Fundstücke in der Notaufnahme

8 05 2009

Ich weiß nicht, ob es so gut ist, Dinge die andere Kollegen gemacht haben, im Internet breitzutreten. Andererseits sind das Dinge, die ich eigentlich nicht unkommentiert stehen lassen möchte… Es gibt ja so Kritikforen und -aktionen, wo man über Fehler reden soll. Ich mach ja auch welche, zum Glück ging bisher alles gut. Niemand ist unfehlbar.

 

Aber man sollte drüber reden…

Seit einem Jahr gibt es Sitagliptin auf dem Markt, ein neues Medikament für den Typ2-Diabetes. Es wird nur in Kombination angewendet. Meist mit Metformin. Wegen der Patientencompliance und weils eh nur in Kombi zugelassen ist, haben die Hersteller gleich ein fertiges Kombi-Präparat rausgebracht. Mono heißt es Januvia oder Xelevia. In Kombi Janumet oder Velmetia. Hübsch, oder? Hört sich alles irgendwie an wie aus altgermanischen oder römischen  Göttersagen. Ist auch klar, dass niedergelassene Ärzte ihren Patienten etwas neues und wohl auch gutes (Langzeitstudien fehlen noch) geben möchten. Aber wenn man Velmetia oder Janumet gibt, muss man Metformin beenden, is ja schon inklusive im anderen. Tagesdosen von 4500 mg Metformin sind auf Dauer ungesund…

Es ist ebenso regelmäßig der Fall, dass Blutdruckpatienten medikamentös optimiert werden. Da spielt dann der Hausarzt mit und / oder der Kardiologe. Und keine Ahnung wer noch. Es ist für eine Niere extrem ungesund, wenn der Patient einen ACE-Hemmer oder einen AT-1-Blocker plus HCT als Kombi krieg und dann noch Aquaphor und Xipamid XY-Generikahersteller und noch Torasemid dazu. Das stand wirklich so auf einem Medikamentenzettel.

Auf einem anderen standen Torem 20 und Furesis 40 zusammen drauf. Was wollte uns der Kollege damit sagen? Und was wollte der Kollege sagen, der Enalapril und Ramipril zusammen verordnete? Oder aber der Kollege, der 5! orale Antidiabetika verordnete und den Patienten mit rezidivierenden  Hypos einwies? Wenn der Patient in ACCORD oder UKPDS gewesen wäre, hätte er aber gewaltig die Norm versaut.

Was ich sagen will: Auch wir im Krankenhaus bauen ab und an Blüten in Medikamentenpläne. Das Gute bei uns ist: es liest sich mindestens noch 1 weiterer den Quatsch durch, den wir fabrizieren. Leider hat ein Hausarzt nicht so eine eingebaute Sicherung. Was mich wundert, warum es keinem auffällt – weder dem Hausarzt, der den Medikamentenzettel ausdrucken lässt und teils selbst unterschreibt, noch dem Apotheker, wo die meisten Patienten, die regelmäßig Pillen holen, ihre Rabatt-Kundenkarten haben und die Computerprogramme (so werben die Apotheken) die Verträglichkeit der einzelnen Medis untereinander checken. Als „Fremder“ fällt einem in der Notaufnahme natürlich sofort auf, wenn es Unstimmigkeiten gibt – man hat einen neutralen Blick, weil man den Patienten nicht kennt.  Dann muss ich immer an meine Pharmavorlesungen denken, wo es um Polypharmakotherapie im Alter ging… und ich dachte damals, das sei so einfach… bis ich irgendwann selbst Medikamentenlisten verfassen musste, die ausreichten, damit sich der Apotheker einen neuen Sportwagen kaufen konnte. Als einziges Fazit könnte man sagen, wir sollten alle kritischer mit Medikamentenplänen umgehen und die Indikationen, Kombis und so jedes Mal prüfen – im Krankenhaus bei Aufnahme und Entlassung… wenigstens… Ab dem 4. Medikament sinkt die Compliance eh auf 30%. Manchmal könnte man meinen, der Patient weiß instinktiv warum…

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14 responses

9 05 2009
Denis aka Ghettomaster

Man sollte sich doch viel eher die Frage stellen warum gerade solche Aufgaben (das überprüfen der Medi-Interaktionen/Nebenwirkungsprofilen) nicht der Computer übernimmt. Denn offensichtlich scheint das bis jetzt ja nicht in allen Fällen wirklich zu funktionieren.

9 05 2009
Sylvia

Oh ja, von merkwürdigen Medikamentenplänen/Anordnungen kann ich ein Lied singen. Gott sei Dank gibt es im stationären Bereich reflektierte Schwestern, denen diese Blüten beim Medis stellen auffallen.

9 05 2009
Mike

Tja, soviel zu der hervorragenden Betreuung in den Apotheken, wo häufig die Rezepte zusammenlaufen.
Damit dürfte das Argument gegen Onlineapotheken wohl mal wieder etwas wanken.
Aber das sind bestimmt „nur“ Einzelfälle……..

9 05 2009
Beate

@ Mike: well… letztens im TV haben sie Apotheken getestet. Ein älterer Herr ist in mehrere gegangen und hat eine Kombination von Medikamenten verlangt, die wohl ungesund ist. Kaum eine hat es erkannt und die meisten haben ihm die Sachen ohne Warnhinweis verkauft.

13 05 2009
Knaller

Du meinst Frontal 21. Der Bericht war höchst unseriös. Bei der einen Medikamentenkombination hat sich der testende Professor selbst geirrt, zwischen Ranitidin und Metoprolol gibt es keine gefährlichen Wechselwirkungen. Das gilt nur für einen dem Ranitidin ähnlichen Wirkstoff (Cimetidin). Außerdem ist der Typ dafür bekannt, notorisch auf Apothekern herumzuhacken, eine der getesteten Apotheken gehört z.B. einer Inhaberin, mit der er schon einen Gerichtsstreit hatte…
In der Deutschen Apothekerzeitung war ein informativer Artikel dazu. Dass Frontal21 geistlose Hetze verbreitet und vor allem gerne Möchtegern-Skandale im Gesundheitswesen anprangert, ist bekannt.

Apotheker leisten IMHO gute Arbeit und so wie Ärzten Verschreibungsfehler unterlaufen können diese auch einem Apotheker mal entgehen. Wo Menschen arbeiten werden Fehler gemacht. Wir sollten uns mit dem Gedanken abfinden, denn diese Rundumsicherheitsmentalität steuert uns in ganz vielen Lebensbereichen in eine gefährliche Ecke.

13 05 2009
Beate

Naja…ich Nichtmediziner und Nichtapotheker. Geistlose Hetze würd ich so nicht unterschreiben, aber mit guten Nachrichten macht man nun mal keine Quote/Unterhaltung. Und die Deutsche Apothekerzeitung wird auch nicht gerade vorurteilsfrei schreiben.

Aber so ist es doch richtig: die einen machen einen Bericht, der sicher nicht vollständig an den Haaren herbeigezogen ist (außer der Frage: Sie wissen, wie Sie’s einnehmen sollen?) hab ich noch nichts gehört und die anderen stellen richtig/richtiger…wie auch immer. Zumindest wird dem Thema Aufmerksamkeit geschenkt, man unterhält sich drüber und passt das nächste Mal in der Apotheke auf. Und das ist ja auch schon was.

9 05 2009
GiantPanda

Ich hab mal einen Bericht gelesen, in dem eine offensichtlich Hochschwangere in zahlreichen Apotheken ein Schmerzmittel (?) verlangt hat, das während Schwangerschaft/Stillzeit nicht genommen werden darf. Kein einziges Mal wurde mit „Ist das für Sie“ oder so nachgehakt.
Alles bedauerliche Einzelfälle.

10 05 2009
Blogolade

Das ist mal nicht gut!

Als ich schwanger war, haben die Apotheker mir auch ungefragt Wechselwirkungen und Einnahmehinweise gesagt und aufgeschrieben. Auch wenn das Medikament gar nicht für mich ist.

Von einer Bekannten weiß ich, dass sie in einer Apotheke in der Schwangerschaft kein Rhizinusöl (für den Wehencocktail, Rezept der Hebamme) bekommen hat. Die Apotheker haben sich schlichtweg geweigert es ihr zu verkaufen.

Ohne die Beipackzettel auswendig zu lernen, frage ich den Arzt aber schon immer sehr genau, was er mir da aufschreibt und warum. Mir ist lieber, es wird die Ursache der Erkrankung behandelt als das Symptom. Deswegen versuche ich auch immer herauszufinden, was ich da eigentlich habe und woher das kommt bzw kommen kann.

9 05 2009
Martin Gerken

Es geht übrigens auch umgekehrt: da werden Patienten vom Apotheker ohne Rückfrage mit dem Verordner weggeschickt, weil das neue Interaktions-Checkprogramm eine theoretisch sehr selten mögliche Wechselwirkung in der ausgetüftelten Medikation gefunden hat…

10 05 2009
scid

Naja, wundert mich irgendwie überhaupt nicht; seit ich öfter mal Medizinstudenten in unseren Vorlesungen treffe.
Weiterhin kommt erschwerend hinzu, dass die meisten Hausärzte vermutlich längst die Übersicht über die Medikamente verloren haben. Kommt man frisch aus der Pharma-Vorlesung erscheint das alles noch klar; aber da hatte man ja auch noch nicht mit 2000 Vertretern gesprochen, die alle ihr eigenes Produkt über den grünen Klee loben.
Nun ja, wie gesagt. Wundern tut es mich nicht.
Viele Medizinstudenten im vierten Semester(!) können anstatt den Mechanismus der Krankheit zu verstehen, oder überhaupt zu verstehen um was es geht, etwa drei Dutzend Medikamentennamen runterbeten um es zu behandeln – das finde ich extrem bedenklich um ehrlich zu sein; mir persönlich wäre es lieber die wüssten tatsächlich um was es geht und erst an zweiter Stelle mit was man es u.a. behandeln kann.

11 05 2009
krankenhausblogger

Beispiel von letzter Woche:

Patientein mit Neueinstellung von Antihypertonika. Am Folgetag waren die Drücke um die 90 syst., am zweiten Tag bis auf 75 syst. runter, dazu Schwindel und Schlappheit… Was macht die gute Frau Doktor?

Erstmal Delix plus von 2,5 auf 5 rauf… Auf den Fehler hinweisen hat nix gebracht. Kommentar: „Die muss nur mehr trinken!“

12 05 2009
RettAss

toll ist auch bei Verdacht auf appendizitis buscopan und mcp i.v. zeitgleich zu verabreichen *doppeldaumen hoch*

13 05 2009
Assistenzarzt

Ich hab nie diesen Beitrag in Frontal21 gesehen. Die genannten Dinge sind mir alle innerhalb der letzten Tage über den Weg gelaufen. Alles von verschiedenen Ärzten. Dummerweise trat der gemeinsame Schnittpunkt im Raum-Zeit-Kontinuum ausgerechnet bei mir ein, so dass sich aus meinem Blickwinkel die Fälle häuften, auch wenn es keine wirkliche Häufung war.
Wie gesagt, wir machen alle Fehler, aber ich finde, über solche wie die genannten muss man reden, denn 4,5 g Metformin sind tatsächlich ungesund auf die Dauer und auch Nieren sind nicht grenzenlos quetschbar.

13 05 2009
Pharmama

Geben die Computer denn überhaupt an, wenn der gleiche Inhaltsstoff in mehreren der verordneten Medis vorkommt? Ich glaube nicht. Auch nicht bei verschiedenen Generika – weil es sich um denselben Wirkstoff handelt, zeigt es sicher keine Wechselwirkung an.
Das dürfte ein Problem geben, wenn verschiedene Generika vom selben Medikament verordnet und/oder abgegeben wurden -z.B. von verschiedenen Apotheken oder weil die Krankenkasse eine neue Generikafirma vorschreibt (das gibts in der CH zwar nicht, kommt aber wohl in D vor).
Massenweise Fehlerquellen.
Da ist es nötig, dass alle wirklich gut aufpassen!

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