Ein Arzt beim Arzt?

20 09 2010

Was man als Arzt eher vermeiden sollte, ist krank zu werden. Nicht nur, weil es an sich unangenehm und ungesund ist, sondern auch, weil man dann mit Kollegen auf andere Art und Weise kommunizieren muss: Als Patient. Wenn Assistenzarzt krank wird, gibts zum Glück nen Hausarzt des Vertrauens. Aber auch lange danach gesucht. Mediziner sind eben nicht einfach – als Patienten. In der Regel weiß ich selbst, was los ist, aber Rezepte, Laborwerte etc. und Krankenscheine fallen nicht vom Himmel.

Gehts dann aber in Regionen, wie Knochen, Gelenke, Ohren, Augen usw. wo ich nicht so bewandert bin, dann braucht auch Assistenzarzt jemanden, der sich damit auskennt. Und da fängt das Problem an. Ob fachlich gut, krieg ich ja noch so halbwegs mit. Aber der Rest… nichts ist schlimmer, als wenn man als Arzt dort sitzt und der andere kennt einen (da hat man  manchmal kaum eine andere Wahl) oder fragt, was man beruflich macht (Gesundheitswesen… Aha??? Ja wo denn da? … Klinik… Und was machen Sie da????…. Ich mach auf Arzt…) und dann wird vorausgesetzt, dass man die jeweilige Fachkunde mit Löffeln gefressen hat. Manche Kollegen sparen sich sämtliche Erklärungen und setzen voraus, dass man eh alles weiß oder das Standardwerk vorher schonmal gelesen hat, bevor man zu ihm kam. (ich warte übrigens auch so 2 Stunden im Wartezimmer wie alle anderen und fordere mir keine Extrawurst ein, also hätte ich theoretisch auch Zeit für einen dicken Wälzer). Da kommt dann nur ein „Na Sie wissen ja selbst…“ oder „Machen wir wie üblich…“ Da auch Assistenzärzte, nicht nur meine Wenigkeit, allgemein mal so krank werden können wie Otto-Normal-Patient und eine Krankschreibung benötigen, taucht das nächste Problem auf. „Krankenschein? Brauchen Sie nicht oder?“ oder „Bei sowas machen Sie nicht krank, oder? Sie können ja noch… Dann halten sich eben ein wenig zurück.“ Das würden sie einem Otto-Normal-Patienten nur sehr selten sagen, zumindest habe ich das damals im PJ und Famulaturen in diversen ambulanten Bereichen nie erlebt, das mal so ein Satz kam. Besonders schlimm ist das, wenn Assistenzarzt zur Arztvertretung muss, weil der normale Behandler Urlaub hat. Die Vertretungen haben in der Regel eh die Nase voll von der Überflutung mit nicht-eigenen Patienten und wenn manche von denen mitkriegen, was man beruflich macht, weil sie fragen oder es auf der Akte steht, dann sind sie extrem kurz angebunden.

Und noch ein Ort, wo es schlimm ist: Chirurgen. Bei denen habe ich immer das Gefühl, ich bin ein Simulant. Egal, was ich mir getan habe, ob Band im Eimer oder Knochen kaputt. Dieses von oben herab und ins Lächerliche ziehen ist mir nicht nur bei einem Chirurgen passiert. Wie gehts dann erst Otto-Normal-Patienten?  Oder verhält man sich so nur gegenüber ärztlichen Kollegen? Die herablassende Behandlung mancher Kollegen muss ich mir also wie jeder andere auch gefallen lassen. Aber ich bin nicht Superman. Ich als Assistenzarzt hab auch ein Schmerzempfinden und wenn ich nicht richtig laufen kann oder ein Band im Eimer ist oder ich mir einen Finger oder sonstwas gebrochen habe, dann will ich die gleiche Behandlung wie alle anderen auch. Ich kann wohl kaum mit einer Schiene an der Hand arbeiten, geschweige denn hygienische Regeln einhalten, die Hand nicht richtig benutzen und auch nicht die PECH-Regel einhalten. (PAUSE, Eis, Compression, Hochlagern). Mein Knochen wächst auch nicht schneller zusammen als der von anderen.

Neulich war ich bei einem Fachgebiet, weil ich nicht umhin kam. Es war kein Chirurg. Es war nicht die übliche Kollegin sondern eine Vertretung. Ich wollte Kurzwelle und Krankenschein für ein paar Tage zum Auskurieren und kriegte ein nicht indiziertes Antibiotikum mit falschem Erregerspektrum, ein Röntgenbild, wo es auch eine andere Untersuchung getan hätte und den ärztlichen Blick der Kollegin auf das Röntgenbild mit einer Seitenverwechslung (die sie nicht bemerkt hat…) und den Satz „Naja, Krankenschein brauchen Sie ja nicht, Sie sind ja Ärztin, aber kommen sie auf jeden Fall am Tag xy wieder.“ Natürlich sah sie mich nicht wieder.

Es gab mal einen Artikel im Ärzteblatt vor einigen Jahren, was Ärzte erwarten, wenn sie zum Arzt gehen. Das Fazit war: behandelt werden wie alle anderen auch und erklärt bekommen, was man nicht weiß, keine falschen Wissensvoraussetzungen durch den Behandler, keine überzogenen Erwartungen des Behandlers an die Fähigkeiten des Arzt-Patienten und ein wenig kollegialen Respekt. Wenn ich in der Notaufnahme mal – was selten vorkommt – ärztliche Kollegen oder Pflegepersonal behandeln muss, dann versuche ich mich an diese Punkte  zu halten. Die Zahl der unter-der-Hand-Konsultationen zur Beratung oder Fragestellen aus dem privaten Bereich hat über die Jahre kontinuierlich zugenommen. Auch die Fragen, ob ich mich irgendwann niederlassen würde, weil man ja gerne… und so… Es geht also. Aber als Arzt sollte man bestimmte Fachgebiete oder Kollegen doch am besten meiden… Gesund zu sein ist sowieso das Beste!

Ein paar Beispiele noch obendrauf:

http://www.forum-gesundheitspolitik.de/artikel/artikel.pl?artikel=0197

http://www.slaek.de/50aebl/2009/archiv/09/pdf/0909_486.pdf

Leider finde ich den von mir zitierten Beitrag nicht. Falls ihn jemand aufstöbert, bitte posten.

Fazit bleibt jedoch traurigerweise insgesamt: Wenn wir Ärzte merken, wie bescheiden manche Behandlungen unsererselbst als Patienten sind, wie abgestumpft das Personal geworden ist (selbst gestresstes Hotelpersonal wirkt gegenüber manchen Ärzten und Pflegepersonal natürlich freundlich und nicht fließband-freundlich), dass wir Geschäftsobjekte sind und dass die Grundhaltung mancher Kollegen ist, dass sie den ganzen Tag nur Simulanten mit Krankenscheinbegehren behandeln und wir ebenso unter diesem Motto abgefertigt werden, dann haben wir endlich kapiert, wie grottenschlecht sich ein großer Teil unserer Standeskollegen verhält und sollten uns schwören, es selbst besser zu machen und das auch durchziehen.  Und nur für den Fall, dass wir genauso jemanden mal vor die Flinte kriegen, der uns das hat so schön spüren lassen wie es doch alles falsch ist, dann können wir ja mal drüber nachdenken, ob wir unseren Handlungsantrieb bei der Behandlung dieser Personen alttestamentarisch oder nach humanistischen Idealen gestalten…

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7 responses

21 09 2010
Denis

Wenn man nach seinem Job gefragt wird und schon mit „Gesundheitswesen“ geantwortet hat, sind bei weiterem nachbohren Antworten wie: „Ja, bei der Ärztekammer“, „bei der Kassenärztlichen Vereinigung“ oder „beim Gesundheitsamt“, wohl die bessere Antwort. Ich kann mir jedenfalls vorstellen das sich der ein oder andere dann doch mehr Mühe gibt. 😉

21 09 2010
Benedicta

Ähm… du WURDEST bei dieser Ärztin behandelt wie jeder andere auch. Der Unterschied ist nur, dass du MERKST, wenn sie murkst – und ein normaler Patient nicht.
(Ich z.B. bin mir nicht mal sicher, ob ich bei einem Röntgenbild oben und unten unterscheiden könnte, geschweige denn rechts und links…)

22 09 2010
T

Ja ich schliesse mich da an. Das ist die ganz normale Behandlung.
Ansonsten gebe ich zu Bedenken, dass du im Fall mit dem Chirurgen den Chirurgen einfach nicht beeindruckt hast oder du bist einfach viel zu früh vorstellig geworden bist. Solang der Chirurg dafür nicht seinen kompletten OP Plan umwerfen muss, wenn er dich nicht gleich als Not-OP ansetzt, ist es relativ unwahrscheinlich das er deinem Humpeln – gebrochener Knochen hin oder her – allzuviel Beachtung schenkt.

Für die Not-OP und Nachbehandlung im KH solltest du spontan dann 3-4 Tage Urlaub einplanen ehe du planst fern von deinem Wohnort wieder arbeiten zu gehen. Frag aber vorsichtshalber bei jeder Visite (die findet bei Chirurgen gerne zu wechselnden Tageszeiten statt – falls er/sie dich nicht vergessen hat, kannst du mit seinem Besuch zwischen 8:00 und 23:00 rechnen – falls du wagst das Zimmer während dieses Zeitraumes zu verlassen oder gar ins Bad zu gehen ist es relativ wahrscheinlich das du seine/ihre Stipvisite verpasst) nach, ob du am nächsten Tag entlassen wirst.
Wiederhole das Ganze. Gehe aber vorsichtshalber den Tag noch zur Arbeit und entschliess dich erst dann bei dem Chirurgen vorstellig zu werden.
In diesem Fall wird dich der Chirurg etwas ernster nehmen wenn du mal wieder mit ihm sprichst und Beschwerden äusserst (ausserdem hast du auch kein Problem mit Krankschreibungen mehr).

Aber vorsicht das lässt sich nicht auf die anderen Ärzte in dem Krankenhaus übertragen. Also falls du spontan irgendwelche Komplikationen oder Beschwerden zeigst oder ein Problem äussert. Wird der diensthabene Arzt dich keinesfalls Ernst nehmen und dir jegliche Behandlung quasi verweigern – bei dem bist du leider noch auf dem Status Simulant.

Nein das ist nicht übertrieben nur Erfahrung.

22 09 2010
Assistenzarzt

@ Benedicta: Ja, ich werde meistens wie jeder andere Patient auch behandelt, weil ich mich bei neuen Ärzten ungern zu erkennen gebe und bei den bereits besuchten und für ok befundenen keine Ansprüche erhebe, wie andere meiner Kollegen das gerne mal machen. Wahrscheinlich haben Ärzte deswegen soviel Manschetten davor zum Arzt zu gehen, weil sie meistens merken, wenn jemand rummurkst und die anderen schon in der Angst davor, Murks zu machen entweder blinden Aktionismus betreiben oder das Spiel „Viele Köche verderben den Brei“ spielen. Das Resultat bleibt das gleiche. Ärzte sind die schwierigsten Patienten… fragt sich nur, ob die Patienten schwierig sind oder die Behandler selbst das ganze Problem machen. Und wenn man dann mal einen gefunden hat, dem man vertraut, dann bleibt man dort… und hofft, dass er od er sie nicht so schnell in Rente geht.
Nachdenklich stimmen mich aber die Häufungen eigener Murks-Erfahrungen… darüber grüble ich nach…

Chirurgen sind eine gesonderte Species von Ärzten, bei denen gewöhnliche Arzt-Dinge einfach nicht gelten. Als Internist hat man eh ständig Anstoßpunkte und bekommt das geschilderte nur zu gut mit, wenn man konsiliarisch tätig ist. Das löst in mir das große Bestreben aus, alles zu tun, um nie chirurgischer Patient zu werden. Nur leider schafft mans nicht immer… nich mal als Arzt…

22 09 2010
Suse

Jaja, die lieben Kollegen…. *seufz*. Ich bin bislang immer gut gefahren mit dem, was mir mal ein alter Prof gesagt hat: „Behandle jeden so, als hättest Du einen Dir ganz lieben Menschen vor Dir!“. So verwandeln sich ca. 90% aller Patienten für einen Bruchteil einer Sekunde in meine Großmutter – und schon klappt´s.

Allerdings muss ich ein Geständnis machen: Als Amtsärztin beim Bund habe ich einen Riiiiiesenvorteil. Ich habe überwiegend beratende und beurteilende Funktion – und anders als die allermeisten Kollegen – kann ich mir Zeit ohne Ende nehmen. So kann es passieren, dass eine einfache Untersuchung schon alleine durch das zuvor geführte Gespräch mal locker 90 Minuten dauert. Wer kann sich das leisten? Und Gesprächsbedarf ist anscheinend da. Sei es nun die Erörertung der Laborergebnisse – oder plötzliche Kummerkastengespräche. Wenn dann z.B. ein 60 Jähriger in Tränen ausbricht, weil er seit Jahrzehnten denkt, er sei Schuld an einem genetischen Defekt seiner Tochter – dann wird sogar die Kleenexbox rausgekramt.

Das größte Lob für mich war neulich der Kommentar: „Sie sind gar nicht so schlimm, wie ich dachte… Endlich mal jemand, der mir zugehört hat.“

Naja, wie gesagt: Amt, feste Bezahlung, keine Abrechnungen, keine Gebührenverordnungen, kein Zeitdruck (außer dem, den ich mir selbst bereite, damit die Akten nicht zu lange liegen…).

Ansonsten: Aufgeschmissen und unsicher – vor jedem „außergewöhnlichen“ Arztbesuch mache ich mir inzwischen Zettelchen, damit ich ja nichts vergesse… *schulterzuck*

15 05 2011
Faris

So ist es nun mal heutzutage mit den Ärzten. Ich habe auch einige Erfahrungen mit ihnen…

11 11 2011
riocasiner

@Faris
Sogar die Ärzte irren sich manchmal, wenn es um Diagnose geht.

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