Wer sind Sie?

5 01 2010

„Wer sind Sie denn eigentlich?“

„Ihre Ärztin Frau Dr. Assistenzarzt.“ (hab ich doch schon gesagt als ich reinkam…?!)

„Sind Sie Ärztin oder was sind Sie eigentlich?“

„Ja, ich bin Ärztin.“ (wieso sind meine Patienten immer alle schwerhörig?)

„Wirklich?“

„Ja! Seit XYZ Jahren. Steht hier auch auf’m Schild.“ (noch mal kurz zur Sicherheit selbst guckn, ob ich wirklich Ärztin bin, nicht dass auf’m Schild grad Sekretärin draufsteht, wo ich doch heute soviele Briefe fertig gemacht hab…)

„Und kommt denn auch ein Doktor?“

„Ja, ich sags ihm… aber jetzt erstmal möchte ich…[…]“ (ich gebs auf… sonst komm ich nie weiter mit dem, was ich hier machen will… das hat mein Kollege nun davon, ein Mann zu sein, muss er eben auch noch Guten Tag sagen, wenn ein Arzt nicht reicht…)

 

Folgende Dinge erschweren die Arzt-Patienten-Kommunikation:

  • Schwerhörigkeit (sowohl beim Patienten als auch beim Arzt)
  • Telefone, wenn sie ständig klingeln
  • Schwesternschülerinnen, wenn sie plötzlich reingelaufen kommen, um zu fragen, ob noch was gebraucht wird (es wird immer was gebraucht, und es geht immer ein Gespräch los, was nie das Thema betrifft, das man gerade versucht, mit dem Patienten zu besprechen)
  • weibliches Geschlecht (nimmt mich eigentlich überhaupt jemand ernst aus der Generation 70+?)
  • jugendliches Aussehen trotz XYZ Dienstjahren (ja, glaubt mir, ich spreche aus Erfahrung, sowas kann es alles schwieriger machen, wenn man für die Studentin  / den Studenten gehalten wird, die / der so schön forsch ist und weiß, was sie / er will und aus der / dem bestimmt mal ne gute Ärztin / guter Arzt wird, wenn sie / er fertig ist… )
  • ein gezieltes Vorhaben (es gibt keinen direkten Weg zu einer vollständigen Anamnese und einem guten Status…)
  • männlicher Patient unter 23 Jahren und jugendliches Aussehen der Ärztin trotz XYZ Dienstjahren (entweder genieren sie sich unendlich und man muss nen männlichen Kollegen hinschicken oder sie machen auf unendlich cool und lässig oder aber sie fangen an, einen anzuflirten und anzumachen, weil sie glauben wir reagieren wie die 17 jährigen Schülerinnen, die hin und weg sind – was glauben die denn, wir Ärztinnen suchen richtige Männer, keine halbfertigen noch auf der Suche nach ihrer Identität)
  • Demenzerkrankung – sowohl beim Patienten als auch beim Arzt 🙂
  • Multitasking (was ein anderer Ausdruck ist für: tausend Sachen auf einmal anfangen, aber keine richtig machen und dabei wichtig aus der Wäsche gucken)
  • Angehörige, die sich weigern aus dem Zimmer zu gehen und dann alles besser wissen und sich schließlich mit dem (mündigen, nicht demenzkranken) Patienten über Banalitäten streiten
  • Kollegen anderer Fachrichtungen, die einen per Telefon trotz Hinweis des Pflegepersonals aus dem Gespräch holen lassen wegen „Notfällen“, die in „wir wollten den Termin verschieben, wenn Sie einverstanden sind…“ münden
  • andere Patienten, die sich dem Gespräch nähern, und die
  • mithören,
  • plötzlich Fragen haben,
  • auch gerne ein MRT von was auch immer hätten, weil sie schon immer mal wissen wollen, wie irgendein Organ von innen aussieht
  • anfangen thematisch passend die letzte Apotheken-Umschau zu zitieren, wahlweise auch den Spiegel oder Focus oder die Skandalpostille mit vier großen Buchstaben
  • meinen Patienten verunsichern mit Laien-Halbwissen und Hören-Sagen-Geschichten, die meist im spektakulären, durch Ärztepfusch verursachten Tod der Tante des Schwagers vom Nachbarn des Schwiegersohnes seinem Arbeitskollegen enden
  • Demenz und Schwerhörigkeit eines Mitpatienten:
  • „Herr Müller, ich möchte Sie über das CT aufklären.“ 
  • „Ja, ist  gut, ihr setz mir nur schnell die Brille auf.“
  • „Nee, ich will keinen Tee.“
  • „Herr Meier, ich will gar nicht zu Ihnen, ich will zu ihrem Bettnachbarn. Bei ihnen ist alles geklärt für heute.“
  • „Was für Leute? Wo soll ich jetzt hin?“
  • „Herr Müller, wir setzen uns mal an den Tisch.“
  • […]
  • „Herr Müller, haben Sie Allergien?“
  • „Nur auf Gräserpollen.“
  • „Nee, sowas hab ich nicht! Noch nie gehabt.“
  • „Nehmen Sie blutverdünnende Medikamente?“ (Herrn Meier ignorierend)
  • „Nee.“
  • „Doch. Na klar nehm ich welche! Hier da, das ASSsssssss fürs Herrrrrz.“
  • „Herr Meier, ich spreche grad mit Ihrem Bettnachbarn. Sie brauchen keine Fragen zu beantworten.“
  • „Hää?“ (zeigt auf das andere Ohr)
  • „Herr Meier, ich spreche grad mit Ihrem Bettnachbarn. Sie brauchen keine Fragen zu beantworten.“ (in das andere Ohr brüllend)
  • „Achso, dann is ja gut. Ich dacht schon.“
  • wieder am Tisch zurück bei Herrn Müller: „Herr Müller, Haben Sie schon mal ein CT gehabt?“
  • „Nein.“
  • „Stimmt ja gar nicht. Natürlich hatte ich schon ein CT. So Röhre ist das doch, oder? Ja, hab ich alles schon gehabt.“
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15 responses

5 01 2010
Doc Brown

Arzt-Patienten-Kommunikation über elektronische Hilfsmittel wie zB EKG ist sehr hilfreich 😉 …während Narkosen.

5 01 2010
EyeCancer

ämm … könntest du bitte das augenkrebsverursachende Grün etwas abdunkeln?
Vielen Dank!

PS: du willst doch keine Patienten „züchten“, oder 😉

5 01 2010
Assistenzarzt

so besser?

5 01 2010
drgeldgier

Ich hatte mal eine Oberärztin, die brachte es zur Weißglut, dass alle Patienten immer mit mir reden wollten bei der Visite und nicht mit der „Schwester“ neben mir. Das war aber nicht meine Schuld. Dennoch begann sie mich zu hassen und ich kündigte schließlich die Stelle.
Also bitte: steh drüber über solche traditionell noch vorhandenen Vorurteile. Sie werden in den nächsten 10-20 Jahren aussterben. Aber andere können auch nix dafür

5 01 2010
Assistenzarzt

Ich hasse doch nicht die Männer, ich finds einfach nicht mehr zeitgemäß, wie manche Leute denken. Auch schon vor 2o Jahren, als die noch 60+ ungefähr waren, gabs Ärztinnen und da hätte man ja schon mal umdenken können… Genauso blöd ist es für meine Lieblingspfleger, wenn es heißt, wieso dürfen Sie das als Arzt denn nicht? – … – ach wie, sie sind Pfleger? Dürfen Männer das jetzt auch oder sind sie irgendwie anders oder so? Dann will ich lieber ne Schwester…

5 01 2010
drgeldgier

Kleine Frage am Rande sei erlaubt: Warum heisst Dein Blog „Assistenzarzt“???
Verwirrte mich schon immer und bei diesem Thema noch viel mehr? … da könnte man ja glatt … 😉

6 01 2010
Assistenzarzt

Die Entscheidung fiel, als ich im Ärzteblatt gelesen habe, dass Namen mit Umlauten immer bei Publikationen und der Internetsuche benachteiligt sind – deswegen wollte ich nicht Assistenzärztin heißen… sondern Assistenzarzt, ich wollte gefunden werden und nicht schon wieder diskriminiert… erst als Frau und dann wegen Umlaut… Ernsthaft, es war die Schreibweise, bei assistenzaerztin vertippt man sich eher und es sieht mit ae irgendwie uncool aus.

6 01 2010
Assistenzarzt

Außerdem komme ich aus einem Landstrich, wo ich damit aufgewachsen bin, dass Frauen nicht darauf bestehen mussten mit -in oder so extra kenntlich gemacht zu werden, weil man das voraussetzte, dass das was Männer können auch von Frauen gekonnt wird (außer im Stehen pinkeln… 🙂 ) Ich fühle mich nicht diskriminiert, wenn jemand von den Ärzten spricht und nicht von den Ärzten und Ärztinnen… letzteres finde ich so betont hinweisend darauf, dass man auch daran gedacht hat, dass einige Emanzen in eine ehemals Männerbastion vorgedrungen sind, das ist sowas von uncool und zeigt, dass es in den Köpfen halt doch noch nicht alles gleichberechtigt ist, wenn jemand betont hinweisen muss, dass es auch Ärztinnen gibt und die bei „den Ärzten“ nicht mit eingeschlossen sind. Also wenn einer „die Ärzte“ sagt, fühle ich mich mit eingeschlossen und wehe, der der es gesagt hat, meinte es nicht so, den werde ich mit Stilettos erdolchen…

6 01 2010
Chris

Das ist bei den älteren Patienten einfach so im Hirn verankert. Das gesamte weibliche Personal wird mit „Schwestaaaaa“ angesprochen und die männlichen Kollegen sind alles Ärzte. Es lebe die Emanzipation 😉

7 01 2010
INTensivling

What about PJler / Famulanten? 🙂

9 01 2010
Hermione

Herrlich, ich kringel mich hier grade… : D

10 01 2010
Stefan

Tipp, den mir mal ein Geriater gegeben hat. Zu schwerhörigen Patienten langsam mit tiefer Stimme sprechen. Die Haarzellen für hohe Frequenzen am Anfang der Schnecke gehen nämlich zuerst kaputt. Funktioniert bei mir super.

13 01 2010
mausel

Hallo Assistenzarzt,
ich kann dich echt gut verstehen. Habe zur Zeit einen PJ und seit einem JAhr selbst meinen Facharzt. Mein PJ ist der Herr Doktor, ich die Schwester. Gut ist, meine OÄ, zwar schon über 50, aber sieht definitiv viel jünger aus, wird auch als Schwester angequatscht. Aber inzwischen ahbe ich mir kleine Tricks angewöhnt: z.B., oh, wenn Sie was trinken wollen, hole ich mal die SCHWESTER. Mit entsprechendem Tonfall… Meine Ambulanzmädels sagen schon immer gleich, Frau Doktor kommt gleich, dann ist das mal einfacher. Das fiestese war mal, das ein älterer Herr nicht von einer Frau operiert werden wollte (Gastrektomie) und meine OÄ ist so ziemlich die beste Viszeralchirurgin, die ich kenn´, die steckt jeden in die Tasche. Naja, er wußte halt nicht, was gut ist…

17 01 2010
Sylvia

ey, nix gegen schwesternschülerinnen! Genauso schlimm sind Ärzte, die mitten in irgendeiner Pflegetätigkeit ins Zimmer platzen oder nicht schnallen, das gerade ne prüfung läuft und ständig die Kurven klauen 😉

27 01 2010
bloeder_hund

oder während Dienstübergaben „kurz mal stören“

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