Es ändert sich nichts

4 06 2012

Es ist hier im Blog in den Kommentaren wiederholt die Frage gestellt worden, ob ich inzwischen Facharzt bin.

Ja.

Aber ich ändere den Titel des Blogs nicht. Es ändert sich auch nichts im Leben, jedenfalls nicht, wenn man in der Klinik arbeitet. Man ist weiter Stationsarbeiter, kämpft um alles – die Gesundheit der Patienten, faire Arbeitszeiten, Zusatzausbildungen, das Recht, endlich abrechnen zu dürfen, was man tatsächlich arbeitet, gegen Intrigen und unkollegiale Kollegen. Man bezahlt weiterhin seine Fortbildungen selbst, bekommt gesagt, man soll dafür Urlaub nehmen, auch wenn man gedrängt wird, den und den Kurs zu machen, weil die Klinik es gerne sehen würde. Bei der Ärztekammer im Internet steht man als Facharzt für XY drin und wird als Assistenzarzt / Wissensch. Mitarbeiter geführt, wie vorher auch. Ach an sich ist alles wie vorher. Außer dass man mehr Beiträge bei den Fachgesellschaften zahlen muss und (das positive kommt jetzt) 73 Euro netto mehr bekommt und sich als Facharzt mal niederlassen kann. Wobei ich nicht weiß, ob das lohnende Aussichten sind. Ist es besser in der Niederlassung? Arbeitet man da nicht genauso viel? Oder ist man entspannter, weil man zwischendurch selbst mal festlegen kann, wann man Pause macht? Hat man da weniger Druck, plötzlich irgendwelche Dienste übernehmen zu müssen, weil jemand ausfällt am Freitag mit Gastroenteritis und am Montag erzählt, wie schön es doch am Samstag auf der Wasserskianlage war? Schläft man nachts noch ruhig, trotz der Kredite, die man an den Hacken hat?  Es steht und fällt ja alles mit einem selbst. Wie ist dass, wenn man ne Praxis hat und krank wird? Und wie macht man das, wenn man als niedergelassene Ärztin schwanger wird? Praxisvertretung? Kostet das nicht richtig Geld? Und wenn wir über Geld reden, wie ist das Einkommen im Vergleich zu den Klinikärzten? Das sind alles so Dinge, über die man mal nachdenkt und sich fragt, was macht man in 10 Jahren? Was will man machen? Den Dauerstress in der Klinik halt ich nicht ewig aus. Es ist so frustran, auf so wenige Dinge selbst Einfluss zu haben, was die Arbeitsqualität an sich angeht (Dienste, Arbeitszeiten, Pausenzeiten, Bekleidungsregelungen, Ausstattung der Räumlichkeiten, die dreitausend Bitten „können Sie mal schnell“ oder Anordnungen wo man sich nicht mehr fragen will, warum wieso weshalb, weil man es sich schon so oft gefragt hat, schlechte Besetzung und Übertragung immer weiterer Aufgabenbereiche – was früher 3 oder 4 gemacht haben, machen wir alleine oder zu zweit – wo soll das hinführen? Ein einziges Hamsterrad und irgendwie läuft es immer schneller. Es geht doch immer weniger um Patienten. Wir beschäftigen uns doch zunehmend mehr mit uns selbst, den anderen, Papierkram („wir ham da jetzt so ein neues Formular, das geht auch ganz schnell auszufüllen, das ist jetzt für die Abrechnung wegen dem MDK und so“ – ich füll bei manchen Patienten inzwischen 4 oder 5 solcher Blätter aus für den MDK oder Abrechnung!), der Organisation von allem möglichen… Als ich 14 war, da wollt ich Arzt werden wie im Film so in ner Hausarztsprechstunde auf’m Land. Mit 19 als ich anfing, da wollt ich alles lernen, weils so spannend war, mit 20 kämpfte ich in der Vorklinik, mit 21 hatte ich das Physikum überlebt und dachte, wenns das alles wert war, ok, dann sollte es so sein. Mit 24 wollte ich unbedingt an der Uni arbeiten, am Puls der Zeit, da wo echte Forschung gemacht wird, denn nur wenn man gut klinisch arbeitet und forscht, dann ist man ein echt guter Arzt. Mit 26 erkannte ich, dass das alles Quatsch war. Mit 28 wechselte ich wieder mal die Klinik und dachte, Mensch, es gibt doch noch andere Welten. Mit 30 dachte ich: Bitte lass mich das alles durchhalten ohne vor Wut durchzudrehen bis ich Facharzt bin. Und jetzt… jetzt frag ich mich, wo das noch alles hinführen soll.

Und dann sehe ich ehemalige Kollegen wieder, die sich niedergelassen haben und die aussehen, als hätten sie Urlaub gehabt, dabei arbeiten sie stundenmäßig das gleiche wie wir, aber wenn wir uns auf den Fortbildungen begegnen, dann sind die so wesentlich entspannter als wir so von innen heraus. Gibt es da wirklich so einen Unterschied?

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4 responses

4 06 2012
uwilein

Assistenzarzt – bitte nicht aufgeben! Ich hatte das Vergnügen vor kurzem von einigen Ärzten das Leben neu geschenkt bekommen zu haben – (Herzinfarkt) und bin so dankbar, dass es solche grandiosen Kämpfer an der Lebens-Front gibt! Was für ein Können, was für eine Verantwortung – Respekt und Hochachtung – Merci

5 06 2012
Denis

Ich glaube das ist alles eine Sache der inneren Einstellung. Als Klinikarzt muß man wohl die Gabe haben Dinge einfach so wie sie sind hinzunehmen. Wenn man schon jetzt weis das man diesen Stress nicht bis ins Rentenalter haben möchte, besteht ja immernoch die Möglichkeit an ein kleineres Haus zu wechseln. Die Ärzte bei uns im Krankenhaus sehen jedenfalls wesentlich ungestresster aus, als die ne Stadt weiter in ner viermal größeren Klinik. Auf jeden Fall haste meist einen sicheren Job und sicheres Geld.

Als Niedergelassener Arzt biste halt dein eigener Chef, mit allen Vor- und Nachteilen. Wenn ich Arzt wäre, würde ich mich heute nur noch im Rahmen einer Gemeinschaftspraxis oder eines Ärztehauses niederlassen. Das ermöglicht einem bei annähernd gleichem Einkommen, sehr viel mehr Flexibilität. Auch die Frage der Vertretung im Krankheits- oder Schwangerschaftsfall stellt sich dann nicht mehr.

Du solltest bei allem Frust aber eines nicht vergessen, uwilein hat es ja schon angesprochen, du hast einen wunderbaren Beruf! Auch wenn viele Patienten es nicht zeigen, ist doch jeder dankbar das es euch gibt, und welchem Beruf hat man schon die Möglichkeit positiven Einfluss auf so viele Leben zu nehmen?

20 05 2013
Andreas Petrucci

Hallo 🙂
Dein Post macht mir in gewisser Weise Angst …
Ich will seit der 11. Klasse Medizinstudieren und mach jetzt mein 1.0 und will im oktober anfangen. Doch solche Berichte machen mir immer wieder Angst vor dem Job. Dennoch will ich mich nicht abbringen lassen von dem Gedanken, Arzt zu werden. Kannst du vielleicht mal einen Eintrag über Pro und Contra des Arzt/in Daseins machen? 🙂

31 10 2013
mjleal

Du kannst Dich theoretisch auch in einem in einem MVZ anstellen lassen. Als einigermassen informierter (Rheuma)patient sehe ich die Tendenz, dass immer mehr solche aufmachen und in bestimmten Fachgebieten kaum mehr normale Einzelpraxen vorhanden sind, aus wirtschaftlichen Gründen natürlich. Positiv für mich als Patient ist diese Entwicklung zwar nicht, aber es ist nun mal so und vielleicht wäre es ja für Dich eine Alternative.Weniger als im KH (absolut vielleicht, keine Ahnung, aber nicht in Relation zum Arbeitsaufwand )wirst Du sicher nicht verdienen.Rein Prestigemäßig ist es natürlich ein Abstieg, aber Lebensqualitätsmäßig könnte ich mir vorstellen ein gewinn.

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