Eine Chance für Veränderung

18 02 2013

Würden Sie gerne in einen Bus steigen, in dem der Fahrer in den letzten 5 Tagen schon 56 Stunden gearbeitet hat?
Würden Sie zu seinem Kollegen einsteigen, der schon 20 Stunden am Stück gefahren ist?
Können Sie sich vorstellen, in ein Flugzeug zu steigen und aus dem Lautsprecher tönt „Willkommen an Bord von Flug XY. Ich bin Kapitän Zeitlos und kenne die Strecke Hamburg-München aus dem FF, denn ich fliege sie jetzt seit 18 Stunden nonstop hin und her.“?
Hätten Sie gerne einen LKW-Fahrer auf der A9 hinter sich, der von den letzten 72 Stunden 48 davon hinterm Steuer saß?
Wie fänden Sie es, wenn der Zugführer von Ihrem ICE 1,0 Promille mit entsprechender Reaktionszeit hätte?
Möchten Sie eine Ehefrau haben, die innerhalb von 7 Tagen 88 Stunden arbeitet?

Nicht lustig, oder?

Wieso finden es dann alle normal, dass sich Menschen, die krank sind und in die Notaufnahme kommen, von Ärzten behandeln lassen müssen, die in 5 Tagen schon 56 h gearbeitet haben und noch einen Dienst dranhängen müssen, von Ärzten, die schon 20 Stunden am Stück in der Klinik arbeiten und sich kaum dran erinnern können, wann sie das letzte Mal was gegessen haben, von Ärzten, die innerhalb von 3 Tagen zwei 24-h-Dienste machen müssen? Wussten Sie, dass die Reaktionszeit des Arztes, der ihre komplizierte Sprunggelenksfraktur nachher um 2.00 Uhr morgens operieren wird (ein durchaus anspruchsvoller Eingriff, es geht im Extremfall um den Erhalt ihrer Gehfähigkeit bzw. Extremität) ungefähr dem entspricht, wie sie eine Person mit 0,8 bis 1,0 Promille hat?

Überhaupt nicht lustig, oder?

Wenn Sie das gerade gedacht haben, dann kommen Sie und helfen uns, das zu ändern! Wir, Ihre Ärzte wollen Sie gut behandeln. Keiner von uns findet es toll, unter solchen Bedingungen zu arbeiten. Wir haben es satt, bei den Tarifverhandlungen von der Arbeitgeberseite immer als die geldgeilen Weißkittel dargestellt zu werden. Aktuell fordert unsere Gewerkschaft – der Marburger Bund – dass endlich mal ein Ende ist mit diesen Marathon-, oder sollte man besser sagen Iron-Man-Arbeitszeiten. Die meisten von uns, die das länger als 3-4 Jahre machen, würden lieber auf die Dienstvergütung verzichten, als ständig diese kräftezehrenden Dienste zu machen. Unsere Gewerkschaft fordert 30 Tage Urlaub für alle Ärzte – wer so viel Verantwortung trägt und in diesen Diensten verheizt wird, der braucht Regenerationszeit. Man bedenke, dass wir in unserer offiziellen Urlaubszeit teils bis zu 1/3 der als Erholungszeit gedachten Tage mit Fortbildungen verbringen, weil man uns dafür nicht freistellen will, damit wir nicht so oft auf der Arbeit fehlen. (Vergleich zu Krankenschwestern im 3-Schicht-System: dort sind aufgrund von Nachtschichtarbeit bis zu 36 Tage Jahresurlaub möglich). Die aktuellen Verhandlungen des Marburger Bundes gelten als erster Anlauf, in einem Tarifgebiet die überlangen Wochenarbeitszeiten zu verkürzen. Wir hoffen, dass etwas erreicht wird und der Marburger Bund nicht wieder klein bei gibt. Wenn es gelingt, endlich an einer Stelle den Schalter umzulegen, dann werden die Unikliniken und privaten Träger Stück für Stück folgen. Dann hätte jeder Patient in Deutschland etwas davon.
Es ist die Chance da, etwas zu ändern. Zeigen Sie denen am Verhandlungstisch, dass Sie die aktuelle Situation genauso patientenunwürdig und arztverachtend finden, wie wir. Am 22.02.13 soll in Düsseldorf demonstriert werden. Es wäre schön, wenn Sie uns nicht alleine lassen.

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3 responses

19 02 2013
Unterwindner

Ich finde die enorme Belastung der Ärzte unverantwortlich und frage mich immer wieder, wie Ärzte dies alles durchhalten. Ich finde Ihren Appell richtig und wichtigst – auch ich möchte keinem übermüdeten Arzt begegnen. Wäre für uns beide nicht gut – von daher Assistenzarzt – meine Unterstützung haben Sie von ganzem Herzen……

20 02 2013
Katja

Gibt es, außer bei der Demo mitzumachen, noch Möglichkeiten, als potentieller Patient an diesen Zuständen etwas zu ändern? Aktiv?
Ich hätte wirklich Angst, von solch einem überarbeiteten Arzt behandelt/ operiert zu werden. Man muss froh sein, dass nicht mehr passiert als eh schon.
Haltet den Kopf oben, ihr macht einen wichtigen Job, und den doch wirklich fast immer sehr gut!

18 12 2013
GENau du kannst etwas verändern! | Der Krangewarefahrer

[…] Aktion Nummer 2 hat Assistenzarzt hingewiesen. Hierbei geht es um die Arbeitsbedingungen von Klinikärzten. Nach diversen erfolglos […]

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