Das lohnt sich nicht

6 03 2015

Immer wieder wird in Ärztekammern, Ärztegewerkschaft, Fachgesellschaften und Aktionsgruppen über eine Verbesserung der ärztlichen Weiterbildung diskutiert. Alles für die Katz, fürchte ich. Jedenfalls in vielen Fällen.

Zur Erläuterung für alle Nicht-Mediziner: Nach den 6 Jahren Medizinstudium ist man Arzt. Dann folgen 5-6 Jahre Facharztweiterbildung, damit man Chirurg, Internist, Gynäkologe, Arbeitsmediziner, Neurologe oder was auch immer werden kann. Meist braucht man länger, weil man die AUsbildungsinhalte nie zeitgerecht zusammenbekommt. In dieser Zeit arbeitet man als Arzt in Weiterbildung in Krankenhäusern, manchmal auch in Praxen. Weil die Ärzte in Weiterbildung bestimmte Dinge machen müssen und Schriftstücke brauchen, um sie später bei der Ärztekammer einzureichen, sind sie maximal erpressbar. Am Facharzt hängen Dinge wie Einkommen, Möglichkeiten der Niederlassung oder Oberarzttätigkeit und … fehlende Erpressbarkeit in vielen Dingen. Grund genug, diesen Zeitpunkt möglichst lange rauszuzögern, denn die Ärzte in Weiterbildung tun in der Regel, was man verlangt, weil sie ja noch was wollen, kosten weniger als ein Facharzt und widersprechen nicht so oft.
Soviel dazu.

Neulich… vor einiger Zeit, sagte einer der Häuptlinge einen Satz, der mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht. „Das lohnt sich also nicht, den auszubilden.“ Ich hatte den Mut zu fragen, wie er das meint. Es stellte sich die weit verbreitete Meinung dar: Ärzte in Weiterbildung kosten Zeit, weil sie eingearbeitet werden müssen, brauchen Zeit um bestimmte Dinge und Fähigkeiten zu erlenen und dann nachher gehen sie weg.

Ja, sie gehen weg… warum nur? Vielleicht weil die Kliniken dieser Häuptlinge lieber Anfänger einstellen als Fachärzte zu nehmen, weil erstere weniger kosten? Oder weil sie nach den Jahren des sich nicht richtig wehren könnens, weil man ja noch Unterschriften braucht, irgendwann die Nase voll haben von fehlender Planbarkeit, verlorenen Urlaubstagen, selbst bezahlten Fortbildungen im Urlaub, unbezahlten Überstunden im dreistelligen Bereich, ständigem Kopfeinziehen… Oder weil sie vergrault werden, weil sie ihre Zahlen für den Facharzt nicht schaffen, weil man sie an bestimmte Dinge nicht ran lässt, die sie aber zwingend brauchen…? Ich weiß nicht. Aber was passiert, wenn sie bleiben? Sie sind ewige Fachärzte, weil Oberarztstellen in der Regel selten frei werden am gleichen Haus. Manchmal fühlen sich Häuptlinge auch bedroht durch diese ewigen Fachärzte, weil sie sehr gute Ausbildungslevel haben, in der Regel durch do it yourself und selbst bezahlte Zusatzfortbildungen.

Im Eid des Hippokrates heißt es „…und sie diese Kunst lehren, wenn sie sie zu lernen verlangen…“ Gut, der Wortlaut des Eides ist in vielen Dingen längst überholt. Aber jemandem die ärztliche Kunst zu lehren, der danach strebt und sein Studium abgeschlossen hat, Patienten versorgen will, Arzt = Facharzt sein will… wieso kann man da der Meinung sein, dass es sich nicht lohnt?! Ich verstehe diese Haltung nicht. Wir rotieren sowieso während der Facharztausbildung durch verschiedene Bereiche, so dass wir maximal 1 Jahr in der gleichen Abteilung sind am Anfang, erst später dann 3 Jahre. Wenn die jungen Ärzte nur auf einem Minimalniveau ausgebildet werden, damit sie funktionieren in einer Klinik (Maul halten, Haken halten?), kann auch keiner von ihnen pünktlich nach 5 oder 6 Jahren fertig werden, sind sie länger abhängig von den Häuptlingen, machen länger, was andere von ihnen wollen und kosten länger weniger Geld… ABER das Schlimmste ist: Sie lernen viel zu langsam eine hochqualifizierte Behandlung. Das lohnt sich nicht… wir behandeln Patienten… Jeder der etwas kann, stellt dieses Wissen den Patienten zur Verfügung, egal ob er weggeht oder nicht. Es lohnt sich nicht… was passiert, wenn die Lohnt-sich-nicht-Ausbilder mal in Rente gehen oder im OP tot umfallen mit nem Herzinfarkt? Das lohnt sich nicht… spielt da die Angst vor Konkurrenz, dass da jemand etwas besser können könnte als man selbst, eine Rolle? Das lohnt sich nicht… der Hall dieser Worte schwebt immer noch in meinem Kopf. Soll man da wütend werden? Oder mit dem Kopf schütteln? Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur eins: Es lohnt sich, bei den Diskussionen über die Verbesserung der ärztlichen Weiterbildung über diese weit verbreitete Haltung zu diskutieren und denen auf den Zahn zu fühlen, bei denen die Ärzte in Weiterbildung nicht zeitgerecht fertig werden.

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26 03 2015
Neun gute Gründe, warum du nicht Medizin studieren solltest. | Schlechte Medizin.

[…] Sobald du jedoch arbeitest wirst du merken, dass du deinem Chef auf Gedeih und Verderb ausgeliefert bist: Um einen Facharzt zu bekommen, muss dein Chef dir das Absolvieren der verschiedenen Ausbildungsinhalte bescheinigen. Wenn er dich leiden kann, bescheinigt er dir Arbeitserfahrung, die du nie gemacht hast, wenn er dich hasst, dann unterschreibt er dir nicht einmal das, was du jahrelang, Tag für Tag gemacht hast. Ja, natürlich kannst du auch kündigen, aber wenn du die bislang gearbeitete Zeit für deinen Facharzt dir anrechnen lassen willst, dann muss dein alter Chef dir zumindest noch so weit gewogen sein, dass er die bislang erfolgten Ausbildungsabschnitte bescheinigt. Ansonsten fängst du wieder von vorne an. Das erklärt auch, warum viel zu viele ÄrztInnen teilweise mehr als zehn Jahre auf ihren Facharzt warten müssen statt der üblichen fünf bis sechs. Natürlich könnte man theoretisch Ausbildungsinhalte transparent und objektivierbar dokumentieren. Aber das würde die Macht genau jener ChefärztInnen beschränken, die einen solchen Kulturwandel hin zu mehr Fairness und Transparenz anstoßen und durchsetzen müssten. Eine gute Beschreibung dieser Mechanismen findest du auch hier. […]

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