Zertifizierungs-Wahn

1 03 2015

Momentan habe ich das Gefühl, dass in Deutschland eine Art Zertifizierungswahn an Kliniken um sich greift. Eine Fachgesellschaft nach der anderen bringt Richtlinien, Programme, Qualitätsmanagement-Leitlinien und was weiß ich heraus. Und die Kassen sind auf die Idee gekommen, wir zahlen demnächst nur noch, wenn ihr da mitmacht.
Aber was bedeutet das?
Die Kliniken müssen Formulare standardisieren, Abläufe standardisieren, Vorgaben erfüllen, Zahlen erfassen, tonnenweise Datenbanken ausfüllen, …
Eines ist gut: Die Standardisierung. Für uns Ärzte heißt es, dass an vielen Kliniken endlich mal SOPs entworfen werden. Das ist auch gut für Patienten. Gut ist auch, dass Mindestzahlen für bestimmte OPs und Behandlungsformen gefordert werden. Aber das ist wieder nicht für alles gut. Es wird kleinere Krankenhäuser, die z.B. super Hüften operieren oder Gallen oder sowas, einfach in wirtschaftliche Schwierigkeiten bringen, weil sie es möglicherweise demnächst nicht mehr dürfen. Das ist dann für die Patienten dort schlecht, denn sie werden wenn sie Pech haben für Akutgeschichten erstmal ind ie nächste größere Klinik verlegt. Oder aber es gibt in ländlichen Regionen plötzlich weitere Wege zu fahren, weil einfach dort und da eine Klinik nicht mehr überleben könnte. Da fährt man doch dann gerne ein paar Kilometer weiter durchs Ländle, vielleicht so 30 oder 40, dafür dass der gleiche Chirurg dann im großen Haus arbeitet und das gleiche tut wie früher im kleinen Krankenhaus. Nur, dass man dann als Patient in riesigen Medizinfabriken behandelt wird, weils wirtschaftlich effektiver ist. Das kleine Kreiskrankenhaus, was viele so schätzten und was Frakturen, Pneumonien, Entbindungen super betreuen konnte, das wird verschwinden in 10 oder 15 Jahren. Gut finde ich die Zentrumsbildung und Zertifizierung z.B. für solche Spezialdinge wie Neonatologie und Onkologie. Aber das ist meine persönliche Meinung.
Vieles ist nicht so gut: Für diese Zertifizierungen braucht es Manpower. Die wird von der Patientenversorgung abgezweigt. Heißt, Arzt A hat keine Zeit für Patientenversorgung, ARzt B und C müssen es alleine packen. Oder Arzt A macht es in seiner knappen Freizeit. Es gibt einen Haufen neuer Formulare. Hilfe… nicht alle sind sinnvoll. Es müssen laufend Daten erfasst werden. Die Software der KLiniken gibt das oft nicht her, dass es nebenbei läuft. Damit sind wir wieder beim Thema Manpower. Jetzt hat auch Arzt B etwas, womit er sich statt Patientenversorgung befassen kann, oder aber er machts im Urlaub oder der Freizeit. Qualifizierungen müssen erfolgen. Heißt, dass Arzt A, B und C zu Fortbildungen müssen. Die sie selbstverständlich bezahlen und ihren Urlaub dafür opfern (den Rest, der nicht für die Dateneingabe oder sowas draufgeht. Die Kliniken können nicht zahlen.) So eine Zertifizierung kostet im billigen Fall ein paar hundert Euro, in den teuren Fällen einige tausend, manchmal sogar so 10-15 tsd. habe ich mir sagen lassen. Aber über Geld reden die Kliniken ja nicht gerne.

Tja und während die Zertifizierungskommissionen durchs Land ziehen und gucken, ob Formular X die richtige Schriftart hat, alle Dienstanweisungen existieren, Zimmer groß genug sind, überall ein Fernseher ist, Datenbanken geführt werden und Ärzte einen weißen Kittel anhaben und nicht grün, blau oder sonstwas, da stehen eben diese Ärzte da und fragen sich, was die beste Zertifizierungskommission nützt und die beste Fachgesellschaft mit ihren Vorgaben, wenn in selbigen nicht drinne steht, dass zu einer Zertifizierung auch die Überprüfung der Arbeitsbedingungen des Personals gehört. Dazu zähle ich:
Personelle Besetzung der Bereiche (nicht nur aufm Papier)
Überstunden des Personals
Arbeitszeiten der Ärzte
Einhaltung der Gesetze wie Arbeitszeitgesetz, Tarifverträge (Erfassung der Arbeitszeiten, EInhaltung der Arbeitszeiten, wer hat opt out tatsächlich unterschrieben) und Arbeitsschutzvorschriften
Pausenzeiten
Pausenräume
Größe der Arztzimmer
Vorhandensein von Literatur, SOPs, Leitlinien,…
Ausbildungsstand (werden Rotationspläne eingehalten oder gibts überhaupt sowas?) und Ausbildungszeiten bis zum Facharzt

Das ist auch wichtig, wenn es um Behandlungsqualität von Patienten geht. Was nützen Formulare, Arztkittel und Datenbanken, wenn zu wenig Personal da ist – nachts nur eine Schwester – oder völlig überarbeitete Jungassistenten auf den Stationen stehen, die übermüdet sind, weil statt zulässiger 40-49% Arbeitsbelastung in den Diensten oftmals Vollarbeit geleistet wird und Überstunden die Regel sind und wenn es in Deutschland offenbar keinen Arbeitgeber interessiert, ob irgendwer überhaupt Optout unterschrieben hat, ja wenn nicht mal die Ämter für Arbeitsschutz, die brav die sorgsam angefertigten Dienstabrechnungen kontrollieren nicht mal schauen, ob derjenige der da was abrechnet überhaupt opt out hat,… ach was Rede ich, bei den Schwestern ist es doch genauso, da guckt doch auch keiner ob 4 Wochenenden nacheinander gearbeitet werden oder wie oft Mitarbeiter aus dem Frei oder Urlaub geholt werden…

Jedenfalls finde ich, dass jeder, der irgendwelche Zertifizierungsrichtlinien aufstellt, nach denen wir die Patienten besser versorgen sollen, auch auf diese Dinge achten muss, sonst kann man sich die ganze Zertifizierung schlicht weg schenken, weil trotzdem noch Chirurgen nach 26 Stunden Arbeit weiteroperieren müssen und die durchschnittliche Wochenarbeitszeit so um die 70 Stunden beträgt – welcher Patient will sich schon von solchen Ärzten behandeln lassen? Hauptsache, die Datenbank ist geführt und Formular X ausgefüllt und der Arztkittel ist bis zum vorletzten Knopf geschlossen… Neben z.b. der Schizophrenie kann man das Monster Zertifizierung auch zu den wahnhaften Störungen zählen…

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