Assistenzarzt bei den Gasmännern – 4

27 01 2010

Anästhesisten sollen laut irgendeiner Statistik die höchsten Selbstmordraten haben und neben den Chirurgen die kürzeste Lebensdauer nach Renteneintritt. Die Frage ist natürlich wieso. Nun ja, die Belastung allein schon mit der Verantwortung durch ein paar Knöpfe und Schalter jemandem das Licht aus Versehen ausknipsen zu können ist nicht zu unterschätzen. Auch diese ständige Reizüberflutung durch Piepsen, Tuten, Mitarbeiter, einströmende Informationen etc. sorgt für erhöhte Stresshormon-Spiegel. Auch nicht gesund.

Auffällig auch, dass sich extrem wenig Patienten bei einer Intensivstation oder dem Notarzt bedanken, ohne den sie vielleicht nicht mehr dastünden. Klar, wenn man intubiert und beatmet ist, kriegt man im Allgemeinen nicht so viel mit. Aber die Leute werden auch wach und wissen dann, bevor sie auf eine periphere Station gehen, dass sie auf der ITS liegen. Aber nach Hause gehen sie von der peripheren Station. Und die ernten dann den Kaffee, die Blumen, die Schokolade, den Kuchen, den Schein für die Kaffeekasse oder auch mal besondere Geschenke wie Kaffeemaschinen, Keramik, Bilder, Delikatessen oder Präsentkörbe und freuen sich.  Egal ob nun drei oder vier persönliche Sätze, die Karte aus der Reha-Klinik oder die Schachtel Merci zu 1,49 aus dem Discounter, was genau ist eigentlich nicht so relevant, eher die Tatsache, dass dort etwas kommt. Ich schätze, dass etwa 50% der Patienten auf einer peripheren Station irgendein kleines Dankeschön überreichen bevor sie nach Hause gehen. Auf einer ITS ist das ganz und gar nicht so. Meiner Schätzung nach ist es vielleicht 1 von  50 oder 75 Patienten, die auf peripher oder in eine Früh-Reha verlegt werden, wo der Patient oder die Angehörigen ein Dankeschön ans Personal der ITS dalassen. Ich habe nach 5 Wochen nur eine Patientin erlebt, die vor ihrer Entlassung auf der ITS ein paar Blumen vorbeibrachte. Dabei fiel mir auf, dass die Schwestern dort eigentlich gar nicht so wirklich wussten, was sie sagen sollten oder mit der Situation umgehen konnten. Wohl weils zu wenig vorkommt.

Ich habe auch darüber nachgedacht, dass es ja einige Notärzte gibt, die ihre Patienten nach ein oder zwei Tagen besuchen. Ich nehme an, weil sie das fachliche Feedback wollen, was es war und was draus geworden ist. Oder ist es auch die stille Hoffnung dass Opa Müller oder Frau Schmidt einfach nur mal sagt „Danke für die 80 Furesis und die 8 Liter Sauerstoff, mir ist eine Intubation erspart geblieben und das Lungenödem ist deutlich besser. Ohne sie hätte ich mir inzwischen Flügel aussuchen müssen.“? Wer weiß…

An sich möchte man meinen, dass es dem Anästhesisten mit Zielauftrag „Rette das Leben und verteidige es bis aufs letzte“ genug sein müsste, zu sehen, dass er diesen Auftrag erfolgreich ausgeführt hat. Aber da wir Menschen sind, die auf zwischenmenschliche Kommunikation angewiesen sind, um daraus unsere Selbstbestätigung und Selbstwertgefühl zu ziehen und positive Erfahrungen zu machen, da fehlt ihnen natürlich die persönliche Rückkopplung durch Patienten oder Angehörige, eben das Dankeschön, das „hast du gut gemacht“. Lob gibts in einer Klinik eigentlich kaum, bei einigen Chefs in bestimmten Fachrichtungen fast nie. Es wird erwartet, dass man als Arzt oder Schwester dazu in der Lage ist, sich selbst zu motivieren, da man ja weiß worauf man sich eingelassen hat und sich der Verantwortung des Jobs bewußt ist. Wirklich, diesen Satz habe ich mal zu hören bekommen, als ich sagte, dass zu wenig gelobt wird und das positive Feedback fehlt.

Ich bin kein Psychologe, aber ich habe auch gelesen, dass fehlendes positives Feedback zu Unzufriedenheit und Depressivität führen kann.

Zu diesem Punkt kommt dann dazu, dass auch die Anästhesisten solche Raubbau-Dienste wie die Internisten, Chirurgen und Pädiater machen müssen.

Außerdem ist mir aufgefallen, dass die Internisten und Chirurgen zwar schon unregelmäßige Essenszeiten haben, aber die Anästhesisten alles toppen. Alle wundern sich über gereizte Stimmung am späten Vormittag, aber es ist einfach nicht gefrühstückt worden. Wenn ich Hunger habe, bin ich gereizt. Das ist ein normaler physiologischer Vorgang, wenn der Blutzuckerspiegel sinkt. Wenn alle Hunger haben, sind auch alle gereizt. Aber es traut sich dort irgendwie keiner zu sagen: So, Pause. Oder mal festzusetzen, dass um 10.00 definitiv Pause ist für 15 min. Woanders gehts doch auch. Warum nicht auf einer ITS? Anästhesisten legen bei der Nahrungsaufnahme dann auch eher ein Verhalten wie ein Rudel Löwen an den Tag. Dieses unregelmäßige prädestiniert natürlich zu gestörtem Essverhalten und dazu, dass der Körper schneller Reserven anlegt und das programmierte Sollgewicht hochschraubt. Um nicht zuzunehmen, rauchen extrem viele der Anästhesisten, habe ich festgestellt, oder es ist ein angenehmer Nebeneffekt des Rauchens. Das Rauchen an sich ist wiederum ein Faktor für sozialverträgliches Frühableben…

Alles in allem: jetzt wo ich bei den Gasmännern zu Gast bin, wird mir klar, warum die ganz am Anfang zitierten Dinge so sind wie sie sind. Ist doch besser, Internist zu sein, oder?

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11 responses

27 01 2010
Doc Brown

Irgendwie kenne ich das, teilweise esse und trinke ich erst nachmittags, kurz vor Feierabend… leider kann ich früh morgens auch noch nicht frühstücken…

28 01 2010
Ärztemangel: Bereitschaftsdienst gut bezahlt! « Drgeldgier's Blog

[…] Das Mehrfache des Assistenzarztes Und plötzlich werden Dir für Bereitschaftsdienst 70€ pro Stunde bezahlt.  Zu meiner Assistentenzeit waren es ca. 10€ pro Stunde. Heute werden es nicht wesentlich mehr sein. Deshalb mein Aufruf an alle bloggenden Krankenhausärzte wie Medizynicus, Monsterdoc, Anna, Josephine, Assistenzarzt: […]

28 01 2010
Beate

Stimmt schon, bei denen hab ich mich auch nicht bedankt, konnte mich aber nur schemenhaft an Gesichter erinnern.

Das zuwenig Lob kommt, ist aber ein generelles Problem. Welcher Arbeitnehmer wird heute schon gelobt? Gibt es nicht vom Chef (obwohl kostenneutral) , außer man hat eben Kundenkontakt.

28 01 2010
Blogolade

Danke für den Beitrag, an die Anästhesisten denke ich auch nie, gestehe ich ehrlich. Sollte ich aber mal wieder einen brauchen, werde ich an diesen Beitrag denken und ihm wenigstens zum Dank die Hand schütteln (wenn er seine Arbeit gut gemacht hat 🙂 )

28 01 2010
Anna

Als Anästhesist lernt man ganz schnell, auf ein „Danke“ zu verzichten. Das ist Teil der Facharztausbildung. Aber ich hab’s auch schon anders erlebt, und auf unserer ITS kommt eigentlich mindestens einmal in der Woche irgendwas rein… und sei es nur die Todesanzeige bei vergebener Mühe.

29 01 2010
Kira

Hallo Herr Assistenzarzt,

ich lese ganz neu in Ihrem Blog und finde ihn prima! Ich kommentiere eher selten – aber dazu muss ich mal meinen Senf loswerden.

Meine bisher einzige Erfahrung mit einer ITS (bin Nichtmedizinerin) ist schon ein paar Jahre her. Damals lag mein Vater (60 Jahre alt) dort. Er hatte schon eine ziemliche Krankenhaus Odysse hintersich (Urologie, dann wegen Komplikationen auf die Innere). Da seine Vitalzeichen immer schwächer wurden, er nicht mehr aß und halluzinierte kam er auf die ITS. Die Ärzte und Pfleger dort waren die einzigen, die meinen Vater in all der Zeit freundlich und hilfreich behandelt haben. Obwohl auch die ständig unter Monsterstress standen! Sie waren auch immer auskunftsfreudig und nett zu mir. Mein Vater wurde nach Besserung nach 2 Wochen auf die Geriatrie verlegt und verstarb dann nach einer weiteren Woche dort. Das war wahrscheinlich nach allem was ich heute weiss nicht zu vermeiden gewesen.

Und ja, ich habe mich nicht bei der ITS erxtra bedankt. Ich war viel zu fertig damals. So einen Monat später habe ich mal dran gedacht – aber nicht gewusst ob das Sinn macht, da die ITS-Mannschaft sich bestimmt nicht an meinen Vater erinnern konnte – logischerweise. Ihr Blog hat mir gezeigt das meine Bedenken da wohl fehl am Platz waren.

Viele Grüße,
Kira

31 01 2010
ricolikesbikes

Auch ich bin gerade erst dabei, diesen Blog, auf den ich ganz zufällig gestoßen bin, zu durchforsten.

Das Thema „Dankbarkeit“ spiegelt sich nicht nur in der Klinik wieder. Ich arbeite im Rettungsdienst und kenne eben die angesprochenen Schwierigkeiten, die sich mühelos noch um einige weitere Punkte ergänzen ließen, nur zu gut.

Die fehlende Rückmeldung von Patienten oder Angehörigen würde ich aber fast als normal bezeichnen. Die mangelnde Anerkennung seitens der Vorgesetzten führt da sehr viel schneller zu Problemen und mündet häufig im Burn-Out. Das gilt für nichtärztliches Personal in gleichem Maße wie für Ärzte in vergleichbarer Situation.

Umso erfreulicher sind kleine Aufmerksamkeiten, die, zwar selten, gelegentlich in Form einer kleinen Grußkarte ein kurzes wertschätzendes Feedback vermitteln.

Und die eben angesprochene Frage, ob es einen Sinn ergibt, kann ich für mich nur so beantworten, dass es noch heute Situationen und Patienten gibt, an die ich mich sehr genau erinnern kann – ich glaube sagen zu dürfen, dass dies sicher auch für die Mitarbeiter von Intensivstationen gilt. Manchmal ist das bewusste kleine Wort so unendlich motivierend …

16 03 2010
Andrea

Doch… bei „meinem“ Anästhesisten habe ich mich bedankt…
jedesmal… weil der Mann einfach nur Spitze war… einfühlsam… kompetent…

gerade bei der letzten Sectio hat er es nach dem 10. Anlauf (auf mein Drängen – nach Anlauf Nr. 5 hatte er die Vollnarkose vorgeschlagen) geschafft die Spinalanästhesie zu setzen… was wirklich nicht leicht war, da ich einen Prolaps an der Stelle habe…

und ich war ihm wirklich unendlich dankbar, dass er mir die Vollnarkose ersparte… und ich miterleben konnte, wie mein Kind geboren wurde…

Einmal benötigten wir auch den Rettungsdienst für eben besagtes Kind, da er Hypertonie-Medikamente aus dem Küchenschrank „gelutscht“ hatte… (was uns auch lehrt, dass ein 3jähriger sehr wohl an den oberen Küchenschrank kommt und alles an Medis weggeschlossen werden muss)

Ich bin nach unserem Krankenhausaufenthalt zur Rettungswache gefahren und habe dort einen Brief und ein Geschenk hingebracht…

Mir persönlich war es wichtig und ein Bedürfnis meinen Dank auszusprechen, weil es hier Menschen waren, die sich für meine Familie und mich über alle Maßen eingesetzt haben… ich empfand es nicht als selbstverständlich…

Und ich kann es auch vollkommen verstehen, wenn man in dieser Hinsicht
frustriert ist, wenn das Feedback für die eigene Arbeit ausbleibt…

Geht wohl jedem so… und dabei wären ein paar ehrliche Worte des Dankes und Lobes so leicht auszusprechen…

Generell gesprochen… bezieht sich nicht nur aufs Arbeitsleben… ;-)))

LG

Andrea

17 03 2010
Velten Dietzel

Das habe ich in der Form noch gar nicht betrachtet. Der Ansatz ist sicherlich interessant. Da haben wir neulich noch auf der Arbeit drüber diskutiert.

20 03 2010
ivar

Mir ging es wie Kira, als meine Mutter völlig überraschend mit Gehirnblutung ins Krankenhaus kam. Die drei Wochen Intensiv waren derart der Horror ob der Unvorhersehbarkeit der Situation, dass wir zwar himmelfroh waren über die gute Betreuung dort, aber offenbar nicht in der Lage für Altruismus und Dankbarkeit. Vielleicht auch deswegen, weil die anschließende Behandlung/Untersuchung auf der internistischen Station derselben Klinik umgekehrt der Horror waren: Meine Mutter deutlich auf dem Weg der Besserung, aber immer noch nicht klar, wie viele Folgeschäden evtl. bleiben würden, und Station, Ärzte, Schwestern, von der Ausstattung bis hin zum Umgangston mit Patienten und Angehörigen unter aller Sau, lässt sich leider nicht eleganter sagen, und „Überforderung“ usw. ist mir egal, für uns war das auch kein Urlaub.
Was mich jetzt gerade beim Lesen Ihres Artikels betroffen macht, ist aber die Tatsache, dass diese schlechte Erfahrung offenbar die gute so überlagert hat, dass wir nie daran gedacht haben, den wirklich großartigen Leuten auf der Intensiv irgendwie zu danken – gerade, da wir ja innerhalb des selben KH gemerkt haben, wie wenig selbstverständlich das ist. Hm. Vielleicht mal nachholen.

3 04 2010
einaesthetist

Soweit ich weiß gibt es tatsächlich das Phänomen, daß sich ITS-Patienten oft gar nicht mehr an die Zeit auf der ITS erinnern, also auch nicht an Gespräche mit den dort Diensthabenden etc., auch wenn sie klar wirkten und lange dort lagen. In meinem Bekanntenkreis gab es diese Erfahrung mehrmals. (Pat. auf Station besucht und nicht erkannt worden nach wochenlangem ITS-Aufenthalt mit schrittweiser Besserung.)
Das würde die raren Danksagungen erklären. Andererseits gilt das mit dem Vergessen nicht für die Angehörigen… Tja.

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