Und die Welt steht wieder still

12 03 2011

Mit Fassungslosigkeit sah ich gestern Abend die Nachrichten vom Beben in Japan. Ich fand keine Worte für das, was dort gezeigt wurde.  Jedes Mal, wenn ich Bilder sehe wie gestern Abend oder wie z.B. von Chile, Haiti, Australien, … die Liste ließe sich endlos fortsetzen… dann fehlen mir einfach die Worte. Wir Menschen glauben den Planeten zu beherrschen, doch angesichts derartiger Naturkatastrophen sind wir klein wie Sandkörner und wehrlos wie ein Neugeborenes.

Als sei das fünftschwerste Beben der neueren Geschichte mit einem schweren Tsunami nicht schon Katastrophe genug, so scheint sich auch noch eine zweite Katastrophe anzubahnen: Fukushima. Alles was man bis jetzt sicher weiß, ist dass das Kühlsystem kaputt ist. Was darüber hinaus geht, ist momentan Spekulation. Die einen sagen Kernschmelze, die anderen dementieren. Die Welt ist im Unklaren. Bruchstücke aus dem Erdbeben-Tsunami-Chaos dringen durch: Evakuierungszone von 10 auf 20 km erweitert – macht mich nachdenklich. Eine Kamera filmt eine Explosion eines Reaktorblocks, es bleibt nur ein Stahlbeton-Gerippe zurück auf den wackeligen Bildern. Auch das macht mich nachdenklich. Die IAEA hat zwar einen Live-Ticker, aber gehaltvollere Infos sind auch dort noch nicht zu finden. Ein Journalist berichtet, dass Japan anfange die Ausgabe von Kaliumiodid-Tabletten vorzubereiten. Das bringt mich zum Grübeln.

Für mich steht derzeit nur fest: Selbst ein hochtechnisiertes Land wie Japan ist nicht in der Lage, seine Reaktoren ausreichend gegen Naturkatastrophen zu schützen bzw. mit den Komplikationen der Beschädigung umzugehen, weil alle Reservesysteme versagen. Die Reaktoren in Deutschland sind zum großen Teil nicht wesentlich jünger. Gut, Erdbeben und Tsunamis sind hier nicht so häufig, aber Hochwasser und Überschwemmungen schon und Kernkraftwerke stehen in der Regel an Flüssen wegen der Kühlwasserzufuhr. Und für das „Müllproblem“ danach haben wir auch noch keine Lösung, obwohl es ja gut klappt, das Zeug anderer Reaktoren als Lubmin und Rheinsberg momentan still und leise nach Greifswald zu schaffen, obwohl die Zusagen ganz anders lauteten.

Pro-Atomausstieg. Wir brauchen andere Lösungen – für die „Atomabfälle“ und für die Energieversorgung. Wenn ein Windrad umfällt, erschlägt es ein paar Schafe oder erschreckt ein paar Fische. Wenn eine Solaranlage vom Dach rutscht, schepperts ordentlich und verletzt jemanden, wenn man Pech hat. Wenn es einen Unfall in einer Atomanlage gibt, dann trifft es gleich viele und zwar auch dauerhaft und auch die nächsten Generationen. Es muss doch andere und ungefährlichere Lösungen geben. Ich meine, Menschen waren auf dem Mond, wir kriegen jeden Quadratzentimeter dieses Planeten mit Satelliten überwacht und was weiß ich. Es muss doch noch was anderes als Atomkraft geben.  Was würde passieren, wenn man auf jedes Hausdach in Deutschland Solarzellen packt? Gibts hier Experten, die dieses Gedankenspiel mal ausrechnen können?

Jetzt hab ich wahrscheinlich eine endlose Diskussion losgetreten zwischen Pro  und Contra. Aber ich bin Ärztin, ich habe meine Meinung und ich habe was gegen Dinge, die wir bei Unfällen nicht sicher beherrschen und die bei einem Störfall so große Schäden an Umwelt und Menschen anrichten können, die unwiderrufbar sind und uns über Generationen schaden werden.  

Noch ein paar Fakten:

Die Gesamtdosis, die ein normaler Mensch in Deutschland pro Jahr abbekommt (natürliche und zivilisationsbedingte Strahlung) sind knapp 4 mSv.

In der Nähe von Fukushima wurden 1000 MikrosSv pro Stunde gemessen (Angabe bei tagesschau.de gefunden), das sind 1 mSv pro Stunde, macht 24 mSv am Tag. Heißt, die Menschen dort in der Nähe des Reaktors sind am Tag der Dosis ausgesetzt, die wir in Deutschland in 6 Jahren abbekommen.

Jemand, der beruflich strahlenexponiert wird, wird allein schon beim Verdacht, dass er im Jahr 50 mSv abbekommen haben könnte, genauer untersucht und alles gecheckt und gemeldet etc. In einem Berufsleben darf jemand maximal 400 mSv abbekommen.

Bleibt die Strahlung in der Nähe von Fukushima so hoch und halten sich dort Menschen länger auf, haben sie nach knapp 17 Tagen diese Dosis weg.

Aber: wir wissen eigentlich außer dieser einen Zahl nicht viel von dem, was sich gerade dort abspielt. Lasst uns für die Menschen dort das Beste hoffen.

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10 responses

12 03 2011
alltagimrettung

Guter Artikel, der nicht reißerisch ist und auch zum Nachdenken anregt. Ob wir wirklich sofort aus der Atomenergie sofort austreten können, mag ich nicht beurteilen, aber ob wir wirklich allen Strom durch alternative Energien gedeckt bekommen, bleibt für mich fraglich. Das was in Japan passiert ist, schockt mich immer noch!!

12 03 2011
christine

oh Assistenzarzt, schön wieder mal von Dir zu lesen………….und guten Abend und und – nein nicht Solarenergie und andere sogenannte alternative Energien sind das Heilsmittel – wir selbst sind die Heilsmittel , indem wir uns endlich daran gewöhnen und lernen,uns auch mit kühleren Temperaturen in der kalten Jahreszeit wohl zu fühlen, …………. alles, aber auch alles eine Frage der Gewöhnung – wie immer………………………….. und herzenswarme Grüße in die große, die weite Welt ……………… Uwi im März

13 03 2011
Hootch

Tach Frau Doktor. Recht hast Du!
Sicherlich kann man nicht alle KKWs von heute auf morgen abschalten, dafür sind wir zu abhängig von der Energie, aber man kann mit diesem Stuss so schnell wie möglich aufhören. Mit einer konsequenten Kombination aus Energie sparen und Nutzung regenerativer Energieformen wäre das möglich.

Worauf ich aber noch hinweisen möchte: Bei dem KKW Fukushima handelt es sich um ein westliches, modernes, „sicheres“ KKW. Nicht um so einen „Soviet- Schrott“, wie er 1986 in die Luft geflogen ist (Dies wurde damals jedenfalls in der BRD unisono runtergebetet). Deutsche Nuklearanlagen sind mit dem KKW Fukushima sicherheitstechnisch vergleichbar.
Pikant: das KKW Biblis wurde im Oktober 2006 runtergefahren, da Dübelverbindungen wohl seit der Erstmontage nicht erdbebensicher waren. Die Reparatur dauerte bis Dezember 2007. Ich möchte gar nicht wissen, wo da sonst noch gepfuscht wurde. Und, wie Du richtig schreibst: „Erdbeben und Tsunamis sind hier nicht so häufig…“, man kann aber auch hier kein solches Ereignis ausschließen, genauso wenig wie einen Vulkanausbruch (z. B. in der Eifel).

Grüße!

P. S.: Schön, mal wieder was von Dir zu lesen

13 03 2011
petschge

Als Phyiker muss ich jetzt doch mal meinen Mist dazu abgeben. Irgendwie erscheint überall nur Panikmache und harte Fakten sind leider sehr rar. Ok, die Japaner haben besseres zu tun als dauernd Pressekonferenzen abzuhalten, aber irgendwie drängt sich mir das GEfühl auf daß unsere Medien kräftig daran verdienen daß sie Panik schüren. Deswegen mal eine nüchterne Einschätzung so gut das aus der Ferne möglich ist:

Im Kernkraftwerk Fukushima 1 ist nachdem die Diesel nach einer Stunde ausfielen, Pumpen kaputt waren, etc. irgendwann die letzte aktive Kühlung ausgefallen. Dann kühlt der Reaktorkern halt durch Verkochen von Wasser. Dadurch steigt aber der Druck im Reaktordruchgefäß und irgendwann gehen die Überdruckventile auf, die den Dampf in den Wasservorrat („Supression Pool“) des Containment Gebäudes drum rum ablassen. Dabei kondensiert der Dampf, aber der Druck im Containment steigt trotzdem. Deswegen mussten sie irgendwann das containment Gebäude ventilieren, zumal sie nicht genau wussten wieviel über den Design-Druck das Gebäude nach dem Erdbeben aushält.
Dabei tritt dann das Radioaktivität aus, was definitiv nicht schön ist, aber noch kontrolliert erfolt. An dem Punkt hat der Spiegel angefangen Weltuntergangszenarien zu malen.

Wenn immer weiter Wasser verkocht, fällt natürlich der Wasserspiegel im Reaktorkern. Der fällt natürlich nicht schlagartig trocken (so ein Swimmingpool mit 6-7m Durchmesser kann VIEL Hitze durch Verdampfung binden), aber die Brennstäbe ragen oben aus dem Wasser. Dort werden sie relativ schlecht gekühlt. Sie schmelzen zwar nicht, aber das Zirkonium das in der Legierung der Ummantelung eingesetzt wird oxidiert ab etwa 900 Grad. Das ist relativ unangenehm, weil die Legierung an Festigkeit verliert, weil Wasserstoff frei wird und weil es zusätzliche Wärme produziert. Der Wasserstoff geht natürlich den gleichen Weg wie der Dampf. Weil man das Problem kennt hat man das Containment Gebäude so gebaut daß sich da ned viel ansammeln kann. Zwischen Containment und der äußeren Hülle, die in Japan als Taifunschutz recht massiv ausgelegt ist, ist aber genau das passiert und der Wasserstoff ist gestern explodiert und hat die Hülle entfernt.

Inzwischen haben sie es geschafft in Block eins Meerwasser (zum Kühlen) und Borax (damit der Reaktor 110% sicher aus bleibt auch wenn man Wasser, was einen Moderator bildet, nachfüllt) einzufüllen.
Sie haben ziemlich sicher kaputte Brennstäbe, weswegen man auch außerhalb Iod und Cäsium gemessen hat. Das Innenleben der Stäbe selber sind wohl ned geschnolzen, sondern runter in das Bodenbecken des Reaktors gefallen. Von einem geschmolzenen radiaktiven Reaktorkern der sich ins Freie frisst sind wir also ein ganzes Stück entfernt.

An geht der Reaktor sicher nie wieder und aufräumen dürfte Jahre dauern. Block drei hat im Prinzip das gleich Problem, aber aus irgendwelchen Gründen erst jetzt. vermutlich haben sie es da länger geschafft mit den Batterien eine Notkühlung aufrecht zu halten.

Auch wenn ich hier keine Panik verbreite bin ich (langfristig) gegen Kernkraft. Aber solange alles was mit Kernkraft zu tun hat traut sich kein Politiker in die entsprechende Forschung zu investieren und wir werden nie einen praktikablen Weg finden mit dem Abfall umzugeben. Ideen wie Neutronenbestrahlung des Abfalls um nur Isotope mit Halbwertszeit von hundert Jahren und drunter übrigzulassen werden seit Jahrzehnten nicht erforscht weil die Finanzierung fehlt. Wenn man noch einen Schritt weiter geht, hätte man alte marode AKWs durch neuere sichere, die weniger Abfall pro Strommenge produzieren, ersetzen können. Irgendwie dumm, oder?

13 03 2011
petschge

Ach so: re alternativen Energiequellen. Sonne und Wind funktionieren nur wenn man Strom über gigantische Distanzen Spanier Norwegen austauschen kann um die Fluktuationen auszugleichen. Dafür bräuchte man ein besser ausgebautes Stromnetz. Da will kein Konzern Geld reinstecken und wenn doch mal eine Hochspannungstrasse geplant ist, dann wird geklagt was das Zeug hält weil so eine Hochspannungstrasse ist ja gesundheitsschädlich. Schon jetzt laufen viele Windparks bei steifer Brise nur mit halber Last, weil die Zuleitung nicht mehr Strom aushält.

Etwas futuristischere Konzepte wie Fusion kranken daran daß man erstmal 15 Jahre darum kämpfen muss bis 20 Milliarden bewilligt werden. Den Banken schiebt man sowas mal schnell nach einer Kriesensitzung in der Nacht in den Arsch.

13 03 2011
Christian Kühnke

Vergleichsweise genaue Informationen zur Lage in den japanischen Kernkraftwerken gibts bei der Gesellschaft für Reaktorsicherheit: http://www.grs.de/

25 04 2011
Thom

Hier noch ein Artikel zu dem Thema, das Beste, was ich dazu gelesen habe- ist ein bißchen länger, aber dafür sehr treffend:

Zivilisatorischer Ernst und Psychopathie
Peter Bürger 29.03.2011
Ungeschützte Gedanken zur japanischen Atomkatastrophe

auf:
http://www.heise.de/tp/artikel/34/34439/1.html

9 09 2011
Zahnarzt Wiesbaden

Hi,
inzwischen, etwa 6 Monate nach dem GAU hört man fast nichts mehr über Fukushima. Man könnte annehmen, die Lage sei sicherer oder weniger gefährlich als vor 5 oder 6 Monaten, als alle Welt exklusive Beiträge auf Sonderseiten druckte. Diese Annahme stimmt, oh Wunder, nicht.
Massive Verfehlungen von Seiten Tepcos aber auch der japanischen Regierung haben bisher nur zum Rücktritt des Premiers geführt.. Passiert ist sonst fast nichts..

12 10 2011
Günter Schütte

Nur die Grenzwerte für die zulässige Radioaktivität an japanischen Schulen wurden erhöht. (http://news.ippnw.de/index.php?id=66)

@ Assistenzarzt: Du willst doch wohl nicht aufhören?

25 10 2011
Gefahr

Nach den Lebenszeichen von Assistenzart fand ich diesen Artikel wieder. Wenn man die Katastrophe mit einigen Monaten Abstand betrachtet, ist es doch verwunderlich, dass die japanisch Regierung mit so dürftigen Informationen durchkommt.
Vor kurzem in der Presse: Der Strahlungswert in Teilen Tokios war so hoch, dass er kurz davor war, Evakuierungen auszulösen. Aber lt. Regierung bestand kein Zusammenhang zw. der Strahlung und Fukushima. Woher wohl die Strahlung kam? Godzilla??

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