Life is live… in der Chefvisite

24 04 2010

Nichts ist schöner als live das Leben wie es ist in der Chefvisite mitzuerleben… 🙂 Wenn man seinen Chef mag, uns so merkwürdig das klingt, momentan tue ich es, dann sind auch die Chefvisiten eine Lehrstunde mit 1:1-Teaching für Assistenten, bei denen man manchmal staunt.  Oder aber auch auf die Lippen beißen muss, um nicht loszulachen. Die Menschen sind eben wie sie sind, Menschen. Und wenn sie alt werden, also Generation 80plus und so, dann sehen sie manches anders, bestimmte Dinge sind nicht mehr so wichtig, die sind einfach relaxter als wir das wären.

Zimmer 291999329192, die Karavane tritt ein, ist am Patientenbett, ein Gespräch, das übliche. Im Nebenbett lauscht man gespannt – Frau Müller-Meier versteht zwar nicht alles, was die da in weiß so erzählen, aber schön isses, wenn mal Besuch kommt und man mit denen reden kann. Plötzlich ein Donnerhall unter der Bettdecke des Nebenbettes, in dem die weit über 80 jährige sehr schlanke und kleine Frau Müller-Meier liegt, die Decke bis zu den knochigen Schultern, darüber guckt strahlend ein graues Haupt hervor, die Haare etwas eigensinnig stehend, die dunklen Augen spitzbübisch und unschuldig wie die eines Kindes, Falten zeigen wie anstrengend das Leben gewesen ist bis dahin. Die Gardinen wehen,  narkotische Düfte umwabern die Karawane. Beherrschung ist die erste Arztpflicht. Die Schwester verlässt unter einem Vorwand das Zimmer, Tränen in den Augenwinkeln. Ein weiterer Donnerhall ertönt als die Karawane sich Frau Müller-Meier zuwendet, die jetzt überglücklich strahlend zum Chefarzt blickt. Der begrüßt sie und fragt wie’s denn so geht. „Jahaha.“ nickt sie „Wenns Arschl brummt, ists Herz gesund!“ – „Ach wissen Sie, nichts Menschliches ist uns fremd.“  Wie charmant der Chef doch sein kann. Naja, das mit dem Menschlichen… also Müdigkeit nach einem Dienst ist auch menschlich, glaub ich, auch wenns nicht so gesehen wird. Ein Gespräch zwischen Chef und Frau Müller-Meier entwickelt sich. Ja, morgen gehts nach Hause. Ach ja, die netten liegen immer viel zu kurz und die muffligen Meckerer immer ewig, denkt Assistenzarzt im Stillen. Chef horcht nochmal auf die Lunge. Ein weiterer Donnerhall ertönt und Frau Müller -Meier kichert erst, lacht dann spitzbübisch. Ich find schon, dass es einen Unterschied macht, ob man 40 cm weit weg ist oder 2,5 m. Bewundernswert, den Chef meine ich, dass er Humor hatte.

Ein anderer Tag, eine andere Chefvisite. Zimmer 339191947326. Herr Schmidt-Schulz, etwas dicklich, aber agil, noch keine 80, nein noch nicht mal 65, liegt im Bett, die Bettdecke bis zur Brust als die Karawane an sein Bett kommt. Hallo, ja, Chefvisite, Chefarzt… Ja, wie es ihm so geht. Naja, soweit gut. Ob der Chef mal den Bauch untersuchen kann. Hmmm, naja wenns sein muss. Die Bettdecke wird zurückgeschlagen, aus noch tieferen Regionen kommt die Urinflasche ans Licht. Gefüllt, um nicht zu sagen voll. Rechts am Bett ist die Halterung zum Hineinstellen befestigt, aus der er sie leer entnommen haben musste.  Eigentlich gut zu erreichen, wenn man sich noch so gut bewegen kann und 2 gesunde Hände hat. Chef tritt ans Bett und Herr Schmidt – Schulz hält ihm die Urinflasche hin, nein, er drückt sie ihm förmlich in die Hand. Es schwappt fast über. Chef ist irritiert. Alles erstarrt. Herr Schmidt-Schulz macht den Bauch frei. Chef sucht derweil die Halterung, geht ums Bett auf die andere Seite und hängt die volle Flasche ein. Ein erwartungsvoller, genervter Blick des Patienten trifft den Chef…. ja will er nun nicht endlcih den Bauch und so… Chef dreht sich um, Patient irritiert, schlägt das Hemd wieder über den Bauch während Chef sich die Hände desinfiziert. Chef tritt an den Patienten heran, will starten, trifft auf angezogenen Bauch… Patient „Oh, ich dachte, sie habens sich anders überlegt.“ Untersuchung. Fertig. Kurzes Gespräch. Fertig. Patient zum Chef: „Ach könnten Sie mir dann noch eine neue Flasche bringen?“ Hochrote Stationsschwester zum Patienten: „Herr Schmidt-Schulz, das ist der Chef, sie können mir sowas sagen, sie kriegen ihre neue Flasche und wieso stehen sie eigentlich nicht auf zur Toilette? Sie dürfen doch.“ – „Naja, so ists besser, läuft doch grad Formel 1 Wiederholung.“

Noch eine andere Visite. Zimmer 8349823734. Patient im Durchgangssyndrom, exsikkiert etc. Chef „Sie müssen mehr trinken, verstehen sie?“ Patient nickt. Gespräch. Problem ist ja, dass sich bestimmte Worte immer in Synapsen einbrennen. So wie Lieder, die man als Ohrwurm hat. Nächstes Bett, nächster Patient. Chef kriegt plötzlich große Augen und starrt auf den vorherigen Patienten „Nein, nicht!!! Nicht trinken!“ Alles reißt die Köpfe rum. Blumenvase? Desinfektionsmittelspender?  Nee… die Urinflasche… Eigenmächtige Alternativtherapieversuche des verwirrten Patienten… Hmmm, wir haben ihn zum Glück daran hindern können, aber zeigt mal wieder, dass die Tücke im Objekt liegt… und man sich genau überlegen sollte, was man als Arzt sagt…

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4 responses

24 04 2010
Benedicta

Immerhin: sehr löblich, dass der Chef so auf die Handhygiene achtet.

26 04 2010
Mrs. House

haahahahaah! Der eintrag hat mir ein paar schöne lacher beschert 😉

2 05 2010
anna

Hehe, immer die Contenance bewahren 😀

27 05 2010
neonatalie

hahahaha.. einfach nur genial!

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