Gegangen und doch nicht fort

2 05 2009

Kennt ihr das – da spielt irgendwo ein Lied, im Radio, im Fernsehen, nicht mal das Original und prompt erstarrt man und ist in eine frühere Zeit zurückversetzt, eine Zeit in der man glücklich war, Kind, die Welt ohne große Probleme, die Sommer toll, die Ferien 8 Wochen lang…

Ich hörte Frank Schöbels „Wie ein Stern“. Ich darf solche Lieder wohl nicht hören. Jedes Mal aufs Neue passiert es mir. Plötzlich bin ich wieder 5, 6 oder 8 Jahre alt und die Sommer sind toll, die Ferien 8 Wochen lang und da ist wieder dieses Gefühl. Unbeschwertheit, Freiheit, Sorglosigkeit. Ich sehe mich wieder, wie ich abends auf der Couch sitze im Kinderbademantel, den Sand vom Strand abgeduscht, im DDR2 läuft ein Film mit Louis deFunes oder Terence Hill oder die Musketiere oder irgendein Schnulzenfilm… die Sonne ist immer noch warm, die Balkontür ist offen und von draußen strahlt die Wärme des aufgeheizten Betons. Ich sehe mich am Strand der Ostsee, der auch schön war ohne Seebrücken und wo niemand ein Problem mit FKK hatte, weil die Welt in dieser Beziehung toleranter war. Ich sehe mich, wie ich mit meinen Eltern am Pionierferienlager vorbeifuhr und die Kinder beneidete, weil sie schon ein Halstuch tragen durften. Ich stehe im Dorf meiner Großeltern, sehe sie beide wieder vor mir, den Spielplatz an der Bushaltestelle mit den Schaukeln und meine Cousine lernt grad Roller fahren. Ich sehe immer so viel in diesen Momenten. Ich sehe mich Jahre später wieder im Ferienhort, wie ich mich beeile, nach Hause zu kommen, weil um zwei der Ferienfilm losgeht. Manchmal sehne ich mich geradezu nach den Erinnerungen. Interessanterweise sind die meisten irgendwie im Sommer. Und dann wird mir bewußt, dass sie nie wieder kommen werden. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal unbeschwert, wirklich frei und sorglos war. Die Landung auf dem Boden der Tatsachen ist jedes Mal hart. Ich habe seit letztem Jahr die DVD mit „Heißer Sommer“ bei mir liegen. Die Folie ist immer noch drum. Ich habe einfach das Gefühl, wenn ich diesen Film sehe, dass ich dann verdammt hart wieder auf dem Boden landen werde und es zu tiefst bedauere, wenn die Erinnerungen an meine Kindheit in der DDR aufhören. Ich bin kein schwerst traumatisiertes DDR-Kind, was ohne die Wende ein Psychopath geworden wäre und ich hasse ehrlich gesagt all diese Leute, die so einen Schrott erzählen, nur um sich wichtig zu machen und dabei zur Wende nicht älter waren als ich. Ich will auch nichts verherrlichen. Es war und ist meine Geschichte, die Geschichte eines Kindes, das merkte, dass plötzlich alles anders war und auf einmal Sorgen da waren, Ängste und keine Arbeit und all die schönen Sommer nicht mehr da waren. Auch das gehört zu 60 Jahren Bundesrepublik. Denn auch ich bin Deutschland.  

Tja, und so wie sich manch einer nach der Augsburger Puppenkiste sehnt oder nach irgendwelchen Fernsehshows der ARD, so gehts mir mit DEFA-Filmen. Ja, und da fällt mir auf, dass ich mich doch echt mal in Typen verguckt hatte, die dafür keinerleit Verständnis hatten und es nicht nachvollziehen konnten, wieso man DEFA-Filme und das alles toll finden kann. Ich muss wirklich doof gewesen sein. Beim nächsten Mann wird alles anders, da such ich mir nen Ossi, der weiß wenigstens wovon ich rede 🙂

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6 responses

3 05 2009
Suse

Moin liebe Kollegin,

ich bin ein (echtes) Westkind, aufgewachsen in den 60er und 70er Jahren – und ich kann das nachvollziehen. Egal auf welcher Seite der „Mauer“ man aufgewachsen ist, die Kindheit gehört zu einem. Bei bestimmten Lieder – und das waren bei mir auch manchmal „deutsche Schnulzen“ – kommt diese Erinnerung einfach hoch. Dann rieche ich die Kiefernwälder in der Sommerhitze bei meinen Großeltern, sehe mich Heidelbeeren pflücken, mit meinen Eltern Pilzesammeln gehen – morgens um fünf… *g* – , spüre förmlich den moorigen Waldboden unter mir, der Geruch der Nadeln, das Einkochen der Pilze…. Und auch ich habe so meine TV-Erinnerungen, zu meinen Lieblingen gehörten die Märchenfilme, die ich im „DDR-Fernsehen“ sehen konnte…
Stimmt, Kindheit ist unbekümmert. Und ehrlich, das gehört auch so. Dieser Zeit darf man ruhig hinterhertrauern. Nur manchmal frage ich mich, ob es unseren Kindern auch so gehen wird. Ob sie ähnlich schöne Erinnerungen haben werden. Oder ob die Kindheit „überschattet“ wird von Schulstress, Angst vor sozialem Absturz, vor Amokläufen, vor dem Leben… Hoffentlich nicht…

Und hoffentlich bleiben uns diese Kindheitserinnerungen. Egal, unter welchem Regime man aufgewachsen ist.

Liebe Sonntagsgrüße
Suse

3 05 2009
Beate

Hm, hab grad nachgedacht. Auch ich bin ein Wessi. Ein (kleiner, eher Angst machender Teil) Teil meiner Kindheits/Jugenderinnerungen besteht aus tieffliegenden Düsenjägern, britischen Panzerkollonnen vor der Haustür, Angst vor den Russen und RAF. Und eben wahrscheinlich die gleichen Erinnerungen an schöne Sommer. Ich denke, jede Generation kriegt halt so ihr fett weg – eben passend zur Zeit.

3 05 2009
Peter

Ja, die Kindheitserinnerungen…bei mir sind es nicht nur Lieder, die mich an meine Kindheit denken lassen. Letzte Woche war ich nach vielen Jahren mal wieder in der Gegend, in der ich aufgewachsen bin. Da sind mir auch viele Erinnerungen wieder wachgerufen worden. Interessanterweise auch vorwiegend Sommererinnerungen. Ich hoffe auch, daß mir die Erinnerungen lange bleiben!

Liebe Sonntagsgrüße
Peter

3 05 2009
T

Wenn ich Musik aus alten Kindertagen höre, sehe ich mich eher auf der Arbeitsplatte in der Küche sitzen. Das war irgendwie die einzige Gelegenheit bei der ich als Kind Musik gehört hab. Die Sommer-Ferien waren bei uns übrigends nur sechs Wochen lang.
FKK gabs übrigends auch im Westen zu meinen Kindheitstagen. Das DDR Fernsehen konnten wir auch empfangen, ich erinnere mich da icht nur an Filme oder Pitti-Platsch sondern auch noch an Sudel-Ed und ‚Werbung‘ für eine neue Trabi-Generation, die ’sogar‘ mit Tankanzeige zu haben war. Spätestens seit meiner Grundschulzeit wurde ich aber auch den Nachrichten ausgesetzt und wusste das eben nicht alles schön ist.
Die Sommer waren jedoch erstmal weiterhin Klasse und auch das Schlittenfahren im Winter auch.

5 05 2009
Mario

Sehr nett geschrieben, da werde ich glatt sentimental 😉

7 05 2009
Anne

Schön geschrieben… In meiner Kindheitserinnerung ist komischer Weise eher Frühling, vielleicht, weil da die Gefühle, Düfte und Farben immer so intensiv sind. Andererseits muss ich auch sagen: die Erinnerung malt mit einem goldenen Pinsel. Und wenn ich mich fern von Nostalgie und Sentiment erinnere, fallen mir auch viele Ängste und Sorgen der Kindheit ein. Es ist wirklich ein Irrtum der Erwachsenen, sorglos ist die Kindheit nur in der Retrospektive, im Vergleich mit dem Erwachsensein. Wie oft ärgerte man sich, was man alles nicht kann, darf, gruselte sich vor allem möglichen, fühlte sich unter Druck in der Schule, vor bösen Jungs auf dem Heimweg oder weil man sich für eine komische Hose schämte? Das klingt banal, als Kind bedeutete es manchmal die Welt. Nicht umsonst (ich habe selber Kinder) ist Kindheit nicht nur Lachen sondern auch sehr oft Wut und Weinen.

Und zum Thema DDR: da hängt es offenbar sehr vom Elternhaus ab. Für mich waren die Erzählungen meiner Eltern über Stasi usw. beängstigend, es gab einen geflohenen Onkel, den wir nie besuchen durften, ebenso die Großeltern. Man durfte Dinge in der KiTa/Schule nicht erzählen, Bücher nicht anschauen usw. Ich könnte mir vorstellen, dass dein Empfinden (nach deinen Ausführungen nehme ich an, du bist auch Mittsiebziger Jahrgang?) von plötzlichen Ängsten NACH der Wende auch nicht unwesentlich mit der zunehmenden Reife und Reflexionsfähigkeit, weniger mit den politischen Entwicklungen zu tun haben, oder?

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