Moderne (Buch-)Zeiten

29 09 2015

Assistenzarzt war neulich zur Fortbildung in der großen Stadt. Und weil dort ein großer Buchladen mit Fachbüchern immer schon war, dachte Assistenzarzt: gehen wir mal hin nach der Veranstaltung und gucken mal alle Bücher durch, so wie früher! Das waren Zeiten, wo man alle Bücher live vergleichen konnte. Ein Paradies…
Gesagt, getan. Aber die Schwierigkeiten fingen schon an, als Assistenzarzt die große Medizinbuchabteilung suchte… da wo sie früher war, da war sie nicht. Also weiter gesucht… ganz hinten, hinter all den Kalendern, Geschenken, Weltbessermachen-Büchern und so da stand oben dran „Medizin“. Die einst so 18 m Gesamtlänge Medizinbücher für alle „Altersgruppen“ war zusammengeschrumpft auf 4 m. Innere Medizin eine halbe Regalreihe. „Herold“, das Standardbuch, nicht vorhanden. Facharztprüfungsbücher, nicht vorhanden. Eigentlich standen da nur ein paar Bücher, mit denen kaum jemand arbeitet, zu alt, zu unpraktisch. Da kam dann noch ein Kollege vorbei. Der traute sich, die Verkäuferin zu fragen, wo all die Bücher geblieben sind. Ob die Studenten denn nicht bald kämen, weil doch das Semester losgeht und die brauchen die Bücher doch gleich und sofort. Und ob man nicht mal hier und mal da schmökern kann, um sich eines mitzunehmen. Nein, war die Antwort. Die Studenten würden alle online bestellen und die meisten Ärzte auch. Oder eben im Laden bei ihr bestellen. Hmmm, sagten da der Kollege und Assistenzarzt. Bestellen können wir auch… angucken und kaufen wollten wir. Und zwar mehr als eins. Aber wo kein Angebot, da kein Käufer. Naja, wir könnten doch bei ihr bestellen und dann in den Laden kommen und das abholen, dann kaufen wir ja auch im Laden. Macht wenig Sinn… extra nochmal in die große Stadt fahren… Benzingeld, Parkgebühren, Zeit… Soviel zur Förderung der lokalen Buchläden. Wenn keiner Bücher anbietet, kann keiner kaufen, dann bestellen die Leute mehr im Internet und es kommen noch weniger in den Laden. Klar, aus nem Medizinbuch kann man kein Event machen wie aus einem Krimi oder Kinderbuch. Heute Lesung „Herold, Innere Medizin“: „Ich beginne mit einem Auszug aus Kapitel 10… die Pneumonie. Definition…“ Kommt irgendwie uncool, wenn ich das als Dinosaurier mal so nennen darf. Früher haben die einen wahnsinnigen Umsatz mit uns Studenten gemacht dort. 100 mal das gleiche Buch verkauft. Heute kann man nicht mal mehr vor Ort reingucken, weil die Dauerbrenner nicht mal mehr im Laden sind. Selbst wenn man kaufen will, man kann es nicht mehr tun, weil sie einen nicht lassen. Naja, hab ich wenigstens nen Kalender für 2,99 mitgenommen statt Fachbuch für 79,99 und 59 Euro. Sie hätten es anders haben können. Sie wollten wohl nicht. Moderne Zeiten halt. Irgendwie anders.

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6 responses

29 09 2015
Kiki

In meiner alten Unistadt gabs vor 1,5 Jahren 4 Buchhandlungen zum Schmökern mit 8-30 Regalmetern Medizin. Ein Traum!
In der neuen Unistadt habe ich leider nicht weiter gesucht, nachdem ich nichts auf Anhieb gefunden habe und die 2 Bücher die ich noch haben wollte gleich im Internet gekauft.
Im April werde ich weiterstudieren, dann gehe ich noch mal auf die Suche.
Und irgendwann habe ich mich auch damit abgefunden, dass ich 4 Jahre bis zum Physikum brauche.

30 09 2015
Denis

Naja, auf nem kleinen Tablet, als E-Book oder „App“, mit Suchfunktion ist das Ganze sicher schon praktischer. Oder wie macht sich der Herold so in der Kitteltasche? 😉

Ich finds auch schade das es die richtigen kleinen Buchläden nicht mehr gibt. Aber der Wandel der Zeit macht eben vor nichts halt, auch nicht vor dem Lesestoff-Einzelhandel.

1 10 2015
Assistenzarzt

Naja ich hab lieber ein richtiges Buch, wo ich wie im Falle des Herold, mit Textmarker reingehen kann, an die Seite bunte Fähnchen rankleben kann und im Arztzimmer schnell mal nachblättern kann. In die kitteltasche? Mit dem Herold? Nö, wozu… Und als App is es ja ganz nett, aber wie gesagt, ein Buch ist ein Buch. Man kann es anfassen, markieren, Hin und her blättern mit einem Finger hier drin, den anderen auf ner anderen Seite. Und man muss nicht ständig auf einen Monitor schauen….

1 10 2015
Ralf

Ich hab eher das Problem das ich zuviele „Medizienbücher“ in den Buchandlungen finde

10m Globuli
8m Akupunktur
15m Mondkalender ( Wann gehe ich zum Zahnarzt )

13 12 2015
Ambu-Beutel

Das ist wirklich ein Jammer. In der Unistadt wo ich arbeite hat man da echt Glück. Da gibt’s einen Buchladen der nur medizinische Bücher führt. Dort hast du die gängigen Sachen wie Herold oder Thieme immer ausreichend da und die haben auch alles andere was schon eher speziell ist. Die Kundenberatung ist top und du kannst dir auch Zeit nehmen die Bücher durchzusehen. Unter anderem haben die auch eine Ecke mit Kliniksbedarf. Pupillenlämpchen, Stauband, Reflexhammer, Kittel, Stethoskope, EKG-Lineal…. Ist wirklich toll. Ich persönlich mag diesen Laden sehr und halte ihm auch die Treue. Aber ich denke das sowas auch eher die Ausnahme ist und das irgendwann auch aussterben wird.

18 06 2017
bookish

Wir haben noch relativ viel Fachbuch. Eine ganze Abteilung. Die Medizin hat… naja, ich würde tippen so etwa 30 Laufmeter Regalfläche, mglw. auch etwas mehr (im Schätzen war ich schon immer schlecht). Zu Semesterbeginn gibt es Extratische mit den typischen Lehrbüchern. Wir wollen die Studenten in den Laden bekommen.

Nur… du machst am Buch, auch am Fachbuch, egal wie teuer im VK, kaum Gewinn. Im Einkauf zu teuer, Miete, Wasser, Strom, Heizung, Personal… Am 2,99 Kalender, der im EK 50 Cent kostet und der im Jahr nicht 2x über die Theke geht sondern 500x und der im Regal keinen Platz wegnimmt, machst du als Buchhandlung am Ende eben mehr Gewinn. Oder an der Postkarte. Oder an der Schoki. Oder am Schlüsselanhänger. Keiner von uns arbeitet da, weil er gerne non-book verkaufen wollte, aber wenn außer Laden zumachen keine Alternative bleibt? Müssen wir durch. Haben wir keine Wahl. Verkaufen wir halt Schleckmuscheln. Am liebsten zu den Büchern dazu, dann wissen wir wenigstens abends noch wo wir arbeiten und dass es kein Kiosk ist.

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