Fernsehkritik aus Arzt-Sicht Teil 1

8 03 2016

Gerade läuft auf ARD „Um Himmels Willen“. Für die Wenig-Gucker oder Privatfernseh-Abhängigen: das ist das mit den Nonnen und dem Bürgermeister.

Die Serie läuft schon ziemlich lange, so langsam gehen den Autoren die brauchbaren Stoffe aus. Heute Thema: junge Frau ist herzkrank und braucht Medikament gegen Herzklappenentzündung, das 140000 Euro kostet und die Kasse will nicht zahlen und für eine Studie sei sie zu krank. So weit so gut. So macht man aus einer Familienserie einen Panikfilm mit völlig fehlendem Sinn für Realität.
Als erstes fällt dem Nicht-Chirurgen ( 🙂 ) auf, dass die Betroffene keine Zeichen einer Herzerkrankung aufweist, keine dicken Beine, keine Luftnot, normale Belastungsfähigkeit, keine Lippenzyanose. Dramaturgisch sehr doof gelöst, das merkt auch der Laie, dass das eine schlechte Darstellung ist. Vielleicht ein mobiles Sauerstoffgerät, eventuell ein Rollstuhl… Das käme dem näher. Außerdem keine Medikamente, die die junge Frau nehmen muss. Und wenn sie durch akute Ereignisse gefährdet ist, wieso hat sie keinen ICD implantiert? (Für Laien: implantierter Defibrillator mit Schrittmacher). Und sie hatte kein Fieber, keinen körperlichen Verfall wie bei einer klassischen Herzklappenentzündung. Und kein Medikament wirkt nach 6 h und alles ist klar bei solch einem Krankheitsbild. Die Behandlung mit Antibiotika dauert 6 Wochen, manchmal muss eine neue Herzklappe operiert werden.
Punkt zwei: Herzklappenentzündungen behandelt man leitliniengerecht mit Antibiotika über die Vene. Keines kostet 140000 Euro. Gott sei dank. Sind es autoimmune Geschichten, gibt es auch medikamentöse Lösungen des Problems. Notfalls den Chirurgen.
Drittens: wenn es ein Medikament gibt, das zu teuer ist und regulär nicht übernommen wird, kann man einen Einzelfallantrag bei der Kasse stellen. Dabei helfen einem die behandelnden Ärzte. Oft lässt sich sowas auch über Studien an Unikliniken regeln. Wenn gar nichts geht, gibt es Stiftungen. Und zum Glück kommt es nicht so häufig in Deutschland vor, dass mal keiner für eine erfolgversprechende Therapie zahlt. Das sind die Momente wo es fies wird für unsere Patienten und wo man alles versucht. Aber das sind Ausnahmen!

Fazit: unrealistische Darstellung und unnötige Angstmacherei bei Patienten oder Angehörigen.
Vielleicht sollten die Autoren mal echte Ärzte fragen, die noch arbeiten und drauf hören, was realistisch ist oder annähernd realistisch. Auch bei banalen Serien, denn leider glauben die meisten Laien, was sie dort sehen.
Aber ist ja nicht alles schlecht… Hut ab für den Mut, in der gleichen Folge das Thema Homosexualität und katholische Nonnen in einem Atemzug zu bringen und Akzeptanz, Toleranz und Gleichberechtigung zu fordern.

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One response

15 03 2016
Gasmann

Was manchmal echt erbärmlich ist wie wenig doch recherchiert wird. Es muss ja nicht absolut leitliniengetreu sein aber die Richtung sollte stimmen. Ich finde es zum Beispiel immer urkomisch wenn sie sagen künstliches Koma und dort man zwar die Geräusche eines Beatmungsgerätes hört aber dafür weder solches Gerät im Raum steht noch der Patient intubiert oder tracheotomiert ist. Was ich als durchaus positiv hervorheben will sind die Rettungsflieger. Tolle Serie! Anfangs naja spätere Folgen waren stellenweise schlecht gemacht später aber medizinisch sehr gut. Stellenweise etwas viel Gefühlsduselei und die Umstände oft etwas zu nach Plan und begünstigend hingestellt aber das ist ja meine persönliche Sache. Liegt ja im Auge des Betrachters. Ich finde es schade das sich viele womöglich seitens der Produkt nicht genug Gedanken darüber machen was das für Folgen hat. Erlebt man doch oft. Haben bestimmt viele der hier oder anderen bloglesenden Kollegen gehört: Pat hat panische Angst vor Untersuchung oder Erkrankung Morbus XY. Man fragt warum?
Er antwortet aufgrund eines medizinisch absolut falschen Zusammenhangs und man klärt ihn richtig auf.
Man fragt woher er denn sowas hätte?
Er antwortet das er es im Fernsehen so gesehen habe…
Szenario in ähnlicher Form nicht fremd?
Ich würde es toll finden wenn man sich diesbezüglich mehr Mühe geben würde und sowas zumindest medizinisch akzeptabel recherchieren und produzieren würde. Da würde man sogar noch öffentliche Aufklärung machen und zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.
Ich würde es toll finden wenn es so wäre

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