Therapiefreiheit adieu

29 09 2015

Mal wieder hat es der gemeinsame Bundesausschuss (GBA) es geschafft, eines der Grundrechte eines jeden Arztes mit Füßen zu treten: Therapiefreiheit.
Das ist nichts Neues. Leider.
Dem GBA ist es egal.
Für den GBA und die Krankenkassen zählt nur, dass die Therapie möglichst billig ist. Was an Folgekosten später kommt, ist ihnen egal. Kann man nur auf Omas Weisheit verweisen: wer billig kauft, zahlt doppelt….

Als exemplarisches Beispiel nehmen wir mal, weil ich Internist bin, die Diabetestherapie. In den letzten Jahren kamen etliche neue Medikamente auf den Markt. Und sie verschwanden wieder. Nicht weil sie schädlich waren, dafür gab es bisher keinen Beleg. Nein, sie brachten in den Augen des GBA keinen Zusatznutzen. Ok, man muss zugeben, dass einige Hersteller sich mit den Studien etwas dämlich angestellt haben und das war natürlich ein Zuspiel für den GBA. In anderen Ländern, in denen Diabetes ein ebenso geoßes Problem ist wie hier oder noch mehr, war das kein Problem. Merkwürdig ist auch, dass der GBA gerne mit den uralten Medikamenten vergleicht, den sulfonylharnstoffen. Würde man sie heute selbst in eine GBA Prüfung schicken – ich bin überzeugt, sie würden nicht durchkommen, wegen der Nebenwirkungen, Risikopotential und er Tatsache, dass die Leute eher am Insulin sind, was für die Kassen teurer wird. Aber die sulfonylharnstoffe werden nie in eine Prüfung kommen. Weil sie schon da sind. Neue Medikamente dagegen müssen wesentlich sicherer sein, wenn sie auf den Markt wollen und wenn die Hersteller wollen, dass sie von den Kassen bezahlt werden.
Ja und was ist denn Zusatznutzen? Das wüsste ich auch gerne… Genau wie viele meiner Kollegen.
So sind wir in der Diabetestherapie bei den neuen Medikamenten inzwischen auf teils ein bis zwei Medikamente pro Gruppe beschränkt. Man könnte meinen, da spielt Lobbyismus eine Rolle. In anderen Ländern ist das nicht so.
Jetzt trifft es ein neues Insulin, Tresiba, eines das für allem für junge Diabetiker das Leben leichter machte. Es ermöglichte flexible Zeitpunkte, wann man es spritzt, so dass viele Diabetiker beruflich besser integriert waren. Es machte weniger unterzuckerungen, was besser ist und das Risiko für Demenz und Herzinfarkt senkte. Und viele Diabetiker brauchten nur einmal am Tag ein langzeitunsulin spritzen, was sie aufgrund von Lücken bei bisherigen langzeitinsulinen manchmal nicht konnten, sondern 2x täglich ran mussten. Dazu kommen ja noch die insulingaben zum Essen. Natürlich ist es kein Insulin für alle. Man muss schon gucken dass es passt. Aber dafür lernt man als Internist seinen Job.
Aber nun ist es vorbei. Der GBA sagte wiede einmal, nö kein Zusatznutzen. Ohne auf Patientenverband und fachgesellschaft zu hören. Sitzen ja auch so viele diabetologen und Patienten im GBA… Und jetzt zahlen die Kassen nicht mehr, obwohl Medizinisch keine Bedenken bestehen bisher, die Kassen verlangte. Vom Hersteller mach es billig, der Hersteller sagte, naja, wir sind schon niedriger mit dem Preis. Die sagten, nö noch niedriger, und der Hersteller sagte, geht nicht, dann versaue ich mir weltweit den Preis, herrscht ja Marktwirtschaft, und so fehlt demnächst wieder etwas in der Therapiefreiheit. Und andere als Unternehmen stellen kein Insulin her, das ist und bleibt Marktwirtschaft und zwar global.
Mich wundert nur, dass niemand meckert, dass für rheumapatienten locker monatstherapiekosten von 2000 Euro hingenommen werden, geht ja auch an Pharmaindustrie, und für Diabetiker ein Zehntel davon schon zu viel ist. Diabetiker haben offenbar weniger Lobby, denn beide Krankheiten machen chronisch krank und nicht heilbar, nur kontrollierbar.
Wer für ärztliche Therapiefreiheit ist, kann sich gern dem Aufruf einer Zeitschrift anschließen, für das Insulin zu kämpfen. Mich nervt dieser GBA und ich hoffe, dass mal einer von denen unter seinen eigenen Entscheidungen leiden muss so wie die Patienten.
http://www.diabetologie-online.de/a/1717874

Advertisements

Aktionen

Information

2 responses

30 09 2015
Denis

Versuch mal für eine vor drei Wochen entlassene Patientin, die nicht gehfähig ist, einen Krankentransport von der Wohnung ins Krankenhaus (zur Röntgenkontrolle) bezahlt zu bekommen.

Vor ein paar Jahren hieß es: medizinisch notwendig, also wirds bezahlt. Heute läuft ohne Vorgenehmigung der Krankenkasse, wo dann ein Verwaltungsmitarbeiter entscheidet was medizinisch notwendig ist, nichts mehr. Liegt die Entlassung mehr als zwei Wochen zurück, wirds grundsätzlich erstmal haarig und man muß schon sehr gut begründen warum und wieso.

8 09 2016
teamatthew

Es ist wirklich schade, dass viele neue Therapien einfach ignoriert werden, weil die Kosten zu hoch sind. Einerseits müssen natürlich Budgets eingehalten werden, andererseits aber das Beste für die Patienten getan.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




%d Bloggern gefällt das: