Ach, auch wieder da oder immer noch?

26 10 2010

Für alles gibt es Zeichen. So auch für die Tatsache, dass ein Patient zu lange oder zu oft auf Station ist. Oder das zu viele Patienten zu lange und zu oft da sind…

  • Man begrüßt sich schon in der Aufnahme mit Handschlag und Vornamen und freut sich über das Wiedersehen. Manche Patienten stellen für einander das sicherste soziale Netzwerk dar. Irgendwann trifft man sich auch privat, die Kinder kennen einander beim Vornamen, die Enkel wechseln in den gleichen Sportverein,… schließlich verlangt man in der Visite nach der Synchronisierung der Medikation.
  • Bei der Wiederankunft wird jedes Mitglied des Personals mit Namen begrüßt.
  • Bei der Wiederankunft fällt der Stoßseufzer der Erleichterung „Endlich wieder zuhause!“
  • Der Patient ist froh, endlich wieder ein geregeltes Leben zu haben, einen Zeitungskiosk, der mit Fahrstuhl erreichbar ist, Leute mit denen man reden kann und Essen, das nicht aus der Dose kommt.
  • Jede Veränderung der Ausstattung wird sofort bemerkt.
  • Sämtliche Rotationsassistenten kennen den Patienten, seine Krankengeschichte und die Angehörigen.
  • In Notfällen wird auf die Aufnahme auf der „Heimatstation“ bestanden.
  • Die Vor- und Nachteile jedes Zimmers kennt der Patient in- und auswendig.
  • Der Patient hat Angst davor, wieder in die reale Welt entlassen zu werden und davor, seinen Alltag selbst in die Hand nehmen zu müssen. Die Wiederaufnahme wird fast wie ein Urlaub herbeigesehnt.
  • Der Patient ist darauf bedacht, es sich mit dem Stationsarzt nicht zu verscherzen und benimmt sich höflich und freundlich. Geschrei, Gezeter und Aggressionen anderer werden mit einem Kopfschütteln oder einer Zurechtweisung kommentiert.
  • Der Stationsarzt erkennt die Gemütslage problemlos beim Betreten des Patientenzimmers, weil man sich schon so lange kennt.

Das ist jetzt ausnahmsweise mal kaum ironisch gemeint, sondern beruht auf Beobachtungen aus den letzten Jahren. Viele „meiner“ wiederkehrenden Patienten finde ich inzwischen nett oder sie gehören für mich einfach dazu. Man respektiert sich, kennt sich, akzeptiert irgendwann sogar die Macken. Und es ist tatsächlich so, dass diese Patienten, die immer wiederkommen, weil sie wissen, wir helfen ihnen und unsere Arbeit irgendwie tatsächlich schätzen, sich große Mühe geben, ein harmonisches Klima aufzubauen und auch an einem guten Arzt-Patienten-Verhältnis interessiert sind. Positiv ist, wenn die Schwestern sagen „Herr XY ist wieder da, aber das ist ok, der tut keinem was und macht keine Probleme.“  Tja, und eigentlich ist es wirklich ganz nett, wenn man morgens auf Station kommt und die Leute grüßen einen freundlich und man kann zurückgrüßen mit Namen, weil man ihn kennt und den Morgen für den Patienten angenehm machen und ihn gleich motivieren, weil man seine Fortschritte sieht oder wenn man Dienst hat, unterhalten sie sich abends auf dem Flur  noch mit einem über Fußball, die Lokalpolitik oder sonstwas… Das ist irgendwie viel angenehmer, als die aggressiven oder die stets unzufriedenen oder die „Ausspieler“ oder die, bei denen die Angehörigen mehr Zeit kosten als man für den Patienten hat…

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4 responses

26 10 2010
medizynicus

Ach ja, auch schön, Dich mal wiederzusehen!
🙂

Richtig… was wäre unser Stationsalltag ohne all die „Stammkunden“…

26 10 2010
Kat

Ich finde vieles davon klingt wie das Leben auf einer Reha-Station.

15 11 2012
OP-Tisch-Pilotin

super artikel! 🙂

23 04 2014
Katja

Ich lag 3 Monate mit Hyperemisis gravidarum in der Klinik.
Davon war ich höchstens 3 Woche wirklich zu Hause.

Aus der Sicht des Patienten kann ich es nur bestätigen, dass es wie ein Heimkommen ist. Man kennt seine Ärzte, seine Schwestern und sogar die Ärzte von anderen Stationen.

Die lieben Docs haben sich wirklich über ein „Guten Morgen Dr. XY, waren Sie beim Frisör?“ gefreut. Die Schwestern haben einen in den Arm genommen, weil man wieder da war und am heulen war.

So sehr ich die Zeit im Krankenhaus gehasst habe (3 Monate ohne Privatsphäre sind kein Zuckerschlecken), so sehr bin ich darüber glücklich, so viele tolle Menschen kennen gelernt zu haben, die sich jeden Tag den Ar*** (entschuldigt den Ausdruck) aufreissen, damit es einem wieder besser geht.

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