Das Kreuz mit der Diss

7 08 2012

Neulich las ich einen Beitrag, wie man das System der medizinischen Doktorarbeiten verändern könnte. Klar, der Vorschlag dass man automatisch mit dem Staatsexamen so einen Titel wie MD erhält und wenn man einen wissenschaftliche Arbeit schreibt, dann eben einen nächsthöheren Titel, ist gut und wird von vielen Ärzten begrüßt.
Patienten: Für die sind wir alle Frau oder Herr Doktor. Wenn sie sehen, dass man keinen Titel vor dem Namen hat, dann kommt immer die Frage „Ja, wie soll ich Sie denn nun nennen?“ – Hmmm, was antwortet man denn da? Herr Arzt? Frau Ärztin? Frau Nachname, Herr Nachname? Dann kommt gleich „Ja sind Sie denn ein richtiger Arzt?“ …. Man muss viel erklären… und ich bin nicht sicher, ob das auch alle verstehen, dass man nicht gleich mit dem Staatsexamen Doktor ist, aber trotzdem ein echter Arzt.

Ärzte: Der Wert medizinischer Doktorarbeiten wird meiner Ansicht nach zurecht in Frage gestellt. Die Qualität ist sehr  breit gestreut. Man kann sie auch nicht wirklich mit anderen Fachgebieten vergleichen. Aber was soll man auch machen, wenn man eine 40-h-Stelle hat, 70 h arbeitet, seine Facharztausbildung macht und dann die Diss noch nebenbei laufen hat? Da akzeptiert das System eben, dass es so ist, und alle machen mit.

Wissenschaft: Vieles könnte besser sein, beklagt man, aber keiner ist bereit, wirklich und ernsthaft nach den Ursachen zu suchen. Wenn man die Trennung MD und wiss. Titel macht, wer beackert dann die vielen kleinen Themen, was sonst die Doktoranden gemacht haben? Außerdem ist dann ein Druckmittel auf Mitarbeiter weg… klingt böse, ist aber völlig normal. Wenn man eine Doktorarbeit laufen hat, ist man kompromissbereiter für vieles. Genau wie während der Facharztausbildung. Naja, das werden viele aus anderen Branchen auch kennen.

Was könnte man unabhängig von der Änderung der Titelfrage denn jetzt schon verbessern?

Eine Menge.

Zum Beispiel könnte man das Promotionsbüro einer medizinischen Fakultät auch dazu benutzen, dass jeder Doktorand namentlich mit Thema gemeldet werden muss vom Doktorvater und dass sich jeder Doktorand offiziell anmelden muss. Das macht Arbeit? Sicher! Aber aus meiner Sicht zwingend notwendig. Warum? Doktorväter neigen manchmal dazu unendlich viele Doktoranden anzunehmen. Einige scheinen das Motto zu haben: Je mehr Läufer am Start, desto mehr kommen ins Ziel. Problem ist dabei nur, dass sich manche überfüllen und die Betreuung der ganzen Doktoranden gar nicht gesichert ist. Die Doktoranden dümpeln ziellos oder hilflos vor sich hin, werden einfach nicht fertig. Wer behauptet, der Durchschnitt für medizinische Doktorarbeiten liegt bei 2 Jahren Dauer, dem kann ich nicht glauben. Keiner meiner Kollegen hat das geschafft. Im Gegenteil, es gibt viele, die 7 – 10 Jahre brauchen. Da würde bei regelmäßiger Überprüfung der Listen auffallen, wenn jemand lange dran ist und eine Nachfrage erfolgen. Wenn es dann heißt: Man hat keine Zeit für mich, das Thema ist zu daneben, kein Betreuer oder es ist schon der vierte Betreuer, die gehen immer weg, … dann gibts ne Nachfrage und die kann auch mal Schlamassel zutage fördern, würde den Doktoranden aber helfen, weil dann ja die Konsequenz für die vergebende Person droht, dass es heißt, man komme dem Lehrauftrag nicht nach, in dem auch Forschung enthalten ist. Letztlich wird mehr Druck auf die Doktorväter ausgeübt, die Doktoranden anständig zu betreuen, sie durchzukriegen und nicht allein zu sagen: Ja, ich hab 12 Stück, wir sind sooooo aktiv…. dass 10 schon über 5 Jahre dabei sind, das weiß ja keiner… Manchmal wird ein Thema zweimal vergeben, das kommt vor. Das würde dann auffallen bei einer Anmeldung, da eine Prüfung des vergebenen Themas erfolgen muss (eben ob es schon vergeben ist). Ansonsten hat der Kollege das Pech, dass die Promotionskommission sagt: Nö. Der Doktorvater wird gezwungen, ein Thema zu formulieren. Viele Doktorarbeiten scheitern daran, dass es heißt, ja sammeln sie mal und wir gucken nachher wie wir das nennen (ein klares Don’t do für Doktoranden).

Mit einer derartigen Erfassung kann man auch ein Doppelspiel der Doktoranden vermeiden. Manche sagen zweimal zu und gucken dann, welches Thema besser läuft und lassen die Daten des anderen Themas dann brach liegen. Auch da geht viel Potential verloren, denn wer kann als Student oder Anfänger schon einschätzen, was wissenschaftlich „wertvoller“ oder nutzbringender ist oder was vielleicht schon 200 mal publiziert wurde. Da blockiert dann einer zwei Themen, eine Klinik wird nicht fertig mit einem Projekt und andere stehen ewig auf der Warteliste und warten auf ein Thema und können nicht anfangen. Ja, es gibt Wartelisten für Doktoranden. Manche Kliniken passen auf, dass sie nur soviel Leute nehmen, wie sie betreuen können. Lobenswert. Aber nicht so häufig.

Und es fällt zum BEispiel auch auf, wnen ein Professor oder PD keine Themen vergibt. Oder eben wie geschrieben, wenn Doktoranden ewig nicht fertig werden.

Das wäre eine kleine Systemoptimierung, die wohl mehr die Doktoranden und Unis profitieren lässt, weniger die Doktorväter. Aber die sind meiner Ansicht nach ohnehin im Vorteil, denn man kann sie als DOktorand kaum zwingen, an der Betreuung was zu verbessern oder endlich Manuskripte zu lesen oder nicht einfach Daten zu publizieren oder oder oder… Oder hat jemand schonmal seinen Doktorvater verklagt, weil er sich nicht gekümmert hat? Und die Unis wissen eigentlich gar nicht, was da alles so vor sich geht oder eben auch nicht. Erst wenn die Arbeit eingereicht wird, dann wird sich die Promotionsstelle dessen bewusst, dass da was existiert. Und ein ehrlicher aufrichtiger Doktorvater, der sich ohnehin kümmert, den wird so eine „Meldepflicht“ an das Promotionsbüro nicht schrecken, er hat ja kein schlechtes Gewissen, die Email kann die Sekretärin schicken. Und wenns vergessen wird, kommt ohnehin die Rückmeldung vom Promotionsbüro, dass sich dort ein Doktorand gemeldet hat… Also eine win win win – Situation und die Chance, dass etliche Doktoranden vorwärts kommen, weil von den Unis Druck ausgeübt wird, den ein einzelner Doktorand niemals aufbauen kann. Da sehe ich die Unis einfach in der Pflicht.

Gut, wovon träumen wir sonst noch…?!

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6 responses

8 08 2012
Michael

Ich denke nicht, das das viel verändern würde. Dann wird halt noch mehr Papier gewälzt und gut ist. Ich denke die Idee den MD mit Abschluß des Studiums (meinetwegen auch des Facharztes, gibt es heute noch Ärzte, die länger ohne Facharzt praktizieren können?) zu verleihen gut. Zum einen nennen sich die ganzen Pseudopromotionen nicht mehr so (und das sind ehrlicherweise sehr viele davon) und es entlastet auch die Studenten. Wieviel richtige Forschung kommt neben einer vollen Arbeitswoche wirklich sinnvoll zusammen? Und leistungsmässig stehen die meisten Arbeiten eher auf dem Niveau von Diplom-/Mastersarbeiten. Ich denke wer dann wirklich Forschung machen will, sollte sich darauf konzentrieren (nicht umsonst arbeiten die Naturwissenschaftler Vollzeit im Labor) und das dann entsprechend durchziehen. Und ich finde, das das Argument mit den kleinen Themen nicht nicht zieht – dann müssten die entsprechenden Profs halt mal die Dinge ordentlich zusammenfassen und einen richtigen Doktoranden einstellen. Mit Bezahlung und allem was dazugehört.

9 08 2012
Michael

Noch ein Nachtrag: Bezüglich der Druckmittel scheinen Mediziner ja ohnehin leidensfähig zu sein. Was ich da schon gehört habe, was sich Leute gefallen lassen, geht auch auf keine Kuhhaut. Ein Argument mehr dafür es direkt ins Studium einzubauen. Dann fällt diese Abhängigkeit nämlich weg, was sicher auch nicht falsch ist.

9 08 2012
Assistenzarzt

Ja, das finde ich auch. Ins Studium einbauen wäre sicherlich ein gutes Mittel, um dieses Druck ausüben zu umgehen. Wobei auch da Möglichkeiten sind (sie wollen später eine Stelle an unserer renommierten Klinik XY? Dann machen sie mal…).
Ich find meine Idee mit der „Meldepflicht“ gar nicht so schlecht (sonst hätte ich sie auch kaum gepostet 🙂 ). All die Dinge, die ich dort aufgezählt habe, habe ich so tatsächlich erlebt – selbst oder im mir nahestehenden Umfeld unter Kollegen und Freunden. Da diskutiert man auch, wie man das hätte alles vermeiden können und kommt dann auch auf solche Ideen.
Wir könnten im Freundeskreis inzwischen auch ein Buch schreiben, was man alles falsch machen kann oder woran Doktorarbeiten in der Medizin so scheitern können. Das könnten mit Sicherheit auch etliche andere auch.

Das mit den Vollzeitstellen für Promotionen wird in der Medizin nicht funktionieren, weil es sehr wahrscheinlich ist, dass die Ärztekammer die Zeiten nicht anerkennt für Facharztausbildung etc., also wird sich das kaum ein Arzt leisten können, weil man statt z.B. 5 Jahre, die angesetzt sind, durchaus auch mal 8 Jahre für den Facharzt braucht. Rechnet man dann noch die Zeit für die Promotionsvollzeitstelle dazu… so einen langen Atem hat wohl kaum einer. Da man sich erst als Facharzt niederlassen kann, wird dann nach hinten raus auch wieder ein mangel entstehen, weil die Leute alle nicht fertig werden.

Und ja, wir sind als Mediziner sehr leidensfähig… das ist das, was uns allen das Genick bricht und dafür sorgt, dass wir im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt eine erhöhte Suizidrate haben, eine erhöhte Depressionsrate und eine verkürzte Lebenserwartung. Und egal wieviel wir meckern – mich eingeschlossen – keiner von uns hat sich vollständig aus so etwas befreien können.

30 08 2012
Jani

An der Uni, an der ich zur Zeit meine Doktorarbeit schreibe (allerdings nicht in der Medizin sondern in der Biologie), ist vor ein, zwei Jahren ein Teil der von dir angesprochenen Dinge eingeführt worden. Und allein, dass zu Anfang der Arbeit einfach mal klar formuliert werden muss, was man wie untersuchen möchte und dass das sowohl vom Doktoranden als auch vom Betreuer unterschrieben wird und das ganze vom Promotionsausschuss genehmigt werden muss, finde ich schon eine enorme Verbesserung. Für beide Seiten. Denn ich glaube, eine halbwegs vernünftige Projektbeschreibung macht es auch leichter, die Arbeit einzuschätzen. Und dadurch, dass das Promotionsvorhaben genehmigt werden muss, ist auch ganz klar, wer wo und wann eine Doktorarbeit anfängt.
Eine Frage als Nicht-Mediziner: Wie würdest du den tatsächlichen zeitlichen Aufwand einer medizinischen Doktorarbeit einschätzen, wenn das jetzt nicht neben allem anderen erledigt werden müsste? Aus meinen Bekanntenkreis (der ziemlich sicher nicht repräsentativ ist) habe ich den Eindruck, dass ein, zwei Semester, die tatsächlich nur für die Doktorarbeit genutzt werden, durchaus ausreichen könnten und dass sich das wegen unklarer Aufgabenstellung, teilweise fehlender Ausbildung im Bereich Statistik, und schlechter Betreuung unendlich in die Länge zieht. Im Prinzip würde es sich dann meiner Einschätzung nach um eine Art umfangreiche Master-Arbeit handeln. Und das könnte man ja als Zusatzstudiengang, oder wie auch immer man das nennen will, anbieten. Schlag mich, wenn ich die Doktorarbeiten in der Medizin damit völlig falsch einschätze.

21 09 2012
Emil

An unserer Uni gibt es so eine Melde-„pflicht“. Das Problem ist, dass viele Doktorväter die Meldung nicht machen wollen, weil das Thema zu Beginn noch nicht feststeht. Die Daten sollen erst komplett erhoben werden und dann wird geschaut, ob was Brauchbares dabei ist. Als Doktorand kann man da schlecht Druck ausüben, sondern muss das Spielchen mitspielen.

6 01 2016
Asia

Nach 6 Jahre Wartezeit auf einen Medizinstudienplatz und nach Beobachtung vieler frustrierter Doktorand-Komillitonen entschied ich mich mit 30 Jahren keine Doktorarbeit zu beginnen. Der Titel bedeutet mir nichts und ist mir den monatelangen Freizeitverlust , mit Zeitinvestition für etwas das ich eigentlich gar nicht tun will, sondern denke dass ich es tun müsse, nicht wert. Meine Chance habe ich genutzt „Nein“ zu sagen, da ich an der Ausbeutung nicht teilnehmen mag. Mein Verweigerungs-Statement fällt zwar nicht stark ins statistische Gewicht aber zumindest bleib ich dem rebellischen Teil in mir treu bei Missständen auf die Barrikaden zu gehn. Wahrscheinlich bin ich auch einfach ein sehr gemütlicher Mensch. Eine gute Ärztin werde ich wahrscheinlich trotzdem werden. Ich hoffe trotzdem für alle zukünftigen Doktoranden, dass sich ihre Doktorarbeits-Bedingungen verbessern- Viel Freude denjenigen die voll und ganz hinter ihrer Arbeit stehn und viel Durchhaltevermögen denen ,die es trotzdem durchziehen….Was für den Einen höchste Anerkennung bedeutet, ist für manch anderen Verlorene Zeit im einem so schönen Lebensalter ….

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