Versichert und doch keine Versorgung

30 04 2013

Ich habe am 24.4.13 einen Bericht auf ARD gesehen, der mich immer noch beschäftigt, weil ich im Alltag immer wieder so etwas erlebe. Autor ist der Journalist Ingo Blank. Dort ging es um Menschen, die Krankenkassenbeiträge nicht zahlen konnten und jetzt einen Berg von Schulden haben. Die Geschichten im Alltag sind immer die gleichen. Arbeitslosigkeit. Der Versuch sich zu befreien und was eigenes aufzubauen oder aber die „erzwungene“ Selbständigkeit als Subsubsubsub-Unternehmer. Das Einkommen reicht nicht für die Krankenkassenbeiträge. Irgendwann flogen sie raus. Dann kam die Pflicht zur Versicherung. Man trat wieder ein. Beiträge nicht gezahlt… Schulden.
Ich weiß nicht, ob ich es richtig verstanden habe, aber es hörte sich so an, dass sogar Zeiten der Nichtmitgliedschaft nach dem Rausfliegen nachgezahlt werden mussten, um wieder ein anständiges GKV-Mitglied zu sein. Aber so ganz eindeutig war es für mich nicht.

Also Schulden. Und Zinsen der Krankenkassen: 60% pro Jahr. Habe mal gelernt, dass Wucher ungesetzlich ist. Aber wo keiner Geld zum Klagen hat, ist auch kein Kläger… Nun soll ja alles besser werden, Zinsen runter. Aber Schulden bleiben. Und damit ein Riesenproblem! Die Leute, die Schulden bei der Gesetzlichen Krankenkasse haben, sind zwar versichert, aber sie kriegen so gut wie keine Leistung, selbst wenn sie jetzt regulär die Beiträge zahlen. Nur im Notfall. Und der wird geprüft, wenn sie sich beim Hausarzt vorstellen.
Wir leben in einem Land, in dem sich die Politik für ihr tolles Krankenversicherungssystem lobt. In diesem Land, zahlen Menschen Krankenkassenbeiträge und werden nur versorgt, wenn sie sich im Notfall behandeln lassen müssen. Ob es ein Notfall war, wird hinterher entschieden. Sprich: Komm mit Thoraxschmerz in die Notaufnahme oder zum hausarzt und es war kein Herzinfarkt, dann darf selbst gezahlt werden???
Chronisch Kranke, nehmen wir die Volkskrankheit Bluthochdruck, haben keine adäquate Versorgung, obwohl sie Beiträge zahlen. Erst wenn der unbehandelte Hypertonus im Lungenödem endet und eine Herzinsuffizienz bei hypertensiver Herzkrankheit dekompensiert, dann zahlt die Kasse, wenn mans genau nimmt. Dabei können wir Bluthochdruck gut behandeln. Zum Beispiel bei Politikern und Krankenkassenmitarbeitern.
Im Beitrag wird berichtet, dass die Initiativen für Migranten, die kostenfrei auch Unversicherte behandeln, inzwischen 20% dieser GKV-Verschuldeten unter ihren Patienten haben.

Erst wenn derjenige seine Schulden bezahlt hat, dann bekommt er eine normale Versorgung. Wie lange dauert es, mit einem niedrigen EInkommen z.B. 15000 Euro abzuzahlen? Länger als Schäden durch Bluthochdruck oder einen unbehandelten Diabetes entstehen?
War es nicht eigentlich mal Ziel, MEnschen aus HartzIV herauszuholen? Oder im Job zu halten? Viele hätten eine realistische Chance auf Schuldentilgung, wenn die Krankenkassen nur z.B. 8% oder vielleicht 16% Zinsen pro Jahr genommen hätten. Aber so…

Wer arm ist, stirbt früher. Ein Satz, so elementar wie die Relativitätstheorie und der Satz des Pythagoras.

Manchmal wundere ich mich, warum manche Leute mit einfachen Dingen in eine Notaufnahme kommen und Kapazitäten blockieren. Vielleicht haben sie anders keine Chance auf einen Arztkontakt.

Wie kann es sein, dass Menschen Beiträge zahlen und Schulden bei der gleichen Kasse abzahlen und trotzdem keine Versorgung bekommen solange sie Schulden abzahlen, auch wenn sie aktuell die Beiträge zahlen? Was ist daran human, sozial, demokratisch, gerecht? Entspricht das unseren Verfassungsgrundsätzen?

Es wird Zeit, dass jemand, der dadurch geschädigt wurde, irgendwo klagt. Wenn er denn die Kraft und den Mut dazu hat.

Damals, als gerade das Gesetz kam, dass man versichert sein musste und die Kassen Patienten aufnehmen mussten, da hatte ich eines Tages Dienst. In die Notaufnahme kam ein junger Mann, zwischen 20 und Mitte 20. Er hatte eine Berufsausbildung gemacht. Danach keinen Job bekommen. Jemand von einer nicht näher bezeichneten Agentur machte ihm den Vorschlag, sich selbständig zu machen. Das tat er naiverweise auch. Nachdem die initiale Förderung zu Ende war und sich das ganze nicht selbst trug, konnte er die Beiträge nicht zahlen. Er flog aus der Krankenkasse. Versuchte weiterhin, nicht auf HartzIV zu kommen und es irgendwie hinzukriegen. Einige Monate später nahm er massiv an Gewicht ab. Er fühlte sich schlecht. Und er hatte was getastet. Er wusste, dass er zum Arzt musste, hatte aber keine Versicherung und kein Geld, sich auf eigene Kosten behandeln zu lassen. Dann kam das Gesetz, er ging sofort in eine Kasse. Am Tag als er die Krankenkassenkarte erhielt, kam er zu uns in die Notaufnahme. Es war so erschütternd, als Arzt diese Geschichte zu hören und dann die bildgebenden Befunde zu sehen. Innerhalb von nicht einmal 12 h hatten wir eine komplette Diagnostik. Jeder hat sich reingehängt, sobald er den Ultraschallbefund las. Nie habe ich es je erlebt, dass wir eine elektive, nein, es war wohl nicht mehr elektiv, Diagnostik komplett von Hacken bis Nacken durchzogen in diesem Tempo. Wir verlegten ihn komplett durchmetastasiert mit einem Hodenkarzinom in die entsprechende Spezialklinik. Man tat alles für ihn. Ein paar Wochen später las ich seinen Namen in der Zeitung. Alle in der Klinik, die ihn betreut hatten, waren bestürzt. Bei rechtzeitiger Diagnostik hätte er eine Chance gehabt, Beispiele dafür gibts viele. Seinen Namen weiß ich nicht mehr, aber er ist einer von denen, an die man sich erinnert.

Ich kann diesen Irrsinn nicht verstehen. Warum kann man nicht einfach das Gleiche machen, wie bei der Rettung diverser Pleitestaaten? Es wäre mit Sicherheit nicht so teuer, wie die Milliarden, die jetzt im Griechenland- und Zypernnirvana versickern. Kostet bestimmt auch weniger als eine Elbphilharmonie, BER oder Stuttgart21. Aber hätte einen extrem charmanten Vorteil: Menschenleben retten. Einfach Schuldenschnitt, realistisch rückzahlbaren Anteil bezahlen in einem realistischen Zeitraum, volle Versicherungsleistung sobald regulär Beiträge bezahlt werden und falls das nicht geht, einen Casemanager, der alle an einen Tisch holt und eine Lösung schafft. Und die Mindestbeiträge müssten sinken, gerade für diese Einzelkämpfer-Selbständigen. Diese Menschen werden die GKV nicht über Gebühr strapazieren, die wollen und müssen arbeiten, um sich und die Familie durchzubringen und nicht auf HartzIV zu landen (wobei sie da wenigstens eine ordentliche Krankenversicherung hätten…). Wir brauchen nicht bis nach Afrika gucken, wenn wir über mangelhafte medizinische Versorgung reden. Gucken Sie einfach mal auf die Straße raus.

http://www.daserste.de/information/wirtschaft-boerse/plusminus/sendung/sr/2013/krankenkassen-nachforderungen-100.html

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10 responses

30 04 2013
stellinchen

Ich habe den Beitrag auch gesehen, es ist einfach Wahnsinn…
Das Problem ist die Bürokratie.
Einfachste Zusammenhänge, für jeden ersichtlich, können nicht geklärt werden, weil es zu viel, zu wenige oder unklare Gesetze gibt. Der Schwarze Peter wird weiter gereicht und keiner fühlt sich zuständig.
Wichtig ist, was wir daraus für uns aableiten: Was kann ich als Einzelne/r da tun?
– Wählen gehen
– Öffentlichkeit herstellen
Da hört es bei den meisten schon auf. Man findet es schlecht, tut aber nichts.
Das meine ich absolut nicht auf dich bezogen, aber der Trend geht so.

1 05 2013
martin

nur zur präzisierung: die schulden sind beitragsschulden, also nicht durch ärztl. leistung begründet. (abkoppelung ursache-wirkung) ich weiß versicherung ist so- aber das widerspricht nicht mal darüber nachzudenken

6 05 2013
Exschwester

Ich verstehe aber auch nicht, warum dieser Mann (und andere) ihre KV-Beiträge nicht vorrangig zahlen. Wenn es nicht reicht, müssen sie halt Hartz4 beantragen wie jeder andere auch. Ist das Problem nicht die Unvernunft bei den Prioritäten der Ausgaben? („Bin ja gesund, wird schon gehen …“?)

Viel besser wäre natürlich, es gäbe einen automatischen Abzug wie bei anderen Geringverdienern auch (die sonst sicher auch häufig nicht zahlen würden), aber dennoch liegt doch die Verantwortung (auch) bei den Menschen selbst.

6 05 2013
Assistenzarzt

Bei den Geringverdienern wird, soweit mir das bekannt ist, ein Pauschalbeitrag abgezogen, der bei weitem nicht so hoch ist, wie das, was ein Selbständiger an die Kasse zahlen muss. Der Betrag liegt um die 300 Euro. Nehme man da einen Geringverdiener mit 400 Euro, dann wäre ne Menge weg und keiner würde diese Jobs machen.
Die Frage, warum die Selbständigen, die zwar selbständig sind, oftmals nicht zahlen, ist darin begründet, dass nicht selten quasi so etwas wie „Scheinselbständigkeit“ bzw. Selbständigkeit auf Niedriglohnniveau vorliegt. Dadurch spart der Auftraggeber Sozialbeiträge, weil der Auftragnehmer diese selbst zahlen muss. Würde er ihn (was ich besser fände) anstellen, hätte er Lohnkosten und weniger Möglichkeiten, Preisdumping mit seinen Auftragnehmern zu betreiben. Wenn man als Selbständiger auf Niedriglohnniveau arbeitet (früher hieß es Ich-AG) und kämpfen muss um jeden Auftrag, landen nicht wenige in der Spirale billiger sein zu müssen als die anderen, um überhaupt noch etwas zu verdienen. Wir reden hier nicht über AUtohausbesitzer, Apotheker, Mittelständler im Allgemeinen. Wir reden über Leute, die aus der Arbeitslosigkeit heraus oder aus einem bedrohten Job heraus in die Selbständigkeit gehen, weil es ihre einzige Chance ist. So etwas kommt hier oben im Nordosten sehr oft vor, bei einer AL-Quote von mancherorts 20% oder mehr, kein Wunder. Wer also kaum etwas verdient, kann sich überlegen, was er tut. Essen kaufen, Sprit zahlen, um zu den Aufträgen zu kommen, den Kindern was zum Anziehen kaufen… für alle, die glauben, ich spinne: Nein, das ist bittere Realität für viele Menschen. Da bleibt nachher nichts übrig für die Krankenversicherung. Es ist meist kein nicht-wollen, es ist in der Regel ein nicht-können-und-hoffen-dass-der-liebe-Gott-mitspielt-und-Gesundheit-schickt. Wer denkt, sowas gibts doch gar nicht, ist eingeladen, hier oben in MV oder BB mal ein halbes Jahr in der Klinik und Ambulanz zu arbeiten und die Realität kennenzulernen. Es gibt einen Unterschied zwischen den Privatpatienten der Ostseebäder, die hier ihren Altersruhesitz haben und denen, die in den Städten, Kleinstädten und auf dem Land wohnen, wo es früher mal Werften, Großbetriebe, LPG und sonstwas gab und der größte Arbeitgeber der örtliche Schulbusbetrieb und die Stadtverwaltung ist. Die fahren für Aufträge bis NRW und BaWÜ und konkurrieren mit polnischen und anderen osteuropäischen Anbietern.
Hartz-IV gibts nicht für die Krankenversicherung, sondern für Miete oder ähnliches. Aber wie weit kommt man mit ungefähr 356 Euro, wenn eine 65qm 3-Raum-Wohnung in einer billigen Gegend hier schon genauso viel kostet? Das Problem ist, dass es einen Mindestbetrag für Selbständige gibt bei den Kassen, der viel zu hoch für diejenigen angesetzt ist, bei denen es nicht gut läuft oder die im Niedriglohnsektor selbständig sind.
Das nächste Problem ist, dass aus ein paar hundert Euro Schulden durch die Wucherzinsen auf einmal ein paar Tausend wurden. Auf denen sitzen etliche dieser Kleinstunternehmer und sind zwar versichert und zahlen vielleicht sogar Beiträge weiter seit einigen Monaten, erhalten aber aufgrund der Schulden nur Leistung im Notfall, damit sie nicht gleich sterben… sondern ein paar Jahre später, wenn die Folgen von unbehandelten chronischen Krankheiten voll zuschlagen.
Es gibt nicht einmal eine Statistik über diese Menschen, die man irgendwo nachlesen kann, um mal eine sachliche Diskussion anzustoßen.

22 06 2013
ilo

Häh? Die 365 Euro kriegt man ZUSÄTZLICH zum Wohngeld/Miete. Die Versicherung zahlt der Staat praktisch direkt an die Kasse..

22 06 2013
Assistenzarzt

Hilft denen trotzdem nicht, von Schuldbergen so hoch wie die Alpen runterzukommen, die aufgrund der unglaublich hohen Verzinsung entstanden sind und die nicht plötzlich verschwinden. Außerdem bleiben sie auf dem Mindestbeitrag für Selbständige kleben, der soweit ich weiß nicht übernommen wird, aber für solche sozialrechtlichen Fragen muss ich an Experten verweisen. Trotzdem kriegen sie von der Kasse nur den Notfallschutz und dürfen sich überlegen, wie sie ihre Schulden abgetragen bekommen, um sich wieder wie normale Patienten behandeln zu lassen. Fakt ist aber, wenn sie Hartz IV zum Aufstocken brauchen, weil Arbeitgeber die Leute in Scheinselbständigkeiten drücken oder Ein-Mann-Firmen zu Dumpingpreisen arbeiten müssen und immer hoffen, dass mal der große Fang dabei sein könnte, an den man empfohlen wird, dann stimmt wieder was nicht im System.

7 05 2013
Exschwester

Das heißt also für die Betroffenen, Wahl zwischen (Schein-)Selbständigkeit mit dem Risiko nicht versichert zu sein und einer Aufgabe der Selbständigkeit samt Wechsel in Hartz 4, dafür aber krankenversichert samt Familie. Eine unschöne Wahl …

Ob eine Senkung der Mindestbeiträge das Dilemma wirklich lösen könnte oder lediglich um x € Einkommen nach unten verlagern und die „Selbständigkeit auf Niedriglohnniveau“ verschärfen würde?

In anderen Worten: Ist die hier wirklich die Krankenkasse das Problem oder nicht eher die unzureichende staatliche Reglementierung solcher Scheinselbständigkeit?

Würde eine Senkung der Beiträge nicht schlicht bedeuten, dass die Allgemeinheit der KV-Beitragszahler indirekt das Kostendumping der Auftraggeber finanziert?

29 05 2013
landkrauter

Dass die GKV bei Selbstständigen völlig utopische Einkünfte als Bemessungsgrenze zugrundelegt, ist schon lange so.
Da hat man sich dann halt einfach nicht versichert, mit letztlich denselben Konsequenzen. wenn ernstlich krank, dann war es das wirtschaftlich.
Problem an der ganzen Sache waren die Leute, die harz 4 bezogen, und nebenbei noch ordentlich schwarz gearbeitet, oder die Selbstständigen, die keine Rechnung geschrieben, sondern lieber BAT gearbeitet haben.
Diese Leute, glaube ich , wollte man abschöpfen, als man die Versicherungspflicht eingeführt hat.
Pech für die, die wirklich nichts haben
Gruss Landkrauter

30 06 2013
Volker

Vielleicht ist ja einfach die Idee bestechend, den ganzen Versicherungswahnsinn ad acta zu legen? Ich beanspruche eine Dienstleistung, ich bezahle dafür. Alles würde so einfach.

21 08 2015
ewigpleite

Nein, bist du denn Wahnsinnig? Damit würdest du ca. 25% der Bevölkerung dazu verurteilen niemals Ärztlich behandelt werden zu können. Du hast vermutlich keinen blassen schimmer was medizinische versorgung so Kostet.

Nein, die GKV muss einfach das Fiktive Mindesteinkommen vergessen. Stattdessen, das richtige einkommen zur Berechnung nehmen. Eventuell auch einen Freibetrag (vlt 300€ wegen Miete & Nahrung) wie bei der Einkommenssteuer.
Ich habe oft nur 500€ im Monat, davon noch 200€ an die Kasse zu zahlen ist selbst beim bescheidensten Lebensstil nicht mehr möglich.

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