Jeder hat das Recht zu streiken

17 10 2014

Punkt eins: ich finde es unmöglich dass es Bestrebungen gibt, kleine Gewerkschaften per Gesetz abzuschaffen. Interessanterweise werden diese Bestrebungen von Leuten gefördert, die großen Gewerkschaften nahestehen oder an führenden Positionen dort sitzen und die in Parteien aktiv sind, die sehr sehr Arbeitgeber-freundlich sind, teils sogar als Abgeordnete für diese im Bundestag aktiv sind.

Beispiel Ärzte: bis vor einigen Jahren hat verdi uns in den Tarifverhandlungen mit vertreten, weil der Marburger Bund nicht als Verhandlungspartner akzeptiert wurde. Damals als ich anfing habe ich 900 Euro netto verdient nach 6 Jahren Studium und mit der Verantwortung für 30 Patienten und Arbeitszeiten von 60 Stunden pro Woche ohne Dienste. Dienste mit 32 h am Stück. Man hatte nicht vor das zu verändern. Dann kam der Schritt des MB, die Streiks für bessere Bedingungen. Ich habe mitgemacht. Habe mir angehört wie unmöglich das ist dass wir streiken. Verdi hätte uns eingehen lassen als Randgruppe. Der MB macht Sinn.

Punkt zwei: ich finde es unmöglich, dass medial immer auf die Berufsgruppen eingeprügelt wird und diese verunglimpft werden, die ihr gesetzlich verbrieftes Streikrecht wahrnehmen. Wir leben in einer Demokratie. Guckt euch Frankreich, Italien etc. an, wenn da gestreikt wird, dann aber richtig. Streiken die Piloten, sind die Böse und bringen die Deutschen um ihren Urlaub, die Fluglotsen dann sind die Schuld an der Wirtschaftskrise, die Lokführer dann sind die Schuld an allen Verspätungen überhaupt und stören den gewohnten Ablauf anderer, die Ärzte dann sind sie geldgeil und faul, die Krankenschwestern dann treiben sie das Gesundheitswesen in die Pleite, usw. Eine Tendenz die kleinen Gewerkschaften besonders zu bedenken, unterstelle ich mal. Dabei will keiner mit einem Überarbeiteten Lokführer fahren. Ab 50 kommen in der Bevölkerung bestimmte Krankheiten auf, die dazu führen, dass z.b. Piloten ihre Tauglichkeit verlieren. Na klar braucht man dann eine entsprechende Regelung, was mit denen passiert. Dass viele Beamte schon mit unter 60 in Rente gehen schreibt da aber niemand.

Punkt drei: ja na klar ist das scheiße dass die streiken und es stört, aber jeder der meckert sollte sich überlegen, wie sein eigenes Gehalt zustande kommt und wie seine Arbeitsbedingungen mal erkämpft wurden und dass bei der Inflationsrate und gleich bleibendem Gehalt immer weniger zum Sparen und für die Familie übrig bleibt und dass sich Rentenhöhen, Bafög, Hartz 4, Grundsicherung und andere sozialzuschüsse an der tariflichen Entwicklung orientieren. Dieses Jahr Gans übrigens die Empfehlung zu höheren Abschlüssen, um das Wirtschaftswachstum nicht zu gefährden. Mal sehen was draus wird.

PS: ein heißes Thema und ich ahne jetzt schon dass man hier verbal auf mich einprügeln wird…

Advertisements

Aktionen

Information

5 responses

18 10 2014
heutemalanonym

Ich werde nicht auf dich einprügeln.
Aber eine Frage stellen möcht ich doch: Wie fändest Du es, wenn in einem Betrieb zwei Leute exakt das gleiche tun (ok, leicht hypothetisch, aber trotzdem), zwei verschiedenen Gewerkschaften angehören und deswegen unterschiedliche Wochenarbeitszeiten, Gehälter und Urlaubsanspruch hätten?
Versteh mich nicht falsch, ich bin selbst in der Gewerkschaft und stehe absolut hinter dem Streikrecht. UND kann verstehen, dass Du Dich von Verdi nur unzulänglich vertreten gefühlt hast. Das ist das Problem der großen Gewerkschaften – sie sind für gaaaanz viele verschiedene Gruppen mit jeweils eigenen Interessen zuständig.
Ich weiß leider auch keine Lösung für diese Probleme, aber die oben zuerst angeführte Situation finde ich besch……

20 10 2014
Vincent

Der aktuelle GDL Streik hat nur leider überhaupt nichts damit zu tun, dass die Lokführer bessere Arbeitsbedingungen und fairere Bezahlung bekommen. Das nutzt Weselsky nur als Vorwand um seine Macht auszubauen. Um nichts anderes geht es hier. Die kleine GDL will es den großen zeigen, deshalb haben sie das Abkommen mit der EVG auslaufen lassen und deshalb streiken sie jetzt und tun so als wäre es die Bahn die sich quer stellt.

Dass Ärzte und Karstadtverkäufer nicht angemessen durch ein und dieselbe Gewerkschaft vertreten werden können, sehe ich ja ein. Da braucht es eine für medizinisches Personal. Aber warum es bei der Bahn GDL und EVG braucht und die GDL jetzt noch ihre Macht ausweiten muss, das sehe ich nicht ein.

Und der Vergleich mit Frankreich und Italien hinkt. Oder hängst Du so sehr am Recht auf Streik, dass Du gerne möchtest, dass es unserer Wirtschaft so geht wie den dortigen?

Vielleicht gehe ich das auch zu naiv an. Ich habe nie für meine angemessene Bezahlung streiken müssen. Woran das nun liegen magt, kann in diesem Rahmen wogl nicht erörtert werden.

27 10 2014
Tastenqual

Ich werde auch nicht auf dich einprügeln, ich bin selbst Gewerkschaftsmitglied und sowohl für das Streikrecht als auch für das Weiterbestehen kleiner Gewerkschaften. Aber gerade der Streik bei der Bahn hat mir sauer aufgestoßen. Nicht deshalb, weil ich Bahnpendler mit einem täglichen Arbeitsweg von über 100 km bin, knapp 1200 EUR im Jahr für meine Monatskarte zahle und auch ohne Streik ständig mit Verspätungen, Zugausfällen, nicht funktionierenden Rolltreppen und nicht barrierefreien Bahnhöfen zu kämpfen habe (als Rheumatiker mit chronisch entzündeten Knien und Füßen kein Spaß) – sondern deshalb, weil die GDL Maß und Ziel verloren hat.
Ja, die Streiks haben Leute um ihren Urlaub gebracht – und viele Leute haben hunderte von Euro für Hotels etc. verloren und bekommen sie nicht wieder. Von der Enttäuschung mal ganz abgesehen. Hätte es nicht ausgereicht „nur“ den Pendlern das Leben schwer zu machen? Musste es ausgerechnet ein Ferienwochenende sein?
Aber auch die Wirtschaft war betroffen. Industriezweige wie z.B. die chemische Industrie sind auf die Bahn angewiesen, weil sie ihr Gefahrgut auf der Schiene transportieren. Heute wird überwiegend just in time produziert, wenn dann einmal tagelang ein benötigtes Arbeitsmittel nicht zur Verfügung steht, steht die Produktion still, das Unternehmen verliert Einnahmen, kann seine Kunden selbst nicht bedienen etc.. Dasselbe gilt natürlich auch für Zulieferer anderer Branchen.
Der Streik hatte also viel größere Auswirkungen als die von dir zitierten Leute, die „bloß um ihren Urlaub gebracht wurden“ (auch wenn du dich da auf die Pilotenstreiks beziehst, aber für die Bahn gilt ja dasselbe).

Und was die Beamten angeht, die schon vor dem 60. Lebensjahr in Pension gehen: von welchen Beamten sprichst du da?
Verwaltungsbeamte (in Bayern) gehen mit 67 in Pension, ab 65 ist der Vorruhestand möglich (z.B. für Schwerbehinderte) – aber nur mit Abschlägen. Polizeivollzugsbeamten gehen mit 62 in Pension, mit 60 nur dann, wenn sie 40 Jahre Schichtdienst nachweisen können, wobei Schichtdienst nicht gleicht Schichtdienst ist und manche trotz 40 Jahren Nachtdienst in die Röhre schauen.
Wenn Beamte vorzeitig in Ruhestand gehen, dann nur, weil sie aufgrund Krankheit nicht mehr dienstfähig sind. Ich stand aufgrund meiner Erkrankung selbst kurz vor der Zwangspensionierung (mit knapp über 40) – aber das wäre mir in der freien Wirtschaft nicht anders gegangen. Und glaub mir, ich würde lieber bis 67 arbeiten, als immer wieder wochen- und monatelang meine Zahnbürste nicht halten zu können, jemanden zu brauchen, der mir mein Brot schmiert, vor Treppen zu stehen und nicht zu wissen, wie ich hoch- oder runterkommen soll oder nicht zu wissen, welche Schuhe ich anziehen soll, weil mein Fuß so dick ist, dass ich es nicht mal in Hausschuhen aushalte.

Nein, ich will nicht um Mitleid heischen. Ich mache das, was du getan hast. Ich differenziere, weil ich gegen pauschalen Verurteilungen bin.

27 10 2014
Tastenqual

Ich nochmal: es sind natürlich 20 Jahre Schichtdienst, nicht 40.

30 10 2014
Le Voyant

wieso sollte da irgendwer prügeln? Die Aussagen sind richtig und wenn ich etwas in diesem Land bedauere, ist es die fehlende Möglichkeit zum Generalstreik … seit den späten 80ern wird hierzulande dauerhaft und gezielt verarscht, Zeit für die Große Revolution 😀

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




%d Bloggern gefällt das: