzfrequenz, um das benötigte Schlagvolumen zu schaffen. Die bietet ihr der Schrittmacher aber nicht. Es entsteht quasi eine Art relative Bradykardie, wenn man den Begriff mal verwenden darf, also ein Frequenzdefizit von Bedarf des Körpers und Ist durch den Schrittmacher, weil der Schrittmacher nach oben abgeriegelt wird, wodurch das benötigte HMV nicht geschafft wird (jetzt mal einfach ausgedrückt). Es kommt folglich zum Kollaps. Im mdr hörte es sich im Beitrag so an, als sei der Schrittmacher schuld am Kollaps der Frau und funktioniere nicht richtig. Ich vertrete die Ansicht, dass die mangelnde Anpassung der Belastung und Pulskontrolle durch die anleitende Personal Trainerin die Ursache ist. Es hätte sich in meinen Augen gehört, die Belastung an der Herzfrequenz zu orientieren, was man nur kann, wenn man sie kontrolliert, auch beim Skilanglauf außerhalb eines Fitnessstudios. Das sollte aber eine Personal Trainerin wissen und wenn sie es nicht weiß, denjenigen vorher zum Kardiologen oder Sportmediziner schicken. Das kann ich übrigens auch allen raten, die aus der Untrainiertheit anfangen wollen, damit es keine Probleme gibt.

Das andere, was ich weniger aufregend, aber aus medizinischer Sicht erwähnenswert fand: Die Krankenschwester wurde vorgestellt und explizit erwähnt, dass sie einen gefährlichen Bluthochdruck  hat. Nächste Szene zeigte sie dann, wie sie an einem Gerät trainiert und gegen Gewicht anarbeitet. Das ist eine Belastung, die ich gerade Bluthochdruck-Patienten nie empfehlen würde, weil es bei solchen Sachen wie Druck und Zug von Gewichten zu Blutdruckspitzen kommt. Das hätte die Personal Trainerin eigentlich wissen müssen.

Man sollte eben nicht alles glauben, was im Fernsehen gezeigt wird. In der von mir liebevoll Rentner-Zeitung genannten Apotheken Umschau stehts dagegen richtig drin. Vielleicht hätte die Personal Trainerin da vorher mal kurz reingucken sollen. Oder in Patientenbroschüren für Bluthochdruckpatienten und Schrittmacherträger.

 

(Thanks to Hypnosekröte für die Anregungen)

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6 responses

22 02 2009
Blogolade

So als unsportlicher, nichtmedizinischer Laie: Wenn ich Herzprobleme oder Kreislaufprobleme habe, fange ich das Sporteln nicht so ganz ins Blaue herein an sonder spreche erst mit meinem Arzt, frage ihn, was er für Sportarten bei meiner Vorgeschichte empfiehlt und wie ich das anfangen soll.

Die Apothekenzeitungen sind oft besser als Zeitungen, für die man noch Geld ausgeben kann. Zumindest für den Ottonormalverbraucher 😉

22 02 2009
Hypnosekröte

Relative Bradykardie? Soso.
Die Bradykardie wäre nicht so das Problem, wenn die Frau das Schlagvolumen weiter steigern könnte, denn was sie kollabieren lässt ist ja nicht die relativ zu langsame Frequenz allein sondern das dadurch absinkende (und über die Vorlast=Füllung nicht mehr kompensierbare) Herzzeitvolumen.

Theoretisch würde ja eine Herzaktion pro Minute (Monat, Jahr…) ausreichen, wenn damit genug Volumen/Zeit transportiert werden kann.

….und ja, bei mir gehts demnächst weiter.
Ich bitte dennoch um etwas Geduld 🙂

22 02 2009
Assistenzarzt

Kröte, hach, wie schön, dich gibts noch. Dachte schon, es war ein Krötenjäger da, der dich gefangen hat.

22 02 2009
Nico

Interessanter Artikel. Aber noch interessantere Kommentare. Schön dass es bei Hypnosekröte bald weiter geht. Habs sehr vermisst.

22 02 2009
chefarzt

Das erinnert mich an das Märchen: Wenn man einen Herzschrittmacher bekommt, kann man praktisch gar nicht mehr an Herz-Kreislauf-Versagen sterben. Wenn das Herz aber insuffizient ist, nutzt auch der Strom nichts mehr.
Bei Hypertonikern sehe ich mittlerweile das Krafttraining aber nicht mehr als kontraindiziert an.

23 02 2009
EarlMobile

Damit das Herz nicht durch den Schrittmacher in exorbitante Frequenzen katapultiert wird, was ja bei aktivitätsabhängigen Systemen durchaus der Fall sein könnte, wird eine bestimmte Höchstfrequenz programmiert, die individuell in den Bereichen von 140 – 180 Schlägen/Minute eingestellt wird. Wenn aber der Schrittmacher eine höhere Vorhoffrequenz misst, fährt er besser, wenn er nicht jede Erregung in die Kammern überleitet und dadurch einen AV-Block Wenckebach auslöst, bis sich das Herz wieder beruhigt hat.
Blöd wird’s nur, wenn das insuffiziente Herz bei zu hoher körperliche Belastung den Ausweg in der Tachykardie sieht, der Schrittmacher aber gegenbremst. Schwups, liegt der Patient am Boden. Oder wahlweise vor den Kameras des mdr.

Welche körperliche Belastung man einem Patienten mit einer Herzerkrankung zumuten kann und wie man sie überwachen muss, sollte aber jede „Personal Trainerin“ wissen. Das wird in jeder Rehaklinik von den Physiotherapeuten gemacht, also gibt es für mich keinen Grund, warum das nicht auch eine „Personal Trainerin“ bewerkstelligen können sollte. Und wenn alle Stricke reißen, ist es nun wirklich keine schwierige Aufgabe, die Kunden vorher zum Arzt zu schicken.

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