Assistenzarzt bei den Gasmännern – Teil 6

3 03 2010

Heute habe ich das erste Mal das gruselige Erlebnis gehabt, miterleben zu müssen, wie einem Patienten grad das dissezierte Bauchaortenaneurysma platzt. Es hatte etwas von einem Horrortrip für alle Beteiligten, insbesondere für den Patienten. Der Patient war schon diagnostiziert worden mit einem Aneurysma dissecans der Aorta, relativ frisch und nach chirurgischer Versorgung schreiend. Keines von diesen über Jahre arteriosklerotisch wachsenden. Also kam er wach und soweit ok auf eine Intensivstation bis der OP frei war. Tausende Male, ok, vielleicht hunderte Male, hatte der Patient sich zuvor ohne Probleme bewegt, auch im Bett. Nur dieses eine Mal ging es nicht gut. Er hatte nach einer Sich-Selbst-Hochzieh-Bewegung plötzlich einen heftigen Schmerz im Bauch verspürt. Innerhalb von Sekunden brach der Blutdruck weg von 140 auf 40 systolisch und die Frequenz jagte hoch, man traute seinen Augen kaum, was auf den Monitoren passierte. Es fiepte Alarm, wir sahen auf die Monitore, liefen hin. Das schlimmste für mich war, dass man auch ohne die Diagnose zu kennen – und ich kannte sie in dem Moment, als ich den anderen ins Zimmer hinterher rannte, noch nicht-, nur anhand dessen was man sah, innerhalb von wenigen Sekunden wußte, was los war. Er wurde graubleich, verdrehte die Augen, zentralisierte sofort, krümmte sich noch für Sekunden bevor der Tonus der Muskulatur aufgrund des Schocks und der zunehmenden Bewußtseinstrübung sank. In einer Vorlesung hätte man es mit „klassische Symptome“ umschrieben. Mir stellten sich die Nackenhaare auf. Ambu-Beutel, Druckinfusion, haufenweise Fach- und Oberärzte rundherum, perfekt trainiertes ITS-Pflegepersonal. Für mich als ITS-Tourist beeindruckend das perfekte Management zu sehen.

Man mag sich die glücklichen Umstände in diesem Unglück für den Patienten kaum vorstellen: Dabei auf einer ITS am Monitor zu liegen, Pflegekräfte und Ärzte anwesend im Raum, ausreichend Reservepersonal vorhanden, ein OP, der gerade just in diesem Moment frei wird, Chirurgen, die grad verfügbar sind. Und eine Blutbank, die ausreichend Konserven für eine seltene Blutgruppe hatte. Wenn ihm das zuhause im Bett passiert wäre, wäre 10 Minuten später der Notarzt da gewesen, vielleicht auch erst 15 Minuten später, keine Chance.

Meine Nackenhaare standen wie gesagt schon. In den nächsten Minuten fielen mir einige frisch aufgetretene Aortenaneurysmen und Dissektionen, sowohl thorakale als auch abdominelle ein, die mir bisher begegnet waren. Sowas merkt man sich, weils eher selten ist. Aber wenn ich mir überlege, dass hier eine Bewegung reichte… Oh man…

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3 responses

4 03 2010
MTRA

Ja, gerne passiert das auch beim „Rüberrutschen“ vom CT-Tisch auf die Ambulanztrage, nach Diagnostizieren der Dissektion oder des gedeckt rupturierten Aneurysma.
Noch bevor man sagen kann „warten sie, bleiben sie ganz ruhig liegen, wir lagern sie mit dem Rollbrett um“, hieft sich der – gesund fühlende – Patient selbst rüber mit den (letzten) Worten „ach was, ich kann das allein“…
So viel Glück wie Dein Patient hat leider nicht jeder.

4 03 2010
Doctors Blog » Blog Archive » Medizinerblogs – Warum eigentlich?

[…] heute (oder gestern, sorry hatte Dienst und bin mir über das genaue Datum noch nicht im klaren) über “Erfahrungen bei den Gasmännern”, über ein rupturiertes BAA. Und Josephine macht sich Gedanken über ihren Beruf, ihre Berufung. Ausgehend von diesem Artikel […]

4 03 2010
Doc Brown

Das braucht auch soviele „positiven Zufälle“, ich glaube soetwas wird man nie wieder „erleben“.

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