Leute, geht Blut spenden – ein Aktions“stöckchen“

13 06 2013

Ich bin lange genug im Berufsleben als Mediziner, um sagen zu können, dass ich mitbekommen habe, wie es so läuft in der Branche. Im Moment läufts an vielen Stellen schlecht, aber das wissen wir. Was kaum jemand mitbekommt: Das mit den Transfusionen (Blutübertragungen) läuft derzeit hier oben im Nordosten verdammt schlecht. Wir hören seit einiger Zeit, dass wir haushalten sollen mit Konserven. Das tun wir auch. Die Indikation zur Transfusion überprüfen wir inzwischen mehrfach. Die Grenzwerte für Hb und Hk (Messwerte für das „Rote Blut“) sind in den letzten Jahren Stück für Stück gesunken, jedenfalls in den Kliniken, in denen ich gearbeitet habe. Dummerweise sind die Patienten, die Blut brauchen eher mehr geworden – Krebspatienten, Dialysepatienten, große Operationen, Unfälle, Intensivpatienten… Kollegen, die noch der Meinung sind „nochmal schnell eine Konserve vor der Entlassung“ oder „den transfundieren wir nochmal schon hoch auf 7,2“ (Achtung, wer jetzt stutzt, Einheiten sind verschieden, bei uns liegt die Grenze bei 5,7 bis 6,0), tja, die werden von anderen Kollegen „erzogen“. Auch der Leitsatz, den ich noch gelernt habe „Eine Konserve ist keine Konserve, man transfundiert immer 2“ ist nach neuen Transfusionsrichtlinien überholt und gehört in die Kategorie Asbach uralt.
Vor kurzem gab es Meldungen in MV, dass nicht genügend Konserven da sind. Gut, das gabs öfter, dann gingen ein paar mehr Leute spenden. Wir haben es nie so recht gemerkt als Internisten. Aber neulich, da schon. Als wir nachts jemanden hatten, der massiv blutete und die Blutbank sagte „Äh Sorry, aber das dauert, wir müssen erst anfordern, kriegt ihr das noch ein Weilchen hin, wir haben nur zweimal A da und sonst das Notfall-Blut 0 negativ.“ Das Notfall-Blut ist für denjenigen da, der so schwer blutet, dass er stirbt, wenn man nicht sofort transfundiert. Niemand von uns wollte das riskieren, dieses Blut zu nehmen. Das ist wie so eine heilige Kuh. Wir haben es so hinbekommen. Aber man hat schon ein ungutes Gefühl, wenn man jemandem, von dem man weiß, dass er bestimmt mal wieder irgendwann transfundiert werden muss, Rhesus-inkompartibles Blut gibt. Heißt für alle, die uns folgen ind er Therapie, dass sie möglichst nicht noch einmal so etwas tun sollten bzw. immer nach Antikörpern gesucht werden muss. Wenn der Patient Glück hat, entwickelt er keine relevanten. Aber weiß man das vorher? Das war der Tag, an dem ich dachte, oh oh, jetzt sind wir soweit, dass sogar schon A knapp wird. (und A haben etwa 40% der Bevölkerung) Die nächsten Tage, die folgten, spürte man es immer wieder. Es dauerte länger, bis wir die „Routine“-Transfusionen abarbeiten konnten, weil bestimmte Blutgruppen einfach von sonstwo herangekarrt werden mussten. Das Blut kam aus verschiedenen Bundesländern. Also eigentlich hatte ich fast gar kein Blut aus MV auf dem Tisch. Und ich war froh, dass wir keinen Patienten mit AB hatten.
Und ich habe keine Ahnung warum momentan kaum einer spendet, es sind noch keine Sommerferien, die Betriebe arbeiten und das Semester an den FHs und Unis läuft noch. Also Spender sind eigentlich da. Die kritische Zeit kommt erst noch im Juli und August, wenn sich Sommerferien und Semesterferien überlappen.

Und jetzt kam noch die Elbeflut dazwischen. Die Situation dürfte in einigen Regionen jetzt noch kritischer geworden sein, denn ich gehe davon aus, dass nicht nur MV ein Problem hat, sondern auch strukturell ähnliche Regionen wie Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Die einen dort haben alles andere im Kopf als Blutspenden, die anderen sind im Einsatz mit Sandsäcken, Pumpen etc., und aus vielen Regionen sind Helfer im Flutgebiet und den Elbdeichen, die jetzt auch nicht spenden. Wer kein Geld für die Flutopfer spenden kann oder will, der sollte Blut spenden gehen, wenn er das kann und darf!

Hinzu kommt zu allem eine meiner Meinung nach nicht ausreichende Honorierung der Blutspender von einigen Spendeorganisationen. Mancherorts wird Geld gezahlt plus etwas zu essen. Anderswo, exemplarisch sei das DRK genannt, bekommen Spender etwas zu essen oder Gutscheine dann und wann. Gehen sie stattdessen Plasmaspenden, gibts bares auf die Hand und sie können öfter gehen. Wer als junger Mensch so sein Einkommen aufbessern will / muss, wird also seine Entscheidung treffen. Die Plasmaspende-Firmen verdienen dran und geben an den Spender weiter. Beim Blutspenden verdienen die Organisationen / Einrichtungen auch. Ein Krankenhaus zahlt meines Wissens nach ca 80 Euro im Normalbetrieb (nachts, Wochenende mehr) pro eingekaufter Konserve. Aber es wird nicht von allen anteilig weitergegeben. Und das finde ich schade, denn dieser Fakt hat sich herumgesprochen und ist für viele ein Grund, nicht mehr dort spenden zu gehen, wo sie außer zwei belegten Brötchen, einer Banane und einer Flasche Cola nichts bekommen. Nun mag man sagen, man spendet um des Spendens willen. Eine edle Haltung, die leider nur durch immaterielle Anerkennung vergolten wird. Aber in Zeiten der Konkurrenz um Spender und einer zunehmenden Kommerzialisierung des Medizinsektors, muss man meiner Ansicht nach mit der Zeit gehen. Aus meiner Sicht, müsste es für jede Blutspende, egal wo eine einheitliche Vergütung geben. Damit wird die Konkurrenzsituation ausgeschaltet und der Spender bekommt seine Auslagen ersetzt – denn dazu gehören neben Anfahrt und Parkgebühren auch noch der Arbeitsausfall, den er nacharbeiten muss bzw. die Zeit, die er aufwendet. Vielleicht müssten die Blutspendeeinrichtungen auch mal anfangen, das Ambiente etwas menschlicher und weniger medizinisch zu gestalten. Statt kalt wirkender weiß gekachelter Räume aus DDR-Zeiten eher in Richtung Hotel-Stil und Gemütlichkeit gehen. Und ich finde, der Staat müsste so eine Spendenbereitschaft auch honorieren. Wenn du Geld spendest für Verein, Partei und sonstwen, kannst du es steuerlich absetzen. Gehst du Blut spenden (ist auch gemeinnützig), bekommst du gar nichts. Wie wäre es mit einem Freibetrag für diejenigen, die 4x im Jahr Blutspenden waren (Stichwort Bonusheft).

So genug geredet. Jenseits aller Defizite des Systems und Stellen, an denen es dringend Veränderungen bedarf: Wir brauchen Blut für die Patienten! Bitte erspart es uns, Rhesus-inkompartibel zu transfundieren. Bitte erspart den Patienten, dass wir übermäßig ärztliche Kunst an den Tag legen müssen, bis passende Konserven da sind. Bitte erspart es den Diensthabenden in den Kliniken, nachts entscheiden zu müssen, wer im Notfall Blut dringender braucht und wer noch 2 oder 3 Stunden warten kann. Bitte erspart es den Kranken, dass Operationen wegen Blutmangels wieder und wieder verschoben werden müssen. Nicht jeder kann Eigenblutspende im Vorfeld machen und niemand schafft es, 4 oder 6 Eigenblutkonserven zu spenden vor einer OP, das geht nicht.

Ich werfe dieses Stöckchen in die Blogger-Welt und bitte darum: LEUTE, GEHT BLUT SPENDEN!

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4 responses

15 06 2013
Menschenhandwerkerin

Hm hm hm. Passt zwar nicht zum Thema, aber ich finde hier keine Kontaktmöglichkeit… Hab ich Sie schon mal gefragt, ob ich ihre Seite auf der meinigen verlinken darf?

18 06 2013
Assistenzarzt

Herzlich gern. Hab grad mal vorbeigeguckt und werds wohl öfter tun. Kategorie Ärzteblogs ist übrigens für alle derartige Anfragen offen.

22 06 2013
ilo

Ich würd ja gern, aber die wollen anscheinend kein Antidepressivum drin haben ^^

22 06 2013
ilo

Nachtrag: und dabei bin ich 0- mift..

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