Das Problem ist…

10 12 2014

… eigentlich ganz einfach und doch komplex zugleich.

Also Ärzte in Weiterbildung (also die, die Arzt sind, aber noch keine Facharztbezeichnung haben) wundern sich immer, warum sich nichts ändert an ihrer Welt, ihrem Leben, ihren Arbeitsbedingungen… also an 80h-WOchen, Wochenenden nacheinander Dienste schieben, so dass man locker mal 3 oder 4 Wochen am Stück arbeitet ohne einen Tag oder nur mit einem Tag frei dazwischen, dem Fehlen von Ausbildungsinhalten, gescheiterten Rotationsplänen und und und… und der fehlenden Unterstützung seitens der Ärztekammern und der Inkonsequenz der Standes-Gewerkschaft, die schön die Tarife für die Oberärzte erhöht hat aber es nicht fertig bekommt, mehr als 3 Fortbildungstage rauszuhandeln oder den Kliniken mal gehörig eins auf die Finger zu geben, wenns nötig ist. Also, warum ist das so?

Warum wehren sich die Ärzte in Weiterbildung nicht?
Weil sie abhängig sind von den Unterschriften und den Zeugnissen der Weiterbildungsbefugten, die Ober- oder Chefärzte sind. Weil sie abhängig davon sind, für Untersuchungen eingesetzt zu werden oder für OPs – die Zuteilung machen die Oberärzte und Chefärzte. Weil sie abhängig sind von Rotationen auf verschiedene Abteilungen – die Einsatzpläne machen die Oberärzte und Chefärzte. Weil sie Vertragsverlängerungen brauchen und nicht immer mobil sind – Familie… Und wer wird in dieser Situation aufmucken und sich sein Recht einfordern oder für bessere Bedingungen kämpfen, wenn argwöhnisch beobachtet wird, wer sich denn da so engagiert…

Warum hilft die Ärztekammer nicht oder ändert was an diesem Spiel?
Weil sich bei den Wahlen zur Kammerversammlung zwar junge ÄRzte aufstellen lassen. Die werden aber nicht so oft gewählt, weil sie keiner kennt. Oberärzte und Chefärzte kennen die meisten vom Namen. Leider verstehen etliche Kollegen so einen Wahlzettel falsch. Die Frage ist nicht, welchen der aufgeführten Namen kennen sie sondern wem sie zutrauen für die Ärzte was zu bewegen. Und wenn sie die Frage verstanden haben, dann denken sie oftmals nicht, wer was für die Ärzte in Weiterbildung bewegen kann. AUch die Ärzte sind überaltert – weniger junge als alte… man wählt, wen man kennt, man hat es lieber so, wie es immer war… es ist so bequem. Dann sitzen in der Kammerversammlung eben hauptsächlich Oberärzte und Chefärzte und vertreten ihre Interessen. Diejenigen machen dann auch die Weiterbildungsordnung mit den OP-Katalogen oder Richtzahlen für Untersuchungen. Findige Journalisten könnten jetzt einen Interessenkonflikt wittern. Also diejenigen, die Verträge der Ärzte in Weiterbildung verlängern sollen, die Zeugnisse ausstellen sollen und ihren Kliniken Kosten sparen sollen, legen fest, was ein Arzt in Weiterbildung alles absolvieren muss, um irgendwann einmal eine Anmeldung zur Prüfung zu schaffen. Hab ich schon erwähnt, dass Fachärzte den Kliniken, in denen diese Oberärzte und Chefärzte arbeiten, wesentlich teurer werden auf die Dauer… Und dummerweise werden Fachärzte dann irgendwann auch fordernder, weil sie nix mehr erbetteln müssen an Zeugnissen oder OP-Zahlen. Sie lassen sich auch nicht mehr so viel gefallen, werden also schwierig, wie pubertierende Teenager und lassen sich nicht mehr so ganz einfach erpressen für einige Dinge. Schon wieder diese findigen Journalisten, die hier einen Interessenkonflikt wittern… man man man, wie die wohl drauf kommen?

Warum hilft der Marburger Bund nicht wirklich weiter und verhandelt immer nur Krümel statt ganze Brote?
In den Gremien des MB sitzen weiter oben… man schon wieder Oberärzte und so. Kommt mir irgendwie bekannt vor… Tja, und wenn man wirklich vernünftige Arbeitszeiten haben will, die den ÄRzten gesundheitlich nicht schaden (wie war das bei erster Hilfe? Primär erstmal keine Eigengefährdung…) und die Patienten durch übermüdete und überarbeitete ÄRzte nicht gefährden, dann müsste man konsequent sein und nicht jedes Jahr über Peanuts verhandeln und das als Riesenerfolg verkaufen. Es hat sich nichts geändert bei uns an der Basis, im Gegenteil… die Kliniken fangen an Schichtsysteme einzuführen an den Betriebsräten vorbei zum Teil und das bei einer nicht dafür ausgerichteten PErsonaldicke, was für den einzelnen mehr Wochenenden in der Klinik heißt und auch nicht weniger Stunden in der Summe macht, nur anders verteilt. Und zwar so, dass die Kliniken zusätzliche Vergütungen sparen, weil sie es anders deklarieren können. Diejenigen, die unsere Dienstpläne machen und dabei Klinikinteressen mit berücksichtigen, weil es Prämien für leitende Mitarbeiter für jede nicht besetzte Stelle gibt (das ist kein Scherz), die sitzen seltsamerweise gehäuft auch an entscheidenden Stellen im MB. Nicht alle da sind so, aber manchmal frage ich mich, wie Oberärzte Interessen von Nicht-Oberärzten vertreten können. Von den Ärzten in Weiterbildung macht aktiv kaum jemand mit – Keine Zeit, keinen Mut wenn es in der Klinik bekannt wird und wenn, dann dort keine berufliche Zukunft oder man ist Mode bei den Chefs… es gibt nur wenige, die das Nervenkostüm haben und das Selbstbewußtsein, um das auszuhalten.

Man sieht, die Chancen auf Veränderung sind… mau. Die jungen würden Veränderung wollen und vielleicht aktiv werden, aber trauen sich nicht oder haben keine Kapazitäten dafür frei und die anderen wissen um ihre Position.

Wenn Sie das nächste Mal irgendwo in einer Klinik einen müden Arzt in Weiterbildung oder Facharzt vor sich haben, seien sie nicht böse oder wütend, sondern versuchen sie ihn zu verstehen. Er gibt sein bestes, aber er kann oftmals einfach nicht mehr. Und es wird sich daran kaum etwas ändern. Und trotzdem steht er da und möchte Ihnen helfen, weil er irgendwann mal angetreten ist mit dem Wunsch zu Heilen oder zu Helfen, der Liebe oder dem Feuer für Medizin, dem Wunsch etwas sinnvolles zu tun.

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6 responses

13 12 2014
Mechthild

Ich dachte immer, die Personaldecke ist so knapp, weil es keinen Nachwuchs gibt- aber dass „die Oberen“ davon profitieren, wusste ich nicht. Sie wachen wohl erst auf, wenn sie selbst wieder in den Vordergrund eingeteilt werden müssen?

14 12 2014
gnaddrig

Es sieht so aus. als habe sich das ganze System in eine Ecke gepinselt, aus der es ohne größeren Krach nicht herauskommt. Was ich so über Arbeitsbedingungen in Krankenhäusern höre, macht mich jedesmal wieder traurig und wütend. Es wäre doch nicht nötig, so viele hochqualifizierte Leute (und für Krankenschwestern und Pfleger gilt das ja ähnlich) derart zu verheizen. Da sägen sie doch am Ast, an dem das ganze System hängt.

Umso beeindruckender finde ich es, dass so viele gute Leute sich das nach wie vor antun und den Job mit so einem Engagement machen. Hut ab!

15 12 2014
Freies Radikal

Wie soll ich es sagen? Gut das mal jemand nicht nur die „Zustände“ beschreibt, sondern auch die systembedingten Hintergründe analysiert.

Chapeau!

27 02 2015
blefuscu

Ein weiteres Beispiel, dass sich grundlegend wenig ändert („Krümel statt ganze Brote“): In den kürzlich abgeschlossenen Verhandlungen zwischen Marburger Bund und kommunalen Krankenhäusern wurden zwar Gehaltserhöhungen verhandelt. Die Forderung des Marburger Bunds, dass Bereitschaftsdienste an maximal 2 Wochenenden im Monat angeordnet werden dürfen, ist jedoch am Ende lautlos unter den Tisch gefallen. Das ist wirklich, als würde der Verband kommunaler Krankenhäuser uns Assistenzärzten direkt ins Gesicht spucken. Ich kann nur sagen, 2 Wochenenden im Monat, an denen man pro Wochenende entweder 2 Tage à 12 Stunden oder 3 Nächte à 14 Stunden arbeitet, und das zusätzlich zur normalen Arbeit unter der Woche ohne jede Form von Freizeitausgleich sind schon mehr, als ich langfristig mit körperlicher und psychischer Gesundheit vereinbaren kann. Diese Ausbeutung zumindest nach oben zu begrenzen, wäre extrem wichtig, aber die Kräfte, die von ihr profitieren, setzten sich immer wieder durch.

28 02 2015
assistenzarzt

Du nimmst mir die Worte aus dem Mund. Ich wollte eigentlich längst einen Kommentar zu diesem Rohrkrepierer namens Tarifvertrag machen. Hab es aber nicht geschafft. Zu viele Wochenenden gingen für Arbeit oder Fortbildung drauf. Aber er ist mal wieder ein Beispiel dafür, dass es sich um eine Oberarzt – Gewerkschaft handelt inzwischen: die profitieren gehaltsmäßig am meisten. Und alles was unsere Arbeitsbedingungen verbessern könnte existiert einfach nicht mehr. Wir können von dem mehr an Geld ja unsere Psychotherapeuten bezahlen, die unser Burn out behandeln oder die Scheidungsanwälte. Frage mich was besser ist. Damals bei verdi haben sie uns 36 h Arbeiten lassen und wir kriegten als ledige Anfänger mit 26 ohne Kinder weniger als die Putzfrau mit 50, verheiratet und 2 Kinder, und mit dem MB gibts mehr Geld aber außer dem passiert nix. Ich will nicht mehr Geld. Ich will meine Gesundheit zurück, die mir diese Klinik Stück für Stück kaputt macht.

6 03 2015
Nana

„Ich will meine Gesundheit zurück“ Wie recht du hast, habe morgen auch mal wieder 24h vor mir und regelmäßig Migräne. So richtig schlimm ist es erst seit dem ich Dienste mache geworden. Wir sorgen jeden Tag dafür, daß es anderen Menschen besser geht, wer aber sorgt für uns??? Liebe Grüße und ein schönes, hoffentlich dienstfreies WE!

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