Die Würde des Menschen…

24 09 2009

… soll ja unantastbar sein. Aber halten sich auch immer alle dran? Manchmal zweifle ich. Zweifel. Zweifel, warum die Pflegekräfte eines Pflegeheimes den Rettungsdienst rufen, wenn ein über 85jähriger Mensch im Sterbeprozess ist. Oftmals gibt es Patientenverfügungen. Angehörige werden einfach nicht angerufen und gefragt, ob sie wollen dass der Mensch nochmal ins Krankenhaus gebracht werden soll. Häufig gibts sogar Absprachen darüber, wie zu verfahren ist im präfinalen Zustand, damit im Sinne des Menschen gehandelt wird. Dann fährt ein RTW vor und sammelt den Menschen ein, karrt ihn durch die ganze Stadt oder das halbe Bundesland über Stock und Stein, Schlagloch und Kurven und gibt ihn sterbend in der Notaufnahme ab. Manchmal ist der letzte Atemzug teil des Umlagerns. Sowas macht mich erst stumm und dann wütend. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich das jetzt schon erlebt habe, aber es erschüttert mich, dass es so oft war, dass ich nicht mehr mitgezählt habe. Klar, ich verstehe, dass es auch für Pflegekräfte in Altersheimen nicht leicht ist, die Besetzungsstärke ein mittlerer Skandal, die finanzielle Orientierung die eines Discounters,… Klar, ich weiß, wie es dem Rettungsdienst geht, man will nichts falsch machen, keinen Ärger kriegen und manche Notärzte motzen bei jedem Nachfordern… trotzdem: Muss das sein?  Keiner von Euch will so von dieser Erde gehen, ruckelnd über Chausseestraßen, umgebettet in einer zugigen Notaufnahme, die Angehörigen weit weg und oftmals noch nicht informiert bei der Ankunft in der Notaufnahme. Früher wusste ich nicht was Barmherzigkeit ist. Für mich ist es, wenn eine Krankenschwester oder ein Arzt in einer rappelvollen Notaufnahme, wo Besoffene pöbeln, 22jährige mit Husten meckern und alle paar Minuten der Rettungsdienst den nächsten bringt, sich einfach daneben setzt oder stellt neben diesen unbekannten sterbenden Menschen aus irgendeinem Pflegeheim hier in Deutschland und für diese paar Minuten die Hand hält oder ein paar Worte sagt, damit der Mensch spürt, dass er nicht alleine ist. Was die Angehörigen in solchen Situationen denken, kriegen nur wir in den Krankenhäusern mit… obwohl es andere auch wissen sollten…

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5 responses

24 09 2009
DomDom

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.
Aber irgendwie versucht ja doch jeder nur die Verantwortung etwas von sich zu weisen. Die überforderte Pflegeperson, der Rettungsassistent, der den Patienten erst seit 2 Minuten kennt oder die Angehörigen, für die das Sterben „ganz plötzlich“, trotz hohen Alters, zum Thema wird.
Umso mehr verdienen die Leute Respekt, die in dieser Situation die Initiative ergreifen und aus der Masse herausstechen. Notärzte, Pflegepersonal, Rettungsassistent und auch Angehörige, die einfach mal die Diagnose aus den Augen lassen und nach Menschlichkeit entscheiden.
Leider gehören solche Situationen noch eher zur Ausnahme, aber einige habe ich doch schon erlebt, am seltensten im Krankenhaus.

25 09 2009
Chris

Wie wahr, wie wahr. Das ist immer wieder ein heikles Thema. Sicher ist das Pflegepersonal in solchen Situationen oft überfordert, allein schon durch die Personalstärke, und ist froh, wenn man einen solchen Patienten abgeben kann. Oder auch Angehörige, die auf jeden Fall wollen, dass der (präfinale) Patient noch einmal ins Krankenhaus kommt.
Dass die Fahrt im Rettungswagen aber noch einmal purer Stress für den eh schon sehr schwachen Patienten ist bedenkt meist niemand. Und solange es dann noch Hausarzteinweisungen oder bestimmende Angehörige gibt, sind mir als Rettungsassistent leider auch die Hände gebunden und ich muss den Patienten transportieren. Sofern es nur etwas Überzeugungsarbeit bei Personal oder Angehörigen bedarf versuche ich das dann auch gerne, um dem Patienten ein halbwegs würdiges Ende zu lassen.
Aber das gibt es auch genau umgekehrt. Entlassungen von der Intensiv ins Pflegeheim gut 30 Minuten entfernt, wo recht fraglich ist, ob der Patient überhaupt die Fahrt überlebt.
Leider ein trauriges und immer wiederkehrendes Thema.

26 09 2009
gr3if

Tja da sprichst du etwas an…… Ich durfte neulich leider auch erleben wir mir jemand im Rtw verstorben ist. Ungefähr das was du oben schilderst nur wir sind nicht mehr in der Notaufnahme angekommen. Das war allerdings schon klar als wir im Oh gestartet sind…. Insofern mit 5km/h über die Strassen und jedem Schlagloch ausgewichen…. Dazu keine Medis mehr und einfaches warten.

Zum Kotzen! Das ganze Team (3 Ra, 1 Na) hat danach in Ruhe die nächste Kirche aufgesucht und wir haben un aller Ruhe darüber gesprochen -.- der Na war kurzzeitig soweit außer Dienst zu gehen weil ihn das so mitgenommen hat…

Nur wie ändert man etwas?

14 01 2010
mausel

Mir ist es letztes Jahr so gegangen. Ganz ehrlich, ich war noch nie so froh, meine OÄ und die Frau meines leitenden OA zusehen. Wie durch einen Zauber standen sie da und haben mir bei supervoller Ambulanz die Betreuung des Sterbenden und dessen noch sehr junger Frau abgenommen. Nachdem all wegwaren (also die Patienten) haben wir alle in Ruhe einen Kaffee getrunken und darübergeredet. das hilft immer ganz gut. Unsere „lebenden“ Patienten haben die Rea und alles drumherum ja live mitbekommen, hatten aber wirklich ausnahmslos Verständnis für uns, ich glaub´wir waren alle bisschen durcheinander. Zwei sind sogar von sich aus los, wollten am nächsten Tag zum HA. Also, es geht auch anders… Aber das, was du beschreibst ist schon eher Alltag.

11 09 2012
Alexandra

Mir ist es dieses Jahr im Mai so ergangen…allerdings als Angehörige. Oma war erst seit 4 Wochen im Heim und mein Vater war im Urlaub, ich musste für zwei Tage auf eine Dienstreise. Also war ich einen Tag vorher bei Oma. Alles war in Ordnung, ihr Allgemeinzustand prima und ich hatte einen wirklich schönen Tag mit ihr. Kuchen essen, lachen und Spaß. Die Pflegerin hat mich dann noch informiert, dass aber am nächsten Tag der Arzt kommen würde. Ich habe dann nochmal meine Telefonnummer und die Kontaktdaten des Hotels und des Veranstaltungsortes hinterlassen und musste dann los zur Dienstreise.
Am zweiten Tag rief man mich an und erklärte mir, dass meine Oma ins Krankenhaus überwiesen worden ist, es sei aber nichts dramatisches, man hat sie dort nur hingebracht, weil mn sie nicht mit Tabletten, sondern über Infusionen entwässeern wollte und das so im Heim nicht möglich sei.
Ich bin in Panik ausgebrochen. Als ich dann wieder zu Hause war, es war immerhin Mitternacht, habe ich im Heim angerufen und um Auskunft gebeten, in welchem Krankenhaus sie ist und wie es ihr geht. Am nächsten Morgen wollte ich sie besuchen. Man sagte mir, man habe keine Infos, ich soll mir keine Sorgen machen, der Nachtdienst weiß nicht Bescheid, man gebe mir Infos, sobald der Frühdienst da wäre…..
Um 6 Uhr morgens klingelte dann das Telefon. Dran war die Notaufnahme, die mir mitteilte, dass meine Oma verstorben sei. Sie ist dort allein und ohne, dass ich da sein konnte gestorben. Ich weiß nicht ob jemand ihr die Hand gehalten hat, aber ich hoffe es ganz doll. Natürlich habe ich mich sofort auf den Weg gemacht und konnte sie leider nur noch in der Pathologie sehen. Und ich bin zur Notaufnahme gegangen und wollte mich wenigstens bedanken. Man hat mich angesehen wie ein Außerirdische….und ich glaube wirklich, dass die Menschen dort es nicht gewohnt sind, dass sie im Nachhinein wenigstens ein Danke für ihre Arbeit bekommen.

Genauso auch letztes Jahr…da war ich leider die Ptientin. Mir ist nach tagelangen, schweren Blutungen eine Zyste geplatzt, was dann zu inneren Blutungen geführt hat…alles sehr unschön. Und ich habe mich ganz sicher nicht wie die perfekte Patientin verhalten, denn ich bin tatsächlich, nachdem mir die arme Ärztin mitgeteilt hat, dass ich sofort in den Op muss, aufgestanden, aus der Notaufnahme rausgewandert und habe dort telefoniert, um die Versorgung von meinem Kind zu gewährleisten. Die Ärmste ist dann hinter mir her gelaufen und hat mich angeschrien, ob ich denn auf dem Parkplatz sterben möchte. Ich war aber leider selbst am heulen und völlig überfordert, weil, wie so oft, einfach niemand von meinen Angehörigen da war. Im Nachhinein bin ich nochmal zu ihr und habe mich bedankt und entschuldigt…auch hier das gleiche Bild….sie war es nicht gewohnt, dass sich jemand bedankt oder gar entschuldigt.

Und so ist es nunmal…als Patient oder Angehöriger gerät man im Krankenhaus manchmal in Situationen, die einen überfordern, warum auch immer. Und wenn ich das hier so lese, bin ich sehr dankbar, dass es eben doch noch Menschen gibt, die dort arbeiten, die auch Mensch geblieben sind und dafür ein bisschen Verständnis aufbringen können, auch wenn es anstrengend oder eben für diese Menschen Alltag geworden ist.

Sehr langer Kommentar….tut mir leid 🙂
Aber dieser Blog ist wirklich toll, vielen Dank dafür….

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