„Nein“ ist nicht nur ein Wort

4 06 2010

Also ich weiß das. Ich habe mir die vergangene Woche extrem Mühe gegeben, das auch allen Ungläubigen beizubringen. Zuallererst waren die zitierten Angehörigen dran. Also ich finde, meinen Patienten gings die Woche deutlich besser, weil sie ihre Lieben auch mal gesehen haben. Und ich habe einen Zeitkorridor geschaffen, dessen Verbindlichkeit ich gerade durchsetze. Ein Lernprozess. Nicht nur für mich, ich muss mich ja auch dran halten, weil wenn man sowas festlegt, muss mans ja auch durchziehen. Nein, auch für das Pflegepersonal… „Ich hab denen gesagt, wir haben Sprechzeiten, aber die sind jetzt grad da und wollen dich sprechen.“ – „Dann sag ihnen, es gibt Sprechzeiten und sie müssen solange warten, die Ärzte sind beschäftigt mit Patienten.“ – „Äh, kannst du ihnen das nicht sagen?“ – „Nö, wieso, steht doch groß dran. Sie können auch nen Termin machen.“ – Maul, grummel… Ging trotzdem. Geht nach einer ersten Gewöhnungsphase sogar ganz gut, weil es eine Zeit gibt, auf die verwiesen wird oder eben Termine. Und die Zahl der mal-eben-kurz-den-Arzt-sprechen-Menschen hat auch rapide nachgelassen. Jeden Versuch konsequent abgeblockt. Eine Kollegin hats noch erwischt mit dem beobachten wie sie aufs Klo ging und danach abfangen. Die Schwester, die es gesehen hat, war dafür umso direkter „Wollen Sie der Frau Doktor nicht gleich aufs Klo folgen, die Wand is dünn, da kann man sich durch unterhalten… Nein, war nicht bös gemeint, aber sie wissen schon, es gibt Orte, da geht man allein hin.“

Meine ist-mir-doch-egal-soll-er-machen-wie-er-will = dickes Fell hat sich wieder etwas erholt. Ich hasse es trotzdem, wenn Patienten rumbrüllen. Aber wieso soll ich very british höflich sein, wenn ich angebrüllt werde, dass man die Tabletten nicht will und auf einen Blutdruck von 220 pfeift? Is das mein Problem? Nö. Es tut erstaunlich gut, wenn man demjenigen das batsch trocken erklärt, dass es nicht des Doktors Problem ist und dann trotz anbrüllen des Gegenübers trocken und ruhig weiter erklärt, welche Komplikationen drohen bei unbehandeltem Hypertonus. „Haben Sie das alles verstanden?“ – „Ja, ich bin doch nicht blöd… brüll, zeter, mecker… ich nehm keine Tabletten.“ – „Dann unterschreiben Sie bitte hier.“ – „Wie unterschreiben?“ – „Dass Sie die Medikamente nicht wollen und wissen, dass sie dann hohen Blutdruck haben und einen Schlaganfall kriegen können, an dem Sie sterben können oder zum Pflegefall werden, wenn Sie Pech haben.“ – zöger, zöger, grübel… unterschreib. Minimental-Status-Test ausreichend. Ordentliche Doku. „Ach ja, wenn Sie doch Tabletten nehmen wollen, sagen Sie einfach bescheid, wir haben genug im Schrank oder melden Sie sich beim Hausarzt. Und wenn Sie plötzlich umfallen oder was nicht mehr bewegen können oder die Sprache weg ist, dann rufen Sie oder Ihre Frau bitte schleunigst den Rettungsdienst.“ Noch mal Doku, netter Arztbrief. Tschüß und Auf Wiedersehen. Ommmmmmmmmmmm… ich bin eine Blüte im Sommerwind…

Und das mit den Arbeitszeiten… da muss ich auch noch mal was machen. Eventuell die chirurgische 10-A-Regel abwandeln oder … naja, ich hab da ein paar Überlegungen. Als erstes habe ich die letzten Tage mal etwas meine Wut nach außen kanalisiert und an einige Adressen abgelassen, die mir diese Wut beschert haben durch ihr loswerden-weil-dann-ist-es-nicht-mehr-mein-Problem-und-was-geht-mich-das-an-was-die-anderen-damit-machen. Wenn andere diese Wut erzeugen, wieso soll ich sie dann für mich behalten?

Advertisements

Aktionen

Information

6 responses

4 06 2010
milchbroetchen

Super. Selber agieren, nichts reinfressen.
Sehr gut gemacht.

4 06 2010
anna

*lach* danke für die schöne Schilderung. Zum Glück haben wir nur 4 Stunden pro Tag Besuchszeit, das schränkt die Angehörigengespräche doch relativ stark ein 😀

4 06 2010
souly

das hört sich doch schön an 🙂 sehr sehr schön. 🙂 haste gut gemacht, ein erster schritt in die richtige richtung.

6 06 2010
Jette

Herzlichen Glückwunsch! 😀

6 06 2010
Stefan

Ha, klasse! Sind wir nicht alle Blüten im Sommerwind… http://www.youtube.com/watch?v=Ul5H2-s1GTw

9 06 2010
arzt4empfaenger

Glückwunsch zum Durchboxen des „NEIN!“s! Das ist auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung und fühlt sich hoffentlich auch gut an, man muß sich schließlich auch wehren dürfen.

Das auf dem Klo abfangen ist unterste Kanone. Unfaßbar unanständig!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




%d Bloggern gefällt das: